Henne oder Ei - das Geschlechterbild in den Medien
Hallo allerseits!
Medien bilden die Wirklichkeit ab. Aber sie gestalten sie auch.
Das gilt natürlich auch für die Beziehungen zwischen den Geschlechtern.
Und deshalb habe ich mir bezüglich der Realität des Geschlechterkampfes und der Darstellung der Geschlechterrollen in den Medien schon oft die alte Philosophen-Frage gestellt:
Was war zuerst da die Henne oder das Ei?
Auf unser Thema bezogen:
Ist die Katastrophe, in die die Geschlechterbeziehungen in den vergangenen vier Jahrzehnten gestürzt sind, auf die Darstellung des Geschlechterbildes in den Medien zurückzuführen, oder haben diese nur abgebildet, was sich in der Gesellschaft tat?
Meine diesbezüglichen Überlegungen möchte ich am Genre des Krimis festmachen zum einen, weil dies meine bevorzugte Filmsorte ist und ich deshalb hierzu am meisten sagen kann, zum anderen aber auch, weil Krimis weit entfernt davon, eine ausschließlich Darstellung des Alltags in den Amtsstuben der Polizeiwachen zu sein eine Darstellung gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen durch die Jahrzehnte sind. Angesichts der Fülle dieser Art von Filmen und der noch größeren Fülle von Wiederholungen auf allen Kanälen kann man wohl davon ausgehen, dass Krimis für die Darstellung (Gestaltung?) des Geschlechterverhältnisses nicht minder wichtig sind als Seifenopern.
Wie werden nun Männer bzw. Frauen in Krimis dargestellt?
Sieht man sich die Krimis der ersten zwei, zweieinhalb Nachkriegsjahrzente an (Stahlnetz, Durbridge-Verfilmungen, Der Kommissar mit Erik Ode, Der Alte mit Siegfried Lowitz, Derrick mit Horst Tappert, Kommissar-Haferkamp-Krimis mit Hansjörg Felmy), so ergibt sich folgendes Bild:
Sowohl die Guten als auch die Bösen waren auf hohem Niveau gut bzw. böse. Insbesondere die Kommissare waren nüchtern bis knochentrocken und unbestechlich. Keinesfalls waren sie gebrochene Existenzen, Weicheier, große Kinder u.Ä. Ja, häufig rauchten sie nicht einmal. Und auch ihre Gegner waren, wie gesagt, gewiefte Verbrecher, so dass das Rätselraten bis zum Schluß spannend blieb.
Für die Frauen galt dasselbe. Sie waren entweder tapfere Mitstreiterinnen gegen das Böse, oder eben auf der Seite des Bösen engagiert. Jaja, schon die damalige patriarchalische Zeit, gestand den Frauen in der filmischen Darstellung ihren fairen Anteil am Böse-Sein zu. Geschlechterkrieg jedenfalls war in diesen Filmen kein Thema.
Mit dem Aufkommen des Feminismus änderte sich das ziemlich schnell.
Geschlechterkrieg wurde Thema in den Krimis:
Sowohl auf Seiten der Guten als auch auf Seiten der Bösen waren die Frauen plötzlich diejenigen, die den emotional unterbelichteten Männern zeigten, wo's langging. Massenweise gab es plötzlich Szenen, wo die Männer ausrasten und die Frauen ihnen mehr oder weniger souverän den Kopf waschen. Bei den männlichen Kommissaren wurde der Typ des gebrochenen Helden, des liebenswerten großen Kindes gängig, der sich mit Beziehungskisten im Privatleben mehr schlecht als recht herumschlägt und dem seine weiblichen Mitarbeiterinnen stets um mindestens eine Nasenlänge voraus sind. In den ständigen Eheproblemen von Kommissar Haferkamp war dies tendenziell angelegt, obwohl gerade diese Figur noch aus der alten, männlich-souveränen Schule kam. Und schließlich tauchten dann auch die ersten weiblichen Hauptkommissare auf, selbstverständlich eine wie die andere ein Ausbund an Souveränität. Wer erinnert sich noch daran, wie Karin Anselm als Komissarin Hanna Wiegand in Das Lederherz einen Mann überführte, der seiner Frau, die ihn ob ihrer Kinderlosigkeit und seines angeblich mangelnden beruflichen Erfolges ständig heruntergeputzt hatte, bei einem Fenstersturz die Hand losgelassen hatte?
Eine interessante Mischung war übrigens in diesem Zusammenhang der Schimanski von Götz George, der zwar in gewisser Hinsicht den knallharten Macho geben darf, aber für mein Empfinden im Ganzen gesehen von den Drehbuchautoren doch eher zum Hanswurst gemacht wurde, vielleicht gerade deshalb, weil sein Machotum so überaus dick aufgetragen daherkam.
Außerdem meiner Meinung nach nur scheinbar ein Nebenaspekt, auf den ich später noch zurückkomme wurden auch die Kategorien gut und böse erstens vorhersehbar und zweitens schwammig. Vorhersehbar[/b], weil durch das Strickmuster der Handlung, in immer stärkerem Maße unterstützt von sprechender Musik (war in den frühen Krimis nur ganz, ganz sparsam der Fall gewesen!), jeder Krimifan nach ein bißchen Guck-Übung den Ausgang in den meisten Fällen vorhersagen konnte. Und schwammig[/b], weil es Mode wurde, zu zeigen, dass die Bösen durch eine schlimme Kindheit oder sonstige widrige Umwelteinflüsse böse geworden waren und zumindest Mitleid verdienten, während auch die Guten gebrochene Helden und keinesfalls mehr souveräne Vorbilder waren.
Interessant ist in diesem Zusammenhang übrigens, dass einige der erfolgreichsten Serien alter Schule sich bis in die 80-er oder sogar 90er Jahre hielten: Köster (Siegfried Lowitz) bekam mit Kreß (Rolf Schimpf) einen würdigen Nachfolger, und Derrick (Horst Tappert) ließ sich vom Zeitgeist kein Jota seiner Souveränität abkaufen.
Und seit einigen Jahren ist eine weitere Wandlung zu beobachten:
Die Szenen, in denen unreife Männer von souveränen Frauen zurechtgewiesen werden, sind fast verschwunden. Dagegen zeigen nunmehr auch Frauen die Schwächen, die früher von den Drehbuchautoren nur den Männern zugeschrieben wurden: Sie haben Problem mit Kindern und/oder Partnern, die sie wegen ihrem Beruf vernachlässigen (Wanda Rosenbaum, dargestellt von Jutta Hoffmann), oder sie kriegen sich mit ihresgleichen (sprich anderen Frauen) nach Zickenart in die Haare.
Daneben sind natürlich die liebenswerten männlichen Trottel nicht ausgestorben: Kommissar Schmücke (Jaecki Schwarz) kann auf einmal seine Wohnung nicht mehr aufschließen, weil seine Lebensabschnittsgefährtin das Schloß ausgewechselt und ihn auf diese Weise rausgeschmissen hat.
Und nun zurück zur Anfangsfrage:
Wer war zuerst da die Henne oder das Ei? Haben die Krimis die gesellschaftlichen Veränderungen nur abgebildet, oder haben sie sie mitgeschaffen?
Als Denkanstoß bei der Beantwortung dieser Frage noch folgende Überlegung:
Der DDR-Polizeiruf 110, von den Medienpolitikern der DDR bewußt als Gegenstück zum Tatort geschaffen, zeichnete sich m.E. durch folgende zwei Merkmale aus:
1.) Geschlechterkrieg ist an dieser Serie, solange die DDR bestand, total vorbeigegangen.
2.) Bei aller Unterschiedlichkeit der politischen Systeme ist es geradezu frappierend, wie weitgehend die (nicht immer nur) unterschwelligen moralischen Fingerzeige in den DDR-Polizeirufen mit dem übereinstimmten, was in den westdeutschen Krimis alter Schule zu sehen war. Das Bild vom braven Bürger und seinem Freund und Helfer, der (Volks-)Polizei, in Reinkultur.
Und die Realität in Deutschland heute?
1.) In Westdeutschland finden sich sowohl die meisten als auch die schlimmsten Emanzen-Zicken. Ostfrauen dagegen sind oft viel realistischer, selbstkritischer und für Männer liebenswerter.
2.) Ostdeutsche entsprechen in ihrer Mehrheit nicht trotz, sondern gerade wegen 40 Jahren sozialistischer Erziehung viel eher dem, was man unter gutbürgerlich versteht, als die Mehrheit der Westdeutschen.
Könnte es sein, dass in Westdeutschland seit Ende der 60er Jahre in den Medien von einer linken Kamarilla ganz gezielt ein Gesellschaftsbild geschaffen wurde, das sich ohne diese mediale Beeinflussung nie hätte verwirklichen lassen und das letzten Endes auf die Zerstörung dessen abzielte, was die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft stark gemacht hatte?
Und könnte es weiterhin sein, dass die besagte linke Kamarilla höchst aktiv aus der DDR unterstützt wurde, welche sich ihrerseits die zerstörerischen Tendenzen, die sie im Westen perfide förderte, konsequent vom Leibe hielt?
An dieser Stelle noch einmal zurück zur Vorhersehbarkeit des Ausgangs der Krimis sowie zum Verschwimmen der Kategorien von Gut und Böse:
Könnte es sein, dass in einer Gesellschaft, in der die Menschen durch gut gemachte Krimis dazu erzogen werden, durch Verstand und Instinkt auch das verborgene Böse zu erkennen, Kriminelle auch im realen Leben viel weniger Chancen auf Erfolg haben, als dies in einer Gesellschaft der Fall ist, in der durch eine grob oberflächliche Zeichnung von Gut und Böse Verstand und Instinkt eingeschläfert werden, und in der darüber hinaus durch ein Verwischen der Grenzen von Gut und Böse das Wertesystem subtil unterminiert wird?
Beides wäre jedenfalls im Sinne einer Macht, die nach geistiger Zersetzung einer Gesellschaft trachtet.
An dieser Stelle noch ein Blick über den großen Teich:
So unterschiedlich sich das US-amerikanische Filmschaffen auch gegenüber dem europäischen entwickelt haben mag hier gleichen sich die Tendenzen:
Mein Gott, was war das für ein Hochgenuß, wenn Humphrey Bogart als cooler Detektiv die Verbrecherwelt das Fürchten lehrte. Nie werde ich einen Film vergessen, in dem Humphrey Bogart am Tatort eines gerade geschehenen Mordes auf die Täterin trifft, die ihm natürlich unter massivem Einsatz ihrer weiblichen Reize weiszumachen versucht, dass sie unschuldig sei, und Bogart sie mit Pokerface überführt.
Und das, was heute an Krimis aus den USA kommt? Gott bewahre Magnum und Co.!
Zum Schluß noch ein Blick in meine Wahlheimat Polen:
Hier hat sich das Filmschaffen unter so gänzlich anderen Auspizien entwickelt, dass man darüber ein eigenes Posting schreiben müßte. Die Liebe zwischen Mann und Frau war jedenfalls so gut wie immer tragisch, romantisch und patriotisch.
Bis Jerzy Stuhr kam.
Dieser auch international renommierte Schauspieler, Mitglied von Jurys bei internationalen Filmwettbewerben, besorgt auf das Abscheulichste das Geschäft derer, die den Mann als solchen ins Lächerliche ziehen wollen.
Seine Filme z.B. Historie mi³osne (Liebesgeschichten) oder Spis cudzo³o¿nic (Die Verschwörung der Ehebrecherinnen) zeigen den Mann als versoffenen, lebensunfähigen, bestenfalls ein bißchen liebenswerten Volltrottel, der durchs Leben torkelt und von jeder Frau auf jede nur erdenkliche Weise zum Narren gehalten wird.
So, das war's erst mal von mir zu diesem Thema. Jetzt bin ich gespannt auf Eure Beiträge. Vielleicht kann jemand ja meine Überlegungen zur Darstellung des Geschlechterverhältnisses in den Medien um Beiträge zur Gattung der Seifenoper ergänzen? Wie auch immer, ich freue mich auf die Diskussion mit Euch.
Herzliche Grüße
Ekki
), und da eben irgendwann alle Basisgeschichten schon einmal erzählt worden waren, mussten immer neue Mittel und Wege gesucht werden, um das Interesse des Zuschauers zu wecken. Eines dieser Mittel ist die Entwicklung immer stärker ausdifferenzierter Charaktere. Solche Entwicklungen sind übrigens auch in allen anderen Medien zu beobachten. Wieviel Musikrichtungen gab es wohl um 1950? Vielleicht ein Dutzend. Wieviele gibt es heute? Hunderte. Das ganze ist das Ergebnis einer immer komplexer werdenden Gesellschaft, und die Medien spiegeln dies natürlich wieder.