Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Exportartikel: Gleichberechtigung für Frauen

Altschneider, Thursday, 16.09.2004, 11:29 (vor 7813 Tagen)

ANALYSE
Gleichberechtigung als Herzstück der Bevölkerungspolitik

Anhaltende Diskriminierung von Frauen machen Experten mit dafür verantwortlich, dass zehn Jahre nach der Bevölkerungskonferenz von Kairo viele Ziele von damals noch nicht erreicht sind.
VON MONIKA KAPPUS

Zu den guten Neuigkeiten in Zusammenhang mit dem Weltbevölkerungsbericht zählen Experten wie Robert Engelman veränderte Bildungsansprüche: Mehr Frauen und Mädchen als je zuvor wollen die Grundschule oder eine weiterführende Schule besuchen, schreibt der Vizepräsident von Population Action International in Washington. "Und sie wollen eine ausgefüllte und angemessen bezahlte Beschäftigung."

Dass Geburtenkontrolle und Müttersterblichkeit mit Bevölkerungspolitik zu tun haben, vermag jeder sofort zu erkennen. Aber Bildungs- und Beschäftigungspolitik? Unzählige Studien belegen, was das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung so formuliert: "Wo immer Frauen mehr Rechte sowie Zugang zu Schule, Ausbildung und Gesundheitsdiensten erlangen, bekommen sie später und vor allem weniger Kinder."

Renate Bähr von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) sagt, Bildung erhöhe das Selbstbewusstsein der Frauen und befähige sie, traditionelle Muster zu hinterfragen. Dazu zähle die in armen Schichten verbreitete Annahme, viele Kinder seien die beste Altersversorgung. Bildung, sagt Bähr, lasse bei Frauen die Erkenntnis reifen: "Viele Kinder helfen nicht viel im Alter". Es sei zu teuer, sie alle in die Schule zu schicken, aber ohne Bildung verdienten sie nicht viel. Deshalb werde klar, dass wenige ausgebildete Kinder die bessere Absicherung böten.

Die Weltbevölkerungskonferenz in Kairo 1994 hat anerkannt, dass Frauenrechte ein wesentlicher Faktor für die Bevölkerungsentwicklung sind. Alle 179 teilnehmenden Länder verständigten sich über ein Recht auf reproduktive Gesundheit - als Selbstbestimmung über die eigene Fortpflanzung und Wohlergehen bei Sexualität und Geburt. "Die Gleichberechtigung von Frauen ist das Herzstück des Kairoer Aktionsprogramms", heißt es in der Zusammenfassung des aktuellen Weltbevölkerungsberichts. Als vorteilhaft wird 2004 registriert, dass viele Länder Gesetze geschaffen haben, "um der Diskriminierung von Frauen entgegenzuwirken". Diese würden aber oft nicht durchgesetzt. So habe sich in nur 28 Ländern der Frauenanteil in der Politik erhöht. Global gingen ein Fünftel aller Todesfälle und Krankheiten von Frauen auf das Konto mangelnder reproduktiver Gesundheitsversorgung. Mehr als 200 Millionen Frauen, vor allem in den ärmsten Ländern, hätten einen "ungedeckten Bedarf an modernen Verhütungsmitteln".

Dem anhaltend hohen Bevölkerungswachstum in vielen armen Ländern der Welt steht ein Schrumpfungsprozess in vielen reichen Staaten gegenüber. Weil die Industrieländer zu spät angefangen haben, diese Entwicklung in den Blick zu nehmen und daraus Konsequenzen zu ziehen, beklagen Politiker in der nördlichen Hemisphäre heute die drohende Überlastung der Sozialsysteme durch überalterte Gesellschaften. Dass inzwischen sogar Bundeskanzler Gerhard Schröder im Elterngeld ein Wahlkampfthema wittert, verweist auf einen durch zurückgehende Geburtenraten geförderten Bewusstseinswandel: Das Thema Frauenerwerb und Kinderbetreuung rückt in die Mitte der Gesellschaft.

Angesichts der drohenden Bevölkerungsimplosion in der westlichen Welt fragt Reiner Klingholz vom Berlin-Institut provozierend: "Sollte man jetzt das Rad der Emanzipation zurückdrehen?" Er gibt selbst die abschlägige Antwort: "Nicht jene Industriestaaten haben die niedrigsten Kinderzahlen, in denen die Frauen besonders selbstbewusst sind, sondern jene, in denen der Grad der Emanzipation von Frauen und Gesellschaft am weitesten auseinander klafft."

Womöglich ist dieser Befund in den USA noch nicht angekommen. Hier ist die sexuelle Konterrevolution im Gange, seit George W. Bush regiert. Zur Linie, sexuelle Enthaltsamkeit statt Aufklärung zu predigen, passt, dass die USA nach DSW-Angaben dem Bevölkerungsfonds der UN "seit 2000 ihre Unterstützung entzogen" haben. Geld für Familienplanungsprogramme wird zurückgehalten. Die Stiftung warnt vor "einer Koalition von konservativen Staaten, darunter der Iran, Irak, Libyen, Sudan, Syrien und die USA sowie der Vatikan", die unter anderem die Einschränkung der reproduktiven Rechte fordere. Eine fundamentale Bewegung gegen Kairo, sozusagen.

Frankfurter Rundschau
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/thema_des_tages/?cnt=505137


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