Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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So'ne und solche Mütter

Odin, Tuesday, 14.09.2004, 01:29 (vor 7815 Tagen)

So'ne und solche Mütter
Von Esther Caspary

12. September 2004 Ab dem Januar 2005 wird ein neuer Wind in diesem Land wehen, Hartz IV sei Dank. Wer zumutbare Arbeit nicht annimmt, dem wird die staatliche Unterstützung gestrichen. Dies betrifft auch Mütter mit Kindern. Zumutbar ist einer Mutter die Aufnahme einer Arbeit allerdings nur, wenn dadurch die Erziehung des Kindes nicht gefährdet ist. Das soll in der Regel der Fall sein, wenn das Kind das dritte Lebensjahr vollendet hat und seine Betreuung durch Dritte sichergestellt ist.

Wie stark der Wind für Mütter weht, hängt allerdings entscheidend davon ab, von wem die Mutter Geld will - vom Staat oder vom Vater des Kindes - und ob sie schlau genug war, den Vater ihres Kindes zu heiraten, bevor sie mit monetären Wünschen an ihn herantritt, um sich ausschließlich um ihr Kind kümmern zu können.

Geschiedene können länger beim Kind bleiben

Will die Mutter Geld vom Vater ihres Kindes und ist sie mit ihm nicht verheiratet, kann sie zumeist nur während der ersten drei Lebensjahre des Kindes Unterhalt verlangen. Die nichtverheiratete Mutter muß also wohl oder übel arbeiten, sobald ihr Kind drei Jahre alt ist. War die Mutter dagegen mit dem Vater ihres Kindes verheiratet, kann sie von ihm so lange Unterhalt verlangen, wie von ihr wegen der Erziehungsaufgabe eine Erwerbstätigkeit nicht erwartet werden kann. Das ist, so die Gerichte, nie der Fall, bevor das Kind die zweite Schulklasse beendet hat. Auch dann ist die Mutter aber nur verpflichtet, sich um eine Halbtagsbeschäftigung zu bemühen. Ein Vollzeitjob kommt erst in Betracht, wenn das Kind älter als 15 ist.

Ist das gerecht? Warum ist es der Bezieherin von Arbeitslosengeld II und der unverheirateten Mutter zumutbar zu arbeiten, sobald ihr Kind das dritte Lebensjahr beendet hat, der geschiedenen dagegen nicht? Kinder von nichtverheirateten Müttern und Bezieherinnen von ALG II sind genauso betreuungsbedürftig wie andere. Es scheint also, daß es in Wahrheit um die Privilegierung der Ehe geht. Die ist aber mit dem Gesetz nicht in Einklang zu bringen, denn danach sollen geschiedene Ehegatten für ihren Lebensunterhalt grundsätzlich selbst verantwortlich sein.

Eine Angleichung tut not

Es gibt also so'ne und solche Mütter. Unter Gleichheitsgesichtspunkten ist das sicher nicht gerecht. Eine Angleichung tut not. Aber in welche Richtung? Nimmt man das Motto von Hartz IV, "Fördern und Fordern", ernst, wird man sich dafür entscheiden müssen, auch geschiedenen Müttern Erwerbstätigkeit zuzumuten, sobald ihr Kind drei Jahre alt ist. Dafür spricht auch, daß diejenigen Mütter, die die Privilegien der bisherigen Rechtsprechung voll ausschöpfen, oft keine echte Chance mehr am Arbeitsmarkt haben, wenn sie sich endlich um eine Vollzeitbeschäftigung bemühen müssen. Sie werden dauerhaft am Unterhaltstropf hängen oder auf Sozialleistungen des Staates angewiesen sein.

Dies liegt weder im Interesse der betroffenen Frauen noch in dem des Staates. Und ob eine Mutter ohne eigenes Einkommen und eigene Altersvorsorge besser für ihr Kind ist als eine arbeitende Mutter, wird sich spätestens dann erweisen, wenn sie mangels eigener Absicherung im Alter selbst von ihren Kindern Unterhalt verlangen muß. Spätestens dann dreht sich der Wind und weht den einstmals so behüteten Kindern ins Gesicht.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.09.2004, Nr. 37 / Seite 72

Re: So'ne und solche Mütter

Garfield, Tuesday, 14.09.2004, 16:53 (vor 7814 Tagen) @ Odin

Als Antwort auf: So'ne und solche Mütter von Odin am 13. September 2004 22:29:05:

Hallo Odin!

So sehr ich es begrüße, wenn man auch arbeitsscheue Mütter endlich mal stärker zur Erwerbstätigkeit motivieren würde, sehe ich da doch ein großes Problem:

Wo sollen alle diese Mütter denn eigentlich arbeiten? Wo sind all die Jobs, mit denen ein Arbeitslosengeld-II-Empfänger die eigenen Lebenshaltungskosten finanzieren kann?

Die Situation sieht doch heute eher so aus, daß jeder, der ernsthaft einen Job sucht, froh sein kann über jeden Faulenzer, der schon mal als Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ausfällt.

So wird dann auch klar und offensichtlich, worum es bei Hartz IV eigentlich geht: Nicht um neue Arbeitsplätze, sondern einfach um Kostensenkung für die Staatskasse und natürlich um Lohndrückerei. Die Kosten für die steigende Arbeitslosigkeit sollen eben zunehmend von den Betroffenen finanziert werden, selbstverständlich ohne daß sie vor ihrer Entlassung dafür wesentlicher weniger Beiträge zur Arbeitslosenversicherung zahlen. Und jeder, der eine neue Stelle sucht, soll per Gesetz dazu gezwungen werden, jeden noch so mies bezahlten Job anzunehmen, auch wenn der Hungerlohn für diesen Job nicht einmal die Lebenshaltungskosten deckt.

Und deshalb interessieren geschiedene Frauen in dem Zusammenhang auch kaum. Da geht man davon aus, daß die sowieso vom Ex-Mann unterhalten werden, und so sieht man da auch keinen Handlungsbedarf. Man macht sich mit Hartz IV ja schon genug Gegner in der Bevölkerung - wieso also noch geschiedene Frauen verärgern?

Freundliche Grüße
von Garfield

Re: So'ne und solche Mütter

Paul, Tuesday, 14.09.2004, 17:30 (vor 7814 Tagen) @ Garfield

Als Antwort auf: Re: So'ne und solche Mütter von Garfield am 14. September 2004 13:53:06:

Hallo Odin!
So sehr ich es begrüße, wenn man auch arbeitsscheue Mütter endlich mal stärker zur Erwerbstätigkeit motivieren würde, sehe ich da doch ein großes Problem:
Wo sollen alle diese Mütter denn eigentlich arbeiten? Wo sind all die Jobs, mit denen ein Arbeitslosengeld-II-Empfänger die eigenen Lebenshaltungskosten finanzieren kann?
Die Situation sieht doch heute eher so aus, daß jeder, der ernsthaft einen Job sucht, froh sein kann über jeden Faulenzer, der schon mal als Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ausfällt.
So wird dann auch klar und offensichtlich, worum es bei Hartz IV eigentlich geht: Nicht um neue Arbeitsplätze, sondern einfach um Kostensenkung für die Staatskasse und natürlich um Lohndrückerei. Die Kosten für die steigende Arbeitslosigkeit sollen eben zunehmend von den Betroffenen finanziert werden, selbstverständlich ohne daß sie vor ihrer Entlassung dafür wesentlicher weniger Beiträge zur Arbeitslosenversicherung zahlen. Und jeder, der eine neue Stelle sucht, soll per Gesetz dazu gezwungen werden, jeden noch so mies bezahlten Job anzunehmen, auch wenn der Hungerlohn für diesen Job nicht einmal die Lebenshaltungskosten deckt.
Und deshalb interessieren geschiedene Frauen in dem Zusammenhang auch kaum. Da geht man davon aus, daß die sowieso vom Ex-Mann unterhalten werden, und so sieht man da auch keinen Handlungsbedarf. Man macht sich mit Hartz IV ja schon genug Gegner in der Bevölkerung - wieso also noch geschiedene Frauen verärgern?
Freundliche Grüße
von Garfield

Sehr genau erkannt, Garfield: Einen Wirtschaftsaufschwung durch Hartz IV wird und kann es gar nicht geben. Und nicht einmal das mit der Kostensenkung wird funktionieren: Denn die Kosten des einen sind immer die Einnahmen des anderen (und damit sind nicht die Empfänger von Sozialleistungen gemeint, sondern primär der Handel, bei dem diese Sozialleistungsempfänger das erhaltene Geld ja wieder ausgeben!) Was auf der einen Seite gespart wird, fliegt auf der anderen Seite deshalb durch sinkende Steuereinnahmen sowie Folgekosten durch Pleiten von Einzelhandelsgeschäften etc. (und damit wieder mehr Arbeitslosen) wieder raus. Das einzige, was man erreicht, ist ein weitere Verstärkung der Exportabhängigkeit (strategisch schlecht) und ein weiterer Schritt in Richtung Deflation (katastrophal).

Leider konnten Politiker noch nie rechnen und die deutschen Volkswirte sind auch bornierte Dogmatiker, so daß sich an der Misere in absehbarer Zeit nichts ändern wird. Auch der Chefvolkswirt von Goldman Sachs, der sicher nicht zu den "Linken" gezählt werden kann, hat dies erkannt: http://www.zeit.de/2004/35/Interview_oNeill

Sorry, das hat natürlich mit dem Forumsthema eigentlich nicht zu tun, aber dies ist schon seit langem ein Reizthema für mich... bitte um Nachsicht :-)

Gruß,
Paul

Re: So'ne und solche Mütter

Tran, Tuesday, 14.09.2004, 17:41 (vor 7814 Tagen) @ Paul

Als Antwort auf: Re: So'ne und solche Mütter von Paul am 14. September 2004 14:30:39:

Guten Tag Paul!

Das trifft jetzt auch nicht sooo sehr das Forenthema, aber ich versteh da halt was nicht:

Sehr genau erkannt, Garfield: Einen Wirtschaftsaufschwung durch Hartz IV wird und kann es gar nicht geben. Und nicht einmal das mit der Kostensenkung wird funktionieren: Denn die Kosten des einen sind immer die Einnahmen des anderen (und damit sind nicht die Empfänger von Sozialleistungen gemeint, sondern primär der Handel, bei dem diese Sozialleistungsempfänger das erhaltene Geld ja wieder ausgeben!) Was auf der einen Seite gespart wird, fliegt auf der anderen Seite deshalb durch sinkende Steuereinnahmen sowie Folgekosten durch Pleiten von Einzelhandelsgeschäften etc. (und damit wieder mehr Arbeitslosen) wieder raus. Das einzige, was man erreicht, ist ein weitere Verstärkung der Exportabhängigkeit (strategisch schlecht) und ein weiterer Schritt in Richtung Deflation (katastrophal).

Nicht das ich in dieser Richtung vorbelastet wäre, aber den Begriff "Deflation" kenne ich bislang als Gegenteil von Inflation. Das würde bedeuten das Du der Ansicht wärst das dank Hartz4 die Preise sinken werden. Seh ich das so richtig oder hab ich Dich da falsch verstanden?
Wenn die Preise sinken würden wäre das doch eher gut, oder?

Tran

Re: So'ne und solche Mütter

Garfield, Tuesday, 14.09.2004, 18:27 (vor 7814 Tagen) @ Tran

Als Antwort auf: Re: So'ne und solche Mütter von Tran am 14. September 2004 14:41:14:

Hallo Tran!

Kürzungen der Gelder für Arbeitslose bewirken natürlich einen Kaufkraftrückgang bei dieser Bevölkerungsgruppe. Und nicht nur das: Hartz IV hat ja den Zweck, Arbeitssuchende dazu zu zwingen, jeden miesen Job mit mieser Bezahlung anzunehmen. Es geht also auch ganz konkret darum, die Lohnkosten zu senken. Das betrifft zunehmend auch diejenigen, die noch Jobs haben. Die geraten durch Hartz IV indirekt auch unter Druck und werden in Zukunft aus Angst vor Arbeitslosigkeit immer öfter nicht nur auf Gehaltserhöhungen verzichten, sondern sogar Gehaltskürzungen in Kauf nehmen müssen. Das ist sogar der wesentliche Zweck von Hartz IV, was natürlich nie offen gesagt wird.

So sinkt dann also die Kaufkraft allgemein, und das bekommt dann auch die Wirtschaft durch sinkende Umsätze zu spüren.

Neoliberale behaupten nun einfach, daß das doch gar kein Problem wäre, da das Gesetz von Angebot und Nachfrage schon dafür sorgen würde, daß sich die Preise dann entsprechend der Kaufkraft einpegeln.

Das funktioniert schon einmal nicht immer, weil sich viele Wirtschafts-Bosse eben nicht nach dem VWL-Lehrbuch richten. Bei der Bahn sieht man das immer wieder sehr schön: Wenn man durch hohe Preise und schlechten Service wieder genug Kunden vergrault hat, dann gleicht man die so eingefahrenen Verluste prompt durch Preiserhöhungen und Serviceabbau (letzteres üblicherweise verbunden mit Personalabbau) aus. Nur um sich dann darüber zu wundern, wieso nun noch weniger Menschen Bahn fahren...

Aber dann gibt es da noch ein Problem: Deutschland ist ja kein geschlossenes System. Das ermöglicht es der Wirtschaft, bei Problemen in Deutschland ins Ausland auszuweichen, und die Politik erleichtert ihr das mehr und mehr.

Immer mehr Menschen in Deutschland haben das Problem, daß sie sich die hohen Lebenshaltungskosten in Deutschland nicht mehr leisten können. Manche Bereiche werden mittlerweile komplett durch Großkonzerne beherrscht, die ihre Marktposition dazu ausnutzen, die Preise hoch zu halten oder sogar noch zu erhöhen. Das betrifft beispielsweise die Benzin-, Heizöl-, Gas- und Strompreise. Diese hohen Preise sind heute für viele Menschen ein wesentlicher Kostenfaktor, an dem sie aber im täglichen Leben kaum sparen können. An den hohen Steuern und Abgaben können sie auch nicht sparen, ohne sich strafbar zu machen.

Also müssen sie anderswo sparen. Z.B. bei Nahrung und Kleidung. Die Anbieter dieser und anderer Produkte geraten also zunehmend unter Preisdruck. Das ist möglich, da es in diesen Bereichen noch viele kleine und mittlere Unternehmen gibt, die tatsächlich noch zueinander in Konkurrenz stehen und weil sich manche große Handelsketten schon lange darauf spezialisiert haben, Gewinne über hohe Umsätze durch niedrige Preise zu erzielen.

Das setzt nun die Unternehmen, die keine so starke Marktposition haben, unter Druck. Es gibt dauerhaft nur zwei Möglichkeiten, dem gerecht zu werden: Automatisierung oder Abwanderung in Billiglohnländer.

Beides ist mit Entlassung von Beschäftigten verbunden und verschärft die Situation weiter.

Theoretisch könnte man die Löhne und Lebenshaltungskosten gleichermaßen senken und das Problem so lösen. Praktisch funktioniert das nicht, weil die Unternehmen mit starker Marktposition das natürlich niemals mitmachen werden. Damit sorgen sie dafür, daß die Lebenshaltungskosten in Deutschland hoch bleiben. Wer allein durch die Fahrten zur Arbeit schon 8 Euro am Tag für Benzin verbraucht, kann nun einmal nicht für 1 Euro pro Stunde arbeiten. Dann arbeitet er nämlich nur für die Fahrten zur Arbeit und kann die Miete nicht mehr zahlen, nichts mehr essen, sich keine Kleidung mehr kaufen usw. Das ist das große Problem, das von Wirtschaft und Politik leider vollkommen ignoriert wird.

Freundliche Grüße
von Garfield

Re: So'ne und solche Mütter

Paul, Tuesday, 14.09.2004, 21:14 (vor 7814 Tagen) @ Garfield

Als Antwort auf: Re: So'ne und solche Mütter von Garfield am 14. September 2004 15:27:46:

So ganz kann man das glaube ich nicht stehen lassen:

Kürzungen der Gelder für Arbeitslose bewirken natürlich einen Kaufkraftrückgang bei dieser Bevölkerungsgruppe. Und nicht nur das: Hartz IV hat ja den Zweck, Arbeitssuchende dazu zu zwingen, jeden miesen Job mit mieser Bezahlung anzunehmen. Es geht also auch ganz konkret darum, die Lohnkosten zu senken. Das betrifft zunehmend auch diejenigen, die noch Jobs haben. Die geraten durch Hartz IV indirekt auch unter Druck und werden in Zukunft aus Angst vor Arbeitslosigkeit immer öfter nicht nur auf Gehaltserhöhungen verzichten, sondern sogar Gehaltskürzungen in Kauf nehmen müssen. Das ist sogar der wesentliche Zweck von Hartz IV, was natürlich nie offen gesagt wird.
So sinkt dann also die Kaufkraft allgemein, und das bekommt dann auch die Wirtschaft durch sinkende Umsätze zu spüren.

Ich würde da zuerst mal keine Böswilligkeit unterstellen. Es ist richtig, eine Lohnkostensenkung wird angestrebt. Dies beruht aber auf dem (naiven) Glauben an eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, nach deren Dogmen eine Ankurbelung der Wirtschaft und die Schaffung neuer Arbeitsplätze primär nur über eine Entlastung der Unternehmen möglich ist, weil dies (in der Theorie) zu vermehrten Investitionen führt.

Neoliberale behaupten nun einfach, daß das doch gar kein Problem wäre, da das Gesetz von Angebot und Nachfrage schon dafür sorgen würde, daß sich die Preise dann entsprechend der Kaufkraft einpegeln.

Sie behaupten das nicht einfach - es ist im allgemeinen schon so. Das trifft nicht nur auf Kleinunternehmen zu, auch Großunternehmen müssen ihre Preise der Marktlage anpassen. Mit Verschwörungstheorien kommt man da nicht weit. Auch die deutsche Bahn kann nicht ewig am Markt vorbeiwirtschaften. Denn werden sie immer teurer, dann weichen die Leute eben auf das Auto bzw. für längere Strecken auf das Flugzeug aus.

Das funktioniert schon einmal nicht immer, weil sich viele Wirtschafts-Bosse eben nicht nach dem VWL-Lehrbuch richten. Bei der Bahn sieht man das immer wieder sehr schön: Wenn man durch hohe Preise und schlechten Service wieder genug Kunden vergrault hat, dann gleicht man die so eingefahrenen Verluste prompt durch Preiserhöhungen und Serviceabbau (letzteres üblicherweise verbunden mit Personalabbau) aus. Nur um sich dann darüber zu wundern, wieso nun noch weniger Menschen Bahn fahren...

Siehe oben.

Aber dann gibt es da noch ein Problem: Deutschland ist ja kein geschlossenes System. Das ermöglicht es der Wirtschaft, bei Problemen in Deutschland ins Ausland auszuweichen, und die Politik erleichtert ihr das mehr und mehr.

Das wäre jetzt eher ein Argument FÜR Lohnsenkungen. Was dabei übersehen wird ist, daß dieses Spielchen zu einem globalen Deregulierungs-Wettbewerb führt, die letztendlich zur Zerstörung der Nationalstaaten führen könnte. Ob dies jetzt gut, oder schlecht ist, sei dahingestellt. Problematisch ist jedenfalls, daß sich dieser Prozess entgegen des Lehrbuches vermutlich nicht linear entwickeln wird, sondern es zu chaotischen Turbulenzen innerhalb von Märkten und Gesellschaften kommen kann, mit unabsehbaren Folgen wie Kriegen, Aufständen, usw.

Immer mehr Menschen in Deutschland haben das Problem, daß sie sich die hohen Lebenshaltungskosten in Deutschland nicht mehr leisten können. Manche Bereiche werden mittlerweile komplett durch Großkonzerne beherrscht, die ihre Marktposition dazu ausnutzen, die Preise hoch zu halten oder sogar noch zu erhöhen. Das betrifft beispielsweise die Benzin-, Heizöl-, Gas- und Strompreise. Diese hohen Preise sind heute für viele Menschen ein wesentlicher Kostenfaktor, an dem sie aber im täglichen Leben kaum sparen können. An den hohen Steuern und Abgaben können sie auch nicht sparen, ohne sich strafbar zu machen.
Also müssen sie anderswo sparen. Z.B. bei Nahrung und Kleidung. Die Anbieter dieser und anderer Produkte geraten also zunehmend unter Preisdruck. Das ist möglich, da es in diesen Bereichen noch viele kleine und mittlere Unternehmen gibt, die tatsächlich noch zueinander in Konkurrenz stehen und weil sich manche große Handelsketten schon lange darauf spezialisiert haben, Gewinne über hohe Umsätze durch niedrige Preise zu erzielen.
Das setzt nun die Unternehmen, die keine so starke Marktposition haben, unter Druck. Es gibt dauerhaft nur zwei Möglichkeiten, dem gerecht zu werden: Automatisierung oder Abwanderung in Billiglohnländer.
Beides ist mit Entlassung von Beschäftigten verbunden und verschärft die Situation weiter.
Theoretisch könnte man die Löhne und Lebenshaltungskosten gleichermaßen senken und das Problem so lösen. Praktisch funktioniert das nicht, weil die Unternehmen mit starker Marktposition das natürlich niemals mitmachen werden. Damit sorgen sie dafür, daß die Lebenshaltungskosten in Deutschland hoch bleiben. Wer allein durch die Fahrten zur Arbeit schon 8 Euro am Tag für Benzin verbraucht, kann nun einmal nicht für 1 Euro pro Stunde arbeiten. Dann arbeitet er nämlich nur für die Fahrten zur Arbeit und kann die Miete nicht mehr zahlen, nichts mehr essen, sich keine Kleidung mehr kaufen usw. Das ist das große Problem, das von Wirtschaft und Politik leider vollkommen ignoriert wird.

Hier gilt wieder dasselbe - starke Marktposition hin oder her, es nützt einem Unternehmen nix, wenn die Leute nicht kaufen. Monopolisten mögen eine Ausnahme sein, aber echte Monopole gibt es kaum. (Siehe Deutsche Bahn). Eine gleichzeitige Senkung von Löhnen und Lebenshaltungskosten funktioniert natürlich, genau das ist ja Deflation.

Aber warum ist die nun problematisch? Ganz einfach, weil in einer Deflation die Konsumneigung derer, die es sich (noch) leisten können, rapide abnimmt. Wenn Waren ständig billiger werden, werde ich Käufe - als rational denkender Mensch - in der Erwartung immer niedrigerer Preise hinausschieben, was zu sinkender Nachfrage führt und dies dann wieder zu niedrigeren Preisen usw. Wie man sich leicht vorstellen kann, schrumpft während dieses Prozesses die Wirtschaft mit immer höherer Geschwindigkeit.

Das ganze ist ein Teufelskreis, und dummerweise lässt sich dieser im Gegensatz zur Inflation praktisch nicht mit fiskal- oder geldpolitischen Maßnahmen unterbrechen. Man kann eigentlich nur solange abwarten, bis dieser Prozess seinen "Boden" findet, und dann anfangen, alles wieder aufzubauen.

Beispiel: Japan befindet sich seit Platzen des Börsen- und Immobilien-Blase anfang der 90iger Jahre in einer fortwährenden Deflation. Zwischenzeitlich wurde dort schon überlegt, einen Strafzins auf Bankguthaben einzuführen, d.h. man müsste Zinsen ZAHLEN wenn man Geld auf der Bank hat. Dies alles, um die Leute dazu zu bringen, das Geld in den Konsum zu stecken oder zu investieren. Diese Maßnahme zeigt, wie groß die Verzweiflung dort ist. Denn funktionieren wird auch das nicht. Würde der Strafzins eingeührt, fliessen nämlich Billionen von Yen ins Ausland, ein gewaltiger Yen-Tsunami würde sich über die Devisenmärkte ergiessen, was zwar - aufgrund dem resultierenden Verfall des Yen gegenüber Dollar und Euro - vielleicht zu einer gewissen Steigerung der Exporte führen würde, allerdings ohne daß sich an der Binnenmarktsituation irgendetwas ändert. Zwar werden auch Importe dann teurer und man könnte argumentieren, daß davon einheimische Unternehmen profitieren können. Könnte sein - allerdings werden sie daran nicht lange Freude haben, da aufgrund des Geldabflusses ins Ausland eine massive Liquiditätskrise entstehen wird, die a) ebenfalls deflationär wirkt und b) das Bankensystem in seiner Existenz bedroht.

Ausserdem kriegen die Japaner dann wahrscheinlich ziemlichen Ärger mit USA und Europa, die natürlich kein Interesse daran haben, wenn Ihre Währungen gegenüber dem Yen massiv aufgewertet werden. Eine diplomatische Eiszeit wäre in jedem Fall die Folge.

In Japan hat diese Spirale übrigens auch mit Lohnsenkungen begonnen. Wie heisst es so schön? Wer nicht aus der Geschichte lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Wie wahr.

Gruß,
Paul

Re: So'ne und solche Mütter

Garfield, Wednesday, 15.09.2004, 15:06 (vor 7814 Tagen) @ Paul

Als Antwort auf: Re: So'ne und solche Mütter von Paul am 14. September 2004 18:14:35:

Hallo Paul!

"Sie behaupten das nicht einfach - es ist im allgemeinen schon so. Das trifft nicht nur auf Kleinunternehmen zu, auch Großunternehmen müssen ihre Preise der Marktlage anpassen. Mit Verschwörungstheorien kommt man da nicht weit. Auch die deutsche Bahn kann nicht ewig am Markt vorbeiwirtschaften. Denn werden sie immer teurer, dann weichen die Leute eben auf das Auto bzw. für längere Strecken auf das Flugzeug aus."

Das tun sie ja auch zunehmend - aber das Management der Deutschen Bahn scheint das nicht zu interessieren. Die planen schon wieder die nächste Preiserhöhung. Immerhin kassieren sie ja auch noch gut aus der Staatskasse. Offensichtlich hilft ihnen das dabei, trotz dieser Mißwirtschaft noch weiterhin genug Geld für ihre überhöhten Gehälter übrig zu haben. Und das ist für sie der wesentliche Punkt.

Wie Großunternehmen ihre Preise der Marktlage anpassen, sieht jeder Autofahrer regelmäßig an der Tankstelle. Da geht's mit den Preisen (von kurzzeitigen Schwankungen abgesehen) insgesamt nur aufwärts, und das, obwohl die Kaufkraft sinkt. Aber die Mehrheit der Autofahrer muß wirklich fahren und kann somit nicht am Benzin sparen. Das wissen die Ölkonzerne genau, und deshalb interessiert sie die Kaufkraft ihrer Kunden nicht im Geringsten. Freie Tankstellen sind dabei keine wirkliche Konkurrenz. Die haben keine eigenen Raffinerien, müssen ihr Benzin somit auch von den großen Ölkonzernen kaufen und bekommen so Mindestpreise diktiert.

Ähnlich sieht das bei Gasanbietern aus. Da gibt es jetzt ja auch gerade wieder das Problem, daß die allesamt ganz zufällig die Preise erhöhen wollen. Das Bundeskartellamt befaßt sich damit schon, aber das wird wohl wieder mal nicht viel ändern.

"Was dabei übersehen wird ist, daß dieses Spielchen zu einem globalen Deregulierungs-Wettbewerb führt, die letztendlich zur Zerstörung der Nationalstaaten führen könnte."

Richtig. Mittlerweile hat so mancher Großkonzern ein größeres Vermögen als mancher Nationalstaat. So ist wohl klar, wessen Interessen oberste Priorität haben.

"Problematisch ist jedenfalls, daß sich dieser Prozess entgegen des Lehrbuches vermutlich nicht linear entwickeln wird, sondern es zu chaotischen Turbulenzen innerhalb von Märkten und Gesellschaften kommen kann, mit unabsehbaren Folgen wie Kriegen, Aufständen, usw."

Das sehe ich genauso.

"Hier gilt wieder dasselbe - starke Marktposition hin oder her, es nützt einem Unternehmen nix, wenn die Leute nicht kaufen. Monopolisten mögen eine Ausnahme sein, aber echte Monopole gibt es kaum."

Siehe oben. Es gibt eben Dinge, die man einfach zum Leben braucht und an denen man nicht sparen kann. Echte Monopole braucht man gar nicht, wenn der Markt von großen Unternehmen beherrscht wird, die sich die Märkte aufgeteilt haben und grundsätzlich mehr verlieren als gewinnen können. Da entstehen dann schnell stillschweigende Übereinkünfte, und wenn ein Unternehmen die Preise erhöht, folgen alle anderen prompt nach. Mittlerweile hat man nämlich begriffen, daß so etwas viel profitabler ist als teurer Konkurrenzkampf. Zumal man sich mit einer echten Monopolstellung nur Ärger mit dem Kartellamt einhandelt. Microsoft ist da ein abschreckendes Beispiel - und Microsoft hat noch nicht einmal eine echte Monopolstellung.

"Ganz einfach, weil in einer Deflation die Konsumneigung derer, die es sich (noch) leisten können, rapide abnimmt. Wenn Waren ständig billiger werden, werde ich Käufe - als rational denkender Mensch - in der Erwartung immer niedrigerer Preise hinausschieben, was zu sinkender Nachfrage führt und dies dann wieder zu niedrigeren Preisen usw. Wie man sich leicht vorstellen kann, schrumpft während dieses Prozesses die Wirtschaft mit immer höherer Geschwindigkeit."

Ja, das ist richtig. Man könnte das theoretisch vermeiden, indem man sowohl die Lebenshaltungskosten als auch die Löhne einmalig und gleichzeitig senkt, was aber in der Praxis niemals funktionieren wird. Deshalb sehe ich ja im Rahmen des jetzigen Systems keinen Ausweg aus der Krise. Siehst du einen?

Freundliche Grüße
von Garfield

Wege aus der Krise: Den Wald trotz lauter Bäumen sehen

Paul, Wednesday, 15.09.2004, 16:58 (vor 7813 Tagen) @ Garfield

Als Antwort auf: Re: So'ne und solche Mütter von Garfield am 15. September 2004 12:06:34:

Hi Garfield,

ich sehe auch keinen einfachen Weg aus der Krise. Den gibt es nämlich nicht. Es wäre allerdings viel erreicht, wenn sich die Verantwortlichen in der Politik und Wirtschaft erst einmal klar machen würden, wo das Problem eigentlich liegt, anstatt sich über Gefechte um den Sinn einer nachfrage- oder angebotsorientierten Politik zu liefern. Das führt nämlich zu nichts - beide Richtung basieren letztendlich auf unglaublich primitiven Vorstellungen von Wirtschaft, die mit der Realität nichts gemeinsam haben. Es ist kein Zufall, dass sogar manche Ökonomen selbst ihre "Wissenschaft" eher als eine etablierte Form der Esoterik ansehen. Es gibt aber Licht am Ende des Tunnels, seit sich Physiker ökonomischen Fragestellungen angenommen haben (es gibt ja auch das neue Fachgebiet "Econophysik"). Der Vorteil ist, daß diese im Gegensatz zu den meisten Ökonomen sehr viel weiter in der Erforschung nichtlinearer Prozesse sind. Aus dieser Richtung sollte in Zukunft einiges an Erkenntnissen kommen. Es bleibt nur zu befürchten, daß diese von den etablierten Ökonomen hartnäckig ignoriert werden; denn was ist von einer "Wissenschaft" zu halten, in der eine Theorie, die nachweisbar in sich widersprüchlich ist und auch in der Praxis nicht falsifizierbar ist, also nicht einmal die Mindestanforderungen an eine wissenschaftliche Theorie erfüllt, seit Jahrzehnten als Dogma in Ehren gehalten wird (die Rede ist von der Efficent Market Hypothesis, EMT) ? :-)

Wo kann aber nun die Politik inzwischen ansetzen? Es gilt, sich klarzumachen, daß eine Grundvoraussetzung für das jetzt existierende kaptialistische System - unabhängig davon, wie groß der soziale "Einschlag" ist - vor einem grundlegenden Dilemma steht: Wir befinden uns auf direktem Weg in eine Zukunft, in der jede nicht-kreative Arbeit automatisierbar ist. Der Kapitalismus ist ein geniales System. Dummerweise funktioniert er nur dann richtig, wenn jeder mindestens genausoviel konsumiert, wie er produziert (natürlich im Durchschnitt). Zu Zeiten, in denen nichts automatisiert war, stellte dies kein Problem da - im Gegenteil, meistens brauchte man zu Herstellung mehr Zeit und Arbeitskraft, als für die Verkonsumierung der hergestellten Produkte notwendig war. Dies wirkte als Motor für ständiges Wachstum und technischen Fortschritt, weil man bestrebt war, die Produktivität zu erhöhen. Dieser Prozess verselbständigte sich allerdings (was eben in einem "klassischen" Modell niemals passieren dürfte, aber in der Realität passierte, bzw. noch passiert), so daß bei einem Fortschreiten dieses Prozesses irgendwann 0 (oder eine Zahl nahe 0) Menschen notwendig sind, um die Produkte und Dienstleistungen für jeweils 1 Menschen herzustellen. Das heisst, dass die meisten Menschen innerhalb dieses Systems als Arbeitskräfte einfach überflüssig sind bzw. werden. Dummerweise kann sich das System dann auch nicht mehr selbst tragen, da diese - solange Einkommen an menschliche Produktivität gekoppelt ist - auch als Konsumenten wegfallen.

Dies ist das Kernproblem, und ich vermisse nach wie vor, daß dieses einmal so klar formuliert von der Politik zu Sprache gebracht wird. Vermutlich besteht die Angst, daß viele die einzige Alternative in einem Umverteilungsstaat sehen, was auf den ersten Blick ja auch verlockend erscheint. Meiner Meinung nach kann dies aber nicht die Lösung sein, denn damit schafft man sich ganz andere Probleme auf den Hals, vor allem weil ein Umverteilungs- bzw. "kollektivistischer" Staat nicht mit dem Gedanken eines liberalen Individuums vereinbar ist. Mal ganz davon abgesehen, daß so etwas im nationalen Alleingang ohnehin zum scheitern verurteilt wäre.
Man muß also andere Lösungen suchen. Aber dazu muß erstmal das Denkverbot in Bezug auf unsere Realität weg. "Vollbeschäftigung" wird es nie mehr geben, dies sind Träume von vorgestern. Jeder Politiker, der diesen Begriff noch in den Mund nimmt, ist entweder total inkompetent oder ein Demagoge oder beides. Der Vergleich mit aufstrebenden Staaten wie China usw. ist reiner Populismus. Diese befinden sich in einer ganz anderen Phase ihrers Entwicklungszyklus, die Situationen sind deshalb gar nicht miteinander vergleichbar.

Ein chinesischer Fluch lautet ja: "Mögest Du in interessanten Zeiten leben!" - Da ist was wahres dran :-)

Gruss,
Paul

Re: Wege aus der Krise: Den Wald trotz lauter Bäumen sehen

Garfield, Wednesday, 15.09.2004, 18:38 (vor 7813 Tagen) @ Paul

Als Antwort auf: Wege aus der Krise: Den Wald trotz lauter Bäumen sehen von Paul am 15. September 2004 13:58:36:

Hallo Paul!

Genau - das wesentliche Problem besteht darin, daß unser System einerseits so organisiert ist, daß jeder für seinen Lebensunterhalt arbeiten muß, daß aber andererseits immer mehr Menschen objektiv keine Chance mehr dazu bekommen. Ganz egal, wie weit man die Löhne drückt - Maschinen werden immer günstiger sein. Man kann die Automatisierung durch Lohndrückerei zwar verzögern, aber niemals aufhalten.

Politiker und Wirtschafts-Bosse wollen das nicht sehen, weil es ihnen ja immer noch prima geht. Bei Politikern wurden bislang keine Einschnitte gemacht (wie auch - die hätten sie ja selbst beschließen müssen, was sie natürlich nicht freiwillig tun werden), und auch unsere Spitzen-Manager kriegen immer noch Gehaltserhöhungen, die die des deutschen Durchschnittsverdieners weit übersteigen. Zwar verzichten sie zuweilen mal öffentlichkeitswirksam auf eine Gehaltserhöhung, aber hinter den Kulissen schanzen sie sich dann dafür still und heimlich doch wieder einen fetten Ausgleich zu.

Für die Leute an den Schalthebeln der Macht ist die Welt also vollkommen in Ordnung. Folglich neigen sie zu einer konservativen Haltung. Wenn sie sich nun aber klar machen würden, daß es so wie bisher nicht weitergeht, dann müßten sie konsequenterweise diese konservative Haltung aufgeben. Davor scheuen sie zurück, wie eben jeder Mensch erst einmal vor Veränderungen zurück scheut, vor allem, wenn es ihm prima geht und er durch Veränderungen womöglich etwas verlieren könnte.

Also hoffen sie, daß es schon irgendwie weiter gehen wird, zumindest solange sie noch in Ämtern und Würden sind. Und daß später immer noch genug Geld für die fette Pension da sein wird. Dem Volk erzählt man was von irgendeinem Aufschwung, der ja bald kommen würde, man versucht, aus der Situation noch möglichst viel zusätzliches Kapital zu schlagen, und ansonsten verfährt man nach dem Motto "nach uns die Sintflut".

Ich sehe es nicht so, daß es keinen Ausweg gibt. Wie du ja schon sehr gut dargestellt hast, besteht das Problem darin, daß immer weniger menschliche Arbeitskraft benötigt wird. Ist das aber wirklich ein Problem? Ist es wirklich so schlimm, wenn Maschinen den Menschen zunehmend gefährliche, schwere, ungesunde, eintönige und sonstwie lästige Arbeiten abnehmen?

Eigentlich ist das doch eine positive Entwicklung - nur im derzeitigen System wirkt sie negativ. Die Entwicklung kann man nicht wirklich aufhalten. Also gibt es nur eine Lösung: Das System muß geändert und dieser Entwicklung angepaßt werden.

Freundliche Grüße
von Garfield

Re: So'ne und solche Mütter

Odin, Tuesday, 14.09.2004, 23:23 (vor 7814 Tagen) @ Garfield

Als Antwort auf: Re: So'ne und solche Mütter von Garfield am 14. September 2004 13:53:06:

Wo sollen alle diese Mütter denn eigentlich arbeiten? Wo sind all die Jobs, mit denen ein Arbeitslosengeld-II-Empfänger die eigenen Lebenshaltungskosten finanzieren kann?

Du machst immer wieder denselben Fehler, indem Du "Arbeit" als konstante Größe ansiehst, die unveränderbar ist.
Z.B. wenn es mehr Geburten gibt, dann rechnest Du diese pauschal zu den Arbeitslosen, weil ja nur eine bestimmte Menge "Arbeit" da ist. Das ist aber falsch.
Im obigen Beispiel haben wir sagen wir mal 10% Arbeitslose. D.h., daß die Neugeburten erstmal sofort kosumieren und die Arbeitslosigkeit senken, später dann auch nur max (fals sich nichts ändert) zu 10% arbeitslos sind.

Dasselbe ist mit den Frauen, die auf den Arbeitsmarkt "müssen".
Erstmal nutzen sie wenig, weil sie eher im Niedriglohn arbeiten, es sei denn, sie nehmen einen 1-2 Euro-Job und können diese Mehreinnahmen in die Wirtschaft pumpen.
Sind sie im Niedriglohn-job, können sie natürlich nicht mehr Geld ausgeben als Vorher, aber der Staat ist imstande, die eingesparten Mittel wieder für Investitionen auszugeben. Das Problem derzeit ist ja, daß wir ARBEITSLOSIGKEIT finanzieren, nicht neue Arbeitsplätze - und das muß sich schnell ändern.
Danach wird das ganze zu Selbstläufer, da diese Frauen ja zwangsläufig nach besseren Jobs Ausschau halten (anstatt pralineessend auf der Couch zu liegen), die unteren Jobs wieder freimachen für neue usw.
Durch den dann einsetzenden vermehrten Konsum steigt eben auch die Wirtschaftskraft und neue Arbeitsplätze werden geschaffen.

Inzwischen ist es schon so weit, daß wir nur noch 1,5% Wirtschaftswachstum brauchen, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. Vor 5 Jahren waren es meines Wissens noch 2,5%
Das ist ein riesen Erfolg, nur müssen wir natürlich jetzt auch mal erst 1,5% erreichen.

Re: So'ne und solche Mütter

Garfield, Wednesday, 15.09.2004, 14:34 (vor 7814 Tagen) @ Odin

Als Antwort auf: Re: So'ne und solche Mütter von Odin am 14. September 2004 20:23:33:

Hallo Odin!

Daß das so nicht funktioniert, hat sich doch in den ersten Jahren nach der deutschen Wiedervereinigung deutlich gezeigt. Da gab es einen Bevölkerungszuwachs von über 17 Millionen Menschen und damit natürlich auch einen Konsumanstieg. Das schuf zwar neue Arbeitsplätze, aber eben viel weniger als gleichzeitig gestrichen wurden. Weil jede Produktionsstätte üblicherweise einen Kapazitätsüberhang hat, also normalerweise nie 100%ig ausgelastet ist. So ist es möglich, auf einen Nachfrageanstieg zu reagieren, ohne dafür neue Maschinen zu kaufen und ohne neues Personal einzustellen. Die vorhandenen Mitarbeiter arbeiten dann eben mal für einige Wochen oder auch Monate länger. Wenn die Nachfrage länger hoch bleibt, dann stellt man zwar neues Personal ein. Aber da man die Produktionskosten gering halten will, ist man natürlich bestrebt, so wenig Personal wie nur irgend möglich neu einzustellen. Deshalb hält sich die Zahl der neuen Arbeitsplätze auch dann in engen Grenzen. Und in Zukunft, wenn wir für dasselbe oder weniger Geld länger arbeiten müssen, wird man erst recht kein neues Personal mehr einstellen.

So hat dann auch nach der deutschen Wiedervereinigung insgesamt die Zahl der Erwerbslosen zugenommen. Das senkte dann zum einen die Kaufkraft wieder, und zum anderen wuchs die Belastung der Staatskasse.

Wenn man nun Arbeitslosengeld-II-Empfängern weniger zahlt, entlastet das die Staatskasse zwar. Aber durch den damit verbundenen Kaufkraft-Rückgang kommen dann auch weniger Steuern in die Staatskasse. Wenn nur die Kaufkraft der Arbeitlosengeld-II-Empfänger sinken würde, dann würde die Staatskasse unterm Strich natürlich trotzdem noch satt Plus machen.

Da sich Hartz IV aber auch auf das allgemeine Lohnniveau auswirken soll und wird, wird auch die Kaufkraft der abhängig Beschäftigten langsam aber sicher weiter sinken. So werden dann auch von der Seite weniger Einnahmen in die Staatskasse kommen. Nicht nur aus Umsatz- und Mehrwertsteuer, sondern auch aus Lohnsteuer, Sozialabgaben usw. Und das wird so gut wie nicht durch gleichzeitige Einsparungen ausgeglichen. Nur Arbeitslosengeld-Empfänger bekommen dann im Durchschnitt weniger Arbeitslosengeld. Da sie das aber in Zukunft ohnehin nur noch ein Jahr beziehen, ist zu befürchten, daß die Staatskasse in Bezug auf die abhängig Beschäftigten in Zukunft mehr Minus als Plus machen wird.

Man wird also Steuern und Sozialabgaben entweder weiter erhöhen, oder aber sparen müssen. Sparen wird man dann natürlich bei den Sozialhilfe- und Arbeitslosengeld-II-Empfängern, was die Situation weiter verschärfen und auch zu mehr Kriminalität führen wird. Diese Zunahme der Kriminalität wird dann für private Haushalte, Unternehmen und auch für die Staatskasse wieder zusätzliche Kosten bewirken. Was die Kaufkraft zusätzlich schwächen wird. Versicherungen werden teurer werden und deshalb vor allem für private Haushalte immer weniger erschwinglich sein. So wird die Staatskasse dann in dem Bereich auch immer geringere Einnahmen verzeichnen. Und die Versicherungen werden natürlich auch Personal abbauen...

Also wird man notgedrungen die Steuern und Abgaben ebenfalls erhöhen müssen, was die Kaufkraft weiter senkt, und so dreht sich die Abwärtsspirale dann munter weiter...

Das Problem besteht eben darin, daß die Unternehmen ja nun nicht anfangen, wie wild zu produzieren, weil sie damit rechnen, daß durch Hartz IV die Nachfrage eventuell steigen könnte. Deshalb werden sie natürlich auch keine zusätzlichen Mitarbeiter einstellen. Die Arbeitslosengeld-II-Empfänger werden bei der Jobsuche also zwangsläufig nicht erfolgreicher sein, nur weil sie nun weniger Geld vom Arbeitsamt bekommen.

Es kann natürlich sein, daß Frauen sich in Zukunft mehr um einen gut bezahlten Job bemühen werden. Da sie da durch Frauenquoten und durch weit verbreitete Klischees von weiblicher Überlegenheit häufig bessere Chancen haben als Männer, werden sie damit teilweise sogar erfolgreich sein. Und dann finden dafür eben ein paar Männer mehr keinen Job.

Das ist ja genau der Trend, den wir jetzt schon aus den Arbeitslosen-Statistiken deutlich entnehmen können: Während mehr Männer als Frauen arbeitslos werden, wächst der Anteil der neuen Jobs, die mit Frauen besetzt werden.

Und was Investitionen angeht: Der Staat muß zuallererst mal dafür sorgen, den in den letzten Jahrzehnten angehäuften Schuldenberg vielleicht mal wieder zu reduzieren. Da bleibt so oder so erst einmal wenig Geld für Investitionen übrig.

Und selbst wenn investiert wird, dann läuft das leider zuweilen so, daß hunderte Millionen gegen Schmiergelder an irgendwelche Luftikusse fließen, die dann schnell mit dem Geld verschwunden sind. Nicht jede Investition rentiert sich also. Und eine Investition, die sich nicht rentiert, reißt letztendlich nur ein weiteres Loch in die Kasse.

"Inzwischen ist es schon so weit, daß wir nur noch 1,5% Wirtschaftswachstum brauchen, um neue Arbeitsplätze zu schaffen."

Hm, nur woher kommen dann die Millionen von Arbeitslosen? Wir hatten doch auch in den letzten Jahrzehnten immer ein gewisses Wachstum.

Aber nehmen wir mal an, es wäre so: Wie kann die Wirtschaft eines Landes unbegrenzt wachsen? Das ist ganz und gar unmöglich. Es gibt immer eine Grenze, ab der einfach kein Wachstum mehr möglich ist. Das ist eine mathematische Tatsache. Man kann zwar darüber diskutieren, ob die deutsche Wirtschaft diese Grenze tatsächlich überall erreicht hat. Aber auch in Bereichen, wo die Grenze noch nicht erreicht ist, wird sie früher oder später erreicht werden. Und dann?

Freundliche Grüße
von Garfield


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