Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Die neueste Männer-Verarsche

Ekki, Friday, 10.09.2004, 17:41 (vor 7819 Tagen)

SPIEGEL ONLINE - 10. September 2004, 12:55
URL: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,317439,00.html

Neue Ekel-Soap auf Sat.1

Den Dicken machen - und viel Geld

Von Daniel Haas

Quäl- und Überwachungsshows sind Programm im deutschen Fernsehen. Wer den Kanal noch nicht voll hat, kann sich mit der neuen Sat.1-Soap "Mein großer dicker peinlicher Verlobter" amüsieren: Sportliche Blondine trifft auf unflätigen Riesen, um 500.000 Euro zu kassieren - die nächste Stufe der Niveau-Verschlankung ist erreicht.


Sat.1
Mareike und Gunnar: Zwei, die sich gefressen haben

"Dies ist die Villa, in der Träume wahr werden - oder Albträume", raunt Moderatorin Jessica Witte-Winter verschwörerisch. Ja, ja, Albträume, sehr gut! Jemand wird gequält, super! Das Fernsehen, diese ausgleichende Ungerechtigkeitsanstalt, kriegt alle dran, auch die blond-lässige Zahnarzthelferin Mareike, die im Fond der Limousine sitzt, auf dem Weg zu besagtem Domizil, und erklärt: "Ich bin nicht bereit, für Geld alles zu tun." Aber für eine halbe Million Euro drückt sie schon mal ein Auge zu, auch wenn sie dafür einen monströsen Dicken heiraten muss, der rülpst und furzt und mit wurstigen Fingern in unschuldigen Nutella-Gläsern wühlt.


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"Mareike hat keine Ahnung, was auf sie zukommt", unkt die Moderatorin weiter. "Sie muss ihre Familie und Freunde überzeugen, dass sie heiraten will. Einen Mann, den der Sender ausgesucht hat, und wenn die Beraut sich traut, dann gibt's 500.000 Euro!" Die Limo hält vor der Villa. Mareike, hochzeitsmäßig weiß gewandet, schreitet ins Foyer. Dazu Winter in bestem Verschwörerton: "Du hast den Mann noch nie gesehen. Ihr werdet zusammenwachsen müssen, euer Hochzeitstermin ist in neun Tagen. Ihr müsst deine Mutter, deinen Vater, deine Geschwister einladen, und sie müssen bis zur Hochzeit bleiben!" Tusch aus dem Off. "Und wenn nur einer abreist, dann ist die Kohle futsch!"

Schwer wiegende Aufgabe, massig viel Geld

Wir lernen also: Nichts ist umsonst, nicht mal im Fernsehen. Doch zunächst Erleichterung: Die Kandidaten entpuppen sich als Allzweck-Beaus, die lächeln, ihre Namen sagen und Verlobungsringe in die Kamera halten können. Herzschlagwummern aus dem Off - Mareike darf zwei der Schönen nominieren. Die Moderatorin, in deren mephistophelischen Charme sich allmählich die Härte des Lagerkommandanten mischt: "Das alles hat mit der Sendung gar nichts zu tun!"


Sat.1
Schauspieler-Kandidat Gunnar mit Traummännern: "Das alles hat mit der Sendung nichts zu tun"
Wow! Was für eine selbstreflexive Geste! Postmoderne, ganz nebenbei: Das Medium als Simulationsmaschine, in der nichts ist, wie es scheint! Winter, mittlerweile zu konspirativer Hochform aufgelaufen: "Hast du geglaubt, wir würden es dir so einfach machen?" Neinneinnein, natürlich nicht!, frohlockt der von Quäl- und Ekel-TV, von Kakerlakenböcks und Containerbrüdern gestählte Zuschauer. Geigengesäge im "Psycho"-Stil. "Hier kommt dein Kandidat!" Spot an: "Gunnar, der dicke, peinliche Verlobte!"

Was Mareike nicht weiß: Gunnar ist nicht wie sie gecastet, sondern als Schauspieler vom Sender verpflichtet worden. Der massige Mittdreißiger soll Mareike das Leben schwer machen - mit allem was zwischen Rülpsen, Schmatzen und der Verbreitung von Körpergasen in der Vorabendschiene als sendefähig durchgeht. Mit gut pubertärer Dreistigkeit furzt, schlabbert und mampft sich Gunnar deshalb durch den Abend. Eine erster Achtungserfolg wird schon vor dem Zubettgehen verbucht, wenn die schlanke Mareike in schärfstem Ton verkündet: "Lass die Finger vom Kühlschrank!"

Manieren oder Mammon

"Bin ich ein Schüler im Erziehungsheim?", fragt Gunnar am nächsten Tag verschlagen, und man weiß, wie diese Sendung enden wird: als Bloßstellungsshow, wo die vermeintlich heiratsschwindlerische Fachgehilfin zur spießigen Pädagogin abgewertet wird. "Es wird Zeit, dass wir die Schraube ein bisschen enger anziehen", droht die Moderatorin kurz vor der Werbepause. Anschließend verspricht ein Hautöl zielgruppengerecht straffere Haut - "ohne drastische Maßnahmen". Ach, wenigstens hier lässt man Gnade vor Unrecht walten.

Tag zwei startet mit den Königsdisziplinen öffentlicher Entgleisung: Tischmanieren und Anzüglichkeiten. Gunnar zerdeppert Vasen, schlürft Sekt in rauen Mengen und versaut den gemeinsamen Wellness-Nachmittag mit aufdringlichen Zoten. "Wie gut, dass ich jetzt nicht aufstehen muss, irgendwie spannt da was." - "Denk an was anderes." - "Ich denk an dich." Unter der Gürtellinie steigt die Quote, so das Kalkül auch hier.


Sat.1
Kandidatin Mareike: Erst das Fett abkriegen, dann die Kohle
Auftritt Winter, die mit hämischem Drall auf die Terrasse federt. (Sie muss einen Hausschlüssel haben, was konsequent ist bei einem Verschwörungsszenario, das die Allroundüberwachung des Container-Fernsehens mit der Lüsternheit von Herzschmerz-Shows verquirlt): "Ihr müsst euch jetzt eine Geschichte ausdenken, wie ihr euch kennen gelernt habt!"

"Liebe auf den ersten Blick", schlägt Gunnar vor. "Nö", sagt Mareike knapp. "Im Urlaub?" fragt Gunnar dickfellig weiter. "Urlaub? Hatte ich schon seit drei Jahren nicht mehr." - "Im Internet?" - "Hab ich erst seit Mai." Ein Hauch von Tristesse durchweht die Sendung: Weder Flirt noch Freizeit und lange Jahre ohne Netz. Die 500.000 Euro werden also dringend gebraucht, die Teilnahme am televisionären Heiratsschwindel muss - zahntechnisch gesprochen - als prophylaktisch gelten.

Überhaupt: Sind hier nicht einfach Realisten am Werk, die die Liebesehe, diese gut bürgerliche Erfindung des 19. Jahrhunderts, auf den Kehrichthaufen der Geschichte befördern? Bevor sich durch Industrialisierung und Verstädterung Haushalt und Arbeitsplatz trennten, wurde gemeinsam gewirtschaftet und dementsprechend auch der Partner gewählt. Lautet die Frage vielleicht deshalb nicht fies oder Fun, sondern Herz oder Hartz? Wer hätte keine Angst vorm kariösen System der Altersversorgung? Wen schreckte nicht, wie Millionen im Schlund des Aufbau Ost verschwinden? Mensch, Mareike, rufen wir ihr deshalb zu, halt durch mit dem Dicken, sonst ist vielleicht bald Schmalhans Küchenmeister!

Mein großer dicker peinlicher Verlobter
Noch sechs Folgen, immer donnerstags bei Sat.1, 20.15 Uhr.

Re: Die neueste Männer-Verarsche

Doc Schneider, Friday, 10.09.2004, 19:25 (vor 7819 Tagen) @ Ekki

Als Antwort auf: Die neueste Männer-Verarsche von Ekki am 10. September 2004 14:41:41:

Nach Aussagen von Leuten die die erste Folge gesehen haben wird da wohl eher die magere Zicke vorgeführt, als der Typ (Profi-Schauspieler mit Sympathie-Potenzial).

Also abwarten und erstmal Ball flachhalten.

Re: Die neueste Männer-Verarsche

Arne Hoffmann, Saturday, 11.09.2004, 02:50 (vor 7818 Tagen) @ Doc Schneider

Als Antwort auf: Re: Die neueste Männer-Verarsche von Doc Schneider am 10. September 2004 16:25:56:

Nach Aussagen von Leuten die die erste Folge gesehen haben wird da wohl eher die magere Zicke vorgeführt, als der Typ (Profi-Schauspieler mit Sympathie-Potenzial).

Ich hab´s gesehen (und mich gefragt, wie schnell das hier wohl Thema wird :-)) und bin derselben Ansicht. Das Mädchen wird vorgeführt, und das Klischee ist eher, dass (manche) Frauen für Geld alles tun. Es war vermutlich nicht ganz leicht, eine Kandidatin zu finden, die über jedes Stöckchen springt, das man ihr hinhält.

Die "Welt" urteilt unter http://www.welt.de/data/2004/09/09/329879.html:

"(...) Kann man sich vorstellen, dass eine junge Zahnmedizinstudentin, lange, blonde Haare, sehr gepflegtes, sehr beherrschtes Äußeres, schlanke Figur, gute Manieren, Rundumpaket ,gute Partie', dass so eine Studentin für eine halbe Million Silberlinge fast zwei Wochen lang ihrer Familie vorgaukelt, im klopsgewordenen Widerling den Traummann ihres Lebens gefunden zu haben - und das auch noch glaubhaft? (...) Weil Mareike erstens auf das Geld scharf ist und zweitens auf den Fernsehruhm, macht sie das, was RTL2- wie Arte-Zuschauer verblüffen wird: Sie sagt zu, als Kandidatin in der siebenteiligen Reihe mitzuspielen. (...) Die ahnungslose, aber gut erzogene Mareike hat ein schweres Los. Das sieht bei selbstbeherrschten Blondinen so aus: kaum Mimik, keinen Zoll laut, aber prononciert langsam artikuliert: "Darf ich mal sagen, dass ich das zeitweilig für eine Zumutung halte?" (...) Das ist sehr unterhaltsam, und man muss als Zuschauer kein bisschen Mitleid mit ihr haben: gut gebildet, gut situiert, soll sie doch Kronen polieren, wenn sie Geld braucht. (...) Schockierender, brutaler und aufklärerischer ist über die Abgründe moderner Mediengeilheit noch nicht berichtet worden. Und unterhaltsamer auch nicht."

Re: Die neueste Männer-Verarsche

Eugen Prinz, Saturday, 11.09.2004, 03:53 (vor 7818 Tagen) @ Arne Hoffmann

Als Antwort auf: Re: Die neueste Männer-Verarsche von Arne Hoffmann am 10. September 2004 23:50:49:

Schockierender, brutaler und aufklärerischer ist über die Abgründe moderner Mediengeilheit noch nicht berichtet worden. Und unterhaltsamer auch nicht."

Na, das Schema kommt mir bekannt vor. Die Kritik der Kritik der Kritik... Das ist auch ein Teil der großen Mediengeilheit ... oder der ultimative Beweis, dass man auch mit Scheisse viel Geld verdienen kann, egal ob man sie produziert oder kritisiert.

Herzlich grüßend, Eugen

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