Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

67114 Postings in 8047 Threads

[Homepage] - [Archiv 1] - [Archiv 2] - [Forum]

Straffreiheit für tötende Mutter

Uli, Thursday, 09.09.2004, 13:45 (vor 7818 Tagen)

Ein Beitrag aus dem Hamburger Abendblatt:

Doppelmord bleibt ungestraft
Familiendrama: Mutter erstach ihre Kinder. Warum sie dennoch auf freiem Fuß bleibt

Von Ulf B. Christen

Lübeck/Geesthacht - Die Mutter, die ihre beiden Kinder kurz vor Weihnachten 2003 in Geesthacht erstochen hat, wird nicht bestraft. "Wir haben das Verfahren wegen Totschlags eingestellt", sagte der Lübecker Oberstaatsanwalt Klaus-Dieter Schultz dem Hamburger Abendblatt. Die Rechtslage lasse nicht zu, dass die Frau ins Gefängnis oder in eine psychiatrische Klinik komme.

Die 32-Jährige hatte am 10. Dezember 2003 in der Wohnung ihrer Mutter im Hoogezand-Sappemeer-Ring ein Blutbad angerichtet. Mit einem Tranchiermesser metzelte sie ihre Tochter (15 Monate) und ihren Sohn (sechs Jahre) nieder. Danach rammte sie sich selbst mehrfach das Messer in die Brust. Ihr Bruder kam Minuten später in die Wohnung und alarmierte die Polizei. Die Frau überlebte und lag mehrere Tage im Koma.

Wie es zum Familiendrama kam, wurde erst acht Wochen später klar, als die Polizei die Täterin in der Klinik vernehmen konnte. Die Frau, die mit Mann und Kindern bei Lübeck lebte, war nach einem Ehekrach zu ihrer Mutter geflüchtet. Grund des Streits war das ständige Misstrauen der Frau. Die Eifersucht hatte nach Einschätzung von Gutachtern "krankhafte Züge". Psychologen halten es für möglich, dass die Frau im Rachewahn zum Messer griff, um ihren Mann bis an sein Lebensende zu bestrafen.

Die psychiatrischen Gutachten kommen zu dem Ergebnis, dass bei der Frau zur Tatzeit eine schwere Persönlichkeitsstörung vorlag. Das Strafgesetzbuch lässt der Staatsanwaltschaft hier keine Wahl: "Ohne Schuld handelt, wer . . . wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tief greifenden Bewusstseinsstörung . . . unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln." In solchen Fällen sei ein Täter "schuldunfähig", muss also weder Strafprozess noch Gefängnis fürchten. So kranken Tätern droht dafür eine Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt.

Einen solchen "Wegschluss" hat die Staatsanwaltschaft verworfen, weil die wichtigste Voraussetzung dafür fehle: Die Frau sei keine Gefahr für die Allgemeinheit. Die Gutachter glauben, dass bei dieser Form der Eifersuchtskrankheit nur die eigenen Kinder als Opfer in Betracht kommen. Es gebe keine Wiederholungsgefahr.

"Für die Staatsanwaltschaft ist der Fall abgeschlossen", sagte Schultz. Die Angehörigen der Kinder können aber Rechtsmittel gegen die Einstellung des Verfahrens einlegen und so möglicherweise doch noch einen Prozess erzwingen. Die Täterin lässt sich derzeit psychiatrisch behandeln - ambulant und freiwillig.

erschienen am 3. September 2004 in Norddeutschland

Re: Straffreiheit für tötende Mutter

Peter, Thursday, 09.09.2004, 18:23 (vor 7818 Tagen) @ Uli

Als Antwort auf: Straffreiheit für tötende Mutter von Uli am 09. September 2004 10:45:04:

So kranken Tätern droht dafür eine Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt.
Einen solchen "Wegschluss" hat die Staatsanwaltschaft verworfen, weil die wichtigste Voraussetzung dafür fehle: Die Frau sei keine Gefahr für die Allgemeinheit. Die Gutachter glauben, dass bei dieser Form der Eifersuchtskrankheit nur die eigenen Kinder als Opfer in Betracht kommen. Es gebe keine Wiederholungsgefahr.

Das ist ja unglaublich. Dieses Rechtssystem ist krank. Es kann und will Kinder offenbar nicht mehr schuetzen.

Peter

Re: Straffreiheit für tötende Mutter

Sven74, Thursday, 09.09.2004, 18:49 (vor 7818 Tagen) @ Peter

Als Antwort auf: Re: Straffreiheit für tötende Mutter von Peter am 09. September 2004 15:23:21:

Die Frau sei keine Gefahr für die Allgemeinheit. Die Gutachter glauben, dass bei dieser Form der Eifersuchtskrankheit nur die eigenen Kinder als Opfer in Betracht kommen. Es gebe keine Wiederholungsgefahr.

Das ist ja unglaublich. Dieses Rechtssystem ist krank. Es kann und will Kinder offenbar nicht mehr schuetzen.
Peter

Also mal angenommen sie hätte "nur" ein Kind ermordet, dann wäre sie also in die Klappsmühle gekommen, oder? Jetzt wo sie aber beide Kinder umgebracht hat, kann sie frei rumlaufen. In was für einer kranken Welt leben wir eigentlich, wo Frauen straffrei munter ihre eigenen Kinder töten können?

Es wird wohl langsam wirklich Zeit diese "Bananenrepublik" zu verlassen!

Sven74

Re: Straffreiheit für tötende Mutter

Jolanda, Thursday, 09.09.2004, 20:22 (vor 7818 Tagen) @ Uli

Als Antwort auf: Straffreiheit für tötende Mutter von Uli am 09. September 2004 10:45:04:

Hier fehlen mir ehrlich gesagt die Worte.

Eifersucht ist ein total niederes Motiv und warum darf sich eine Frau erlauben, deshalb ein psychisches Trauma zu haben, so was habe ich noch nie gelesen, wenn ein Mann aus Eifersucht getötet hat.

Es ist widerlich, wirklich. Aus Eifersucht die Kinder umzubringen und dann straffrei auszugehen, diese Ungerechtigkeit schreit zum Himmel.

Sie wollte ihn damit bestrafen, na klasse, die Kinder sind nun tot und sie kommt einfach so davon, mir fehlen echt die Worte.

Gruss
Jolanda

Re: Straffreiheit für tötende Mutter

Martin, Thursday, 09.09.2004, 21:14 (vor 7818 Tagen) @ Uli

Als Antwort auf: Straffreiheit für tötende Mutter von Uli am 09. September 2004 10:45:04:

Ich finde, das klingt alles ziemlich plausibel. Die zitierte Rechtsvorschrift könnte auf den Vorfall passen und muss von der Staatsanwaltschaft eingehalten werden. Ich sehe hier keine Parallele zu diversen Säuglings- und Partnertötungen aus durchsichtigen Motiven. Immerhin hat die Mutter versucht, sich selber um die Ecke zu bringen.
Martin

Re: Straffreiheit für tötende Mutter

Peter, Thursday, 09.09.2004, 21:39 (vor 7818 Tagen) @ Martin

Als Antwort auf: Re: Straffreiheit für tötende Mutter von Martin am 09. September 2004 18:14:40:

Ich finde, das klingt alles ziemlich plausibel. Die zitierte Rechtsvorschrift könnte auf den Vorfall passen und muss von der Staatsanwaltschaft eingehalten werden.

Darueber hinaus hat aber die Staatsanwalt darauf verzichtet, eine dauerhafte Zwangseinweisung in die Psychiatrie zu erreichen. Jetz scheint es so, dass die Frau ihre psychiatrische Behandlung jederzeit abbrechen kann. Ich will nicht mit meinen Kindern neben einer solchen Frau wohnen und halte das Verhalten der Staatsanwaltschaft fuer unverantwortlich.

Ich sehe hier keine Parallele zu diversen Säuglings- und Partnertötungen aus durchsichtigen Motiven.

Rache?

Gruss,

Peter

Re: Straffreiheit für tötende Mutter

Hetzi, Thursday, 09.09.2004, 21:55 (vor 7818 Tagen) @ Uli

Als Antwort auf: Straffreiheit für tötende Mutter von Uli am 09. September 2004 10:45:04:

"Für die Staatsanwaltschaft ist der Fall abgeschlossen", sagte Schultz. Die Angehörigen der Kinder können aber Rechtsmittel gegen die Einstellung des Verfahrens einlegen und so möglicherweise doch noch einen Prozess erzwingen. Die Täterin lässt sich derzeit psychiatrisch behandeln - ambulant und freiwillig.

Das ist vermutlich die einzige Hoffnung. Die Angehoerigen der Kinder koennen Rechtsmittel einlegen. Ich hoffe dass der Vater der Kinder genau das machen wird!

Link zum Hamburger Abendblatt

Re: Straffreiheit für tötende Mutter

Morb, Thursday, 09.09.2004, 21:56 (vor 7818 Tagen) @ Peter

Als Antwort auf: Re: Straffreiheit für tötende Mutter von Peter am 09. September 2004 18:39:08:

Ich finde, das klingt alles ziemlich plausibel. Die zitierte Rechtsvorschrift könnte auf den Vorfall passen und muss von der Staatsanwaltschaft eingehalten werden.

Darueber hinaus hat aber die Staatsanwalt darauf verzichtet, eine dauerhafte Zwangseinweisung in die Psychiatrie zu erreichen. Jetz scheint es so, dass die Frau ihre psychiatrische Behandlung jederzeit abbrechen kann. Ich will nicht mit meinen Kindern neben einer solchen Frau wohnen und halte das Verhalten der Staatsanwaltschaft fuer unverantwortlich.

Ich sehe hier keine Parallele zu diversen Säuglings- und Partnertötungen aus durchsichtigen Motiven.

Rache?
Gruss,
Peter

Leider läuft die ganze Diskussion in die völlig falsche (vom Feminismus vorgegebene und von Presse / Justiz spurtreu verfolgte) Richtung.

Für den Mord an einem Kind KANN und DARF es keinen Grund (im Sinne einer Rechtfertigung) geben.

Schon die Frage nach einem Grund impliziert, dass es einen solchen geben könnte.

Die Tat ist so zu ahnden, wie bei Männern als Täter schon immer praktiziert: Gefängnis oder Psychatrie.

Sonst nichts.

Gruß
Morb

Stimmt soweit. Nur...

Martin, Friday, 10.09.2004, 00:05 (vor 7818 Tagen) @ Morb

Als Antwort auf: Re: Straffreiheit für tötende Mutter von Morb am 09. September 2004 18:56:01:

es gibt ja verschiedene Tötungsdelikte. Ein Mord setzt Planung, Heimtücke und niedere Beweggründe voraus. Eine Attacke aus einer (tatsächlichen!) Situation der Schuldunfähigkeit im Zustand der Umnebelung ist wohl kein Mord in dem Sinne. Aber natürlich wäre dann die Psychiatrie angemessen. Bei Männern habe ich in der Tat bei Tötungsdelikten auch schon von Zwangseinweisungen gehört, aber noch nicht von erstklassigen Freisprüchen ...

Re: Straffreiheit für tötende Mutter

Nick, Friday, 10.09.2004, 02:47 (vor 7817 Tagen) @ Sven74

Als Antwort auf: Re: Straffreiheit für tötende Mutter von Sven74 am 09. September 2004 15:49:07:

"In was für einer kranken Welt leben wir eigentlich, wo Frauen straffrei munter ihre eigenen Kinder töten können?

Kultur des Todes![/u]

Die Phänomene hängen miteinander zusammen. Solche Wahnsinnsurteile gedeihen nunmal in einem "ethischen" Klima, in dem die "license to kill" auf anderen Gebieten schon längst fest installiert ist und von den Allermeisten widerspruchslos hingenommen wird.

Es wird bei uns doch längst peu à peu als völlig "normal" empfunden, daß bestimmte Menschen das Recht haben, andere Menschen umzubringen, wenn sie ihnen lästig sind. Ganz besonders "dürfen" Frauen längst ihre Kinder umbringen, wenn die zu viel "stören" würden...

Alle vier Minuten wird ein Kind getötet: straffrei, munter, hemmungslos!
Alle 4 Minuten wird ein Kind abgetrieben - über 130000 pro Jahr.
Sowas setzt nun einmal Maßstäbe, die sich im Unterbewußtsein fest als eine Art Richtgröße verankern.

Wir weden uns auch daran gewöhnen, daß Frauen, wenn sie sauer sind und ihren Mann "bestrafen" wollen, eben ihre Kinder umbringen: in ein paar Jahren empfindet man das ganz bestimmt auch als "völlig normal".

Man hat sich schließlich auch ganz fix an die alten Menschen gewöhnt, die jetzt in Holland mit dem Kärtchen in der Brieftasche rumlaufen müssen, auf dem steht: "Doktor, mach mich nicht tot!" Sonst kann es ihnen nämlich passieren, daß sie aus Gründen der Urlaubsplanung von ihren Angehörigen zum Einschläfern eingeschickt werden. Das läuft doch längst so, wir hatten hier kurz darüber diskutiert.

Regt sich darüber jetzt noch einer besonders auf? Oder ist es nicht schon längst als "Fakt abgespeichert" und verankert:
"Na und? In Holland werden eben alte Leute umgebracht. So what?"

Wer hat sich jetzt beim Lesen meiner Zeilen z.B. "noch" spontan aufgeregt?
Wer hat vielleicht eher gedacht: "Der schon wieder, mit seinem dauernden Geschrei wegen dem bißchen Leben von anderen Leuten!"?

Würde mich echt mal interessieren, was so die ganz spontanen Reaktionen im Einzelfall gewesen sind.
Welche Wirkung hat so eine dauernde Breitbandberieselung mit einem ethischen Schocker nach dem anderen auf die Seelen der Menschen?

Fragt
der Nick

Re: Straffreiheit für tötende Mutter

Christian, Friday, 10.09.2004, 21:39 (vor 7817 Tagen) @ Uli

Als Antwort auf: Straffreiheit für tötende Mutter von Uli am 09. September 2004 10:45:04:

Tja, die Lobby der Frauen weitet sich immer mehr aus und haben die Justiz voll im Griff! Du kannst dir sicher sein, wenn ein Vater die gleichen Voraussetzungen geschaffen hätte wie diese Mutter, dann würde der Mann erst für mehrere Jahre ins Gefängnis wandern und danach in eine psychiatrische Klinik mit anschliessender Sicherheitsverwahrung eingewiesen werden und das aufgrund nur wegen seines Geschlechts!
Und die MEDIEN schweigen weiterhin und zeigen keine Zivilcourage!

meint,
Christian

Re: Straffreiheit für tötende Mutter

Magnus, Saturday, 11.09.2004, 02:56 (vor 7816 Tagen) @ Nick

Als Antwort auf: Re: Straffreiheit für tötende Mutter von Nick am 09. September 2004 23:47:50:

Hallo Nick,

Alle vier Minuten wird ein Kind getötet: straffrei, munter, hemmungslos!
[quote]Alle 4 Minuten wird ein Kind abgetrieben - über 130000 pro Jahr.
[/quote]

Viele Menschen sehnen sich nach Frieden, wollen keinen Krieg - doch:
Wie soll eine Spezies Frieden untereinander schaffen, die Waffen zum Schweigen bringen und die Kriege abschaffen, wenn sie es als legetim betrachtet, die eigenen Nachkommen, die eigenen Kinder, vorgeburtlich zu töten?

Ich gebe dir recht. Alles hängt zusammen. Und es wird noch schlimmer, denn es ist ein schleichender Prozess der Veränderung, für den es keinen Befreiungskrieg wie z.B. bei der Sklaverei geben kann.

Magnus

Re: Straffreiheit für tötende Mutter

Nick, Saturday, 11.09.2004, 06:31 (vor 7816 Tagen) @ Magnus

Als Antwort auf: Re: Straffreiheit für tötende Mutter von Magnus am 10. September 2004 23:56:53:

Lieber Magnus!

Du schreibst: "Ich gebe dir recht. Alles hängt zusammen. Und es wird noch schlimmer, denn es ist ein schleichender Prozess der Veränderung, für den es keinen Befreiungskrieg wie z.B. bei der Sklaverei geben kann."

Ja, alles hängt mit allem... genauer: alles hängt mit uns zusammen! Denn wir sind frei! So vollkommen frei, wie es das niemals zuvor gegeben hat. Deshalb sind wir auch nicht die Opfer, sondern die Täter, und zwar die alleinigen Täter. Wir werden ja nicht etwa despotisch unterdrückt. Es gibt keinen Tyrannen, dessen Willen wir unterworfen wären. Wir selbst entscheiden in freiem Diskurs, wie wir leben wollen.

"Wir" - das ist diese anonyme, amorphe, deprivierte und primitivierte, nur auf sich selbst bezogene Masse Mensch, die blind ihren Mehrheitswillen sucht und findet und ihn ebenso blind durchsetzt. Wenn sich nur eine genügend große Zahl von Menschen entschließt, alte Regeln abzuschaffen und neue zu "erfinden", dann geschieht das so, dann wird das so gemacht. Feminismus ist ein (ein!) Beispiel dafür, wie sich solche ideologischen Walzen entwickeln.

Aber wir allein verantworten, was wir uns "ausdachten", niemand sonst. Was wir heute erleben, das hat schließlich eine Mehrheit so beschlossen (und tut es weiter, Tag für Tag), hat es sich ausgedacht, hat es durchgesetzt, hat damit experimentiert, hat zugestimmt: "Wir bauen uns eine neue, eigene, selbstbestimmte, bessere Menschenwelt nach eigenem Geschmack!"

Wir sehen, wie gründlich das mißlingt. Jeder wird so zum Feind des Andern. Übergeordnete Regeln gibt es keine mehr, letzte Reste davon werden hinweggefegt, jahrtausendelang erprobte Instanzen, die Sinn und Maß geben, werden zerrieben. Wir erleben, wie selbst die "Herrschenden" Sklaven ihrer Sachzwänge sind, denen sie hilflos erliegen (z.B. am unaufhaltsamen Niedergang der Kanzlerpartei SPD; wenn man's "ökonomisch" sehen will: wirtschaftlicher Niedergang, Pleiten von Weltkonzernen, Weltwirtschaftskrisen...)

Das moderne Zauberwort heißt "Interessen". Die Frage lautet heute nicht mehr: "Was hat einen Wert? Warum hat es diesen Wert? Welchen Rang hat er in der humanen Wertehierarchie? In welchen Spannungen steht er zu anderen Werten? Etc. pp." - sondern die Frage lautet: "Was ist mein Interesse? Wie setze ich es durch? Mit wem gerate ich dabei in Konflikt? Wie entscheide ich solche Konflikte in meinem Sinn?" - Früher nannte man sowas mal Barbarei.

Das Erste hat man gelernt, "Unfreiheit" zu nennen, denn es schränkt ja tatsächlich die individuelle Freiheit ein! Bedeutet es doch z.B. auch Verzicht aus Einsicht, Hintanstellen eigener Wünsche um höherer Werte willen, Abhängigmachen des eigenen Tuns von außer mir liegenden Bedingungen, vom Anderen, von meinem Nächsten... all dieses "altmodische" Zeug eben. Ich persönlich nenne das die "Kultur der Liebe".

Das Zweite aber bedeutet in den Augen der Mehrheit "Freiheit". In ihrer vollkommenen Bedeutung lautet sie: "Ich kann machen, was ich will!" Und nun erleben wir, daß, weil das jeder so macht, wir in einem ultimativen Gefängnis gelandet sind, das keine Ausgangstür besitzt. Wohin denn auch? Es ist, wie du sagst: wir versinken in einer Sklaverei, gegen die es keinen Befreiungskampf gibt. Und warum ist das so? Weil wir uns von uns selbst befreien müßten.

Meine These lautet: wir gehen zugrunde an unserer Freiheit - weil es nämlich eine naive, verkehrte, illusorische Freiheit ist. Das individualistische Freiheitsideal, also das ungehinderte "Streben nach Glück" (individuellem Glück!), denkt auch immer nur die individuelle Seite der Freiheit, vertraut darauf, daß sich "der Rest" schon von allein ergeben wird - und übersieht, daß es das notwendige Wertefundament, auf dem allein individuelle Freiheit denkbar ist, nicht selber "erschaffen" kann, sondern verläßlich vorfinden muß.

Der Mensch soll nur noch frei sein VON "Fremdbestimmung", Pflichten, Regeln, die ihn einengen, Grenzen, die ihm als Mensch von Natur aus gesetzt sind usw. Aber niemand will akzeptieren, daß zur Freiheit nunmal zu allererst das Erkennen und Beachten der dem Menschen vorgegebenen Grenzen gehören muß, einfach deshalb, weil nur sie der einzig denkbare Rahmen jeder realen Freiheit sein können - eben weil sie vorgegeben sind, d.h. vor dem Menschen liegen, bevor er überhaupt Mensch ist (bzw. überhaupt erst dazu werden kann). Niemand denkt mehr daran, WOZU man denn eigentlich frei sein will, für welche Ziele, welche Wahrheit, welche Werte, welchen Sinn... und mit welchem Ziel? Dabei waren genau diese Fragen aber überhaupt der Impuls dafür, nach menschlicher Freiheit zu streben.

Grenzenlose "Freiheit" ist somit paradoxerweise zum Synonym für die äußerste, finale Sklaverei geworden. Das ist die grinsende Dialektik unserer jüngeren Geschichte, mit deren Ergebnis und Konsequenz wir jetzt mehr und mehr konfrontiert werden. Kompromißlose Einsicht in diese Zusammenhänge, ernsthafte, schonungslose Einsicht und entschlossene Umkehr, wären die zwingende Konsequenz. Sie wird gleichwohl nur von Einzelnen gezogen. Die Gesellschaft als Ganzes - die Mehrheit eben - ist nicht mehr zu retten: wegen ihrer freiwilligen Entscheidung zur Sklaverei unter dem Joch des puren "Ich".

Was sich in diesem immer bewußtloser werdenden Brei von "Freiheit" und seiner weiteren, schleichenden Entwicklung noch herausbilden wird, das kann einen nur mit nacktem Grauen erfüllen! Denn es wird keine Grenzen für nichts mehr geben.

Das nenne ich die Logik der "Kultur des Todes".

Gruß vom
Nick

powered by my little forum