Mariam Lau: Warum der Feminismus mausetot ist (29.6.2004)
Re: Mariam Lau: Warum der Feminismus mausetot ist (29.6.2004)
Als Antwort auf: Mariam Lau: Warum der Feminismus mausetot ist (29.6.2004) von Sam am 07. September 2004 22:32:51:
Hallo Sam
http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2004/06/29/drb_0719.mp3
(Text: http://www.dradio.de/dlr/sendungen/feuilleton/281020/)
Mariam Laus Text kann ich weitgehend zustimmen; ihre Charakterisierung am konkreten Beispiel der Haltung Alice Schwarzers zu den Vorkommnissen in Abu Ghraib halte ich fuer voellig zutreffend. In einem Punkt muss ich ihr allerdings widersprechen; sie schreibt:
'Gelegentlich fragt man sich, wie es kommt, dass der Feminismus so mausetot ist, jedenfalls jenseits der akademischen Milieus und der Etatberatungen für Frauenbeauftragte.[...] Der Feminismus ist tot, weil er auf die Komplexität der aktuellen Lage immer nur mit schematischen Abwehrgefechten reagiert, die für die Intelligenz des Publikums eine Beleidigung sind.'
Die Erklaerung, weshalb der Feminismus tot ist und die Aussage, dass er aber in akademischen Milieus noch lebt, lassen, oberflaechlich gesehen, wenig schmeichelhafte Rueckschluesse ueber die Intelligenz in ebendiesen akademischen Milieus zu. Ich glaube, wir muessen da schon verschiedene Feminismen voneinander unterscheiden, um ihm gerecht werden zu koennen.
Es gibt einen akademischen Feminismus (z.B. Katharina Rutschky), der gewiss einige sehr interessante Ansaetze aufweist. Deren Vertreter bedienen sich allerdings einer derart unverstaendlichen Sprache, dass er in der Oeffentlichkeit kaum wahrgenommen wird; diese feministische Stroemung beschraenkt sich fast ausschliesslich auf jene akademischen Milieus, von denen Frau Lau schreibt. Typischer Fall von Akademikern, die in ihrem intellektuellen Kokon sitzen und nicht daraus ausbrechen koennen oder wollen. Eine der wenigen Ausnahmen ist hier Esther Vilar, die mit allgemeinverstaendlichen Worten und trotzdem genuegend logischer Schaerfe Gesellschaftssituationen beschrieb und gerade dadurch eine der dezidiertesten Kritikerinnen des Mainstream-Feminismus wurde. Gesellschaftlich gesehen, ist der akademische Feminismus weitgehend irrelevant, mit Ausnahme jener Teile, welche in die Ideologie der Mainstream-Feministen passen und deshalb von ihnen fuer die Allgemeinheit in eine verstaendliche Sprache 'uebersetzt' werden; in diesem Sinne ist der akademische Feminismus in seiner ureigenen Form tatsaechlich in den weitaus meisten (nichtakademischen) Gesellschaftsschichten tot - er hat dort gar nie 'gelebt'.
Der Feminismus, von dem Mariam Lau hauptsaechlich schreibt, bezeichne ich als den 'Mainstream-Feminismus' (man koennte ihn auch Populaerfeminismus nennen) und ist tatsaechlich eine Beleidigung fuer die Intelligenz des Publikums. Dieser Feminismus ist jedoch - und hier zweifle ich Frau Laus These an - keineswegs tot; ansonsten gaebe es kaum Foren wie dieses hier. Die Macht des Mainstream-Feminismus gruendet sich v.a. auf Emotionen in bestimmten gesellschaftlichen Problemfeldern, und gerade in der Manipulation jener Emotionen sowie in der darauf aufbauenden Einfuehrung von frauenzentrierten Gleichstellungsstellen und frauenfreundlichen und -schuetzerischen Massnahmen zeigt sich, dass diese Ideologie nach wie vor quicklebendig ist.
Gruss
Maesi