Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Leyendecker und die Leiden der Frauen

Texaco, Wednesday, 25.08.2004, 22:58 (vor 7834 Tagen)

Ich habe vor kurzem in einem neuen Buch über die Vorbereitung des Irak-Kriegs gestöbert. Geschrieben hat es Hans Leyendecker, der eine kleine Berühmheit ist. Er gilt als einer der wenigen investigativen Journalisten in Deutschland, war (glaube ich) an der Aufdeckung des Flick-Skandals beteiligt, und auch an der des (neuen) CDU-Spendenskandals. Das Buch enthält nichts Sensationelles, nichts was man nicht woanders schon lesen konnte, aber es handelt ja auch von den USA. Es zeichnet die Drohszenarien und gefälschten Beweise nach, mit denen die Weltöffentlichkeit auf den Krieg vorbereitet wurde, und es enthält Portraits der Hauptpersonen rund um den derzeitigen US-Präsidenten und aus dem neokonservativen Think Tank "Projekt für ein neues amerikanisches Jahrhundert" (PNAC).

Einige Randbemerkungen des Autors sind mir aufgefallen, die auch nichts Sensationelles sind, aber trotzdem etwas über ihn verraten. Und zwar über die blinden Flecken eines um diese Demokratie mit Sicherheit verdienten Mannes.

1. Er geht selbstverständlich davon aus, daß es den afghanischen Frauen ganz bitter ergeht. Steinigungen, Vergewaltigungen etc. In seiner kritischen Sicht ist den USA das jedoch egal - sie paktieren auch mit afghanischen Teufeln, um ihre eigenen Ziel zu erreichen.

2. Er erwähnt, daß im Dunstkreis der amerikanischen Neocons auch gefordert wurde, nach Clintons Abtritt die Öko-Spinner und Femi-Nazis aus der Regierung zu entfernen - so als seien Feministinnen, die um Gleichberechtigung kämpfen Nazis.

Hierzu muß man wohl sagen: Die Abscheu über Leute, wie man sie z.B. auf mensnewsdaily findet - ich teile sie - verbaut dem guten Mann wohl die Sicht. Denn wie sonst könnte man es einfach glauben, daß Feministinnen um Gleichberechtigung kämpfen? Jedenfalls wenn man es sich angewöhnt hat, die Dinge zu hinterfragen, was bei Leyendecker berufsmäßig der Fall ist.

3. Einmal aufmerksam geworden, sah ich mir die Portraits ein wenig an. Man vergleiche z.B. mal das von Powell oder Wolfowitz mit dem von Rice. Bei den Männern streicht Leyendecker ihre Härte bzw. Rücksichtslosigkeit heraus, selbst die Powell-Doktrin wird noch Ausdruck dessen. Bei Rice zeichnet er das Bild eines hochbegabten, fleißigen und musischen Mädchens, das sich selbstbewußt bis an die Spitze gearbeitet hat. Erst nach dem 11. September schwenkt sie auf einen Kurs ein, den sie dann zur neuen Sicherheits-Doktrin der USA macht, Präventivschläge inklusive. Lobend wird erwähnt, daß sie den größten Einfluß auf den Präsidenten hat, von seiner Ehefrau einmal abgesehen. (Michael Moore hat Bush einmal ein Riesenbaby genannt. Jetzt kennen wir die Mütter, die die Politik machen.)

Unterm Strich bleibt eine erstaunliche selektive Blindheit des Autors. Das ist ziemlich enttäuschend. Vielleicht gehört der Mann zu einer Generation, die "Emanzipation" für richtig befunden hat, ohne selbst je die Auswirkungen des Feminismus spüren zu müssen. Jedenfalls ist der Mann weder feige, noch behäbig, noch dumm. Trotzdem an diesen Stellen nicht der Hauch eines Zweifels, ja nicht mal Enthaltsamkeit. Ermutigend ist das nicht.

Re: Leyendecker und die Leiden der Frauen

Garp, Wednesday, 25.08.2004, 23:22 (vor 7834 Tagen) @ Texaco

Als Antwort auf: Leyendecker und die Leiden der Frauen von Texaco am 25. August 2004 19:58:01:

Hallo,

<i/>Vielleicht gehört der Mann zu einer Generation, die "Emanzipation" für richtig befunden hat, ohne selbst je die Auswirkungen des Feminismus spüren zu müssen. [/i]

Genau dies habe ich auch schon oft gedacht. Besonders sind es Männer, die selbst ganz oben auf der Gesellschaftspyramide stehen und sich als Alibi für ihre extrovertierte Stellung den Feminismus als Schutzschild gewählt haben. Seht her: Ich bin gar nicht so böse, ich fördere auch Frauen.
Fast nie findet man männliche Feministen in den unteren sozialen Schichten.
Kein Wunder. Denn sie können mit angeblichen männlichen Privilegien wenig anfangen.

Grüße
Garp

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