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JUDITH BUTLER – EIN SOHN IHRER ZEIT

Wolfgang, Tuesday, 24.08.2004, 18:29 (vor 7835 Tagen)

Einige haben den Streit um die "27 Geschlechter der Chinesen und der Sprache" nicht verstanden. Damit ihr wißt, worum es ging, und mit wem ihr es zu tun habt:

Versuch über die Verwirrung der Geschlechter

Von Hegel stammt der Satz, „Philosophie ist ihre Zeit in Gedanken gefaßt“. Dieses merkwürdige Diktum besagt einerseits, daß Philosophie ihre eigene Gegenwart gedanklich durchdringt und so deren „Wahrheit“ offenlegt. Gleichzeitig besagt das Diktum aber auch, daß keine Philosophie und keine Theorie „über ihre gegenwärtige Welt“ hinausgehen kann (Hegel 1970: 26). Philosophie (und – weiter gefaßt – jede Form von Theorie) ist also ein Spiegel der geschichtlichen und gesellschaftlichen
Verhältnisse, in denen sie entstanden ist.

Wenn ich im folgenden auf Judith Butler eingehe, so will ich dies – wenn auch nicht in einem streng dialektischen Sinn – aus der Perspektive von Hegels Diktum tun. In einem ersten Schritt werde ich Butler hinsichtlich der „philosophischen Pointe“ ihrer Theorie darstellen und dann in einem zweiten Schritt die Darstellung zu der Frage zurückführen, unter
welchen Bedingungen eigentlich eine solche Theorie entstehen kann. Ich werde also versuchen, die Theorie Butlers noch einmal zeitdiagnostisch zu lesen: Was sagt das, was Butler über die Geschlechter
sagt, über Butlers „Geschlecht“ aus? In einem Appendix werde ich dann noch einen kleinen Part über das Internet einfügen und fragen,
warum Judith Butler eigentlich keine Cyberfeministin geworden ist.

1. Feminismus in Schwierigkeiten

Judith Butlers Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“ hat zu Beginn der neunziger Jahre in der feministischen Diskussion heftige Debatten ausgelöst. Das lag daran, daß Butler einen neuralgischen Punkt in der feministischen Diskussion getroffen hatte. Schon seit langem herrschte nämlich ein gewisser Zweifel an den Kategorien „Frau“ und „Mann“ im feministischen Diskurs. In einer Art „doppelten Buchführung“ hatte der Feminismus die Geschlechtsidentität „Frau“ einerseits als ideologisch (weil patriarchalen Vorstellungen entstammend) denunziert, die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ aber gleichzeitig als bedeutsame und fixe Grundlage des eigenen Denkens vorausgesetzt (vgl. Roedig 1992). So ergab sich das zweischneidige Unternehmen, daß feministische Theorie sich über eine Kritik am Modell „Frau“ etablierte, aber mit dieser Kritik auch immer schon Gefahr lief, sich selbst den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Dennoch: Ein Feminismus ohne den Begriff „Frau“ schien – bisher – schlechterdings undenkbar.

Kritik am Identitätsdenken und die sprachliche Herstellung von Wirklichkeit

Butlers zentrales Anliegen war es, den Feminismus in politischer wie in theoretischer Hinsicht von seinem Rückgriff auf scheinbar notwendige Identitätsvorstellungen abzukoppeln bzw. zu einem anderen Umgang mit Identitätskategorien zu bewegen. Was ist gegen ein Identitätsdenken und folglich gegen eine Identitätspolitik unter dem Label „Wir Frauen“ einzuwenden? Schlicht gesagt: die Idee von Unveränderlichkeit, Ursächlichkeit und ‚Substantialität‘, die mit diesem Denken verbunden ist.
Butlers Ausgangspunkt und Hauptargument ist sprachtheoretisch. In dem Geflecht von pragmatischen, strukturellen, normativen und philosophisch-theoretischen Argumenten, die sie gegen Identität ins Feld führt, gibt es einen grundsätzlichen Kern: Sie kehrt – in Anlehnung an Nietzsche,
Foucault und die postmoderne Zeichentheorie – unser Verständnis von Sprache um. Normalerweise gehen wir davon aus, daß ein Begriff etwas bezeichnet, daß er auf etwas verweist. Wir glauben z.B., daß die reale Existenz der Frauen Ursache des Begriffs „Frau“ ist; daß der Begriff
„Frau“ die realen Frauen beschreibt und in gewisser Weise abbildet.
Genau dieser Glaube an den Abbild- bzw. Ausdruckscharakter führt jedoch in die uns allen bekannten Schwierigkeiten: Der Begriff „Frauen“, sagt Butler, kann „niemals das vollständig beschreiben...,
was er benennt“ (Butler 1995: 286). Der Allgemeinbegriff „Frau“ kann die konkrete Vielfalt der „weiblichen“ Individuen nicht erfassen. Und umgekehrt, entsprechen die realen Frauen (bei Stellenbesetzungen z.B.) nie den Erwartungen, die wir an sie „als Frauen“ stellen. Kurz und
gut, Begriff und Realität passen nicht zusammen, und wir wissen zwar (in den meisten Fällen), wer eine Frau ist, können aber nicht angeben, was „Frausein“ überhaupt ausmacht. Vielleicht erliegen wir, wenn wir von Frausein oder Mannsein sprechen, ja einer Täuschung der Grammatik.
Die eigentliche Pointe in Butlers Argumentation besteht nun darin, die beschreibende Funktion der Begriffe in Frage zu stellen. Sprache, so lautet die These, beschreibt nicht eine Realität, sie stellt
die Realität mit ihrer Benennung zuallererst her. Butler bezieht sich hier auf die Tatsache, daß es für uns keinen unmittelbaren Zugang zu den Gegenständen der Welt geben kann; wir wissen von
Dingen, wir erkennen die Dinge nur, weil wir sie benennen. Es wäre sinnlos zu fragen, was eine Frau „an sich“ ist, da „Frausein“ immer nur in unseren begrifflichen Vorstellungen von Frausein erscheint und nur durch diese Vorstellungen bestimmt ist. Es gibt also gar keine Frauen vor dem Begriff „Frau“. Sprache ist „performativ“, d.h. im sprachlichen Akt wird zuallererst das geschaffen, wovon die Rede ist, und es ist eine Täuschung zu glauben, daß das, worauf sich die Sprache bezieht, „vor“ der Sprache schon da gewesen wäre.

Die Idee einer sprachlichen Erschaffung von Wirklichkeit ist nicht neu. Neu, oder zumindest erstaunlich, ist allerdings die Konsequenz, mit der Butler die Diskurse als sich materialisierende Akte begreift. Die Radikalität ihrer Thesen ergibt sich daraus, daß sie den herstellenden Charakter von Sprache als ein Seinsgesetz der sozialen Prozesse interpretiert und damit auch die Herstellung von Geschlecht erklärt. Geschlecht – und diese Aussage ist einleuchtend – existiert nicht einfach,
es muß immer wieder hergestellt, realisiert werden. Geschlechtsidentität ist „eine Art ständiger Nachahmung, die als das Reale gilt“ (Butler 1991: 8), sie ist ein Effekt, der durch die „Stilisierung des Körpers erzeugt wird“ (Butler 1991: 206), sie ist die permanente Wiederholung einer Regel,
einer Norm. Das ist mit dem vielzitierten doing gender gemeint. Wir ahmen Bilder nach, zu denen es eigentlich kein Original gibt, aber in der Nachahmung entsteht genau das, was wir nachahmen.

Die Herstellung von Identität durch Ausschluß

Indem Butler die Beschreibungsfunktion der Sprache bestreitet und durch Performativität (also eine Herstellungsfunktion) ersetzt, löst sie die Trennung von Zeichen und Bezeichnetem (bzw. Referenten) auf. Sprache verweist nicht auf etwas anderes als sich selbst, sie repräsentiert nicht etwas, das hinter ihr liegen würde. Damit steht Butler in der postmodernem Tradition, die – mit Bezug auf die Zeichentheorie Ferdinand de Saussures – die Bedeutung eines sprachlichen Zeichens nicht über das definiert, was es bezeichnet, sondern über Differenz der Zeichen untereinander (omnis determinatio negatio).

Diesen Aspekt hat Butler vor allem in ihrem zweiten großen Buch Körper von Gewicht aufgenommen und mit einem starken ethischen Impuls verbunden, indem sie die These vertritt, daß (Geschlechts-) Identitäten sich über Ausschlüsse herstellen: „Die Bildung eines Subjekts verlangt
eine Identifizierung mit dem normativen Phantasma des ‘Geschlechts’ [sex], und diese Identifizierung findet durch eine Zurückweisung statt, die einen Bereich des Verwerflichen schafft, eine Zurückweisung,
ohne die das Subjekt nicht entstehen kann“ (Butler 1995: 23).
Im Klartext heißt das: Ein Körper wird als männlich oder weiblich qualifiziert, wenn er bestimmte Bedingungen erfüllt, d.h. wenn bestimmte Merkmale an ihm nicht auftreten. In diesem Sinn ist Geschlecht (sex) immer an eine (Körper-)Norm gebunden. Ein Mann ist, wer keine Brüste hat,
bzw. eine Frau ist, wer keinen Penis hat etc. Auch die Ordnung der Heterosexualität bildet sich zuallererst über den Ausschluß und das „Verwerflichmachen“ anderer Begehrensrelationen wie z.B.
der Homosexualität.

In der Rede vom „Ausgeschlossenen“, „Verworfenen“ kommt Butlers eigene ethische Vorstellung zum Ausdruck, denn Ausschlüsse sind meist als gewaltsame Akte begriffen, die hegemoniale Machtverhältnisse etablieren und einem radikaldemokratischen Ideal zuwiderlaufen. Daher optiert
Butler immer für eine Verflüssigung von Grenzen, für eine möglichst weitgehende Inklusion der „verworfenen“ Identitäten.

Die Herstellung von sex in gender

Mit dem oben beschriebenen Argument der sprachlichen Herstellung von Realität stellt Butler nun auch die Zweigeschlechtlichkeit Mann/Frau in Frage, die wir ja gemeinhin für notwendig halten, weil wir sie auf die Existenz zweier verschiedener natürlicher Geschlechtskörper zurückführen.
Schon seit längerem gibt es – gestützt durch enthnologische, historische und empirische Untersuchungen – Zweifel an der „Natürlichkeit“ und Universalität der Zweigeschlechtlichkeit (s. Hagemann-White 1984, 1988; Haraway 1987). So kennt man Gesellschaften, die mehr als zwei Geschlechter
zulassen, und bis ins 18. Jahrhundert hinein galt auch in der abendländischen Kultur ein „Ein-Geschlechts-Modell“, wonach die Frau eben nicht anders, sondern nur ein bißchen anders Mann war als der Mann (s. Laqueur 1992). Auch Studien zur Transsexualität lassen Zweifel an der
Bestimmbarkeit eines klaren Dimorphismus aufkommen (s. Lindemann 1993; Hirschauer 1993). Butler jedoch beruft sich in ihrer Kritik der Zweigeschlechtlichkeit nicht auf empirische Studien, sie operiert mit theoretischen Argumenten. Um die Zweigeschlechtlichkeit zu hinterfragen, greift sie zunächst auf die in der feministischen Diskussion übliche Unterscheidung von sex (biologisches Geschlecht) und gender (soziales Geschlecht) zurück. Diese Trennung war eingeführt worden, um der Vorstellung „Biologie ist Schicksal“ entgegenzuarbeiten. Butler radikalisiert nun die Differenz sex/ gender, indem sie sich für die Unabhängigkeit der beiden Seiten stark macht: Wenn – wie die Feministinnen behaupten (müssen) – die Biologie nicht die Ursache der Geschlechtsidentität ist, dann existiert die Geschlechtsidentität in gewisser Weise unabhängig von der Biologie. Genau betrachtet ist es dann aber auch beliebig, welche Geschlechtsidentität sich auf welchen
Körper bezieht; weibliche Geschlechtsidentität könnte einem männlichen Körper zugewiesen werden und umgekehrt. Dies einmal zugestanden, ist nun auch nicht mehr einzusehen, warum es nicht mehr als nur zwei Geschlechtsidentitäten geben soll: Es könnten ebensogut drei, fünf oder fünfzig sein (vgl. Butler 1991: 22f).
Interessant ist, daß Butler das Verhältnis von sex und gender analog zu ihrem Modell von Gegenstand und Begriff denkt und denselben theoretischen Schritt vollzieht: Zwischen sex und gender besteht kein Referenzverhältnis. Gender ist nicht Ausdruck von sex und auch kein Zeichen, das auf einen zugrundeliegenden Körper verweist. Eher verhält es sich umgekehrt, daß sex sich zuallererst durch gender herstellt.
„Die Geschlechtsidentität“, schreibt Butler, „umfaßt auch jene diskursiven/kulturellen Mittel, durch die eine ‘geschlechtliche Natur’ oder ein ‘natürliches Geschlecht’ als ‘vordiskursiv’, d.h. der
Natur vorgelagert [...] etabliert wird“ (Butler 1991: 24). Einfacher ausgedrückt: Das sogenannte biologische Geschlecht ist keine Naturtatsache, vielmehr ist die Vorstellung einer Natur vor der
Kultur, eines sex vor gender, selbst ein in sozialen Bedeutungsakten hergestelltes Denkmuster.

Butler hat also in ihrer Argumentation die Differenz sex/gender zunächst verschärft, um dann die Dualität in einem zweiten Schritt aufzuheben; sie läßt sex in gender, Natur und Kultur aufgehen. Hier wittern die Kritikerinnen und Kritiker nun eine gefährliche Beliebigkeit, so als könne, wenn alles bloß Kultur ist, auch alles nach Gusto geändert werden, als könnten wir die Geschlechter wechseln wie Kleider (siehe z.B. Duden 1993). Dieser Vorwurf kommt nur zustande, wenn unhinterfragt
„Natur“ als Notwendigkeit und „Kultur“ als Freiheit bzw. Wandelbarkeit gesetzt wird.
Doch diese Aufteilungen gelten für Butler nicht mehr. Sie sieht die Kultur als eine Matrix, die uns durch und durch prägt und unsere Körper zuallererst gestaltet. Es ist nicht die Natur, die uns unsere
Formen gibt, sondern die Kultur. Wir können ihr gar nicht entrinnen, höchstens ihre Bedeutung verschieben. Wenn man sich das in seiner ganzen Tragweite klar macht, verflüchtigt sich der Eindruck der Beliebigkeit und geht fast schon in sein Gegenteil über.

Sprache und Sein

Das große Problem bei alldem ist allerdings das Verhältnis von Sein und Sprache. Da es für Butler keinen Gegenstand hinter bzw. vor der Sprache geben kann (weil wir gar nicht sagen könnten, was ein solcher Gegenstand sein sollte), werden Gegenstand und Diskurs ununterscheidbar, und es
scheint, als sei der Körper nichts anderes als seine kulturelle bzw. sprachliche Bedeutung. Der häufigste Vorwurf gegen Butler ist demnach auch der der „Entkörperung“. Butler mache, so heißt es, den Körper zum Text. Der Einwand ist berechtigt, und die Plausibilität von Butlers These
hängt nicht zuletzt davon ab, wie man „diskursiv“ versteht und ob zwischen Sprache und Materialität noch ein Unterschied gemacht werden kann. Denkt Butler bei „Diskursen“ oder „kultureller Matrix“ wirklich nur an eine sprachliche Schöpfung, oder umfaßt das Wort „diskursiv“ alle sozialen Praktiken? Und ist Performativität mit „kultureller Produktion“ gleichzusetzen?
In Körper von Gewicht wehrt sich Butler gegen den Vorwurf des „Linguistizismus“. Ihr geht es mit der These der Performativität nicht um Entkörperung, sondern lediglich darum, deutlich zu
machen, daß es keinen Körper ohne Norm gibt, daß Körper immer schon geformt, d.h. mit Bedeutung durchsetzt sind. Auch will sie der Vorstellung entgegenarbeiten, der Körper sei ein Substrat,
eine zugrundeliegende Materie „an sich“, der man wie Wachs ein Siegel aufdrückt. Butler denkt vielmehr an eine sich durchdringende Konstitution von Norm und Körper und setzt hierfür den Begriff der Materie an: „... die Materialität des biologischen Geschlechts wird durch eine ritualisierte Wiederholung von Normen konstruiert“ (Butler 1995: 15). Materie ist nicht ein Ort oder eine Oberfläche, „sondern [...] ein Prozeß der Materialisierung, der im Laufe der Zeit stabil wird, so daß sich die Wirkung von Begrenzung, Festigkeit und Oberfläche herstellt, die wir Materie nennen“ (Butler 1995: 31).
Butler geht es um Beweglichkeit, und daher versteht sie das anscheinend Beharrliche als Prozeß: nicht Materie, sondern Materialisierung; nicht Wirklichkeit, sondern Verwirklichung; nicht Realität, sondern Realisierung.

2. Gesellschaftlicher Hintergrund

Lebenswelt

Wozu dieser ganze theoretische Aufwand? Butler will zeigen, daß die Vorstellung der natürlichen Unterscheidung zwischen Mann und Frau nicht einer „Wahrheit“ entspricht, sondern im Dienst einer heterosexuellen Norm steht, die sich den Schein der Notwendigkeit und Natürlichkeit zulegt.
Geschlechter sind nicht, sie stellen sich als eine Regel immer wieder neu her. Butler will darüber hinaus zeigen, warum der Feminismus flexibler mit der Kategorie „Frau“ umgehen muß. Die Berufung auf das Geschlecht „Frau“ ist theoretisch und politisch fragwürdig, da sie dem Trugschluß einer substantiellen Identität aufsitzt und sich über die eigene performative Kraft nicht im klaren ist: Mit der angeblichen Beschreibung unserer Realität als Frauen oder Männer werden Rollen zuallererst festgeschrieben; wo die Feministinnen sich auf die Kategorie „Frau“ stützen, werden sie immer auch das Spiel jener etablierten patriarchalen Norm spielen, der sie eigentlich entkommen
wollten.
Schließlich möchte Butler zeigen, daß eine Verschiebung der Geschlechtsidentitäten möglich und auch notwendig ist. Da sie die heterosexuelle Matrix als einen Zwangszusammenhang versteht, der
sich durch Ausschlüsse, Verwerfungen und Normierungen konstituiert, wäre die Auflösung der binär organisierten Identitäten politisch subversiv und entspräche einem radikaldemokratischen Ideal.
Mit Parodie, Travestie und Queer-Praktiken will Butler den feministischen Kampf beerben.
In gewisser Weise ist das plausibel, denn man muß sich nur einmal klar machen, was es hieße, wenn in den Medien, in den Chefetagen großer Konzerne, in den politischen Parteien, in den Familien und in den Werbefirmen plötzlich wirkliche Unsicherheit über die Geschlechtsidentität um sich greifen würde. Wenn tatsächlich nicht mehr klar wäre, ob es eine Sekretärin ist, die im Vorzimmer des Chefs sitzt, oder ob das Cover-Girl auf dem Playboy wirklich ein Girl ist. Ihren vollen
kritischen Sinn erhalten die Thesen Butlers allerdings erst, wenn nicht nur Frausein, sondern erst recht das für allgemeinmenschlich gehaltene Mannsein wirklich als Konstrukt begriffen wird. Die Kastrationsdrohung, die in Butlers Ansatz steckt, ist bisher immer noch unterschätzt worden.

Doch eines macht stutzig: Flexibilität, Identitätswechsel, Unabhängigkeit von körperlicher Befindlichkeit
– das ist genau das, was die spätkapitalistische Gesellschaft ihren Mitgliedern abverlangt.
Der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, daß Butler uns das als subversives Ideal verkauft, was längst schon Mode, Norm und zum Teil auch Wirklichkeit geworden ist. Es ist ein eigentümliches Merkmal vieler Gesellschaftstheorien postmoderner Provenienz, daß in ihnen Affirmation
und Kritik der bestehenden Verhältnisse fast ununterscheidbar nah beieinander liegen.
Auch für Butlers Theorie ergibt sich der Eindruck, ihre Einsichten erschöpften sich „oftmals in der umstandslosen Akzeptanz jener Prozesse, deren Ausdruck sie eigentlich sind“ (Annuß 1996: 513).
In einigen Studien ist gezeigt worden, wie Butlers Geschlechterkritik als Spiegel des gesellschaftlichen Wandels, der Pluralisierung und Ästhetisierung der Lebenswelt (Annuß 1996) bzw. als
Form einer neuen romantischen Individualität (Eberlein 1995) gelesen werden kann. Erst auf dem Boden einer Enttraditionalisierung der Geschlechterrollen, einer Entkoppelung von Gebärvermögen
und weiblichem Körper durch die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin, erst auf dem Boden einer Vervielfältigung der Lebensstile und zunehmend auftretender biographischer Brüche, ist überhaupt eine solche Theorie der Geschlechter- und Begehrenspluralität möglich. „Was das Individuum
betrifft“, sagt Hegel, „so ist ohnehin jedes ein Sohn seiner Zeit“ (Hegel 1989: 26) – schön, daß wir uns über den „Sohn“ gar nicht mehr aufregen müssen.

Appendix

Medienwelt und Cyberfeminismus

Fassen wir noch einmal zusammen: Frau- und Mannsein, so die These, ist kein Sein, sondern ein Tun, ein soziales Konstrukt. Die Qualifikation als „weiblich“ und „männlich“ sei keine Beschreibung einer biologischen Tatsache, sie wirke vielmehr performativ, das heißt über die sprachliche
Bezeichnung (Sprache beschreibt nicht eine Realität, sie stellt sie her). Die Bezeichnung schafft Bedeutung und veranlaßt uns, die Realität, die wir angeblich vorfinden, selber herzustellen. Geschlecht ist Einübung, Wiederholung von konformen Akten, der Körper ist sedimentierte Norm.
Die Natürlichkeit der zwei Geschlechter ist demnach eine Illusion, die sich selbst wahr macht.
Die Art, wie Butler Geschlechtskonstruktion erklärt, erinnert nicht selten an das, was die Theorie der neuen Medien als Struktur der gegenwärtigen Gesellschaften beschreibt. Butler vertritt eine
Sprachauffassung, die eine Welterfahrung spiegelt, in der das, was wir bisher das „Reale“ genannt haben, keine große Rolle mehr spielt. Jean Baudrillard hat diesen gesellschaftlichen Zustand als
„Ordnung der Simulation“ beschrieben, in der sich Zeichen nur gegen Zeichen austauschen (z.B. Baudrillard 1978: 39ff ). In der Warenwelt des Konsums, so Baudrillard, werden die Objekte zu bloßen Zeichen. Denn die Gegenstände dienen nicht mehr der basalen Bedürfnisbefriedigung, sie
gewinnen ihren Wert vielmehr durch die imaginären Bedeutungen, die sie als Zeichen – z.B. als Prestigeobjekte – annehmen (s. Friedrich 1993: 80ff). Wenn Butler die Geschlechter über ihre Zeichenhaftigkeit
definiert, beschreibt sie die Körper genau in dieser Waren- und Simulationslogik.
Judith Butlers Theorie würde nirgendwohin besser passen als ins Internet.
Das Internet scheint die totale Verkörperung der Simulation zu sein, auch der Simulation des Geschlechts. Hier praktizieren die Teilnehmer von Chatrooms und virtuellen Spielräumen bereits ein fröhliches genderswapping. Männer geben sich mit Vorliebe als Frauen aus, erfinden virtuelle Körper, Frauen wählen ein drittes Geschlecht, etwa Spivak, Alien oder Neuter, treten als eine oder mehrere Personen auf.
Butlers Gedanke von der sprachlichen Konstruktion des Geschlechts scheint eigentlich eine Beschreibung dieser körperlos hergestellten Identität im imaginären Raum zu sein, die Theorie zur längst schon realisierten Internet-Praxis. Das Netz ist Performativität pur.
Eigentlich müßte Butler das gut gefallen, doch eigenartigerweise finden wir bei ihr keine Hinweise auf die Praxis des Internet, auf die gegenwärtige Medienwelt als den gesellschaftlichen Hintergrund ihrer Theorie. Warum? Das mag einerseits daran liegen, daß Butler sich selbst nicht gleichsam „von hinten betrachtet“, also nicht auf das reflektiert, was ihre Theorie möglich macht. Und es mag daran liegen, daß im Internet genau das nicht praktiziert wird, was ihr vorschwebt.
Butlers Rede von der Performativität des Geschlechts wäre einfach zu akzeptieren, wenn sie sich nicht auch auf den „natürlichen Körper“ bezöge. Das tut sie aber. Performativität ist – ob man das
logisch nachvollziehen kann oder nicht – als Materialisierung verstanden. Butlers Affront liegt also nicht, wie immer behauptet, in der Körperlosigkeit, sondern im Gegenteil, in der Körperbezogenheit
ihrer Thesen, in einem Denken, das Leib und Geist nicht trennt. Die Behauptung, Geschlecht lasse sich herstellen, ist nur radikal, weil sie sich auf die realen Körper bezieht.
Dieses Problem hat aber der Cyberspace nicht, hier existieren keine Körper im herkömmlichen Sinne (und hier gilt die Trennung von Leib und Geist). Die Praxis des Internet folgt meist einer einfach gestrickten Zwei-Welten-Theorie von Virtual Reality (VR) und Real Life (RL). Genau in
diesen zwei Ebenen scheint der Reiz der Chatrooms, der MOOs und MUDs zu liegen. Das Internet lebt von der Abspaltung des realen Körpers und gleichzeitig von der Imagination einer wirklichen neben der virtuellen Welt. Die Teilnehmer versuchen herauszufinden, wer sich hinter welcher Person verbirgt, sie treffen sich bisweilen zu recht enttäuschenden Pizzaparties im RL oder versuchen sich im wirklichen Leben kennen und lieben zu lernen. Das ganze Maskenspiel basiert – heute noch, vielleicht ändert sich das in der Zukunft – auf dem Vertrauen an die Existenz einer zweiten Schicht, eines dahinter liegenden RL.
In VR jedenfalls kann sich jeder über sich selbst alles mögliche ausdenken, jenseits aller Hemmschwellen Kontakte knüpfen und dem sprichwörtlichen tiny sex frönen. Zu guten Menschen werden Cyberbodies nicht: Untersuchungen zeigen, daß trotz allen genderswappings das Geschlechterrollenverhalten in den Chat-Kanälen die traditionellen Rollen des RL reproduziert und noch übertrifft.
In letzter Zeit hat auch das Stichwort „Cyberfeminismus“ von sich reden gemacht. Schätzungen zufolge sind mittlerweile zwischen 17 und 30 Prozent der Netznutzer Frauen, und die treiben im Internet ihre bunten Blüten. Vom Mailbox-Netzwerk „FemNet e.V.“, „Ceiberweibern“, „Julias Erotik
Links für Frauen“ bis hin zur sehr liebevoll gestalteten „hausfrauenseite.de“ ist allein schon
deutschsprachig im Internet alles zu haben, was bisher zwischen klassisch und kritisch unter das Label „Frauen“ fiel. Auf den politisch inspirierten Homepages geht es weniger um Schminke als um die Vernetzung von Frauen und „Empowerment durch Technik“. 1997 gründete eine Gruppe
von Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen das „Old Boys Network“ (OBN) und veranstaltete auf Dokumenta X in Kassel die „Erste Cyberfeministische Internationale“. Erkennbar sind die Feministinnen im Netz am Namen. Sie nennen sich „Guerilla Girls“, „Ambitious Bitch“, „sluts“ (Schlampen), „nerds“ (Computerfreaks) und „glants“ (Drüsen).
Mitte der neunziger Jahre trat die Medientheoretikerin Sadie Plant auf den Plan. 1997 erschien ihr Buch „Nullen und Einsen“, das – als eine Grundlegung des Cyberfeminismus – durchaus zu einem
Klassiker feministischer Theorie hätte avancieren können. Plant behauptet, daß das „Geschlechterbeben“, die Verunsicherung der Geschlechtsdifferenz, der wir derzeit beiwohnen, eine der Folgen
dieser Auflösung der Differenz zwischen Mensch und Maschine ist, und versucht, mit einem deutlichen Hang zu Science Fiction, die zunehmende Vermischung von Mensch und Maschine für feministische Zwecke fruchtbar zu machen.
Plants Buch ist nicht im herkömmlichen Sinne geschrieben, sondern aus Zitaten gewoben, ein Teppich hin- und herlaufender Exzerptfäden, und sie ergeben als Muster die Aussage, daß das digitale Netz in seiner Struktur der webenden Tätigkeit der Frauen ähnlich ist. Die Erfinderin der
ersten Computersprache, Ada Lovelace, und die Lochkarten der Webstühle weisen den Weg.
Plants Hauptthese heißt : Das Netz ist weiblich.
Neben den immer intelligenter werdenden Maschinen interessiert Plant am technischen Fortschritt der letzten 160 Jahre die enorme Expansion weiblicher Tätigkeit. Frauen sitzen überall in großer Zahl an den Schaltstellen. Sie saßen an den Webstühlen, in den Telefonzentralen, sie waren die Rechnerinnen, die im Zweiten Weltkrieg Geheimcodes entzifferten, sie besetzen unzählige Computerarbeitsplätze. Ihre Logik, die Logik der Vernetzung, des Klatsches und Tratsches, des spontanen,
ungerichteten, unhierarchischen und unkontrollierten Informationsaustausches, ist die Logik des Netzes, ist Hypertext. Sie ist die Logik der Zukunft. Plant erzählt eine Geschichte, in der Frauen wesentlich mit dem technologischen Fortschritt verknüpft sind, und löst dabei unter der Hand die fest gefügte Verbindung zwischen Männlichkeit und
Technik auf. Die Erzählung von der Befreiung des weiblichen Geschlechts ist hier möglich, weil Plant Frauen nicht mehr mit Natur, sondern metaphorisch mit Technik gleichsetzt, so wird die Maschinenrevolution zur Revolution der Frauen. Die große feministische Revolution wird sich nicht
durch Handeln erfüllen, sie vollzieht sich als Teleologie technologischer Entwicklung: „Je intelligenter die Maschinen werden, desto befreiter sind die Frauen.“ Ein cooler Gedanke.
Doch der Umgang mit den Begriffen „Frau“ und „Mann“ bei Plant scheint hoffnungslos eindeutig und unreflektiert. Ihre Ausführungen erinnern nicht selten an eine digitale Matriarchatstheorie, ob sie es ironisch oder ernst meint, ist dabei ist nicht zu entscheiden. Auch die Cyberfeministinnen sprengen nicht per se die Geschlechterordnung und nicht das Muster herkömmlicher feministischer Denkweisen. Der Begriff von Weiblichkeit wird bei Plant – bewußt – nicht problematisiert
und die Aktionen des FemNet oder der cybergirls wirken wie ein Update klassischer Frauenförderstrategien:
Sichtbarkeit, fröhliche Aufsässigkeit, Stärkung der technischen Kompetenz von Frauen, Bildung von Netzwerken. Befreit vom Körper – aber gestützt auf das Phantasma einer realen Welt –, kann sich Weiblichkeit wieder im Netz einrichten. Ohne Körper ist der Feminismus halb soschwer.
Wohin die Reise geht, läßt sich derzeit schwerlich vorhersagen. Schwer zu bestimmen, ob Cyberfeminismus hinter Butler zurückgeht – also für zu leicht befunden werden muß – oder ob er Butler schon längst hinter sich gelassen hat und neu und unverkrampft mit den Geschlechtskategorien
umgehen kann.
Butler ist, ähnlich wie Foucault, in den Kanon der Kulturwissenschaften und der Gender-Theorien eingegangen. Hier scheint es fast unmöglich, den Diskurstheorien zu widersprechen. Sie sind – in manchen Kontexten – gar zum Dogma versteinert. Sadie Plants Cyberfeminismus dagegen hat,
ähnlich wie die Cyborg-Manifeste von Donna Haraway, weder große Diskussionen noch Revolutionen in der Geschlechtertheorie ausgelöst.
Umbruch ist angesagt. Es kann sein, daß der Feminismus im Netz zu ganz neuen, subversiven Geschlechterspielen führt. Es kann aber auch sein, daß Feminismus durch Abspaltung des Körpers, als rein virtueller Feminismus, wieder zu konservativen, traditionellen Geschlechtsbildern greift
und damit einen „virtuellen“ Gegenpart zu den Re-Biologisierungs-tendenzen der sogenannten „Lebenswissenschaften“ liefert.
Niemand kommt derzeit auf die Idee, daß Gene ein Produkt des Denkens, nicht der biologischen Tatsachen sein könnten. Und auch was die Geschlechter angeht, hat – außerhalb des universitären
Gender-Diskurses – die Biologie Konjunktur. Eine Unzahl von neueren Publikationen bemüht sich derzeit, mit sozio-biologischen, hirnneurologischen und „stammesgeschichtlichen“ Erklärungen
nachzuweisen, warum Frauen und Männer so anders denken und fühlen. Solcher Unsinn füllt derzeit massenhaft die Regale der Frauenliteratur.
Da bleibt nur zu hoffen, daß – ganz im Hegelschen Sinne von Fortschritt – etwas von Butler und der Queer-Theory „aufgehoben“ ist im gesellschaftlichen Umgang mit den Geschlechtern und wir uns, egal auf welcher theoretischen Grundlage, einen backlash zur Tyrannei der Zweigeschlechtlichkeit ersparen können.

Dr. Andrea Roedig war bis Frühjahr 2001 Geschäftsführerin der „Grünen Akademie“ der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. Sie ist derzeit leitende Kulturredakteurin der Ost-West-Wochenzeitschrift „Freitag“. Veröffentlichungen im Bereich Feministische Theorie und Gender-Studies.

Bibliographie

Annuß, E. (1996): Umbruch und Krise der Geschlechterforschung: Judith Butler als Symptom. In: Das
Argument 216: 505-523
Baudrillard, J. (1978): Politik und Simulation. In: Baudrillard, J.: Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen.
Berlin.
Butler, J. (1995): Körper von Gewicht. Berlin.
Butler, J.(1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt a.M.
Duden, B. (1993): Die Frau ohne Unterleib: zu Judith Butlers Entkörperung. Ein Zeitdokument. In: Feministische
Studien 11(2): 24-33.
Eberlein, U. (1995): Geschlechterdualismus und romantischer Individualismus. In: Lahren, S. u. Weiß-bach,
O. (Hg.): Konturen des Gemeinsinns. Festschrift zum 65. Geburtstag von Peter Furth. Berlin.
Friedrich, C. (1993): Semiotik als Gesellschaftstheorie. Berlin.
Hagemann-White, C. (1984): Thesen zur kulturellen Konstruktion der Zweigeschlechtlichtkeit. In: Schaeffer-
Hegel, B. u. Wartmann, B. (Hg.): Mythos Frau. Berlin: 137-139.
Hagemann-White, C. (1988): Wir werden nicht zweigeschlechtlich geboren... In: dies. u. Rerrich, M. S.
(Hg.): FrauenMännerBilder. Männer und Männlichkeit in der fem. Diskussion. Bielefeld: 224-235
Haraway, D. (1987): Geschlecht, Gender, Genre. Sexualpolitik eines Wortes. In: Hauser, K.: Viele Orte
überall? Festschrift für Frigga Haug. Berlin/Hamburg: 22-41.
Hegel, G.W.F. (1970/21989): Grundlinien zur Philosophie des Rechts, Werke Bd.7. Frankfurt a.M.
Hirschauer, S. (1993): Die soziale Konstruktion der Transsexualität. Frankfurt a.M.
Laqueur, T. (1992): Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud.
Frankfurt a.M./New York.
Lindemann, G. (1993): Das paradoxe Geschlecht. Transsexualität im Spannungsfeld von Körper, Leib und
Gefühl. Frankfurt a.M.
Plant, Sadie (1999): Nullen und Einsen. Berlin
Roedig, A. (1992): Geschlecht als Kategorie. Überlegungen zum philosophisch-feministischen Diskurs. In:
Feministische Studien 10(1): 105-112.
Turkle Sherry (1999): Leben im Netz. Identität in Zeiten des Internet. Reinbek

Quelle:
http://www.maennerrat.de/dekonstruktivismus.htm

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