Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: noch eine vom "Patriarchat" unterdrückte Künstlerin

Eugen Prinz, Tuesday, 27.07.2004, 03:15 (vor 7864 Tagen) @ Paul

Als Antwort auf: Re: Aus der Presse II: Vom Patriarchat unterdrückte Künstlerinnen von Paul am 26. Juli 2004 18:28:49:

Für den an musikhistorischen Bezügen Interessierten mal wieder ein kleiner Ausschnitt aus dem Handbuch für Männer in Zeiten von Aids und Feminismus (zur Zeit vergriffen - Neuauflage in Vorbereitung)

mfG, Eugen

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Missbrauch - historisch

Eine Frau für hundert Mark: „Schumanns Ehe mit Clara Wieck [...] war [...] eine [...] Künstlerehe zwischen einer genialen Klaviervirtuosin und einem großen Komponisten, der rücksichtslos seine eigenen Interessen durchsetzte und seine Frau systematisch - nicht zuletzt durch acht Schwangerschaften - an der Ausübung ihres Pianistenberufes hinderte.“
(Klappentext zu: Peter Dannenberg, Das kleine Schumann-Buch bei rororo).

Moment mal, da stimmt doch was nicht, fragen wir uns. Robert Schumann war natürlich nie mit Clara Wieck verheiratet. Vielmehr war er mit Clara Schumann verheiratet. Clara hat den Familiennamen von Robert angenommen und hätte sich wahrscheinlich diese Umfirmierung verbeten. Und wie hat Robert es geschafft, achtmal schwanger zu werden? Ach so, sie ist schwanger geworden! Dann sollte man wohl umformulieren: Sie hat ihn durch acht Schwangerschaften zur Ausübung eines Brotberufs gezwun­gen. Wir sind nicht auf Spekulationen der Frauenfreunde unserer Tage angewiesen, wenn wir wissen wollen wie sich Clara ihre Zu­kunft vorstellte: „Das Eine muss ich dir doch sagen, dass ich nicht eher die deine werden kann, ehe sich nicht die Verhältnisse noch ganz anders gestalten.“... „Also, Robert, prüfe dich, ob du im­stande bist, mich in eine sorgenfreie Lage zu versetzen.“ (ebenda)
Wer stand da wohl unter Druck? Diese beiden ‘Colombini’ waren ganz und gar Kinder ihrer Zeit. Wie die meisten Frauen ihrer Zeit wusste und akzeptierte Clara was auf sie zukam, kriegte wie Königinmutter und Bettlerin ihre acht Kinder, und nur unsere Zeitgeister können auf die Idee kommen, sie sei dazu permanent vergewaltigt worden. Selbstverständlich hat sie erwartet, dass ihr Robert sich an diesem Plan beteiligt und natürlich hat sie, wie alle ihre Schwestern in allen Zeiten herumgemault, wenn ihr sein Beitrag zu gering erschien. Und natürlich haben sich ihre Vorstellungen vom Kinderglück mit acht Schwangerschaften ein ganz klein wenig gewandelt. So weit, so banal.
Übel ist die Zeitgeistin (oder noch übler der Zeitgeist, der sich aus Raffgier vor der Zeitgeistin verbeugt), die hier Figuren der Geschichte missbrauchen. Leute also, die Clara zur Märtyrerin stilisieren, die ihre Ideologien mit verdrehten Bildern aus der Geschichte illustrieren. Natürlich hätte Clara mit acht Kindern keine Virtuosenlaufbahn professionell verfolgen und zugleich acht Kindern eine Mutter sein können. Und ebenso wenig konnte Robert dergleichen leisten - Geld verdienen, um seine ewig schwangere Frau und deren Brut zu ernähren und zugleich noch verschissene Windeln waschen. Das hat vermutlich nicht einmal Clara selbst gemacht. Das stellen sich die Femanzen von heute so vor, Robert hätte zu Hause bleiben können, auf Karriere verzichten können, den Hausmann mimen und sich „verstärkt an der reproduktiven Arbeit beteiligen“. Die Gesellschaft, allen voran sein grämlicher Schwiegervater, hätte ihm was gehustet. Geld hätte er keines verdient. Clara hätte ihm was geblasen. Ihre Schwestern von heute fordern die Doppelbelastung des Mannes ein. Frauen von heute wollen nicht etwa einen Rollentausch. Sie wollen, dass der Mann alles macht. Der Mann soll stärker an der reproduktiven Arbeit beteiligt werden. Beteiligt...! Aha! Darf er sich dann etwas mehr von der produktiven Arbeit zurückziehen? Jedenfalls nicht nach eigenem Gutdünken.
Vielleicht wollte auch Clara ‘alles und zwar sofort.’ Wer weiß? Jede Beziehung und jede Zeit schafft ihr eigene Logik. Zeit vergeht, Menschen ändern sich, Ansichten wandeln sich... Ich werde mich hüten, hier ehrenwerte Menschenkinder wie Clara oder Robert zu diffamieren. Clara hat ihre Kinder und Robert seine Kompositionen hinterlassen. Wenig mehr ist sicher. Kein Grund, Clara schlecht zu machen, aber auf eine geniale Virtuosin kamen hundert geniale Virtuosen, und auf hundert geniale Virtuosen kam ein genialer Komponist. Ihre Virtuosität aber und ihre Geheimnisse hat Clara mit ins Grab genommen. Da kann man viel hineindichten. Und ‘frau’ macht eine Frau für hundert Mark daraus... (s. auch S. 52, Scheinfrauen).

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(Auszug aus: 'Handbuch für Männer in Zeiten von Aids und Feminismus' von Eugen Prinz. Copyright: Maus-Verlag, 2001)


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