Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Aus der Presse II: Vom Patriarchat unterdrückte Künstlerinnen

Simon, Sunday, 25.07.2004, 21:12 (vor 7866 Tagen)

TAGESSPIEGEL, 25.07.04:

Meine Männer müssen heller werden

Die Frau als Monster: eine verstörende Biografie über Alma Mahler-Werfel

Als es einsam wurde um Alma Mahler-Werfel, wagte die grande veuve eine letzte Inszenierung. Der Nachwelt wollte die Witwe von Mahler und Werfel, geschiedene Gropius, als eine Frau in der Erinnerung bleiben, die sich bis zur Selbstaufgabe geopfert hatte – den Männern und der Kunst – und so einem düsteren Jahrhundert das Licht brachte. Aus Almas Memoiren sollte ein JugendstilMusen-Tempel entstehen. Doch die angeheuerten Ghostwriter scheiterten. Ihre Auftraggeberin konnte für die Wahrheit nur wenig Begeisterung aufbringen, die Aufzeichnungen des einstmals „schönsten Mädchens von Wien“ klirrten vor Kälte und Antisemitismus. Schließlich ließ Alma in einer glättenden Zusammenstellung ihres Lebens „die ganze Judenfrage in die Versenkung verschwinden“. Was übrig blieb, waren Anekdoten einer sinnlichen Sirene, die sich Anfang der Sechzigerjahre reißend verkauften – als schwer parfümierter Edelporno im Intellektuellenmilieu.

Während Alma heute noch als größte Femme Fatale des 20. Jahrhunderts gepriesen wird und ein ihr gewidmetes Musical demnächst in Hollywood Premiere feiert, wagt Oliver Hilmes, der üppigen Circe den Schleier zu entwinden (Witwe im Wahn, Siedler Verlag, 480 S., 24 €). Der junge Historiker stieß in Philadelphia auf den weitgehend unerforschten Nachlass Alma Mahler-Werfels, die 1964 in New York gestorben war. In Archivkartons fanden sich auch verschollen geglaubte Tagebücher, die Alma selbst nur in entschärfter Form in ihre Memoiren einfließen ließ. Wer sie aufschlägt, ist verstört.

Von innerer Leere getrieben, schickt Alma sich an, die Welt der Männer zu unterwerfen. „Sie hat ein unglaubliches Talent gehabt, Sklaven zu machen“, nennt das ihre Tochter Anna. Wer sich dem erotisch verbrämten Angriffskrieg entzog, galt fortan als Feind. Ihre erste Witwenschaft mit 32 Jahren nutzte Alma geschickt, um ihre gesellschaftliche Stellung zu festigen. Mahler hatte sich nicht in die Salons gedrängt, sein inneres Feuer brauchte keine Funken stiebenden Bewunderer. Alma dagegen war auf der Suche und verübelte Mahler seine Unabhängigkeit. Sie setzte den Mythos in die Welt, er habe ihr das Komponieren verboten. Das brachte ihr später Beachtung durch feministische Musikseminare ein, war aber eine Lüge, wie Hilmes beweist.

Wild erscheint bei Alma vor allem ihr Antisemitismus, der sie nicht davon abhielt, Juden zu Liebhabern oder Ehemännern zu machen. Im Gegenteil. Sie, das große, helle, arische Weib – ihre Männer kleine, hässliche, dunkle Juden. Alma hatte ihre Mission gefunden: „Hellermachen“ war ihr Ziel, Unterwerfung ihr Weg. Sie forderte von Werfel die Abkehr von seinem Glauben, paktierte mit dem Austrofaschismus, sah in Hitler „eine Art Luther“ und ging doch ins Exil: „Ich werde jetzt mit einem artfremden Volk bis an Ende der Welt wandern müssen.“ Alma, so legt Hilmes nahe, verpasste Werfel nach dessen Tod 1945 auch die katholische Taufe. Ein letzter Sieg.

Trotzdem gingen die Exilintellektuellen bei Alma ein und aus. Auch Thomas Mann ließ sich gerne von ihr abspeisen, mit Rebhühnern. Nach einer Dinnerparty bei Alma notierte er in sein Tagebuch: „Unsinn. Aß und trank zuviel.“ Die Hausherrin verschwand gerne in Nebeln aus Champagner und Benedictine. Nach der Lektüre von Hilmes' erfrischend kühler Biografie sind die Sinne schlagartig klar und Alma taucht auf: so monströs wie ihr Jahrhundert.

Ulrich Amling

Sehr brauchbar, danke! (n/t)

michail, Sunday, 25.07.2004, 23:18 (vor 7866 Tagen) @ Simon

Als Antwort auf: Aus der Presse II: Vom Patriarchat unterdrückte Künstlerinnen von Simon am 25. Juli 2004 18:12:18:

Re: Aus der Presse II: Vom Patriarchat unterdrückte Künstlerinnen

Paul, Monday, 26.07.2004, 21:28 (vor 7865 Tagen) @ Simon

Als Antwort auf: Aus der Presse II: Vom Patriarchat unterdrückte Künstlerinnen von Simon am 25. Juli 2004 18:12:18:

"Sie setzte den Mythos in die Welt, er habe ihr das Komponieren verboten. Das brachte ihr später Beachtung durch feministische Musikseminare ein, war aber eine Lüge, wie Hilmes beweist."

Hoffentlich findet diese Erkenntnis jetzt auch Einzug in den Mainstream. Als Mahler-Fan ist für mich diese Tatsache nicht sonderlich überraschend. Denn lt. Alma Mahler hatte Gustav das Komponierverbot in einem Brief an sie ausgesprochen; seltsamerweise wurde dieser Brief dann, im Gegensatz zu anderen, nicht veröffentlicht - und das, wo er doch angeblich so wesentliche Informationen enthielt. Stattdessen gibt es eine "Abschrift" (m.W. von Alma Mahler selbst angefertigt!) der entsprechenden Passage des (vemutlich gar nicht existierenden) Briefes, der fortan als "Beweis" für das Komponierverbot herhalten musste. Sie hat also vermutlich nichts anderes gemacht als sich den "Beweis" für ihre "Unterdrückung" selbst zu fabrizieren, und die halbe Welt fiel darauf rein. Ein Schelm, wer hierin ein typisches Verhaltensmuster erkennt, welches nicht nur diese spezielle Frau an den Tag gelegt hat...

Gruß,
Paul

Re: noch eine vom "Patriarchat" unterdrückte Künstlerin

Eugen Prinz, Tuesday, 27.07.2004, 03:15 (vor 7864 Tagen) @ Paul

Als Antwort auf: Re: Aus der Presse II: Vom Patriarchat unterdrückte Künstlerinnen von Paul am 26. Juli 2004 18:28:49:

Für den an musikhistorischen Bezügen Interessierten mal wieder ein kleiner Ausschnitt aus dem Handbuch für Männer in Zeiten von Aids und Feminismus (zur Zeit vergriffen - Neuauflage in Vorbereitung)

mfG, Eugen

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Missbrauch - historisch

Eine Frau für hundert Mark: „Schumanns Ehe mit Clara Wieck [...] war [...] eine [...] Künstlerehe zwischen einer genialen Klaviervirtuosin und einem großen Komponisten, der rücksichtslos seine eigenen Interessen durchsetzte und seine Frau systematisch - nicht zuletzt durch acht Schwangerschaften - an der Ausübung ihres Pianistenberufes hinderte.“
(Klappentext zu: Peter Dannenberg, Das kleine Schumann-Buch bei rororo).

Moment mal, da stimmt doch was nicht, fragen wir uns. Robert Schumann war natürlich nie mit Clara Wieck verheiratet. Vielmehr war er mit Clara Schumann verheiratet. Clara hat den Familiennamen von Robert angenommen und hätte sich wahrscheinlich diese Umfirmierung verbeten. Und wie hat Robert es geschafft, achtmal schwanger zu werden? Ach so, sie ist schwanger geworden! Dann sollte man wohl umformulieren: Sie hat ihn durch acht Schwangerschaften zur Ausübung eines Brotberufs gezwun­gen. Wir sind nicht auf Spekulationen der Frauenfreunde unserer Tage angewiesen, wenn wir wissen wollen wie sich Clara ihre Zu­kunft vorstellte: „Das Eine muss ich dir doch sagen, dass ich nicht eher die deine werden kann, ehe sich nicht die Verhältnisse noch ganz anders gestalten.“... „Also, Robert, prüfe dich, ob du im­stande bist, mich in eine sorgenfreie Lage zu versetzen.“ (ebenda)
Wer stand da wohl unter Druck? Diese beiden ‘Colombini’ waren ganz und gar Kinder ihrer Zeit. Wie die meisten Frauen ihrer Zeit wusste und akzeptierte Clara was auf sie zukam, kriegte wie Königinmutter und Bettlerin ihre acht Kinder, und nur unsere Zeitgeister können auf die Idee kommen, sie sei dazu permanent vergewaltigt worden. Selbstverständlich hat sie erwartet, dass ihr Robert sich an diesem Plan beteiligt und natürlich hat sie, wie alle ihre Schwestern in allen Zeiten herumgemault, wenn ihr sein Beitrag zu gering erschien. Und natürlich haben sich ihre Vorstellungen vom Kinderglück mit acht Schwangerschaften ein ganz klein wenig gewandelt. So weit, so banal.
Übel ist die Zeitgeistin (oder noch übler der Zeitgeist, der sich aus Raffgier vor der Zeitgeistin verbeugt), die hier Figuren der Geschichte missbrauchen. Leute also, die Clara zur Märtyrerin stilisieren, die ihre Ideologien mit verdrehten Bildern aus der Geschichte illustrieren. Natürlich hätte Clara mit acht Kindern keine Virtuosenlaufbahn professionell verfolgen und zugleich acht Kindern eine Mutter sein können. Und ebenso wenig konnte Robert dergleichen leisten - Geld verdienen, um seine ewig schwangere Frau und deren Brut zu ernähren und zugleich noch verschissene Windeln waschen. Das hat vermutlich nicht einmal Clara selbst gemacht. Das stellen sich die Femanzen von heute so vor, Robert hätte zu Hause bleiben können, auf Karriere verzichten können, den Hausmann mimen und sich „verstärkt an der reproduktiven Arbeit beteiligen“. Die Gesellschaft, allen voran sein grämlicher Schwiegervater, hätte ihm was gehustet. Geld hätte er keines verdient. Clara hätte ihm was geblasen. Ihre Schwestern von heute fordern die Doppelbelastung des Mannes ein. Frauen von heute wollen nicht etwa einen Rollentausch. Sie wollen, dass der Mann alles macht. Der Mann soll stärker an der reproduktiven Arbeit beteiligt werden. Beteiligt...! Aha! Darf er sich dann etwas mehr von der produktiven Arbeit zurückziehen? Jedenfalls nicht nach eigenem Gutdünken.
Vielleicht wollte auch Clara ‘alles und zwar sofort.’ Wer weiß? Jede Beziehung und jede Zeit schafft ihr eigene Logik. Zeit vergeht, Menschen ändern sich, Ansichten wandeln sich... Ich werde mich hüten, hier ehrenwerte Menschenkinder wie Clara oder Robert zu diffamieren. Clara hat ihre Kinder und Robert seine Kompositionen hinterlassen. Wenig mehr ist sicher. Kein Grund, Clara schlecht zu machen, aber auf eine geniale Virtuosin kamen hundert geniale Virtuosen, und auf hundert geniale Virtuosen kam ein genialer Komponist. Ihre Virtuosität aber und ihre Geheimnisse hat Clara mit ins Grab genommen. Da kann man viel hineindichten. Und ‘frau’ macht eine Frau für hundert Mark daraus... (s. auch S. 52, Scheinfrauen).

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(Auszug aus: 'Handbuch für Männer in Zeiten von Aids und Feminismus' von Eugen Prinz. Copyright: Maus-Verlag, 2001)

Re: noch eine vom "Patriarchat" unterdrückte Künstlerin

michail, Tuesday, 27.07.2004, 21:24 (vor 7864 Tagen) @ Eugen Prinz

Als Antwort auf: Re: noch eine vom "Patriarchat" unterdrückte Künstlerin von Eugen Prinz am 27. Juli 2004 00:15:46:

Wenn ich so etwas wieder mal lese, lieber Eugen, bin ich froh (will nicht sagen "stolz"), Dich zu kennen!

Re: noch eine vom "Patriarchat" unterdrückte Künstlerin

Eugen Prinz, Wednesday, 28.07.2004, 01:20 (vor 7863 Tagen) @ michail

Als Antwort auf: Re: noch eine vom "Patriarchat" unterdrückte Künstlerin von michail am 27. Juli 2004 18:24:03:

Wenn ich so etwas wieder mal lese, lieber Eugen, bin ich froh (will nicht sagen "stolz"), Dich zu kennen!

...ah, süßer Seim in meinen Ohren ... und natürlich ein Ansporn für die zweite Auflage ;-)

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