Männer unter Doppelbelastung
THEMA DER WOCHE [ 19.07.2004 ]
Väter im Kreuzfeuer der Erwartungen
Drei Jahre lang war Ralf rund um die Uhr für seine Tochter da. Jetzt kehrt der 40-jährige Angestellte aus Berlin auf eine volle Stelle zurück - nicht ganz freiwillig. "Ich würde lieber weniger arbeiten, um Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bekommen."
Mit diesem Wunsch ist der engagierte Vater nicht allein: Nach einer repräsentativen Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf wünschen sich drei von vier erwerbstätigen Männern mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen kürzere Arbeitszeiten. Doch der Trend geht in die andere Richtung: Zahlreiche Politiker und Arbeitgeberverbände fordern eine Verlängerung der Arbeitszeit. Die Firma Siemens hat sie jetzt erstmals in großem Stil eingeführt.
Im Spannungsfeld zwischen Chef und Familie
"Einerseits wird von Vätern erwartet, sich mehr um ihre Kinder zu kümmern, andererseits sollen sie länger arbeiten", sagt Helmut Spitzley, Professor für Arbeitswissenschaft an der Universität Bremen. Schon jetzt sei es schwer, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. "Obwohl die durchschnittliche tarifliche Arbeitszeit in Deutschland 37,7 Stunden beträgt, liegt die tatsächlich geleistete Arbeitszeit zweieinhalb Stunden höher und gerade bei Männern oft noch weit darüber."
Die Zusatzarbeit setzt sich zusammen aus Überstunden, betrieblich vereinbarter höherer Arbeitszeit und so genannter nicht dokumentierter Arbeitszeit. "Es wird heute vielfach erwartet, dass man länger als vertraglich festgelegt arbeitet und sich auch Arbeit mit nach Hause nimmt", sagt Spitzley, selbst Vater zweier Kinder. "Da muss man sich täglich neu entscheiden: Mache ich das oder unternehme ich endlich etwas mit den Kindern?"
Spielräume durch kleine Schritte schaffen
"Durch kleine Schritte der Arbeitszeitverkürzung und durch Elternzeit und Teilzeitarbeit hatten wir Spielräume für eine bessere Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf gewonnen", sagt Werner Sauerborn aus Stuttgart, Gewerkschaftssekretär im ver.di-Landesbezirk Baden-Württemberg und Herausgeber der Väterzeitung "PaPS". Bei einer Verlängerung der Arbeitszeit stehe die Familie wieder hinten an, fürchtet Sauerborn.
Sauerborn und Spitzley haben gemeinsam mit rund 600 weiteren Vätern aus unterschiedlichen Berufen in einem offenen Brief an Regierung, Bundestagsparteien und Sozialpartner gegen eine Arbeitszeitverlängerung Stellung bezogen. "Wir wollen raus aus der einseitigen Fixierung auf die Erwerbsarbeit", hält Sauerborn fest.
Wenig Verständnis für engagierte Väter
Männer, die ihre Arbeitszeit familienfreundlich gestalten möchten, stoßen bei Kollegen und Vorgesetzten jedoch häufig auf Unverständnis und Ablehnung. "In vielen Köpfen geistert noch dieses Bild, dass man mindestens 40 Stunden arbeiten muss, um ein richtiger Mann zu sein", sagt Volker Baisch, Geschäftsführer des Vereins Väterzentrum Hamburg. "Wer das nicht mitmachen will, gilt schnell als Weichei."
Dabei interessieren sich nach Baischs Erfahrung vor allem hochqualifizierte und karrierebewusste Männer für familienfreundliche Arbeitzeitmodelle. Das Väterzentrum informiert über Möglichkeiten der Arbeitszeitverringerung oder flexibleren Gestaltung, die sowohl den persönlichen, als auch den betrieblichen Anforderungen Rechnung tragen. "Wenn die Männer das Problem dann offen und konstruktiv im Betrieb ansprechen, wandelt sich die anfängliche Skepsis oft in Interesse." Kollegen begännen über ihre eigene Zerrissenheit zwischen Familie und Beruf zu sprechen und würden so manchmal zu Verbündeten.
Hilfe aus dem Unternehmen muss nicht teur sein
Wenn Väter weniger arbeiten, bedeutet das oft aber auch, dass die ganze Familie deutlich weniger Geld hat. "Es ist vielfach noch so, dass Männer die Haupt- oder Alleinverdiener sind", sagt Stefan Becker, Leiter der "Beruf & Familie gGmbH", einer Initiative der Hertie-Stiftung in Frankfurt/Main. "Sie können sich gar nicht leisten, ihre Arbeitszeit zu verkürzen oder in Erziehungsurlaub zu gehen."
Um auch diesen Vätern größeres Engagement in der Familie zu ermöglichen, sollten Unternehmen Becker zufolge Hilfen anbieten, wie beispielsweise Kinderbetreuungsangebote oder die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten. Das von Unternehmen immer wieder angeführte Kostenargument lässt Stefan Becker nicht gelten: "Tatsächlich lassen sich viele Maßnahmen ohne oder nur mit geringem finanziellen Aufwand umsetzen."
Ralf hofft auf das Entgegenkommen seines Chefs. Er möchte die Arbeitszeit verringern und sich mit seiner Partnerin Erwerbs- und Erziehungsarbeit teilen. Als Angestellter in einem Betrieb mit weniger als 15 festen Mitarbeitern hat der Berliner keinen Anspruch auf Teilzeitbeschäftigung. "Ich will meinen Arbeitsplatz nicht verlieren, denn ich liebe meine Arbeit", sagt er. "Aber ich liebe auch meine Familie, und ich möchte meine Tochter aufwachsen sehen."