Überfall war erfunden
Der rassistische Überfall auf eine 23-jährige Frau in einem Pariser Vorortzug war eine freie Erfindung des angeblichen Opfers. Die Frau gestand laut Polizeiangaben, die Straftat vorgetäuscht zu haben.
Die Frau und ihr Lebensgefährte wurden am Dienstagnachmittag wegen Vortäuschens einer Straftat in Polizeigewahrsam genommen, nachdem die Frau alles gestanden hatte. In den Schilderungen der Frau hatte es nach Angaben des Pariser Polizeipräfekten Jean-Paul Proust «erhebliche Grauzonen» gegeben.
Die Ermittler hatten «Widersprüche» entdeckt und keine Zeugen gefunden, der bestätigen konnte, dass eine Gruppe Jugendlicher der Frau das T-Shirt zerrissen und ihren Bauch mit Hakenkreuzen beschmiert habe.
Am Dienstag behauptete die Frau laut Polizeiangaben zunächst, der Angriff habe ausserhalb des Zuges stattgefunden. Schliesslich gestand sie, sich die Hakenkreuze selbst mit Hilfe ihres Lebensgefährten auf den Bauch gemalt zu haben. Der nach ihrem Geständnis verhängte Polizeigewahrsam kann bis zum Donnerstagnachmittag dauern.
Ursprünglich hatte die Frau behauptet, sie sei im Zug von einer Bande aus sechs Jugendlichen angegriffen worden. Die Täter hätten sie sie als Jüdin beschimpft und den Kinderwagen mit ihrem 13 Monate alten Baby umgeworfen; rund 20 Zeugen hätten nicht eingegriffen.
Die Schilderungen der Frau hatten in Frankreich grosses Entsetzen ausgelöst. Politiker, Bürgerrechtsgruppen und jüdische Vereinigungen hatten den angeblichen Übergriff heftig verurteilt.
Nach Angaben der Ermittler konnten Videobilder vom Bahnhof Sarcelles, wo die Täter den Zug verlassen haben sollen, die Aussage nicht stützen. Auch Bahnmitarbeiter, die die Frau nach dem geschilderten Vorfall am Freitag angesprochen haben wollen, konnten sich nicht an einen solchen Vorgang erinnern.
Noch am Dienstag fuhren Polizeibeamte in den Nahverkehrszügen mit, um mögliche Zeugen ausfindig zu machen.
Es sei merkwürdig, dass sich nicht einmal anonym Zeugen gemeldet hätten, sagte ein Polizeigewerkschafter. Ein 28-Jähriger sagte, er habe die Frau auf dem Bahnhof gesehen, auf dem sie vor dem angezeigten Vorfall in den Vorortzug eingestiegen sei. Sie habe dort bereits zerrissene Kleidung getragen und geweint, aber Hilfe abgelehnt, als er sie angesprochen habe.
Eine Bekannte der jungen Frau, die anonym bleiben wollte, sagte dem Pariser «Figaro» vom Dienstag, diese habe die Angewohnheit, «Geschichten zu erzählen».
Erfundene extremistische Straftaten hatten in den vergangenen Jahren auch in Deutschland für Schlagzeilen gesorgt. So täuschte eine 40-jährige Hagenerin Anfang 2003 eine Vergewaltigung durch vier Skinheads vor.
Grosses Aufsehen erregte im Jahr 2000 der Fall des sechsjährigen Joseph aus Sebnitz (Sachsen), der im Juni 1997 bei einem Badeunfall ums Leben kam. Josephs Familie hatte seinen Tod dagegen als eine Tat von Rechtsradikalen dargestellt.
In Halle ritzte sich 1994 eine 17-jährige Rollstuhlfahrerin ein Hakenkreuz auf die Wange und behauptete, von Neonazis überfallen worden zu sein. (lbl/rom/sda)
