Größte Fehlkonstruktion
"Größte Fehlkonstruktion"
Zum aktuellen Männerbild der zeitgenössischen Gesellschaft
WALTER HOLLSTEIN aus der aktuellen "Switchboard" Zeitschrift für Männer- und Jungenarbeit
Misogynie und Frauenfeindlichkeit sind seit langem anerkannte gesellschaftliche Problernbereiche, für die die Öffentlichkeit immer wieder aufs neue sensibilisiert wird; für Misandrie und Männerfeindlichkeit gilt das in unseren Tagen hingegen nicht: sie sind inzwischen sogar gesellschaftsfähig geworden.
Galten Männer noch in den fünfziger und sechziger Jahren des gerade zu Ende gegangenen Jahrhunderts primär als Schöpfer der Kultur, Entdecker, Religionsstifter, Weise, Heiler, Philosophen, Staatenlenker und Ärzte, so setzte mitdemBeginndes Feminismus in den siebziger Jahren eine grundlegende Umwertung von Männlichkeit ein. Männer wurden nun global vorgestellt als Zerstörer der Natur, Kriegstreiber, Vergewaltiger, Gewalttäter, Kinder- schänder, Pomographen und Unmenschen.
Dieser tiefgreifende Wandel im Männerbild unserer Kultur ist im deutschsprachigen Raum bisher weder zureichend wahrgenommen noch thematisiert worden. Auch das steht ganz im Gegensatz zu den vielfältigen Arbeiten über das Frauenbild.
Katherine A. Young in einer subtilen Studie nachgewiesen, dass negative Bilder von Männlichkeit, die der Feminismus verbreitet hat, zunächst von der elitären, intellektuellen Kultur des Landes übernommen wurden und sich inzwischen auch in der Populärkultur (TV, Film, Zeitschriften u.a.) massiv verbreitet haben. Autor und Autorin machen dabei unterschiedliche Techniken der Misandrie aus. Dazu gehört
die "Verlächerlichung" von Männern: "heute ist es für jedermann in Ordnung, sich über Männer lustig zu machen, jedenfalls über weiße, bürgerliche Männer, aber nicht über Frauen oder Schwarze".
Eine zweite Technik ist, auf Männer verächtlich herab zu schauen,
eine dritte, sie überhaupt nicht mehr zurKenntnis zunehmen und so zu tun, als bestünde die Welt nur aus Frauen und Mädchen.
Eine vierte Technik besteht daran, Männer für alles Schlechte verantwortlich zu machen: "Wenn die Menschen einmal den Gedanken akzeptiert haben, dass Männer die historische Quelle des Bösen sind, braucht es nicht viel
Phantasie, einen Schritt weiterzugehen und zu behaupten, dass Männer auch die metaphysische Quelle des Bösen sind".
Die fünfte Technik entmenschlicht Männer und stellt sie als Bestien und Untermenschen dar,
die sechste Technik dämonisiert das männliche Geschlecht und macht es zu einem nur noch hassenswerten Objekt.
NATHANSON & YOUNG werten diese Techniken der Massenkulturals gefährlichen Angriff auf die männliche Identität undwarnen vor den gesellschaftlichen Folgen dissozialen männlichen Verhaltens von psychischen Störungen über Rückzugstendenzen bis zur Gewalt.
Die beschriebenen Techniken lassen sich problemlos auch für die Massenmedien des deutschsprachigen Raums seit Mitte der neunziger Jahre ausmachen, sind bisher allerdings hierzulande empirisch noch nicht belegt. Ein Beispiel für diesen Trend ist das 1 0-strophige Gedicht einer Anonyma, das inzwischen massenhaft verbreitet ist. Darin heißt es:
" So unnütz wie Unkraut, wie Fliegen und Mücken,
so lästig wie Kopfweh lind Ziehen im Rücken,
so störend wie Bauchweh und stets ein Tyrann,
das ist dieser Halbmensch - sein Name ist Mann.
Er steht nur im Weg rum, zu nichts zu gebrauchen
ist immer am Meckern und ständig am Fauchen.
Er ist auf der Erd, ich sag's ohne Hohn,
vom Herrgott die größte Fehlkonstruktion
Das ist nun nicht nur nicht lustig, sondern in seiner Kumulation auch gefährlich. Menschen als instinktarme Wesen brauchen Bilder, um sich zu orientieren, um sich und die Welt zu verstehen. Daraufhatdergroße Basler Zoologe Adolf Portmann schon vor langer Zeit grundsätzlich hingewiesen. Bilder sind immer wesentliche Identifikationshilfen für Frauen und Männer. Das gilt vor allem auch für die sukzessive Herausbildung der jeweiligen Geschlechtsidentität. Was nun gegenwärtig an Männerbildern kursiert, lädt nicht mehr zur Identifikation ein und bietet eine ausschließliche Negativ-Orientierung. Die damit verbundenen Schwierigkeiten und Folgen für das Mann-Werden und Mann-Sein und in einem weiteren Sinne auch für das Zusammenleben der Geschlechter sollten nicht unterschätzt werden.