Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Die WELT zu Mißhandlungen in Spanien

Jeremin, Wednesday, 26.05.2004, 21:11 (vor 7926 Tagen)

"Mein Mann schlägt mich nicht mehr als üblich"
Erdrosselt, erstochen, erwürgt: Jede zehnte Frau in Spanien wird misshandelt - Mit Gesetzen will Zapatero die Gewalt bekämpfen

von Nikolaus Nowak

Madrid - Im Film hat Pilar Glück: Ihr Mann misshandelt sie schwer, aber sie kommt mit dem Leben davon. Für das psychologische Drama "Te doy mis ojos", übersetzt etwa "Ich schenke Dir mein Leben" hat die Regisseurin Icíar Bollaín nicht zuletzt seiner politischen Brisanz wegen den diesjährigen höchsten spanischen Filmpreis Goya erhalten.

Denn mit der Gewalt in der Familie greift es das schwerste soziale Problem auf, unter dem das moderne Spanien leidet. Das zeigt ein Blick auf die Statistik allein der letzten Wochen: Irina (26) wurde am 27. April von ihrem Freund erstochen, Maria (76) am 8. April von ihrem Mann erdrosselt, Encarnación (46) am 31. März von ihrem Mann überfahren, Ana (39) am 23. März von ihrem Mann erstochen, Esmeralda (22) am 22. März von ihrem Freund enthauptet. 18 Frauen sind seit Anfang Januar durch die Hand ihrer Partner ums Leben gekommen, dazu sechs Kinder und eine Schwiegermutter.

Die Tendenz steigt: Zählte man 2002 noch 45 weibliche Todesopfer, waren es im letzten Jahr 70. Die Anzeigen wegen Misshandlung durch den Partner sprangen im gleichen Zeitraum von 24 000 auf 50 000. Studien belegen, dass zwei Millionen Frauen, etwa jede zehnte Spanierin, misshandelt werden.

Besonders eine Gräueltat Ende April erschütterte die Nation, als der 45-jährige Ismael Pablo Rodríguez in Alzira an der Mittelmeerküste Benzin in die Wohnung seiner Ex-Frau schüttete und hinter sich die Wohnungstür schloss. Die aus der Dominikanischen Republik stammende Jenny Lara verbrannte mit ihren acht und fünf Jahre alten Kindern im Arm. Der Fall ist so brisant, weil sich die Tragödie seit langem abzeichnete, Polizei, Sozialamt und Justiz jedoch unfähig waren, das Unglück zu verhindern. Die Frau hatte fünf Jahre lang um Unterstützung durch die Behörden gebeten, trotz eines gerichtlichen Verbots, sich der Wohnung näher als 300 Meter zu nähern, war der vor drei Jahren geschiedene Mann noch am Abend an der Haustür erschienen und hatte den Mord angekündigt. Da die herbeigerufene Polizei nach zehn Minuten wieder abgezogen war, konnte der Täter sein Verbrechen ungehindert begehen.

Weil alle bisherigen Versuche einer generellen Eindämmung scheiterten, will die im März gewählte sozialistische Regierung unter Premier José Luis Rodríguez Zapatero jetzt einen neuen Anlauf gegen die "violencia del género", die so genannte "zwischengeschlechtliche Gewalt", nehmen. Sozialminister Jesús Caldera hat ein Paket von 15 Gesetzen aufgelegt, darunter die Einrichtung von speziellen Gerichten, die Heraufsetzung der staatlichen Subsidien für misshandelte Frauen von derzeit zehn Monatssätzen zu 300 Euro sowie Prämien für Unternehmen, die Opfer einstellen. Auch soll die Zahl der Polizeibeamten deutlich aufgestockt werden.

Zapatero hatte schon vor den Wahlen angekündigt, zu seinen ersten Amtshandlungen werde eine Novelle zum Schutz der Frauen gehören. Ebenso ernst wie mit dem Rückzug aus dem Irak machte er die Gleichstellung zum integralen Regierungskonzept, formte ein paritätisches Kabinett und machte erstmals in der Geschichte eine Frau zu seiner Stellvertreterin. Der Mord an der eigenen Partnerin sei die Ultima Ratio einer "Beziehung auf der Basis männlicher Dominanz", so der Gerichtsmediziner und Bestsellerautor von "Mi Marido me pega lo normal", übersetzt etwa: "Mein Mann schlägt mich nicht mehr als üblich." "Ursächlich ist die traditionelle Ungleichstellung der Frau in unserer Gesellschaft", so Caldera. Noch werden 28 Prozent der Frauen bei gleicher Arbeit schlechter bezahlt als Männer, mangelnder Mutterschutz und Kindergeld setzen viele Frauen einer Doppelbelastung aus.

Weil die Änderung der Mentalität - unter der Franco-Diktatur bis vor 30 Jahren waren Frauen so gut wie entrechtet - ein Langzeitprojekt ist, will der Sozialminister die Gleichstellung zum Unterrichtsfach machen, dazu sollen die Normen für sexistische oder frauenfeindliche Werbung verschärft werden. Nicht ohne Grund sprechen die Medien trotz der Gefahr einer Begriffsabnutzung jetzt auch vom "häuslichen Terrorismus": Die Gewalt in der Familie entspringe ebenso wie die islamistisch motivierten Massenmorde aus einem psychopathischen Gefühl von Unterlegenheit und Rache und sei ebenso schwer zu verhindern wie die Bombenattentate auf Zivilisten, heißt es.

Auch der neue Generalstaatsanwalt Conde-Pumpido erklärte das Vorgehen gegen die häusliche Gewalt nach dem Kampf gegen Terrorismus zur wichtigsten Aufgabe. Die physische Unversehrtheit sei "ein noch nicht ausreichend realisiertes Grundrecht". So müsse entschieden gegen "diesen Auswuchs der Dominanz unter den Geschlechtern" vorgegangen werden.

Artikel erschienen am 26. Mai 2004

Noch mal langsam zum mit-denken.

"Nicht ohne Grund sprechen die Medien trotz der Gefahr einer Begriffsabnutzung jetzt auch vom "häuslichen Terrorismus": Die Gewalt in der Familie entspringe ebenso wie die islamistisch motivierten Massenmorde aus einem psychopathischen Gefühl von Unterlegenheit und Rache und sei ebenso schwer zu verhindern wie die Bombenattentate auf Zivilisten, heißt es."

Eigentlich sollte das hier ohne Kommentar stehen. Aber ich glaube, die Perfidie ist nicht sofort ersichtlich. Da wird ohne zu zögern Gewalt in der Beziehung den schlimmsten Gewaltakten gleichgestellt, die die freie Welt in den letzten Jahren erlebt hat. Wie lange wird es dauern, bis das Pendel in die andere Richtung ausschlägt und die ersten spanischen Männer wegen "Privatterrorismus" ohne Gerichtsurteil nach Guantanamo "exportiert" werden?

Re: Die WELT zu Mißhandlungen in Spanien

michail, Wednesday, 26.05.2004, 22:08 (vor 7926 Tagen) @ Jeremin

Als Antwort auf: Die WELT zu Mißhandlungen in Spanien von Jeremin am 26. Mai 2004 18:11:36:

Diese Spätzünder sind dabei, ihre Gesellschaft nach den Prinzipien importierter Staatsfeminismen anzugreifen. Weil sich diese südländischen Aufklärer als 'spät dran' vorkommen und weil sie zusätzlich nicht zur Entstehung des Desasters beigetragen haben, sind sie besonders erpicht, sich zu beweisen.

Am besten verteilen sie in den Schulen Valerie Solanas' Manifest; dann kämen sie schneller ans Ziel als ihre westlicheren Patenonkels.

Zeit also, dort, wo die Epidemie begann, neue Lieder laut zu singen.

Michail

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