Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Telepolis Artikel zur schließung von Frauennotrufen

Sebastian, Sunday, 23.05.2004, 15:29 (vor 7929 Tagen)

hallo allerseits,

diesen artikel über die schliessung von frauennotrufen habe ich bei telepolis eben gelesen, ist recht interessant. wer mag kann sich dort auch bei der diskussion im forum beteiligen (da hat wohl auch schon jemand eingeworfen das männer öfter opfer von gewalt sind).

grüsse

http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/17413/1.html

Kein Anschluss mehr unter dieser Nummer

Katja Seefeldt 23.05.2004
Vielen Frauennotrufen in Deutschland geht allmählich finanziell die Puste aus.

Nach ersten Einschätzungen hat sich das Gewaltschutzgesetz in der Praxis bewährt. Doch die Basis, die das Gesetz trägt und ihm zum Erfolg verholfen hat, ist brüchig geworden: Sparmaßnahmen von Landkreisen und Kommunen erschweren Einrichtungen wie Frauennotrufen das Leben. Am schlimmsten ist die Situation auf dem Land.

"Stell dir vor, du rufst den Notruf an und keiner hebt ab": So wird es ab diesem Sommer Frauen in Augsburg ergehen, die die Nummer des Frauennotrufs wählen. Die Leitung wird stumm bleiben, denn der Notruf hat seine Tätigkeit eingestellt, weil die Gelder von der Kommune gestrichen wurden. Augsburg ist kein Einzelfall. Viele andere Notrufe im ganzen Land sind gezwungen, mit immer weniger Mitteln zu Rande zu kommen. Der Grund: Landkreise und Kommunen müssen sparen und kürzen die Zuschüsse. Fließt aus ihren Töpfen nichts mehr, stellt auch das Sozialministerium die Förderung ein. Die Zuwendungen sind freiwillige Leistungen, das bedeutet, sie können beliebig gekürzt oder gestrichen werden.

Ein Hilfsnetz, das immer grobmaschiger wird

Dabei tragen die Frauennotrufe entscheidend zum Erfolg eines Gesetzes bei, das vor fast anderthalb Jahren in Kraft getreten ist und einen wichtigen Fortschritt im Umgang mit häuslicher und sexualisierter Gewalt markiert – das Gewaltschutzgesetz. Nach dem Grundsatz "Der Täter geht, das Opfer bleibt" können Opfer von Gewalt in häuslichen Gemeinschaften seit Januar 2002 verlangen, dass ihnen die Wohnung überlassen bleibt. Gleichzeitig wurde mit dem Gesetz eine Rechtsgrundlage für gerichtliche Schutzordnungen wie Kontakt- und Näherungsverbote geschaffen.

Eine offizielle erste Statistik des Justizministeriums zur Wirkung des Gewaltschutzgesetzes wird es erst im Frühjahr 2005 geben, doch die Zahlen, die einige Länder schon jetzt melden, klingen vielversprechend: In Baden-Württemberg ist die Zahl der Platzverweise beispielsweise von 2002 auf 2003 um 22 Prozent auf 2.127 gestiegen. Ganz offenbar machen Frauen und Polizei Gebrauch von diesem Angebot.

Doch das Gesetz wäre nicht mehr als ein Stück Papier, wenn sich nicht in den letzten Jahrzehnten ein Netz von Frauenhäusern, Notrufen und Beratungsstellen herausgebildet hätte, wo Betroffene von häuslicher und sexualisierter Gewalt über ihre Rechte und Handlungsmöglichkeiten aufgeklärt werden, wo den Frauen bewusst gemacht wird, dass sie Gewalt und Missbrauch nicht hinnehmen müssen. Der Erfolg des Gewaltschutzgesetzes ist ein Erfolg der langjährigen Arbeit dieser Einrichtungen, die nun allmählich weggespart werden.

Beispiel Bayern: "Fast jeder Frauennotruf ist von Kürzungen betroffen."

Sabine Wieninger vom Frauennotruf in München und Delegierte der LAG Bayern für den Bundesverband autonomer Frauennotrufe (BaF) hat eine Umfrage gestartet, um die finanzielle Situation der bayrischen Notrufe zu recherchieren. Das von ihr ermittelte Bild ist zwar nicht vollständig, dafür ist der Trend eindeutig: Fast alle Notrufe müssen Etatkürzungen verschmerzen, am schlimmsten trifft es die kleinen Stellen in den ländlichen Regionen. Zwar geht es bei einigen um Summen, bei denen man denkt: "Peanuts", trotzdem sind sie kaum zu verkraften, weil viele Notrufe schon lange am Rande des Möglichen arbeiten. Auch ohne Kürzungen schmelzen die Mittel dahin, aufgezehrt von ansteigenden laufenden Kosten, Tariferhöhungen bei Gehältern etc. Weil die Mittel nicht mehr reichen, wird Augsburg im Sommer schließen, in Waldkraiburg, Weiden und Regensburg fehlt dazu nicht mehr viel.

Die Sparmaßnahmen hängen wie ein Damoklesschwert über den Notrufen und beeinträchtigen zunehmend die Arbeit. "Um die Kürzungen aufzufangen, müssen die Notrufe die Beratungsstunden zurückfahren, das bedeutet, die Basis, auf der profunde Arbeit geleistet werden kann, schwindet immer mehr", erklärt Sabine Wieninger. "Auf dem Land ist das besonders tragisch, weil es für die Angebote der Notrufe keine Alternativen gibt. Frauen, die sich gegen Gewalt wehren wollen und dringend Unterstützung brauchen, mutet man zu, 100 Kilometer zu fahren, um Hilfe zu bekommen. Doch gerade Mütter sind nicht so flexibel. Und bei Klientinnen, die prozessieren, zieht sich die Betreuung unter Umständen über zwei Jahre hin. Mit einem kurzen Besuch ist es also nicht getan."

Zwischen Öffentlichkeitsarbeit und Beratung – das Lied von den Sparmaßnahmen

Wie sieht es auf dem Land aus? Brigitte Breit arbeitet seit vier Jahren beim Frauennotruf in Deggendorf. Das Lied von den Sparmaßnahmen kann sie vor- und rückwärts singen. Bis Anfang April dieses Jahres sah es so aus, als wolle der Landkreis die Mittel für den Notruf ab dem kommenden Jahr streichen – das hätte das Aus bedeutet. Nach massiven Protesten steht nun fest, dass es auch 2005 weitergeht. Trotzdem rauben die wirtschaftlichen Probleme viel Energie – an langfristige und neue Projekte ist nicht zu denken.

"Wegen unserer angespannten finanziellen Lage versuchen wir in der Öffentlichkeit sehr präsent zu sein. Wir bemühen uns, Spenden zu bekommen, machen Kurse an der Fachakademie und Veranstaltungen an Schulen. Das hat den Vorteil, dass sich zunehmend mehr Frauen und Mädchen, bei uns melden, weil ihnen bewusst wird, dass es uns gibt. Auf der anderen Seite wäre es besser, wenn wir mehr Energie in unsere eigentlich Arbeit stecken könnten. Wir würden gern mehr Präventionsangebote machen und mehr ehrenamtliche Mitarbeiterinnen gewinnen. Doch das alles kostet Zeit, und die haben wir nicht, wir müssen ja schließlich erreichbar sein", fasst Brigitte Breit die Situation zusammen.

Dabei ist die "Nachfrage" größer denn je: Insgesamt 779 Beratungsgespräche und Begleitungen hat das Deggendorfer Team – 2 festangestellte Teilzeitkräfte und 15 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen – im vergangenen Jahr durchgeführt, 129 Frauen und Mädchen haben Hilfe gesucht, mehr als 100 Kinder waren mitbetroffen. Das Gewaltschutzgesetz ist gut und wichtig, doch die Klientinnen der Notrufe gehen nach den Erfahrungen von Brigitte Breit in der Regel nicht einfach zur Polizei und erstatten Anzeige.

Häusliche Gewalt ist kein Frauenproblem

Immer noch ist das Thema häusliche und sexualisierte Gewalt mit Scham besetzt, es dauert oft unglaublich lange, bis sich ein Opfer meldet. "Es braucht manchmal bis zu zehn Jahren, bis eine Frau aktiv wird. Oft sind es dann die Kinder, die den Ausschlag geben, entweder wenn sich die Gewalt des Schlägers auch gegen sie richtet oder wenn die Kinder von sich aus damit drohen, die Familie zu verlassen und in ein Heim zu gehen", berichtet die Familientherapeutin. Besonders groß ist die Scham auf dem Land, wo jeder jeden kennt und jeder mitbekommt, wenn eine Frau die Polizei einschaltet. Und gerade in Fällen, in denen die Angst überwiegt, reicht ein Gesetz allein nicht aus:

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"Die Angst ist oft so groß, dass die Frauen nicht auf das Gewaltschutzgesetz vertrauen, weil sie fürchten, nach einer Anzeige doch wieder allein dazustehen. Das neue Gesetz ist zwar gut, aber wenn der Mann sich nicht daran hält, steht er wieder vor der Tür. Und die Polizei ist ja nicht rund um die Uhr präsent. Bis die dann kommt, kann viel passieren. Viele Betroffene gehen dann lieber gleich ins Frauenhaus."

Was nützt ein Gesetz, wenn die Struktur fehlt, die es trägt? Was wird aus Frauen, die in irgendeinem Dorf wohnen, ohne Führerschein womöglich, und regelmäßig geschlagen und missbraucht werden – werden sie sich bei der Polizei melden? "Es ist so unendlich zu bedauern, dass die Angebotsstruktur, die über die letzten Jahrzehnte aufgebaut wurde, jetzt ganz schnell zusammenbrechen kann. Das müssen die Frauen ausbaden. Und es gehen langjährige Erfahrung und Professionalität verloren", kritisiert Sabine Wieninger. Die zunehmende Einbeziehung von ehrenamtlichen Mitarbeitern hält sie für keine wirkliche Lösung: "Ich finde es schön, dass sich Frauen ehrenamtlich engagieren, anderseits ist es auch unsäglich. Es kann politisch gesehen nicht sein, dass Frauen in ihrer privaten Zeit ohne Anerkennung etwas auffangen, was ein gesellschaftliches Problem ist. Es verschleiert, dass es einen enormen Bedarf gibt und es entwertet die Arbeit, die sie tun." Der schwarze Peter wird durch die Sparmaßnahmen an die Frauen zurückgegeben, dabei ist häusliche Gewalt kein Frauenproblem.

Die weiteren Aussichten: noch mehr Kürzungen

So richtig dick wird es im nächsten Jahr kommen. Denn für 2005 hat auch das Sozialministerium Kürzungen in Aussicht gestellt. Die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe wird die Lage zusätzlich verschlimmern, befürchtet Sabine Wieninger:

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"Es wird für Frauen, die einfach nicht mehr arbeitsfähig sind, immer schwerer, an Gelder zu kommen und die Verunsicherung ist momentan sehr groß. Die geballte Ladung von dem, was es an Abbau gibt und seine Folgen, steht uns noch bevor."

Re: Telepolis Artikel zur schließung von Frauennotrufen

Eugen Prinz, Monday, 24.05.2004, 14:08 (vor 7928 Tagen) @ Sebastian

Als Antwort auf: Telepolis Artikel zur schließung von Frauennotrufen von Sebastian am 23. Mai 2004 12:29:42:

Nach dem Grundsatz "Der Täter geht, das Opfer bleibt" können Opfer von Gewalt in häuslichen Gemeinschaften seit Januar 2002 verlangen, dass ihnen die Wohnung überlassen bleibt.>Beispiel Bayern: "Fast jeder Frauennotruf ist von Kürzungen betroffen."

Das ist nur folgerichtig. Wenn Frauen ihre Männer durch die Polizei "entsorgen" lassen können, dann braucht es auch keine Frauennotrufe oder Frauenhäuser mehr. Die Nummer der Polizei steht im Telefonbuch.

Häusliche Gewalt ist kein Frauenproblem

Wie wahr! Es ist zu einem sehr großen Teil auch ein Männerproblem - in zweifacher Hinsicht. Erstens gibt es, wie wir alle wissen, auch Männer, die von ihren Frauen misshandelt werden. Zweitens wurde mit dem Gewaltschutzgesetz ein Gesetz geschaffen, dass in der Praxis dem Missbrauch durch Frauen, und nur durch diese, Tür und Tor öffnet. Solche Gesetze dürfte es eigentlich garnicht geben. Nun brauchen wir womöglich einen Männernotruf, für Männer, die zum Opfer des Gewaltschutzgesetzes werden.

Immer noch ist das Thema häusliche und sexualisierte Gewalt mit Scham besetzt, es dauert oft unglaublich lange, bis sich ein Opfer meldet. "Es braucht manchmal bis zu zehn Jahren, bis eine Frau aktiv wird. >

... und bis sich mal ein Mann meldet, der von seiner Frau misshandelt wurde ... Jahrtausende...

"Es wird für Frauen, die einfach nicht mehr arbeitsfähig sind, immer schwerer, an Gelder zu kommen und die Verunsicherung ist momentan sehr groß. Die geballte Ladung von dem, was es an Abbau gibt und seine Folgen, steht uns noch bevor."

"Gelder..." das ist es. Tausende von Frauenprojekten existieren vor allem, weil es "Gelder" gibt. Das ist ein bekannter Mechanismus. Das unterstelle ich sogar Amnesty, bei ihrer degoutanten Kampagne zu Gewalt gegen Frauen. Nur in einer Wohlstandsgesellschaft konnte sich der Feminismus dermaßen aufblasen. Wenn es nicht ausgesprochen zynisch wäre, würde ich mir den Wohlstand zum Teufel wünschen, damit ihm der übersubventionierte Feminismus dorthin nachfolgt.

So gesprochen der friedlichste Mensch, den ich kenne,

Eugen Prinz

Re: Telepolis Artikel zur schließung von Frauennotrufen

Ferdi, Monday, 24.05.2004, 14:38 (vor 7928 Tagen) @ Eugen Prinz

Als Antwort auf: Re: Telepolis Artikel zur schließung von Frauennotrufen von Eugen Prinz am 24. Mai 2004 11:08:56:

Hallo Eugen!

Wenn es nicht ausgesprochen zynisch wäre, würde ich mir den Wohlstand zum Teufel wünschen, damit ihm der übersubventionierte Feminismus dorthin nachfolgt.

Da sagst Du was wahres. Der Wohlstand ist schon auf dem besten Wege zum Teufel, man liest es doch jeden Tag in den Tageszeitungen. Im heutigen General-Anzeiger fand sich ein interessanter Leserbrief. Der Leser monierte, dass in der richtungslosen Haushalts- und Spardiskussion ein Punkt ausgeklammert bleibt: Regierung und Parteien haben unseren Staat in einen Selbstbedienungsladen verwandelt. Er bemängelt die Armee von Staatsministern, die Unmengen von Staatssekretären, die alle ein Heer von Bürokräften, Fahrern mit Dienstwagen und andere Bedienstete mitschleppen und auf eine fürstliche Altersversorgung blicken können, selbst wenn sie nur kürzeste Zeit "aktiv" dabei waren.

Zum Schluss meint der Leser: "Nicht genug damit: Zahlreiche "Beauftragte" der Bundesregierung etc kümmern sich mit mehr oder weniger grossem Stab um Dinge, die früher die Ministerien selbst erledigen konnten." Wen er damit wohl gemeint haben könnte?

Der Feminismus ist ein Fass ohne Boden. Er ist die perfekte Geldentsorgungsmaschine (natürlich mit grünem Punkt) und in dieser Hinsicht ein Perpetuum mobile. Wie ein gefährlicher Parasit bringt er seinen Wirt vor lauter Arroganz, Überheblichkeit und unstillbarer Raffgier um.

Gruss,
Ferdi

Re: Telepolis Artikel zur schließung von Frauennotrufen

Eugen Prinz, Monday, 24.05.2004, 17:31 (vor 7928 Tagen) @ Ferdi

Als Antwort auf: Re: Telepolis Artikel zur schließung von Frauennotrufen von Ferdi am 24. Mai 2004 11:38:20:

Im heutigen General-Anzeiger fand sich ein interessanter Leserbrief. Der Leser monierte, dass in der richtungslosen Haushalts- und Spardiskussion ein Punkt ausgeklammert bleibt...

du kannst ja dem Leser im GA eine Antwort drauf schreiben, und dabei Ross und Reiter nennen, d.h. wieviele "Beauftrage" es gibt und was das alles kostet. Zu den Kosten hat Bruno etwas recherchiert und hier eingestellt:

http://www.manndat.de/stat3.htm

Einen schönen Gruß, Eugen

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