@Emman(n)ze
Zum Fall Reimer
genau DAS ist es, was ich bei Deinen radikalen Ansätzen meinte zumindest, wenn man sich dabei nicht ausdrücklich vom Nur-Umwelt-Dogma distanziert und die genetischen Anlagen nicht als ernstzunehmenden geschlechtsspezifischen Faktor anerkennt.
Oft reicht nur eine Kritik am Nur-Umwelt-Dogma, und schon wird man als "Biologist" diffamiert. Dabei kann man sich den Mund fusslig reden, daß beide Faktoren bei der menschlichen Sozialisation und Identitätsfindung eine Rolle spielen, alles verhallt ungehört.
Wer will sich schon sein schönes einfaches Dogma kaputtmachen lassen. Einfachheit doch so bequem.
Also...
Ich hab mit David geredet und er würde sich ungern (wie in dem Thread geschehen) als Junge bezeichnen lassen. Nach Davids Meinung hat seine Biographie ihn außerhalb von Geschlecht stehen lassen. David eignet sich nicht dazu, zu zeigen, daß Geschlecht eine dominierende biologische Komponente hat, vielmehr zeigt sein Fall, daß Umwelt Gewalt sein kann und wie weit gegangen wird, um einen Menschen zum Geschlecht zu zwingen. Die soziale Komponente für wichtiger zu halten, heißt für mich nicht, solche Machenschaften gutzuheißen - im Gegenteil. Ich wende mich entschieden gegen die Kategorisierung von Menschen und gegen die Form von Gewalt, die uns alle in verschiedenem Außmaß wiederfährt, wobei Menschen wie Reimer oder auch die Hermaphroditen die direkteste und extremste (weil physische Verstümmelungen einschließende) Variante erleben. Für mich bedeutet die Dekonstruktion von Geschlecht, Freiräume zu schaffen. Für Money hieß soziale Bedingtheit: Einen Kerker schaffen zu können. Vieleicht wäre ein Vergleich mit etwas anderem angebracht: Die Religion/Weltanschauung. Niemand wird bestreiten, daß es keine biologische Ursache dafür gibt, daß ein Mensch Christ ist, oder Bhuddist, oder Agnostiker oder... Moneys Idee von Geschlecht gleicht der eines religiösen Fanatikers, der auch alle Menschen zu einem Glauben bekehrt sehen will und dafür sogar bereit ist, Gewalt anzuwenden (Bekehrung der "Heiden" durch die Kirche, Islamismus, Hohmann-Rede, etc.). Genau wie ich einen Pluralismus der Weltanschauungen begrüße und ihn für elementar in einer freiheitlichen Gesellschaft halte, so stehe ich auch für die Freiheit des Geschlechts und der Wahlmöglichkeiten des Individuums.
Kurz: Die Moneys dieser Welt wollen Menschen zu Männern und Frauen machen, auch wenn sie dabei deren Rechte beschneiden. Die Mehrheit macht Menschen mit subtileren Methoden zu Männern und Frauen. Ich fordere ein Ende dieser Produktion. Weiter weg von der Selbstgefälligkeit eines Psychologen mit Allmachtsphantasien kann keine Position sein. Money ist in Bezug auf Geschlecht Diktator, ich bin Anarcho...
susu
Anarchie + Dogma = Paradoxon
Als Antwort auf: @Emman(n)ze von susu am 20. Mai 2004 22:45:46:
Hi susu,
viele Deiner Texte habe ich genau durchgelesen, und ich habe den Eindruck, daß Du dem Nur-Umwelt-Dogma anhängst, ohne es Dir selbst eingestehen zu wollen. Die direkte Frage, ob Du diesem Dogma anhängst, hast Du ja mit "nein" beantwortet.
In all Deinen Darlegungen bedientest Du Dich jedoch stets Beispielen, die die Allmacht der Umweltfaktoren belegen sollten. Relativierende Feststellungen habe ich etwas vermißt.
Laß Dir eines gesagt sein: Anarchie und Dogma (=Wunschdenken) passen nicht zusammen. Das funktioniert nicht.
In einer "anarchischen" Gesellschaft nach Deiner Wunschvorstellung würde es früher oder später wieder zu einer Diktatur kommen - zu einer Diktatur der verordneten Gleichheit. Genau mit der Subtilität, die Du heute (z.T. zu recht) bei gesellschaftlichen Rollenzuweisungen kritisierst, würde versucht, Gleichsein zu erzwingen.
Wie kann man Umweltfaktoren von genetischen Faktoren trennen?
Ein Dilemma, wie ich finde. Auf keinen Fall einfach zu lösen. Bei absoluten Aussagen, die sich durch ihre Einfachheit auszeichnen und den einen oder anderen Kontrahenten eindeutig bevorzugen, ist IMO höchstes Mißtrauen angesagt.
Gruß
Re: Anarchie + Dogma = Paradoxon
Als Antwort auf: Anarchie + Dogma = Paradoxon von Der Eman(n)ze am 21. Mai 2004 20:03:59:
Hallo Eman(n)ze
viele Deiner Texte habe ich genau durchgelesen, und ich habe den Eindruck, daß Du dem Nur-Umwelt-Dogma anhängst, ohne es Dir selbst eingestehen zu wollen. Die direkte Frage, ob Du diesem Dogma anhängst, hast Du ja mit "nein" beantwortet.
Wobei dies für mich bedeutet: Ich sehe mir Studien die biologische Determiniertheit sehen genau an. Und bislang gibt es keine die methodisch gut genug wäre, eine biologische Determiniertheit in Punkt X zu bestätigen. Ich halte es durchaus für möglich, daß es biologische Faktoren gibt, allerdings gibt es bis jetzt keine Möglichkeit eine Eigenschaft eindeutig als biologisch determiniert zu beschreiben. Es gibt allerdings Eigenschaften, bei denen eine biologische Determiniertheit ausgeschlossen werden kann. Dazu kommt, wie schon mehrfach erwähnt, daß der Begriff Geschlecht momentan in der Biologie einer Revision unterzogen wird. Je mehr wir wissen, desto weniger ist die grobe Abstraktion hilfreich. Wenn es biologische Determinanten gibt, werden sie auf Eigenschaften zurückzuführen sein, die dem, was umgangssprachlich als Geschlecht bezeichnet wird nicht ähneln.
In all Deinen Darlegungen bedientest Du Dich jedoch stets Beispielen, die die Allmacht der Umweltfaktoren belegen sollten. Relativierende Feststellungen habe ich etwas vermißt.
Die Frage ist, wie diese unter den Gegebenen Umständen aussehen könnten? Wie gesagt: Es gibt bislang weder belegbare biologische Determiniertheiten, noch eine einheitliche biologische Geschlechtsdefinition.
Laß Dir eines gesagt sein: Anarchie und Dogma (=Wunschdenken) passen nicht zusammen. Das funktioniert nicht.
In einer "anarchischen" Gesellschaft nach Deiner Wunschvorstellung würde es früher oder später wieder zu einer Diktatur kommen - zu einer Diktatur der verordneten Gleichheit. Genau mit der Subtilität, die Du heute (z.T. zu recht) bei gesellschaftlichen Rollenzuweisungen kritisierst, würde versucht, Gleichsein zu erzwingen.
Halte ich nicht für zwingend so. Als Beispiel sei hier wieder die Religion genannt. So schnell sehe ich die Freiheit der Weltanschauung nicht vergehen. Ich glaube nicht, daß auf Pluralismus zwingend eine Diktatur folgt. Die Tatsache, das nächsten Sonntag verschiedene Parteien ins EU-Parlament gewählt werden können ist kein Vorzeichen einer zukünftigen Diktatur.
Wie kann man Umweltfaktoren von genetischen Faktoren trennen?
Ein Dilemma, wie ich finde. Auf keinen Fall einfach zu lösen. Bei absoluten Aussagen, die sich durch ihre Einfachheit auszeichnen und den einen oder anderen Kontrahenten eindeutig bevorzugen, ist IMO höchstes Mißtrauen angesagt.
Richtig. Das Thema ist komplex. Allerdings gibt es eine soziobiologische Methodik, die darauf angelegt ist, Umweltfaktoren von biologischer Determination zu trennen. Die Soziobiologie hat durchaus Aussagekraft (ich habe ja schon einmal Beispiele genannt, z.B. das Lächeln, daß genetisch determiniert ist. Ein anderes wäre der Saugreflex beim Stillen). Allerdings gibt es keine mir bekannte Studie, die diese MEthodik einhalten würde, die hier geschlechtsabhängige Differenzen feststellen würde, die größer sind, als die Variation innerhalb der Geschlechtergruppen. (Im Spiegelartikel zum Lernverhalten wird eine Studie zum Verhalten von Säuglingen erwähnt, die ich mir besorgen werde - könnte die erste sein).
susu