Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

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Nachdenkliches im WDR

Jeremin, Thursday, 20.05.2004, 12:39 (vor 7932 Tagen)

Da wir nun alle mal dabei sind, die Berichterstattung in den Medien zu feiern, hier noch was.

Gestern lief im WDR wieder die erstklassige Reportagereihe "Menschen hautnah". Diesmal ging es um ein lesbisches Paar, deren einer Teil sich langsam zum Mann wandelte. Es ging weniger um die Geschlechtsumwandlung, als weit mehr um das Geschlechtsverständnis schlechthin. Trotz Brustamputation und Hormongaben, trotz täglicher Rasur blieb Ines anfangs innerlich gespalten, nahm aber die männliche Rolle mehr und mehr an. Sie fühlte sich dennoch mehr als ein zwischengeschlechtliches Wesen mit wesentlich mehr Möglichkeiten der Erfahrung als "Eingeschlechtler".

Dazu mag jeder stehen, wie er mag. Ich persönlich habe Ines ihr Glücklichsein nicht so abgenommen, aber ein Nebensatz ließ mich besonders aufhorchen.

Zitat: "Ich möchte eigentlich kein Mann sein in einer Welt, in der Männer so behandelt werden."

Ich möchte hinzufügen: "...und es sich gefallen lassen."

Das Thema wurde nicht weiter verfolgt, auch weil sich die Macher der Reportage vorbildlich an die alte Journalistenregel halten, dass der Berichterstatter immer hinter seinem Thema zurücktritt. Zu Wort kamen fast ausschließlich die Protagonisten.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf ein weiteres Thema hinweisen, das meines Erachten nach eine Gefahr für dieses Forum bedeutet.

Hier wird vehement und zu Recht gegen Feministinnen und "Frauenrechtlerinnen"(wo kann man diesen Beruf eigentlich lernen?)
zu Felde gezogen. Das Forum ist auch ein Platz, um seelischen Kram abzuladen, why not.

Aber ich habe das sichere Gefühl, wir vergessen hier eine Klasse von Frauen, die es meiner Erfahrung nach gar nicht so selten gibt und die eigentlich unsere natürlichen Verbündeten sein könnten. Ich meine Frauen, die die Rolle der Versorgten entschieden ablehnen, die prima mit Männern klarkommen, ohne sich unterworfen oder übervorteilt zu fühlen, die selbstbewußt ihre Ziele vertreten, ohne die der Männer in Grund und Boden zu verteufeln. Frauen der Tat meinethalben. (Die, die ich kenne, sind ohne Ausnahme in Vollzeit berufstätig.)

Sie stellen sicher noch nicht die Mehrheit der Frauen, aber wir sollten uns hüten, alles, was fünf Tage am Stück bluten kann, ohne zu sterben, in einen Topf zu werfen. Und Feuer drunter zu machen. Das könnte überkochen.

Statt dessen sollten wir den Frauen klarmachen, was konkret wir von IHNEN wollen. Und was gefälligst überhaupt nicht. Uns gegen Übergriffe zu wehren und gegenseitig wachzurütteln, ist nur der erste Schritt. Die gegenwärtige Medienkampagne zeigt ja nur Zustände auf, bietet aber keine Lösungen an. Und ist so eigentlich auch kein Grund zum Jubeln, oder?


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