Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Medienzeit...überarbeitet oder gelangweilt, zufrieden ist keine

Pokemon, Wednesday, 19.05.2004, 23:59 (vor 7933 Tagen) @ Gatina

Als Antwort auf: Re: Medienzeit? Focus über die MUTTIrung von Gatina am 18. Mai 2004 15:12:23:

Hallö!

Ich fand den Artikel sehr interessant, besonders einige Äusserungen der Mütter, wie z.B. "bin ich jeck, arbeiten zu gehen?".

Ja, diese Äußerung ist mir auch aufgefallen. Ich finde es ehrlich gesagt unverschämt so etwas zu sagen. Zum ersten macht sie sich damit über die Millionen Männer lustig, die nicht die Möglichkeit haben, sich als Hausmann zurückzuziehen. Außerdem entsteht durch solche Äußerungen der Einduck, Kindererziehung und Haushalt wären keine Arbeit. Ob man das Hausfrau-Sein als angenehm oder stressig empfindet hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zum Beispiel von dem Kind. Es gibt superliebe Kinder, die schon nach 2 Monaten durchschlafen, nie Bauchweh haben und sich nur dann melden wenn sie Hunger haben oder die Windel voll ist. Andere Kinder schreien stundenlang ohne ersichtlichen Grund, wachen nachts alle 2 Stunden auf und fangen bei der kleinsten Störung an zu heulen. Ich bin in meiner Freizeit viel mit Schwangeren und jungen Müttern zusammen und sehe immer wieder dass das Kind einen riesigen Einfluss auf das Wohlbefinden der Mütter hat. Und es gibt sicher viele Mütter, die ganz und gar nicht glücklich sind mit ihrem Kind, sich einsam fühlen oder keine Lust haben, sich ausschließlich über Windelpreise und Mittel gegen Bauchschmerzen zu unterhalten.

Es ist nachvollziehbar dass Hausfrauen mehr Zeit für sich haben. Was man aber nicht vergessen sollte: Sie haben auch keine festen Zeiten. Wenn ich nach hause komme weiß ich: Jetzt habe ich frei, ich kann mich entspannen und muss mich bis morgen um keine Arbeit mehr kümmern. Eine Mutter mit einem Kleinkind kennt so etwas nicht. Und es kann mir keiner erzählen dass es nicht furchtbar stressig ist, nachts 4 Stunden lang ein schreiendes Kind im Arm zu halten.

Natürlich ist auch die Anzahl der Kinder entscheidend. Und auch die persönliche Einstellung. Ich habe manchmal den Eindruck, Mütter werden heute sehr unter Druck gesetzt. Das fängt schon bei der Schwangerschaft an. Aufgrund der niedrigen Kinderzahl wird jede Schwangerschaft mit Argusaugen überwacht und das Verhalten der Mutter bis ins kleinste Detail bewertet. Nichts gegen Vorsorgeuntersuchungen und vernünftige Verhaltensweisen. Aber das Verhalten der Mütter ändert sich auch mit der Mode. Wurde ihnen noch vor 20 Jahren geraten, sich möglichst zu schonen, gibt es heute Mütter, die angeblich den Naturvölkern nacheifern und überhaupt keine Rücksicht auf ihren Zustand nehmen. Da wird zum Beispiel bis in den 6. Monat hinein geritten oder im 7. Monat noch Ballett getanzt. Die Afrikanerinnen tanzen ja auch während der Schwangerschaft und die Kinder werden ja sogar beim Tanzen gestillt. Afrika ist zwar groß und die dortigen Tänze dem Ballett so unähnlich wie nur irgendwas, aber ist ja egal.

Bei der Geburt geht es weiter. Wie ja auch in dem Bericht beschrieben stellen sich viele Frauen eine Idealgeburt vor. Eröffnungswehen 8 Stunden vorher, zunächst alle 30, dann alle 15 Minuten. Dann die Pressewehen, 20 Minuten. Viele scheinen das auswendig gelernt zu haben. Wenn es dann im Kreißsaal nicht nach Schema F abläuft fühlen sich sich in ihren Grundfesten erschüttert. So zum Beispiel wurde bei uns vor einem halben Jahr eine Selbsthilfegruppe für Mütter gegründet, die ihre Kinder per Kaiserschnitt bekamen. Sie beklagen, ihnen würde das Erlebnis der Geburt fehlen, sie hätten die ersten Schrei ihres Kindes nicht gehört und würden deshalb auch keine feste Bindung zu ihrem Kind entwickeln. Andere Frauen haben panische Angst vor der Geburt und würden einen Kaiserschnitt vorziehen. Oftmals trauen sie sich nicht, diesen Wunsch zu äußern oder fühlen sich nicht als "Frau", wenn sie ihr Kind nicht auf normalen Wege zur Welt bringen. Ich kann diese Angst sehr gut nachvollziehen. Als ich zum ersten mal einen Geburtsvorbereitungskurs besuchte hätte ich mich am liebstn sterilisieren lassen. Filme über Saug- und Zangengeburten, Dammschnitte und -risse sind wirklich nicht dazu da, einer werdenden Mutter die Angst vor der Geburt zu nehmen. Ich habe es sogar zweimal erlebt dass eine Schwangere während dieser Vorträge zu weinen begann.

Ist das Kind denn da wird dessen Entwicklung von allen Seiten begutachtet. Der Focus-Artikel beschreibt diesen Zustand sehr schön. Es ist kaum vorstellbar wie viele Kurse für Kinder zwischen 3 Monaten und 5 Jahren angeboten werden. Mütter, die ihren Kindern diese "Förderung" verwehren müssen sich oftmals Vorwürfen anhören. Besonders dann, wenn die Entwicklung ihres Kindes nicht ganz "nach Plan" verläuft. Bei mir stand die ganze Verwandtschaft um mich herum und hat mich beurteilt. Natürlich fing ich viel zu spät an zu krabbeln, mein Sprechen war auch nicht genehm und gelaufen bin ich natürlich viel zu spät. Wie oft hat meine Mutter den Kinderarzt konsultiert um mich auf meine "Normalität" hin prüfen zu lassen!
Ich denke mal, in Zeiten, in denen mehr Kinder geboren werden ist diese übermäßige Kontrolle nicht ganz so groß. Und auch den Kindern wird etwas von diesem Druck genommen. Denn sie merken schon sehr früh wenn man mit ihnen zufrieden ist oder nicht. Werden sie nicht ganz so stark behütet haben sie einen größeren Freiraum für ihre individuelle Entwicklung.

Andererseits kann die Anwesenheit von älteren Frauen auch eine große Hilfe sein. Nicht viele der Frauen und Männer, welche ihr Kind umgebracht haben, gaben an, verzweifelt gewesen zu sein. Sie beklagen, man hätte sie mit dem Kind alein gelassen, sie hätten sie überfordert gefühlt.

Viele Frauen haben außerdem Bedenken wegen ihres Körpers. Sie fürchten sich vor Schwangerschaftsstreifen, Besenraisern oder Krampfadern, Hängebrüsten oder Schwabbelbäuchen. Besonders stark scheinen diese Ängst bei unter 20jährigen zu sein. Ich hatte einmal die Gelegenheit, eine Gruppe minderjähriger Mütter zu betreuen. Die meisten dieser Mädchen hatten vor allem Angst um ihr Aussehen und fürchteten, ihr Freund würde sie nicht mehr attraktiv finden. Und ich muss sagen, wenn ich mir die Aussagen von vielen Männern anhöre kann ich sie auch verstehen. Wenn es schon Männer gibt, die sich vor unrasierten Frauenbeinen ekeln und meinen, hier "keinen hoch" zu bekommen, wie werden die dann erst bei Besenraisern und Geweberissen reagieren? Andererseits wird doch immer behauptet, der Charakter sei das wichtigste. Da dürften solche Kleinigkeiten doch gar nicht stören, oder? Und bisher haben die meisten Männer, welche ich auf dieses Thema angesprochen habe, noch immer geantwortet, bei der eigenen Freundin wären solche Kleinigkeiten, die einen bei anderen Frauen stören würden, eher nebensächlich.

Sehr interessant waren einige Gespräche mit älteren Frauen, im Alter von 60-80. Viele von ihnen konnten die Klagen von ihren jüngeren Kolleginnen überhaupt nicht verstehen. Sie selbst haben vier oder fünf Kinder nacheinander bekommen und mussten diese aufziehen, teilweise sogar alleine weil der Mann im Krieg gefallen war. Sie meinten, die Frauen würden viel zu hohe Ansprüche stellen. Sowohl an sich selbst, was die eigene Leistung, das Aussehen anbelangt, an die eigenen Kinder (der Konkurrenzdruck ist groß, wer möchte schon dass sein Kind in der Krabbelgruppe das letzte ist, was laufen lern?), als auch an die Gesellschaft. Sie würden erwarten, dass die Gesellschaft jeglichen Lebensstil möglich macht. Wer ein Kind hat und trotzdem arbeiten möchte, dem muss die Möglichkeit gegeben werden, koste es was es wolle. Sie selbst hätten es auch schwer gehabt, aber das sei normal gewesen.

Manchmal habe ich den Eindruck dass viele Mütter trotz der vielen Arbeit, die angeblich an ihnen hängen bleibt, noch zu viel Zeit haben. Zeit um darüber nachzudenken was ihnen denn fehlt im Leben. Den einen ist langweilig, die anderen sind gestresst, der einen fällt die Decke auf den Kopf, die andere ist froh, nicht mehr berufstätig zu sein. Eine ist psychisch krank weil sie ihr Kind nicht normal entbinden konnte, eine andere hat schlaflose Nächte aus Angst vor der Geburt. Richtig zufrieden ist kaum eine.


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