Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Sehr guter Artikel...

Garfield, Thursday, 22.04.2004, 15:56 (vor 7960 Tagen) @ Paul

Als Antwort auf: Sehr guter Artikel... von Paul am 22. April 2004 10:37:06:

Hallo Paul!

Das Ganze hat System. Wenn jemand eine Gehaltsverhandlung mit seinem Chef hat, dann wird er natürlich kaum sowas sagen wie "also, eigentlich geht es mir prima und deshalb brauche ich gar keine Lohnerhöhung". Nein, er wird natürlich wortreich schildern, daß alles teurer geworden ist, daß er einen Kredit abzahlen und für Frau und Kind sorgen muß, er wird darlegen, daß er in letzter Zeit beruflich mehr Verantwortung übernommen und seine Qualifikation durch Schulungen verbessert hat usw. Eben, um soviel wie möglich herauszuschlagen.

Und genauso macht die Wirtschaft das in großem Maßstab auch. Untereinander versichern sich Unternehmer gern, wie gut es ihnen geht, aber in der öffentlichen Diskussion wäre sowas natürlich kontraproduktiv. Da muß man über hohe Steuern und hohe Lohnkosten jammern, um so irgendwelche Fördermittel, Steuererleichterungen oder Lohnkürzungen durchzukriegen. Das tut man so auch, wenn es dem Unternehmen tatsächlich prima geht - eben auch einfach, um soviel wie möglich herauszuschlagen.

Ergänzend zu diesem Artikel kann man noch anmerken, daß auch die Steuerbelastung der deutschen Wirtschaft keineswegs so hoch ist, wie immer wieder behauptet wird. Hoch sind in Deutschland lediglich die Nominalsteuern. Durch ein mittlerweile auch für Fachleute undurchsichtiges Wirrwarr aus Steuerabeschreibungsmöglichkeiten und anderen Vergünstigungen liegen die tatsächlich zu zahlenden Steuern aber deutlich unter diesen Nominal-Sätzen. Vor allem für Großunternehmen, die sich ganze Heere von Steuerfachleuten leisten können. Als die Bundesregierung Ende der 1990er Jahre mal vom OECD nach den real zu zahlenden Unternehmenssteuern in Deutschland gefragt wurde, konnte oder wollte man dazu keine Angaben machen und griff auf Zahlen zurück, die schon etwa 2 Jahre alt waren. Nach diesen Zahlen lag die reale Steuerbelastung für die deutsche Wirtschaft unter dem Steuer-Niveau Großbritanniens und der USA. Nur in Holland zahlten Unternehmen real noch weniger Steuern als in Deutschland.

Die Aufgabe des Staates besteht eigentlich darin, darauf zu achten, daß die Waage zwischen den Interessen der Unternehmen und den Interessen der bei diesen Unternehmen Beschäftigten möglichst in der Waagerechten bleibt. Bis um Zerfall des Ostblocks funktionierte das noch einigermaßen, obwohl damals auch schon Fehler gemacht wurden. Aber seit dem Zerfall des Ostblocks neigt sich die Waage immer mehr zugunsten der Unternehmen, und entgegen der allgemein verbreiteten Ansicht wirkt sich das keineswegs positiv für alle aus.

Noch geht es uns gut, aber wenn die Entwicklung so weitergeht, wird es uns bald wesentlich schlechter gehen. Schon jetzt zeichnet sich deutlich ab, daß sich immer mehr Besitz bei immer weniger Personen sammelt, während immer mehr Menschen kaum noch etwas besitzen. Die Mittelschicht in Deutschland bröckelt langsam, aber sicher weg, und wenn sie sich nahezu ganz aufgelöst hat, werden sich die allermeisten Menschen, die ihr jetzt noch angehören, nicht unter den Reichen wieder finden.

Mag sein, daß sich auf der Grundlage dann wieder etwas Positives entwickeln wird, aber sicher ist das keineswegs. Es kann genauso gut auch im Chaos enden. Deshalb sollte man es gar nicht soweit kommen lassen.

Nun mag sich mancher fragen, was das nun mit dem Thema des Forums zu tun hat. Diese Frage beantwortet sich, wenn man darüber nachdenkt, wer sich dann wohl in Zukunft zunehmend abstrampeln muß, um weiterhin noch die Familie zu ernähren. Und wer dann wohl sinkende Einkommen bei weniger sinkenden oder sogar steigenden Lebenshaltungskosten durch Teilzeitjobs oder Schwarzarbeit nach Feierabend und am Wochenende ausgleichen muß. Und wem dann obendrein weiterhin noch vorgeworfen werden wird, egoistischerweise nur an die eigene Karriere zu denken. Und wer denn wohl, wenn die öffentlichen Kassen durch die zunehmende Zahl von Sozialfällen immer stärker belastet sein werden, nach einer Scheidung auch weiterhin für den Unterhalt der Ex-Familie aufzukommen hat.

Freundliche Grüße
von Garfield


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