9 Millionen Hexen
Forschungsergebnisse der Uni München, wie es dazu kommt, daß sich die falsche Zahl von angeblich 9 Millionen verbrannter Hexen in Europa so lange in den Köpfen der Menschen hält. Obwohl das Gegenteil schon längst erwiesen ist. Dazu noch der Irrtum über die angebliche Hebammenverfolgung durch die Ärzteschaft.
Interessant zu lesen, besonders in der Mitte das Kapitel: Das Große Brennen im neuen Feminismus
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Das Große Brennen im neuen Feminismus
Der andere Grund für die Wiederkehr der Neun-Millionen-Theorie liegt im Erstarken eines radikalen Feminismus. Auch hier kamen die Anstöße aus den USA, wo 1968 der "action wing" der New York Radical Women das Wort "Hexe" neu definierte: Women's International Terrorist Conspiracy from Hell - WITCH. Die historischen Hexen wurden als verfolgte "foresisters" zum zentralen Mythos, "being the living remnant of the oldest culture of all." [74] Das New Yorker Frauenkollektiv WITCH wurde zur Quelle jenes neuen Hexenmythos, der sich bei Journalistinnen und Journalisten anhaltender Beliebtheit erfreut und zeitweise auch akademisch gebildete Feministinnen "ergriff". Der idolisierte Begriff wurde mit zahlreichen weiteren Akronymen unterlegt, wobei die witzige Auflösung Women Inspired To Commit Herstory den programmatischen Anspruch zum Umschreiben der Geschichte (Herstory versus History) verdeutlichte.
Außerhalb der professionellen Historiographie kam es jetzt in den USA zu einem rapiden Anstieg der Opferzahlen. "Millions" ließen Barbara Ehrenreich und Deirdre English 1973 in ihrem schmalen, aber einflußreichen Büchlein "Hexen, Hebammen und Krankenschwestern" hinrichten, einer mittlerweile klassischen Publikation der neuen Frauenbewegung, welche die Verschwörungsthese propagiert, Ärzte hätten mit Hexenverfolgungen die Frauen aus den Gesundheitsdiensten eliminieren wollen. [76] Eines der einflußreichsten Produkte des akademischen Feminismus, "Gyn/Ecology" von der amerikanischen Religionsphilosophin Mary Daly, erhebt diese Zahlen zum Zentralstück ihrer These vom unterdrückerischen Charakter "des Patriarchats" [77]. In diesem Kontext kam es in den 1970er Jahren zu expliziten Vergleichen der Hexenverfolgung mit dem Holocaust an den europäischen Juden, wobei neben Andrea Dworkin insbesondere Mary Daly den Genozid durch einen "Gynozid" übertreffen wollte. [78] Diane Purkiss, Lecturer in English an der University of Reading, hat herausgearbeitet, in welcher Weise sich Daly dabei selbst zur Hexe stilisierte und möglichen Kritikern die Rolle der Inquisitoren zuweist, wobei sie in ihrem denunziatorischen Duktus eher den Verfassern des "Hexenhammers" als den verfolgten Frauen glei- [679] che. Während das Schicksal historischer, tatsächlich als "Hexen" verbrannter Einzelpersonen zum bloßen Belegmaterial verkommt, dient "The Great Burning" als Legitimation der eigenen Radikalität. [79]
Purkiss diagnostizierte eine Art Wettbewerb mit dem Ergebnis, "daß Frauen mehr gelitten hätten als alle Opfer von Rassismus und Völkermord". Das Bestehen auf dem "Verbrennen" (burning) deute auf die Parallelisierung mit den Krematorien, wenn nicht auf Hiroshima oder Dresden. Die Botschaft, die Hexenverfolgung sei in Wirklichkeit eine Frauenverfolgung gewesen und diese habe den Holocaust quantitativ weit übertroffen, wurde charakteristischerweise erneut an der Schnittstelle von esoterischem Neuheidentum und Feminismus geboren, wo Autorinnen wie Miriam Simos (Starhawk) ihren Lebensunterhalt mit "magischen" Dienstleistungen bestreiten. [80] Wie im völkischen Feminismus werden hier mit Opferzahlen bis zu 13 Millionen Hexen neue Superlative erzielt, natürlich ohne die Spur eines Beleges, wo nicht nur die Quellen, sondern auch die Sekundärliteratur hinter dem eigenen Wunschdenken verschwindet. [81] Die neuen Schätzungen hatten eine doppelte Wirkung: Zum einen ließen sie amerikanische Lexikonredaktionen nicht unbeeindruckt. Weit abseits der historischen Wirklichkeit behauptet etwa Elizabeth E. Bacon in der "Encyclopedia Americana", nach Erlaß der päpstlichen Bulle "Summis desiderantes" von 1484 "300.000 to 2.000.000 persons were executed as witches". [82] Zum anderen wirkten die Erwartungen der neuen Frauenbewegung auf die europäische Diskussion zurück.
Hier allerdings hakte sich die Suche rasch wieder in der Gegend der alten "Neun-Millionen-Theorie" fest. 1977 schrieb Hannsferdinand Döbler in einem sonst relativ vernünftigen Buch: "Die Zahlen über den Hexenwahn sind ungenau, sie schwanken von 9,5 Millionen bis zu 500.000 Opfern; die Wahrheit wird bei einem mittleren Wert liegen". [83] Eine möglichst hohe Opferzahl erforderte die These einer "Vernichtung der weisen Frauen" durch den frühmodernen Staat, in welcher die zwei Bremer "Sozialwissenschaftler" Gunnar Heinsohn und Otto Steiger die Ehrenreich/English-These mit der eigenen Verschwörungsvorstellung mischen, das "geheime Verhütungswissen" der Hebammen sei ausgerottet worden, um durch möglichst viele Geburten eine Peuplierung der frühneuzeitlichen Fürstenstaaten zu erreichen. Bezüglich der Opferzahlen haben Heinsohn/ Steiger über den Querverweis Diefenbachs Voigts hochgerechnete 9.442.994 verbrannten Hexen wiederentdeckt. Obwohl sie zur Vortäuschung von Seriosität die einschlägige neuere Fachliteratur angaben, sprachen sie 1979 von einer "Vernichtung von Millionen von Frauen." [84] Über ihre, durch unkritische und sensationsheischende Nacherzählung in dem Magazin "Der Spiegel" weit verbreitete [680] und dennoch unhaltbare Geschichtsklitterung ist alles Notwendige bereits gesagt worden. [85] Larissa Leibrock-Plehn urteilte in ihrer pharmaziehistorischen Dissertation: "Die beiden Autoren schmieden so eine absurde Verschwörungsthese, die möglicherweise dem heutigen Zeitgeist entgegenkommt, einer historisch-kritischen Überprüfung jedoch nicht standhält." [86]
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