Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Vaterschaft heute

Odin, Sunday, 14.03.2004, 15:32 (vor 7999 Tagen)

Matzner, Michael (1998): Vaterschaft heute - Klischees und soziale Wirklichkeit, Frankfurt/Main; New York: Campus

III. Die Situation der "miterziehenden" Väter im Kontext von Beruf und Familie, S. 84-88

7. Zusammenfassung

Mittlerweile ist innerhalb der meisten Familien Partnerschaft zwischen Mann und Frau normativ und faktisch weitgehend verwirklicht. Die Männer von heute beteiligen sich mehr an der Hausarbeit als ihre eigenen Väter und Großväter. Allerdings bestreiten in der Regel die Frauen noch immer den größten Anteil. Wenn die Partner Kinder bekommen, steigt der relative Anteil der Hausarbeit der Mütter, da sie oft ihre Erwerbstätigkeit aufgeben oder einschränken und dann auch mehr Zeit für Hausarbeit aufwenden als zuvor. Die Hauptursache dieses Rückfalls in traditionelle Lebensvollzüge, auch bei jungen Paaren, liegt in der strukturellen Benachteiligung mancher Frauen und insbesondere Mütter in der Arbeitswelt. Für die meisten Paare ist es, rein familienökonomisch betrachtet, sinnvoll, daß er arbeitet und sie Kinderbetreuung und Hausarbeit übernimmt. Die Frage der Vereinbarkeit von Elternschaft und Berufstätigkeit wird noch immer fast ausschließlich an die Mütter gestellt.
Allerdings sollte auch von "kritischen" Sozialwissenschaftlern akzeptiert werden, daß, wie die empirischen Daten verdeutlichten, viele Väter und Mütter die traditionelle Rollenteilung, zumindestens während der Kleinkindphase, auch wünschen. Hier spielt die "Tender Years Doctrine", also die verbreitete Meinung, daß die Mutter in den ersten Lebensjahren des Kindes die primäre Betreuungsperson sein sollte, eine große Rolle.
Die These, daß die Väter nach der Geburt eines Kindes weniger Zeit für Hausarbeit aufbringen, ist falsch. Gerade neueste empirische Untersuchungen (Vgl. Gliedner-Simon/Jansen 1995, Bundesministerium für Familie 1997) belegen, daß besonders junge Väter einen, angesichts ihrer Vollerwerbstätigkeit, nicht unbedeutenden Teil der Hausarbeit übernehmen. Demnach sind die aus empirischen Untersuchungen immer wieder abgeleiteten pauschalen Thesen einer Nichtbeteiligung des Mannes an der Hausarbeit zu relativieren.
Dies gilt noch mehr für den Bereich der Betreuung und Erziehung der Kinder. In stark zunehmenden Maße beteiligt sich eine große Gruppe von Vätern daran. Ungefähr die Hälfte teilt sich mit den Müttern ehemals "mütterliche" Funktionen wie Wickeln, Baden oder Füttern.
Die empirischen Daten verdeutlichten, daß es nicht sinnvoll ist, von den Vätern zu sprechen. Vielmehr lassen sich, was die Wahrnehmung von Betreuungsaufgaben sowie die Ausprägung der Vater-Kind-Beziehung angeht, mehrere Kategorien von Vätern unterscheiden. Dies könnten, analog zu den Erkenntnissen von Schmidt-Denter die "aktiven", die "weniger aktiven" und die "passiven Väter" sein. Die Erkenntnisse basieren auf einer repräsentativen Erhebung des Jahres 1980. Schon damals waren immerhin ca. 40% der Väter "aktiv". Als Einflußfaktoren väterlicher Partizipation erwiesen sich damals Schichtzugehörigkeit und Alter. Vor allem jüngere Väter waren aktiv. Hieraus kann man schließen, daß auch gewandelte Einstellungen der jüngeren Männergenerationen zur Männer- bzw. Vaterrolle zum Verhaltenswandel beigetragen haben könnten. Bezieht man noch den Haupteinflußfaktor Umfang der Erwerbstätigkeit mit ein, so scheint es als wahrscheinlich, daß der Teil der heutigen "aktiven" Väter minderjähriger Kinder, also vor allem die Geburtsjahrgänge 1950 bis 1970, wesentlich größer als vor fünfzehn Jahren ist.
Die gestiegene Aktivität vieler Väter macht sich auch im Wandel der Vater-Kind-Beziehung bemerkbar. Im Leben vieler Kinder gewinnen die Väter, trotz aller gegenteiligen Behauptungen, tendenziell eher an Bedeutung, wenn man Vergleiche zwischen verschiedenen Kohorten zieht. Allerdings stützt sich diese These auf relativ wenig vorhandene empirische Daten. Es existiert keine grundlegende theoretisch und empirisch fundierte Arbeit zur Frage des Wandels der Eltern-Kind-Beziehungen in Deutschland. Trotzdem kann man aus der Gesamtheit der vorhandenen Daten schließen, daß viele Väter wichtige Bezugspersonen ihrer Kinder, auch im Jugendalter, sind. Besonders hervorzuheben ist die, im Vergleich zu früheren Generationen, zugenommene Emotionalität und Intimität der Beziehung zwischen Vätern und ihren Kindern. Es wurde auch deutlich, daß ein Zusammenhang zwischen väterlicher Partizipation an der Kinderbetreuung sowie der Ausprägung der Vater-Kind-Beziehung besteht. Es scheint so, daß hier eine gegenseitige Abhängigkeit besteht. Väter, die ihre Kinder auch füttern, wickeln oder baden, entwickeln frühzeitig engere Beziehungen zu ihnen.
Die Ursachen der gestiegenen väterlichen Partizipation sind vielfältig. Die wichtigsten sind die verringerte Arbeitszeit der Väter, die gestiegene Erwerbstätigkeit von Müttern, der Bedeutungswandel von Kindern für ihre Eltern, gewandelte Einstellungen zur Bedeutung von Arbeit und Familie sowie zur Rolle des Mannes bzw. des Vaters.
Als Haupthemmnis väterlicher Partzipation wurde die gesellschaftliche Organisation der Arbeit identifiziert. Daneben beeinflussen auch die Mütter das Ausmaß der väterlichen Partizipation. Andere Faktoren wie Bildung, Alter oder Schichtzugehörigkeit scheinen von geringerer Bedeutung zu sein, wobei hierzu letztlich noch keine sichere Aussage gemacht werden kann.
Die zunehmende väterliche Partizipation deutet darauf hin, daß die Rolle des Vaters im Umbruch ist (Vgl. Nave-Herz 1992: 109ff). Einige Merkmale des "traditionellen" Vaters haben noch Gültigkeit (z.B. die Funktion als Ernährer), andere nehmen in ihrer Bedeutung eher ab (z.B. Autorität im Sinne von Strenge und Hierarchie). Andererseits stößt das Verhalten mancher "aktiver" Väter noch immer auf besondere Aufmerksamkeit, besonders dann, wenn "mütterliche" Funktionen wahrgenommen werden. Die noch fehlende Selbstverständlichkeit, insbesondere im Falle eines Rollentausches von Vater und Mutter, verdeutlicht, daß ein solches Verhalten nicht erwartet wird. Demnach gehört es noch nicht zur Vaterrolle im Sinne einer gesellschaftlichen Erwartung an die soziale Position des Vaters. Die Rolle der Frau als Mutter verblieb dagegen vergleichsweise unverändert. Nach wie vor wird in erster Linie von ihr erwartet, daß sie die Kinder, insbesondere im Kleinkindalter, betreut und versorgt, sowie den Haushalt bewältigt.
Trotzdem besonders strukturelle Hindernisse, aber auch traditionelle Einstellungen von Vätern und Müttern dafür sorgen, daß der Vater der Haupternährer ist, nähern sich Vater- und Mutterrolle an. Der eingeleitete "Entdifferenzierungsprozeß" in einigen Segmenten der Vaterrolle wird dazu führen, daß "die Differenzierung zwischen der Vater- und der Mutterrolle an Trennschärfe im Laufe der Zeit immer mehr verlieren wird" (Nave-Herz 1992: 109). So haben die Mütter beispielsweise bereits ihr Monopol auf expressives Verhalten gegenüber den Kindern verloren (Vgl. ebda.: 108). Allerdings erscheint es sehr zweifelhaft, ob diese Entwicklung in absehbarer Zukunft zur Symmetrie von Vater- und Mutterrolle führen wird, vor allem solange mit der Rolle des Vaters normativ die Ernährerrolle verknüpft ist.


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