Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Die "besseren Menschen" und ihr Umgang mit Kindern ...

Sven, Sunday, 14.03.2004, 13:53 (vor 7999 Tagen)

"Die Kinder sind tot"

Die Regisseurin Aelrun Goette erzählt in ihrem Dokumentar-Film das Drama einer jungen Mutter, die ihre beiden Kinder verdursten ließ. Und sie diagnostiziert Gleichgültigkeit als Krankheit unserer Gesellschaft.

Die Geschichte ist schockierend: Daniela J. lässt ihre kleinen Söhne, Kevin und Tobias, in der Plattenbausiedlung Neuberesinchen in Frankfurt/Oder allein - eingeschlossen in einem Zimmer. Erst nach 14 Tagen kehrt die 23-jährige Mutter dorthin zurück. Dazwischen liegt das langsame Sterben ihrer Kinder. Sie sind verdurstet. Von all dem wollen die Hausbewohner nichts gewusst haben. Die Kinder schrien um ihr Leben, hämmerten gegen die Tür und schlugen mit Löffeln gegen die Fensterscheiben - die Nachbarn interpretierten den Lärm als den üblichen Radau. Die Mutter selbst war während dieser Zeit bei ihrem neuen Freund - ein paar hundert Meter entfernt. An ihre Jungs habe sie zwar immer wieder gedacht, aber "ich habe das dann eigentlich immer wieder verdrängt", wird sie später erzählen.

Das Wegschieben von Verantwortung

Ein Jahr nach der Tat wird ihr dafür der Prozess gemacht. Sie wird als Kindsmörderin verurteilt: Lebenslänglich. Aelrun Goettes Film "Die Kinder sind tot" beginnt genau dort, im Gerichtssaal Frankfurt/Oder. "Das war ein unglaubliches Erlebnis. Also einerseits diese intensiven Emotionen, diese aufgebrachte Bevölkerung, die Menschen, die es nicht fassen können; gleichzeitig diese Wut, dieser Hass. Dieser Prozess wurde ja in der Presse oft als 'Hexenprozesss' tituliert. So habe ich das auch wahrgenommen. Also dieses Wegschieben von jeglicher Verantwortung der Beteiligten. Alles auf die Mutter, wo es hieß, die ist ja ein Monster. Und das waren so starke Emotionen, wo ich das Gefühl hatte, darüber muss ich einen Film machen", erinnert sich Aelrun Goette gegenüber "Hauptsache Kultur".

Chronik eines unangekündigten Todes

Was hinter der abgeschlossenen Wohnungstür passiert ist, rekonstruiert die Regisseurin mit Hilfe von Polizeifotos vom Tatort. Immer wieder montiert Goette Ausschnitte aus der damaligen TV-Berichterstattung im Sommer 1999, als sich die Boulevardmagazine auf den Fall stürzten. Nachbarn, Freunde, das gesamte Umfeld von Daniela J. trat vor die laufenden Kameras. In Gesprächen mit Daniela J. geht die Regisseurin der Frage nach dem "Warum" nach, ohne Partei zu ergreifen. "Die Kinder sind tot" ist ein Porträt, dass für Diskussionsstoff sorgen wird. Es wurde unter anderem mit dem Baden-Württembergischen Dokumentarfilmpreis 2003 "für besonders herausragende filmische Leistungen bei der Pflege und Weiterentwicklung des Dokumentarischen im Fernsehen und Kino" ausgezeichnet.

Quelle: http://www.ard.de/kultur/_beitrag/2277/index.phtml

Re: Die "besseren Menschen" und ihr Umgang mit Kindern ...

Jörg, Sunday, 14.03.2004, 14:11 (vor 7999 Tagen) @ Sven

Als Antwort auf: Die "besseren Menschen" und ihr Umgang mit Kindern ... von Sven am 14. März 2004 11:53:30:

Hallo Sven,

interessanterweise scheint es bei diesem Dokumentarfilm wieder
einmal darum zu gehen, doch Verständnis für die Situation der Mutter
zu entwickeln.

Man stelle sich einmal vor, ein Vater läßt seine Kinder verdursten.
In diesem Falle wäre wohl kaum mit einem anschließenden
Dokumentarfilm zu rechnen, der um Verständnis für die Situation
des Vaters wirbt. Und erst recht hätte solch ein Film wohl kaum eine
Chance, jemals einen Dokumentarfilmpreis für besonders
herausragende filmische Leistungen zu erhalten.

Jörg

"Frauen-sind-immer-Opfer"-Dogma

Paul, Sunday, 14.03.2004, 21:17 (vor 7999 Tagen) @ Jörg

Als Antwort auf: Re: Die "besseren Menschen" und ihr Umgang mit Kindern ... von Jörg am 14. März 2004 12:11:50:

Hallo Sven,
interessanterweise scheint es bei diesem Dokumentarfilm wieder
einmal darum zu gehen, doch Verständnis für die Situation der Mutter
zu entwickeln.
Man stelle sich einmal vor, ein Vater läßt seine Kinder verdursten.
In diesem Falle wäre wohl kaum mit einem anschließenden
Dokumentarfilm zu rechnen, der um Verständnis für die Situation
des Vaters wirbt. Und erst recht hätte solch ein Film wohl kaum eine
Chance, jemals einen Dokumentarfilmpreis für besonders
herausragende filmische Leistungen zu erhalten.
Jörg

Natürlich nicht. Die Wahrnehmung fast aller Medien ist derzeit durch die unkritische Akzeptanz des - wie ich es nenne - "Frauen-sind-immer-Opfer"-Dogmas verzerrt. Das Problem ist, das dieses Dogma nur als solches identifiziert werden kann, wenn man die Realität ohne den verzerrenden Einfluß des Dogmas auf die Wahrnehmung betrachtet. Alle Schlüsse, die aus der durch durch das Dogma verzerrten Wahrnehmung resultieren, bestätigen nämlich die scheinbare Wahrheit des Dogmas. Das Dogma sorgt also selbst für seinen Bestand, es immunisiert sich selbst gegen Kritik - ein fast undurchdringbarer Teufelskreis.

Deshalb ist es m.E. auch nicht damit getan, lediglich Vorfälle zu finden und zu veröffentlichen, die jedem noch rational denkenden Menschen als Widerlegung des Dogmas erscheinen. Dieser Ansatz läuft nämlich bei allen bereits "infizierten" Dogmatikern vollkommen ins Leere, mehr noch, er ist sogar kontraproduktiv. Unter dem Einfluß des Dogmas wird die Schilderung der Realität nämlich nicht als das was sie ist erkannt, sondern als ANGRIFF auf "die Frauen", was ebenfalls die Wahrheit des Dogmas zu bestätigen scheint. Mit jedem dieser "Angriffe" wächst die Mächtigkeit des Dogmas.

Die einzig wirksame Argumentationsweise kann deshalb nur sein, die Wechselbeziehung zwischen Wahrnehmung und Dogma aufzudecken. Man sollte also eigentlich immer die Existenz dieses Dogmas direkt ansprechen, auch um es überhaupt erst ins BEWUSSTSEIN der Menschen zu bringen. Vielen ist einfach garnicht bewusst, daß ihr Denken durch dieses Dogma gestört wird.

Gruß,
Paul

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