Von (manchen) Vätern ist nichts mehr zu holen
Mittwoch, 18. Februar 2004, HNA, Nr.41, Kassel
Meist ist nichts zu holen
Stadt zahlte im vergangenen Jahr für 2088 Kinder den Unterhalt
KASSEL. Unterhaltsprellerei sei kein Kavaliersdelikt, mahnt Hessens Sozialministerin Silke Lautenschläger (CDU). Und sie will säumigen Zahlern, die die öffentlichen Kassen belasten, auf die Pelle rücken. Ein Pilotprojekt in Wiesbaden, so war schon unserer gestrigen Ausgabe zu entnehmen, soll den Anfang machen. Die Stadt wird testweise ein Inkasso-Büro einschalten und die Mitarbeiter auf Rückforderungen spezialisieren, um Geld von den Vä-tern zurückzuholen, die den Unterhaltsverpflichtungen für ihre Kinder nicht nachkommen.
Ein viel versprechender Weg auch für Kassel? Norma Kirst-Strauß, Sachgebietsleiterin für Unterhaltsvorschuss beim Jugendamt Kassel, glaubt nicht, dass da viel zu holen ist. "99 Prozent der Väter können nicht oder nicht mehr zahlen", glaubt sie aus langjähriger Erfahrung.
Natürlich gebe es auch ein paar schwarze Schafe, doch die Zahl der Väter, die nicht oder nicht mehr in der Lage seien, den Unterhalt für ihre Sprösslinge aufzubringen, sei in den vergangenen Jahren stetig gestiegen.
Zum Teil, weil die Väter selbst Sozialhilfeempfänger seien, weil sie arbeitslos seien oder nur eine kleine Rente bekämen. Auch in Fällen, in de-nen der Vater verstorben oder
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Zitat
"99 Prozent der Väter können nicht oder nicht mehr zahlen."
Norma Kirst-Strauß, Kasseler Jugendamt
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unbekannt ist, muss der Staat einspringen. Ein Drittel zahlt die Stadt, ein Drittel das Land, und ein Drittel der Bund. Und zwar 122 Euro für ein Kind bis zu sechs Jahren und 164 Euro für ein Kind bis zu zwölf Jahren. Für ältere Kinder gibt es nichts mehr. In 2088 Fällen (je ein Kind) musste das Kasseler Jugendamt im vergange-nen Jahr für den väterlichen Unterhalt einspringen, mit einer Summe von 3,097 Millionen Euro. Nur 15,6 Prozent davon (484 000 Euro) konnte die Stadt von den Vätern zurückholen. Eine Quote, die sich wohl kaum merklich erhöhen lassen wird, glaubt die Fachfrau,
So habe es im vergangenen Jahr bei insgesamt 742 einge-stellten Fällen nur 46 Prozent gegeben, in denen man überhaupt Forderungen an die Väter stellen konnte. Die anderen 54 Prozent seien nachweislich nicht in der Lage gewesen, zu zahlen. Die hohe Arbeitslosenquote und die große Zahl der Sozialhilfeempfänger in Kassel schlage sich auch hier nieder, erläutert Norma Kirst-Strauß. Hinzu komme, dass viele Frauen, die vorher in ländlichen Gebieten wohnten, nach Trennungen und in sozialen Notlagen häufig in die anonyme Stadt umziehen.
Im Landkreis Kassel sehen die Zahlen in Sachen Unterhaltszahlungen und Ausfallleistungen denn auch besser aus: Hier wurde im vergangenen Jahr an 1558 Kinder Unterhalt gezahlt, insgesamt 2,384 Millionen Euro. Immerhin 629 000 Euro konnte der Landkreis bei den Vätern zurückfordern. Mit einer Rück-holquote von 23,8 Prozent sehe man im hessenweiten Vergleich dabei recht gut aus, so der Pressesprecher des Landkreises, Harald Kühlborn. Im Landkreis wie auch in der Stadt trete man mit großem Nachdruck an die säumigen Väter heran, doch bei etwa 40 Prozent sei tatsächlich nichts zu holen, betont auch Kühlborn.
Ob das von der Ministerin initiierte Pilotprojekt dann tatsächlich deutlich mehr Geld in die öffentlichen Kassen bringt, verfolgen die Fachleute vor Ort deshalb mit Spannung. (HEI)