Wie viel Vater braucht ein Kind?
Titelthema in der neuen Psychologie heute. Insgesamt drei Artikel, ein gutes Editorial (ging auch Mitscherlich und dessen Thema von der vaterlosen Gesellschaft, Erlöschen des Vaterbildes oder gar Vaterverachtung ein, die gesellschaftliche Abwertung des Vaters als Vorbild) und ein noch besserer Cartoon. Ein paar Zitate aus den Artikeln:
Die Vaterlosigkeit ist damals wie heute vor allem eine "innere Vaterlosigkeit": Selbst physisch präsente, engagierte junge Väter sind in ihrer Rolle tief verunsichert.
Ursachen der Vaterlosigkeit: Infolge des Zweiten Weltkrieges und der zivilisatorischen Katastrophe der Naziherrschaft starben allein fast fünf Millionen deutsche Soldaten. Sechs Jahre lang kamen jeden Tag 2500 Männer - Brüder, Söhne, Ehemänner und eben auch Väter - ums Leben.
Dabei ist der Vater für die Entwicklung des Kindes von großer Bedeutung. Nach der GEburt des Kindes fällt es einer Frau leichter, eine sichere Bindung zum Säugling aufzubauen.
In Studien aus dem angelsächsischen Sprachraum und aus Skandinavien wurde bei alleinerziehenden Müttern, zum Teil unabhängig vom sozioökonomischen Status, ein erhöhtes Risiko für verschiedene - auch körperliche - Erkrankungen und psychosoziale Beeinträchtigungen und beispielsweise auch ein erhöhtes Risiko für depressieve Störungen und Suchtprobleme gefunden. Dies ist in vielen Fällen unabhängig von der Höhe der Sozialleistungen für alleinerziehende Mütter.
Aufgrunde dieser Mehrfachbelastungen sind alleinerziehende Mütter oft selbst unterstützungsbedürftig und nicht in der Lage, ihrem Kind die notwendige Zuwendung zu geben. Die chronische Überforderung des einen und das Fehlen des anderen Elternteils kann sich negativ auf die Entwicklung der betroffenen Kinder auswirken. In zahlreichen internationalen Studien wurden bei Kindern alleinerziehender Mütter vermehrt Schulleisungsstörungen, ein beeinträchtigtes Selbstwerterleben, aggressive Verhaltensstörungen (Jungen) und sozialer Rückzug sowei Frühschwangerschaften (Mädchen) beschrieben. In der Düsseldorfer Studie zeigte sich ein starker Zusammenhang zwischen der Depressivität alleinerziehender Mütter und Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kinder. Besonders Jungen scheinen mit dem Fehlen des Vaters nicht gut zurechtzukommen. Sie litten deutlich stärker unter Verhaltensstörungen als Jungen aus Zweielternfamilien. In einer aktuellen schwedischen Untersuchung an einer Stichprobe von über einer Million Kindern wurde - auch unabhängig vom Sozialstatus der Eltern - bei Kindern aus Einelternfamilien ein mehrfach erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen, Suizidalität, Alkohol- und Drogenkonsum sowie bei Jungen auch eine erhöhte Sterblichkeit gefunden.
Der Mangel an Männern in Kindergarten und Grundschule ist für die Identifikationsbedürfnisse und die männliche Rollenfindung besonders von vaterlos aufwachsenden Jungen und wahrscheinlich auch für deren späteres Frauenbild von Nachteil... Von daher würde eine stärkere personale Präsenz männlicher Erzieher und Lehrer in Kindergärten und Grundschulen eine sichere männliche Rollenfindung fördern.
Zweiter Artikel:
Über den positiven Beitrag von Vätern in Familien kann die Wissenschaft bislang nur wenig sagen. Man ging davon aus, dass Väter funktionieren müßten wie Mütter - und wenn sie dies nicht taten, wurden sie als defizitär betrachtet. Neuerdings setzt sich allerdings die Erkenntnis durch, daß Väter einen besonderen, qualitativ unterschiedlichen Beitrag zur Erziehung und Entwicklung ihrer Kinder leisten.
Allerdings zeigen Untersuchungen an alleinerziehenden Vätern, daß sich Väter wie Mütter verhalten, wenn sie deren Funktionen komplett übernehmen müssen: Sie sind also ebenso kompetent, und sie eignen sich Fähigkeiten wie Feinfühligkeit und Expressivität an, wenn sie die gleichen Lernmöglichkeiten haben.
Auch die Bereitschaft, den Vater in Intimes einzuweihen, läßt (während der Jugendzeit) deutlich nach. Er, der ohnehin nie der bevorzugte Adressat für Privates war, wird es im Verlauf der Adoleszenz seiner Kinder immer weniger. Allerdings bleibt er für Söhne und Töchter konstanter Ansprechpartner für schulische und berufliche Fragen und gesellschaftspolitische Aspekte.
In unserer deutsch-israelischen Vergleichsstudie mit Shmuel Shulman nahmen Jugendliche verschiedener Altersstufen ihre Väter als diejenigen wahr, die ihnen am stärksten zu verstehen gaben, daß man sich auf sie verlassen könne. Väter trauen ihren Kindern schon rund vier Jahre früher Unabhängigkeit zu, Mütter dagegen nahmen sie im Verlauf der Adoleszenz weiterhin als relativ abhängig von ihnen wahr. Sie sahen Sechzehnjährige als so abhängig an wie Väter Zwölfjährige.
Dritter Artikel:
Väter engagieren sich nach diesen Studien erst dann stärker, wenn ihre Kinder größer geworden, wenn sie ins Schulalter gekommen sind. Und dann beschäftigen sie sich bereitwilliger mit ihren Söhnen als mit den Töchtern.
(über Hausmänner:)
Er geht im Verlauf des Tages vielleicht mit seinem Kind auf einen Spielplatz oder in einen Supermarkt. Dort wird er überwiegend Mütter oder Großmütter mit Kindern treffen. Gegen Mittag kommt der Vater schließlich wieder mit seinem Kind nach Hause und beginnt, das Mittagessen vorzubereiten. Ein Freund ruft ihn an. Vielleicht ist es ein Arzt, der in seiner Praxis im Laufe des Vormittags etwa 30 Patienten gesehen hat, oder ein Rechtsanwalt, der mehrere Schriftsätze bearbeitet hat.
Was könnte der Vater von seinem Vormittag erzählen? Im Vergleich zu seinem Freund war er ziemlich unproduktiv. Er hat sich mehr oder weniger außerhalb des gesellschaftlich anerkannten Alltags bewegt.
Manche Väter regredieren einseitig in die kindliche Welt und werden als sogenannte "Mappies" eine Kopie der Mutter. Kinderanalytiker berichten von ihren Erfahrungen mit Vätern, die ihre väterliche Rolle nicht einnehmen können. In Elterngesprächen scheint es, als gerieten sie mit den Babys in eine Rivalität um die Versorgung durch die Mutter.
Solche Väter sind manchmal eng an die eigene Mutter gebunden. Sie hatten Probleme, sich mit ihrem Vater positiv zu identifizieren. Deshalb verharren sie der männlichen Welt gegenüber oft in einer definsiv-ablehnenden Haltung.
Der andere - häufiger gewählte - Fluchtweg führt in die äußere Realität, in den beruflichen Alltag und in die phallische Aktivität. Auffällig oft arbeiten Väter nach der Geburt ihres Kindes besonders lange und besonders viel.
Ob es dabei (zwischen innerer - familiärer - und äußerer Realität) zu einem Rollentausch kommen sollte, will ich dahingestellt sein lassen. Schließlich sollten Väter zu gegebener Zeit doch auch ganz klassisch sein dürfen, indem sie ihren Kindern im lustvollen Spiel die Welt erschließen, ihnen aber auch bei aller Liebe die notwendigen Grenzen setzen.
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Besonders den Schlußabsatz fand ich bemerkenswert: Der Mann/Vater kann nicht die eierlegende Wollmilchsau spielen, der für alles verantwortlich ist: Er soll perfekter Mutterersatz sein und nötigenfalls als Hausmann zur Verfügung stehen, gleichzeitig aber den Zugang zur Welt und zur außerfamiliären Realität öffnen. Leider wird gerade dieser Zusammenhang selten bis gar nicht diskutiert. Es wird einfach verlangt, daß der "neue Mann" für alles bereit ist.
Im ersten Artikel hatte ich eher den Eindruck, daß nach Wegen gesucht wird, die fehlenden Väter zu ersetzen, anstatt ihr Fehlen zu bedauern und dagegen etwas zu unternehmen. In diesem Sinne übernimmt er leider den Glauben vieler Mütter, daß der Vater ganz einfach gegen "irgendeinen Mann" austauschbar ist. Ein Verbrechen an Männern und Kindern wird damit verharmlost und "gangbar" gemacht.
Re: Wie viel Vater braucht ein Kind?
Als Antwort auf: Wie viel Vater braucht ein Kind? von Odin am 22. Februar 2004 15:38:40:
hallo odin,
kann man die artikel auch online lesen (würde die gern verlinken)?
bye bye
Re: Wie viel Vater braucht ein Kind?
Als Antwort auf: Re: Wie viel Vater braucht ein Kind? von Sebastian am 22. Februar 2004 15:53:02:
hallo odin,
kann man die artikel auch online lesen (würde die gern verlinken)?
bye bye
Nein, Du kannst sie Dir nur ab nächsten Monat im Archiv downloaden. Kostet eigentlich was, aber der erste Zugang ist frei.