Frauenbeauftragte und Islam - Artikel in der Welt
R-E-S-P-E-C-T oder Die große Leere
Vagina-Monologe in Kabul, PowerRooms in Bagdad. Braucht die islamische
Welt den Feminismus des Westens? Streifzug durch die Entwicklungshilfe
- Essay
von Mariam Lau
Nach der erfolgreichen Befreiung ihres Landes vom tyrannischen Regime
Saddam Husseins lernen gewöhnliche Iraker erstmals einige der Dinge
kennen, die für uns im Westen längst selbstverständlich geworden sind:
fließendes Wasser, Strom, Telefon und Frauenbeauftragte. "Es mag im
Nachkriegsirak allerhand im Argen liegen", so schreibt der britische
"Spectator" spöttisch, "aber die Forderungen westlicher Feministinnen
hat man keine Minute aus den Augen gelassen."
Im Oktober, also noch vor der Verhaftung Saddams, schickte das
britische Entwicklungshilfeministerium für mehrere Hunderttausend Euro
zwei "Gender-Beraterinnen" mit einem Halbjahresvertrag in den Irak, um
dort für "Gleichheit der Geschlechter und das Recht auf Differenz"
einzutreten. Eine der beiden hatte sich in England durch
Rauchbombenanschläge auf einen Schönheitswettbewerb hervorgetan. Von
ihrem Budget richten die beiden Beraterinnen Fluchtwohnungen für
Frauen ein, die von "Ehrenmorden" bedroht sind - eine offenbar
tatsächlich in letzter Zeit wieder gängige Bestrafung von Frauen durch
Familienmitglieder, die sich in ihrer Würde verletzt sehen.
Nichts dagegen einzuwenden, ihnen Unterschlupf zu bieten. Ob
allerdings die dazu angebotene Errichtung von "Power Zones" - in denen
Irakerinnen durch intensive Beratung eine Wertschätzung des eigenen
Geschlechts nahe gebracht werden soll - wirklich unerlässlich ist für
den Wiederaufbau des Landes, sei dahingestellt. Währenddessen trägt
sich Eve Ensler, die Autorin der "Vagina Monologe", mit dem Gedanken,
an einem "V-Day" ihr Stück, das Aussagen von 200 Frauen über ihr
Sexleben verarbeitet, in Kabul aufzuführen.
"Vagina-Kriegerinnen sind überall", so Eve Ensler. "Wenn eine Frau den
Schleier trägt, weil sie sich dann sexy, exotisch, erotisch,
bezaubernd, mächtig, köstlich und geschützt fühlt - weiter so! Wenn
sie ihn aber trägt, um sich selbst auszuschließen, um nicht zu
existieren, nicht da zu sein, keine Stimme zu haben, alle Rechte
aufzugeben, nicht sexuell zu sein, nicht lebendig zu sein, dann bin
ich damit nicht einverstanden." Unter der Burka ist der Teufel los!
Islamabad hat seinen V-Day schon erlebt. In diesem Jahr sind auch
Frankfurt und Bremen dran - Orte der schweigenden Geschlechtsorgane,
die wir nie vergessen dürfen!
Wenn es um Frauen geht, greift auch Entwicklungsministerin Heidemarie
Wiczorek-Zeul zum rhetorischen Sonntagsbesteck: "Ohne Frauen würde der
Himmel über uns zusammenbrechen. Frauen verdienen den Lebensunterhalt
(sic!), halten die Familien zusammen, und übernehmen weitaus mehr als
die Hälfte der anfallenden Verpflichtungen. Deswegen achten wir im
Rahmen unserer entwicklungspolitischen Zusammenarbeit auf die
Einbeziehung von Frauen in politische Prozesse. Wir fördern
Initiativen von Partnerländern, die ihre Haushaltsplanung
Gender-differenziert gestalten." Deshalb hat die afghanische Loja
Dschirga eine Frauenquote von 25 Prozent - der EU-Konvent bringt es
nur auf 17.
Im Clash zwischen Islam und westlichem Feminismus begegnet einem ein
Konflikt wieder, der die Frauenbewegung schon immer begleitet hat. Was
einmal begann als Streit zwischen bürgerlicher Frauenbewegung und
ihrer proletarischen Konkurrenz - die einen wollen Besonderheit, die
anderen Gleichheit -, taucht plötzlich wieder auf in der Begegnung mit
den verschleierten Schwestern. Was will man: a room of one's own oder
mitmischen da, wo die anderen sind, in Schulen, Fabriken,
Krankenhäusern und Polizeistationen.
Während die frühe bürgerliche Frauenbewegung, die oft in
Temperenz-Verbänden gegen Alkoholmissbrauch, Prostitution und andere
Formen des Sittenverfalls vorging, sich schon damals mit dem Wesen der
Frau beschäftigte, an deren Mütterlichkeit und Hausfraulichkeit die
Gesellschaft genesen sollte, pochte die proletarische Bewegung eher
auf rechtliche Gleichstellung, und auch auf Bildung, die zu mehr als
Klavier spielen und Aquarellieren befähigt. Nun, wo in unseren
Breitengraden die rechtlichen Hürden genommen sind, steht das, was vom
Feminismus noch übrig ist, vor einer großen Leere, die von der
Forderung nach "Gender Mainstreaming" (Durchforstung aller politischen
Maßnahmen nach ihrer Wirkung auf beide Geschlechter, statt einer
speziellen Frauenförderung) eben nur sehr unzureichend ausgefüllt
wird. Da kommen die verschleierten Schwestern gerade recht.
Und im Prinzip ist dagegen ja auch gar nichts einzuwenden. Niemand
wird bestreiten, dass Frauen in islamischen Ländern - speziell dort,
wo die Scharia herrscht - eine Kaste noch unter den Unberührbaren
bilden, mit allen Schikanen vom Führerschein- und Berufsverbot, über
ein bizarres Familienrecht bis hin zu Auspeitschungen, Steinigungen,
Zwangsehen und Ehrenmorden, vom mangelnden Zugang zu Bildung und
Gesundheit ganz zu schweigen. Der Protest - auch von feministischen
Verbänden - gegen die Steinigung Amina Lawals in Nigeria hat dieser
das Leben gerettet und die Praxis ein weiteres Mal weltweit
diskreditiert.
Aber zum einen ist all dies Teil eines großen, rechtlosen Ganzen, in
dem eben auch der Regimekritiker, der Dieb, der Anwalt oder der
Schuljunge keinen Schutz haben. Ohne Grundrechte kein Frauenrecht,
nicht umgekehrt. Wie wenig westlichen Feministinnen dies klar ist,
konnte man an ihrer Haltung zum Afghanistan- und Irak-Krieg sehen.
"Wie viel Krieg mit Geschlecht zu tun hat", so Alice Schwarzer in der
"Emma", "verrät uns schon das aktuell kursierende Vokabular. Für uns
sind die Amerikaner "Cowboys", für die sind wir Europäer "Eunuchen"
oder "warme Brüder". Krieg ist und bleibt Männersache, auch wenn mal
eine Pilotin mitfliegen darf. Und eines der zentralen Motive aller
Kriege ist die Reaffirmation von Männlichkeit - was weder Frauen noch
Männern gut tut."
Ob das in den neu eröffneten Mädchenschulen von Kabul wohl auch so
gesehen wird? In ihrer im Jahr 2000 beschlossenen, als Sieg der
Frauenrechtlerinnen gefeierten Resolution 1325 erklären die Vereinten
Nationen, dass friedenssichernde Maßnahmen künftig unter einer
Gender-Perspektive durchgeführt werden sollen - was unter anderem
bedeutet, "darauf zu achten, dass auch Minenräumaktionen künftig auf
die Bedürfnisse von Frauen und Kindern Rücksicht nehmen". Was um alles
in der Welt soll das bedeuten? Man sollte meinen, Minen seien die eine
Sache auf der Welt, von der alle gleichermaßen betroffen sind. Ständig
ist davon die Rede, Frauen seien die Hauptleidtragenden des Krieges.
Die Zahlen aus all diesen Konflikten belegen aber unabweisbar: Die
Hauptopfer des Kriegs sind Männer. Was ist damit über den Wiederaufbau
gesagt?
Zum Irak-Krieg fällt Kulturstaatsministerin Christina Weiss ein, man
müsse den "Mut von Künstlerinnen wie Susan Sontag" hervorheben, die
ein wichtiges Argument gegen den Krieg im Irak angeführt habe: dass er
nämlich die bestehenden Zustände nur verschlimmere. Das war wirklich
mutig, in die überwältigende Ablehnung des Krieges weltweit ein
weiteres "Das bringt doch nichts!" hineinzurufen. Auch manche
irakischen Frauenverbände sehen das so. In den vergangenen Jahrzehnten
hatten irakische Frauen Rechte, von denen ihre Nachbarinnen in
Saudi-Arabien oder gar im Iran nur träumen konnten - darunter ein
Heiratsverbot für alle unter 18 Jahren (im Iran kann ein Mädchen mit
acht Jahren verheiratet werden), und ein Familienrecht, das die
automatische Besserbehandlung von Männern bei Scheidungen oder
Sorgerechtsfragen ausschloss. Im Dezember 2003 wurden diese Rechte vom
Übergangsrat außer Kraft gesetzt und durch die Anordnung ersetzt,
alles Familienrecht habe künftig der Scharia zu entsprechen.
Mit dem voraussichtlichen Sieg der Schiiten bei den nächsten Wahlen
sehen die Frauen iranische Verhältnisse auf sich zukommen: "Das alte
Gesetz war nicht perfekt, aber dies wird den Irak zum Dschungel
machen. Die Frauen werden es nur über ihre Leiche akzeptieren", sagte
die Anwältin Amira Hassan Abdullah. Paul Bremer hat es nicht
unterzeichnet, und damit ist es nicht rechtskräftig. Warum fordern
dann gerade Frauenverbände den Abzug der Amerikaner? Warum ist es für
Frauenverbände nicht relevant, dass es jetzt wieder freie Zeitungen
und Universitäten gibt und die Vergewaltigungskeller geschlossen sind,
in denen ausnahmsweise einmal wirklich Frauen die Hauptopfer waren?
Die Gefahr einer islamischen Republik Irak ist real, keine Frage. Und
sie besteht auch in Afghanistan fort, wo die Taliban keineswegs
besiegt sind und die Verfassung die Gleichberechtigung neben der
Scharia stehen lässt. Glücklicherweise hat sich dort die
Bundesregierung in Gestalt des Außenministeriums dort nicht auf "Power
Zones" kapriziert. Ihr Hilfsprojekt besteht darin, Frauen für den
Polizeidienst auszubilden, einerseits, um dessen zivilen Charakter zu
unterstreichen, andererseits, um die Anzeigebereitschaft von Frauen
gerade bei Sexualdelikten zu erhöhen und die geringe
Korruptionsanfälligkeit und Gewaltbereitschaft von Frauen auszunutzen.
Die Bewerberinnen (es gibt bisher 52) erhalten Lese- und
Schreibunterricht, Kriminologie, Rechtskunde etc. An den Schulen
sollen Vereine ins Leben gerufen werden, die der freiwilligen
Feuerwehr entsprechen und auch von Mädchen frequentiert werden sollen.
Vielleicht werden sie irgendwann mal ein eigenes Zimmer haben,
vielleicht mal einen V-Monolog abhalten, aber lange vorher werden sie,
durch ihre Arbeit an der Seite von Männern - ob verschleiert oder
nicht - haben, was schon Aretha Franklin besang. R-E-S-P-E-C-T !
Artikel erschienen am 31. Jan 2004
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