Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Frauenbeauftragte und Islam - Artikel in der Welt

Jeremin, Saturday, 31.01.2004, 20:04 (vor 8042 Tagen)

     R-E-S-P-E-C-T oder Die große Leere

     Vagina-Monologe in Kabul, PowerRooms in Bagdad. Braucht die islamische
     Welt den Feminismus des Westens? Streifzug durch die Entwicklungshilfe
     - Essay

     von Mariam Lau

     Nach der erfolgreichen Befreiung ihres Landes vom tyrannischen Regime
     Saddam Husseins lernen gewöhnliche Iraker erstmals einige der Dinge
     kennen, die für uns im Westen längst selbstverständlich geworden sind:
     fließendes Wasser, Strom, Telefon und Frauenbeauftragte. "Es mag im
     Nachkriegsirak allerhand im Argen liegen", so schreibt der britische
     "Spectator" spöttisch, "aber die Forderungen westlicher Feministinnen
     hat man keine Minute aus den Augen gelassen."

     Im Oktober, also noch vor der Verhaftung Saddams, schickte das
     britische Entwicklungshilfeministerium für mehrere Hunderttausend Euro
     zwei "Gender-Beraterinnen" mit einem Halbjahresvertrag in den Irak, um
     dort für "Gleichheit der Geschlechter und das Recht auf Differenz"
     einzutreten. Eine der beiden hatte sich in England durch
     Rauchbombenanschläge auf einen Schönheitswettbewerb hervorgetan. Von
     ihrem Budget richten die beiden Beraterinnen Fluchtwohnungen für
     Frauen ein, die von "Ehrenmorden" bedroht sind - eine offenbar
     tatsächlich in letzter Zeit wieder gängige Bestrafung von Frauen durch
     Familienmitglieder, die sich in ihrer Würde verletzt sehen.

     Nichts dagegen einzuwenden, ihnen Unterschlupf zu bieten. Ob
     allerdings die dazu angebotene Errichtung von "Power Zones" - in denen
     Irakerinnen durch intensive Beratung eine Wertschätzung des eigenen
     Geschlechts nahe gebracht werden soll - wirklich unerlässlich ist für
     den Wiederaufbau des Landes, sei dahingestellt. Währenddessen trägt
     sich Eve Ensler, die Autorin der "Vagina Monologe", mit dem Gedanken,
     an einem "V-Day" ihr Stück, das Aussagen von 200 Frauen über ihr
     Sexleben verarbeitet, in Kabul aufzuführen.

     "Vagina-Kriegerinnen sind überall", so Eve Ensler. "Wenn eine Frau den
     Schleier trägt, weil sie sich dann sexy, exotisch, erotisch,
     bezaubernd, mächtig, köstlich und geschützt fühlt - weiter so! Wenn
     sie ihn aber trägt, um sich selbst auszuschließen, um nicht zu
     existieren, nicht da zu sein, keine Stimme zu haben, alle Rechte
     aufzugeben, nicht sexuell zu sein, nicht lebendig zu sein, dann bin
     ich damit nicht einverstanden." Unter der Burka ist der Teufel los!

     Islamabad hat seinen V-Day schon erlebt. In diesem Jahr sind auch
     Frankfurt und Bremen dran - Orte der schweigenden Geschlechtsorgane,
     die wir nie vergessen dürfen!

     Wenn es um Frauen geht, greift auch Entwicklungsministerin Heidemarie
     Wiczorek-Zeul zum rhetorischen Sonntagsbesteck: "Ohne Frauen würde der
     Himmel über uns zusammenbrechen. Frauen verdienen den Lebensunterhalt
     (sic!), halten die Familien zusammen, und übernehmen weitaus mehr als
     die Hälfte der anfallenden Verpflichtungen. Deswegen achten wir im
     Rahmen unserer entwicklungspolitischen Zusammenarbeit auf die
     Einbeziehung von Frauen in politische Prozesse. Wir fördern
     Initiativen von Partnerländern, die ihre Haushaltsplanung
     Gender-differenziert gestalten." Deshalb hat die afghanische Loja
     Dschirga eine Frauenquote von 25 Prozent - der EU-Konvent bringt es
     nur auf 17.

     Im Clash zwischen Islam und westlichem Feminismus begegnet einem ein
     Konflikt wieder, der die Frauenbewegung schon immer begleitet hat. Was
     einmal begann als Streit zwischen bürgerlicher Frauenbewegung und
     ihrer proletarischen Konkurrenz - die einen wollen Besonderheit, die
     anderen Gleichheit -, taucht plötzlich wieder auf in der Begegnung mit
     den verschleierten Schwestern. Was will man: a room of one's own oder
     mitmischen da, wo die anderen sind, in Schulen, Fabriken,
     Krankenhäusern und Polizeistationen.

     Während die frühe bürgerliche Frauenbewegung, die oft in
     Temperenz-Verbänden gegen Alkoholmissbrauch, Prostitution und andere
     Formen des Sittenverfalls vorging, sich schon damals mit dem Wesen der
     Frau beschäftigte, an deren Mütterlichkeit und Hausfraulichkeit die
     Gesellschaft genesen sollte, pochte die proletarische Bewegung eher
     auf rechtliche Gleichstellung, und auch auf Bildung, die zu mehr als
     Klavier spielen und Aquarellieren befähigt. Nun, wo in unseren
     Breitengraden die rechtlichen Hürden genommen sind, steht das, was vom
     Feminismus noch übrig ist, vor einer großen Leere, die von der
     Forderung nach "Gender Mainstreaming" (Durchforstung aller politischen
     Maßnahmen nach ihrer Wirkung auf beide Geschlechter, statt einer
     speziellen Frauenförderung) eben nur sehr unzureichend ausgefüllt
     wird. Da kommen die verschleierten Schwestern gerade recht.

     Und im Prinzip ist dagegen ja auch gar nichts einzuwenden. Niemand
     wird bestreiten, dass Frauen in islamischen Ländern - speziell dort,
     wo die Scharia herrscht - eine Kaste noch unter den Unberührbaren
     bilden, mit allen Schikanen vom Führerschein- und Berufsverbot, über
     ein bizarres Familienrecht bis hin zu Auspeitschungen, Steinigungen,
     Zwangsehen und Ehrenmorden, vom mangelnden Zugang zu Bildung und
     Gesundheit ganz zu schweigen. Der Protest - auch von feministischen
     Verbänden - gegen die Steinigung Amina Lawals in Nigeria hat dieser
     das Leben gerettet und die Praxis ein weiteres Mal weltweit
     diskreditiert.

     Aber zum einen ist all dies Teil eines großen, rechtlosen Ganzen, in
     dem eben auch der Regimekritiker, der Dieb, der Anwalt oder der
     Schuljunge keinen Schutz haben. Ohne Grundrechte kein Frauenrecht,
     nicht umgekehrt. Wie wenig westlichen Feministinnen dies klar ist,
     konnte man an ihrer Haltung zum Afghanistan- und Irak-Krieg sehen.
     "Wie viel Krieg mit Geschlecht zu tun hat", so Alice Schwarzer in der
     "Emma", "verrät uns schon das aktuell kursierende Vokabular. Für uns
     sind die Amerikaner "Cowboys", für die sind wir Europäer "Eunuchen"
     oder "warme Brüder". Krieg ist und bleibt Männersache, auch wenn mal
     eine Pilotin mitfliegen darf. Und eines der zentralen Motive aller
     Kriege ist die Reaffirmation von Männlichkeit - was weder Frauen noch
     Männern gut tut."

     Ob das in den neu eröffneten Mädchenschulen von Kabul wohl auch so
     gesehen wird? In ihrer im Jahr 2000 beschlossenen, als Sieg der
     Frauenrechtlerinnen gefeierten Resolution 1325 erklären die Vereinten
     Nationen, dass friedenssichernde Maßnahmen künftig unter einer
     Gender-Perspektive durchgeführt werden sollen - was unter anderem
     bedeutet, "darauf zu achten, dass auch Minenräumaktionen künftig auf
     die Bedürfnisse von Frauen und Kindern Rücksicht nehmen". Was um alles
     in der Welt soll das bedeuten? Man sollte meinen, Minen seien die eine
     Sache auf der Welt, von der alle gleichermaßen betroffen sind. Ständig
     ist davon die Rede, Frauen seien die Hauptleidtragenden des Krieges.
     Die Zahlen aus all diesen Konflikten belegen aber unabweisbar: Die
     Hauptopfer des Kriegs sind Männer. Was ist damit über den Wiederaufbau
     gesagt?

     Zum Irak-Krieg fällt Kulturstaatsministerin Christina Weiss ein, man
     müsse den "Mut von Künstlerinnen wie Susan Sontag" hervorheben, die
     ein wichtiges Argument gegen den Krieg im Irak angeführt habe: dass er
     nämlich die bestehenden Zustände nur verschlimmere. Das war wirklich
     mutig, in die überwältigende Ablehnung des Krieges weltweit ein
     weiteres "Das bringt doch nichts!" hineinzurufen. Auch manche
     irakischen Frauenverbände sehen das so. In den vergangenen Jahrzehnten
     hatten irakische Frauen Rechte, von denen ihre Nachbarinnen in
     Saudi-Arabien oder gar im Iran nur träumen konnten - darunter ein
     Heiratsverbot für alle unter 18 Jahren (im Iran kann ein Mädchen mit
     acht Jahren verheiratet werden), und ein Familienrecht, das die
     automatische Besserbehandlung von Männern bei Scheidungen oder
     Sorgerechtsfragen ausschloss. Im Dezember 2003 wurden diese Rechte vom
     Übergangsrat außer Kraft gesetzt und durch die Anordnung ersetzt,
     alles Familienrecht habe künftig der Scharia zu entsprechen.

     Mit dem voraussichtlichen Sieg der Schiiten bei den nächsten Wahlen
     sehen die Frauen iranische Verhältnisse auf sich zukommen: "Das alte
     Gesetz war nicht perfekt, aber dies wird den Irak zum Dschungel
     machen. Die Frauen werden es nur über ihre Leiche akzeptieren", sagte
     die Anwältin Amira Hassan Abdullah. Paul Bremer hat es nicht
     unterzeichnet, und damit ist es nicht rechtskräftig. Warum fordern
     dann gerade Frauenverbände den Abzug der Amerikaner? Warum ist es für
     Frauenverbände nicht relevant, dass es jetzt wieder freie Zeitungen
     und Universitäten gibt und die Vergewaltigungskeller geschlossen sind,
     in denen ausnahmsweise einmal wirklich Frauen die Hauptopfer waren?

     Die Gefahr einer islamischen Republik Irak ist real, keine Frage. Und
     sie besteht auch in Afghanistan fort, wo die Taliban keineswegs
     besiegt sind und die Verfassung die Gleichberechtigung neben der
     Scharia stehen lässt. Glücklicherweise hat sich dort die
     Bundesregierung in Gestalt des Außenministeriums dort nicht auf "Power
     Zones" kapriziert. Ihr Hilfsprojekt besteht darin, Frauen für den
     Polizeidienst auszubilden, einerseits, um dessen zivilen Charakter zu
     unterstreichen, andererseits, um die Anzeigebereitschaft von Frauen
     gerade bei Sexualdelikten zu erhöhen und die geringe
     Korruptionsanfälligkeit und Gewaltbereitschaft von Frauen auszunutzen.
     Die Bewerberinnen (es gibt bisher 52) erhalten Lese- und
     Schreibunterricht, Kriminologie, Rechtskunde etc. An den Schulen
     sollen Vereine ins Leben gerufen werden, die der freiwilligen
     Feuerwehr entsprechen und auch von Mädchen frequentiert werden sollen.

     Vielleicht werden sie irgendwann mal ein eigenes Zimmer haben,
     vielleicht mal einen V-Monolog abhalten, aber lange vorher werden sie,
     durch ihre Arbeit an der Seite von Männern - ob verschleiert oder
     nicht - haben, was schon Aretha Franklin besang. R-E-S-P-E-C-T !

     Artikel erschienen am 31. Jan 2004

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