Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Männer gegen länger - Offener Brief

Odin, Friday, 30.01.2004, 13:44 (vor 8043 Tagen)

Offener Brief in Sachen Arbeitszeit an Schröder, Merkel, Hundt ...

Männer gegen länger.... !

In einem Offenen Brief an die Spitzen von Politik und Tarifparteien
haben sich spontan über 500 Männer als Erstunterzeichner gegen den Trend
zur Verlängerung der Arbeitszeit gewandt. Mit der Rückkehr zur 40- und
mehr- Stunden Woche, mit Überstunden ohne Ende oder Streichung von
Urlaubs- oder Feiertagen werde die Rückkehr in die Geschlechterrollen
der fünfziger Jahre eingeläutet:
der Mann in der Ernährerrolle, die Frau zuhause oder in Mini- oder
Teilzeitjobs.

Gerade junge Männer hätten „die Morgenluft neuer Männerrollen
geschnuppert“ heißt es in dem Brief an Bundeskanzler Schröder,
Familienministerin Schmidt, die Fraktions- und Parteispitzen, sowie
Arbeitgeberpräsident Hundt und DGB-Vorsitzenden Sommer. Sie seien nicht
bereit, diesen gesellschaftlichen Rückschritt widerspruchslos hinzunehmen.

Dass sich innerhalb weniger Tage hunderte Männer, vom Schreinermeister,
Mediziner, Wissenschaftler, Ingenieur, Betriebsrat, Männerseelsorger,
Chemiefacharbeiter bis zu den Männern des SPD Ortsvereins
Villingen-Schwenningen dem Anliegen angeschlossen hätten, werten die
Initiatoren, Helmut Spitzley, Arbeitswissenschaftler an der Uni Bremen
und Werner Sauerborn, Herausgeber der Väterzeitung Paps, als Zeichen
einer breiten Ablehnung des vorherrschen Kurses der Arbeitszeitpolitik.

Auch viele prominente Namen finden sich in der Unterzeichnerliste,
darunter der Sozialethiker Prof. Friedhelm Hengsbach SJ, der
Vorsitzender der deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik; Prof. Ulrich
Mückenberger, der Psychologe Wolfgang Schmidbauer, der Buchautoren
Ulrich Renz und Paul Maar („Das Sams“), die Wirtschaftswisenschaftler
Priewe und Hickel, der Gesundheitssachverständige Gerd Glaeske, der
Gewerkschafter Berthold Huber und Konstantin Wecker.

Spitzley und Sauerborn erwarten aussagefähige Antworten von den
angeschriebenen PolitikerInnen und Tarifparteien, die sie u.a. auf ihrer
neu eingerichteten homepage wiedergeben werden

http://maenner-gegen-laenger@paps.de

Anlage: Offener Brief mit derzeit über 600 Unterschriften

An die Redaktionen
Gern vermitteln wir den Kontakt zu ausgewählten Unterzeichnern.
Hintergrundinfos s. http://maenner-gegen-laenger@paps.de

Werner Sauerborn T 0711-88788-2010, werner.sauerborn@paps.de
Helmut Spitzley T 0421-2183085, spitzley@iaw.uni-bremen.de

Re: Männer gegen länger - Offener Brief

Jens, Friday, 30.01.2004, 17:14 (vor 8043 Tagen) @ Odin

Als Antwort auf: Männer gegen länger - Offener Brief von Odin am 30. Januar 2004 11:44:58:

Leb wohl, Wirtschaftsstandort Deutschland! Welche Firma aus dem Aus- und Innland will hier noch investieren, wenn Leute nicht gewillt sind, länger zu arbeiten? Über Firmenabwanderungen braucht man sich echt nicht mehr wundern.

Jens

Re: Männer gegen länger - Offener Brief

Garfield, Friday, 30.01.2004, 18:47 (vor 8043 Tagen) @ Jens

Als Antwort auf: Re: Männer gegen länger - Offener Brief von Jens am 30. Januar 2004 15:14:08:

Hallo Jens!

Es geht doch gar nicht wirklich um längere Arbeitszeiten. Längst nicht alle Unternehmen haben 35- oder 38-Stunden-Woche. Und selbst wenn, dann kommt so mancher dort inklusive Überstunden auch auf 40 oder mehr Stunden pro Woche.

Und es ist auch gar kein Problem, mal zeitweilig z.B. 48-Stunden-Woche festzusetzen, wenn die Auftragslage gut ist. Weder Betriebsräte noch Gewerkschaften noch der Staat haben irgendetwas daran auszusetzen. Ich selbst habe Mitte der 90er Jahre auch in einem Unternehmen gearbeitet, in dem es üblich war, während der Hauptsaison 48 Stunden pro Woche zu arbeiten. Die Behauptung, Gewerkschaften, Betriebsräte, Tarifverträge sowie Arbeiter und Angestellte wären in Deutschland zu unflexibel, entbehrt jeglicher Grundlage.

Das Gezeter der Wirtschaft um angeblich zu kurze Arbeitszeiten hat einen ganz anderen Grund: Man möchte keine Überstundenzuschläge mehr zahlen, und idealerweise auch keine Wochenendzuschläge. Außerdem will man natürlich bei Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche weiterhin die alten Löhne und Gehälter zahlen, wo es bisher 35- oder 38-Stunden-Woche gibt - es geht also einfach nur um Lohndrückerei, wie immer.

Wenn sie die 40-Stunden-Woche durch haben, werden sie als nächstes die 45-Stunden-Woche fordern, dann die 50-Stunden-Woche usw. Da gibt es nach oben hin nur eine Grenze: Daß der Tag nun einmal nur 24 Stunden hat und daß der Mensch noch ein paar Stunden täglich schlafen muß.

So ist das nun einmal: Für Wirtschaftsbosse gehört es quasi zum Job, stets und ständig zu jammern und immer mehr zu fordern. Arbeiter und Angestellte tun das natürlich bei Gehaltsverhandlungen auch. Der Unterschied besteht nur darin, daß die Unternehmen angesichts der derzeitigen Situation auf dem Arbeitsmarkt klar im Vorteil sind. Das wollen sie nun natürlich voll ausnutzen.

Freundliche Grüße
von Garfield

Re: Männer gegen länger - Offener Brief

Jens, Friday, 30.01.2004, 19:01 (vor 8043 Tagen) @ Garfield

Als Antwort auf: Re: Männer gegen länger - Offener Brief von Garfield am 30. Januar 2004 16:47:42:

Gut! Was also tun, um Firmenabwanderung in Billigproduktionsländer zu stoppen? Die Entwicklung droht uns nun auch bald abzuwandern - z.B. nach China oder Indien, die haben nämlich nicht gerade eine geringere Ausbildung als wir, zumalen viele Chinesen hier in Deutschland studieren. In die Globalisierungsfalle sind wir also schon getappt. Was also tun, um schlimmeres zu verhindern? Wie kann der Wirtschaftstandort Deutschland attraktiv bleiben?

Gruß,
Jens

Re: Männer gegen länger - Offener Brief

Garfield, Friday, 30.01.2004, 19:20 (vor 8043 Tagen) @ Jens

Als Antwort auf: Re: Männer gegen länger - Offener Brief von Jens am 30. Januar 2004 17:01:02:

Hallo Jens!

Lohnkürzungen sind kein Problem, wenn gleichzeitig auch Mieten, Preise, Steuern, Gebühren und sonstige Abgaben, also eben die Lebenshaltungskosten, gleichermaßen sinken. In den Billiglohnländern können es sich die Menschen nämlich nur deshalb leisten, für niedrigere Löhne zu arbeiten, weil ihre Lebenshaltungskosten deutlich niedriger sind als unsere.

Wieso fordern Wirtschaftsbosse eigentlich z.B. keine Miet- und Preissenkungen? Wenn diese alltäglichen Belastungen deutlich sinken würden, dann wäre es auch kein Problem, Gehaltskürzungen zu akzeptieren.

Aber wenn man sein Geld selbst in Mietswohnungen investiert hat, dann geht das natürlich nicht. Und schon gar nicht, wenn man selbst noch hohe Preise für seine Produkte erzielt. Es würde ja den Gewinn schmälern, da zu kürzen. Wenn aber nur bei Löhnen und Gehältern gekürzt wird, steigt der Gewinn. Also fordert man eben nur Lohnkürzungen, und die Arbeiter oder Angestellten sollen dann zusehen, wie sie von ihren sinkenden Einkommen steigende Lebenshaltungskosten bezahlen. So einfach ist das...

Freundliche Grüße
von Garfield

Re: Männer gegen länger - Offener Brief

Manfred, Friday, 30.01.2004, 21:48 (vor 8043 Tagen) @ Garfield

Als Antwort auf: Re: Männer gegen länger - Offener Brief von Garfield am 30. Januar 2004 17:20:26:

Sorry Garfield,

da kann man sich in Wirtschaftstheorien und klassenkampf hineinsteigern wie man will, da kann man sich mit Zinsen- und Einkommensberechnungen solange dumm rechnen bis man selber und kein anderer mehr durchblickt, an gewissen grundsätzlichen Sachverhalten (quasi Naturgesetzen) ändert das nichts.

Eines dieser "Naturgesetze" ist, dass Geld keinerlei Wohlstand schafft, sondern nur konstruktive Arbeit, egal in welcher Form und wodurch diese verrichtet wird.
Geld ist lediglich das Mittel um diesen Wohlstand rechnerisch besser erfassbar, verteilbar und "speicherbar" zu machen.
Insofern kommen wir um mehr Arbeit nicht herum, oder wir werden uns in der wirtschaftlichen Versenkung wiederfinden eher als uns lieb ist!
Auch hier kann nur wieder der Grundsatz gelten, dass wir uns gegenseitig nicht bis zum Existenzminimum ausbeuten sollten.

Gruß,
Manfred

Re: Männer gegen länger - Offener Brief

Joseph S, Saturday, 31.01.2004, 01:44 (vor 8042 Tagen) @ Manfred

Als Antwort auf: Re: Männer gegen länger - Offener Brief von Manfred am 30. Januar 2004 19:48:50:

Hallo Manfred,

wie wäre es, wenn man die Arbeit zuerst an die Arbeitslosen verteilt, bevor man sie an die,
die schon arbeiten, verteilt. Sonst könnte es so ausgehen, daß nicht mehr gearbeitet wird,
sondern nur weniger Menschen arbeiten, weil diese mehr als früher arbeiten.
Im Extremfall braucht sich eine Frau dann nicht mehr scheiden zu lassen. Der Mann ist dann
sowieso nur noch auf Arbeit.

Unter längerer Arbeitszeit leiden vor allem Männer, weil sie normalerweise nur die Möglichkeiten
Vollerwertstätigkeit oder sozialer Absturz haben.

Auch die Frage, wie die Ergebnisse der Arbeit verteilt werden, ist interessant. Da läuft nicht
nur bei Scheidungen einiges schief. Wenn man bedenkt, wer über die Ausgaben entscheidet, kann
von einer Ausbeutung der Hausfrauen kaum die Rede sein.
Der Schwepunkt des aktuellen Verteilungsproblems liegt aber nicht auf der Geschlechterebne.

Gruß
Joseph

Re: Männer gegen länger - Offener Brief

Joachim, Friday, 30.01.2004, 19:29 (vor 8043 Tagen) @ Jens

Als Antwort auf: Re: Männer gegen länger - Offener Brief von Jens am 30. Januar 2004 17:01:02:

Wie kann der Wirtschaftstandort Deutschland attraktiv bleiben?
Gruß,
Jens

ich kann für fünf euro in der stunde arbeiten, wenn!

1. die mietpreise drastisch gesenkt werden

2. die nahrunsmittelpreise drastisch gesenkt werden

usw.

deutschland ist einfach zu teuer was die lebenshaltungskosten betrifft!

Re: Nachtrag!

joachim, Friday, 30.01.2004, 19:43 (vor 8043 Tagen) @ Jens

Als Antwort auf: Re: Männer gegen länger - Offener Brief von Jens am 30. Januar 2004 17:01:02:

ich habe mit meiner firma einen extra-arbeitszeitvertrag von 35 stunden pro woche geschlossen, ich bin aber flexibel mit der arbeitszeit, die überstunden leiste ich dann wieder grundsätzlich mit freizeit ab! wer weniger arbeitet pro woche, der hat auch einen höheren nettostundenlohn in der tasche, wer mehr stunden pro woche arbeitet der wird dafür noch bestraft!

Re: Männer gegen länger - Offener Brief

Odin, Friday, 30.01.2004, 23:08 (vor 8043 Tagen) @ Jens

Als Antwort auf: Re: Männer gegen länger - Offener Brief von Jens am 30. Januar 2004 15:14:08:

Leb wohl, Wirtschaftsstandort Deutschland! Welche Firma aus dem Aus- und Innland will hier noch investieren, wenn Leute nicht gewillt sind, länger zu arbeiten? Über Firmenabwanderungen braucht man sich echt nicht mehr wundern.

Hallo,
ja, da hatte ich bei dem Brief auch Bedenken. Meines Erachtens muß man auch bereit sein, wenns drauf ankommt länger zu arbeiten.
Trotzdem würde ich den Brief unterschreiben. Und zwar aus zwei Gründen:
Erstens - Mehrarbeit trifft in der Regel wirklich nur die Männer (und weibliche Singles) und da gilt es schon auf ein Problem aufmerksam zu machen (zumindest)
Zweitens: Dieselben Männer sind hinterher die gearschten, wenns um die Kinder geht. Dann wird nämlich vor jedem Gericht das Lied gesungen: Der war eh nie da und hat sich um die Kinder gekümmert. Und DANN hilft dir kein Arbeitgeber und kein Politiker. Dann lassen dich alle im Regen stehn und du erkennst, daß Arbeit nur noch eine Schande ist.

Schade, daß gerade dieser wichtige Punkt in dem Brief nicht herauskommt aber auch so wird klar, daß Männer nicht mehr so ohne weiteres den Rückzug in die Fabriken antreten. Sollen sich doch Politiker und Arbeitgeber (und Gewerkschaften) mal was einfallen lassen, damit Arbeit auch mal wieder honoriert wird und dich nicht zum Zahlvater macht, wenns an die Scheidung geht.

Wirtschaft - das unbekannte Wesen....

Paul, Saturday, 31.01.2004, 00:15 (vor 8042 Tagen) @ Jens

Als Antwort auf: Re: Männer gegen länger - Offener Brief von Jens am 30. Januar 2004 15:14:08:

Leb wohl, Wirtschaftsstandort Deutschland! Welche Firma aus dem Aus- und Innland will hier noch investieren, wenn Leute nicht gewillt sind, länger zu arbeiten? Über Firmenabwanderungen braucht man sich echt nicht mehr wundern.
Jens

Hallo Jens,

das ist ein häufig gebrauchtes Argument, aber es hat meiner Meinung nach nichts mit der Realität zu tun. Dazu folgende Fakten:

1) Wettbewerbfähigkeit: Gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist Deutschland die letzten 3 Jahre hintereinander EXPORTWELTMEISTER gewesen. Dies ist sicherlich kein Resultat mangelnder Wettbewerbsfähigkeit.

2) Pro Arbeitsstunde wird in Deutschland - auch wenn man es kaum glauben mag - deutlich produktiver gearbeitet als z.b. in USA oder Japan. Im Vergleich mit Japan liegt die Produktivität pro Zeiteinheit um 40% (!) höher

3) Das Problem liegt wie bei 1) gezeigt nicht im Export, sondern in der desolaten Binnennachfrage. Tatsächlich gibt es immer mehr Volkswirte, die vor deflationären Tendenzen in Deutschland warnen. Ein Verlängerung der Arbeitszeit, de facto also eine Lohnsenkung würde diese deflationären Tendenzen noch verstärken.

4) Tatsächlich wäre eine Lohnerhöhung sinnvoll. Dies wird allerdings nicht durchgesetzt werden koennen, und zwar aus 2 Gründen:
a) die einzelnen Unternehmen befinden sich in einer Art Gefangenendilemma (siehe hierzu google oder Literatur über Spieltheorie, sonst tippe ich mir die Finger wund), was die Lohnpolitik angeht. Durch den Wettbewerb untereinander ist für jedes einzelne Unternehmen die beste Strategie, die Löhne zu drücken, bzw. die Arbeitszeiten zu erhöhen, auch wenn dies für die Wirtschaft insgesamt extrem schädlich wirkt; Dies geschieht nicht, um das mal klarzustellen, weil da die "bösen" Wirtschaftsbosse ihre Angestellten ausbeuten wollen, sondern ist ein systemimmanentes Problem. Dieses spezielle Gefangendilemma in der Lohnpolitik ist übrigens ein interessantes Beispiel dafür, dass der freie Markt eben NICHT immer in der Lage ist, die für alle beste Situation durch eine evolutionäre Entwicklung zu finden. Neoliberalisten sollten sich das mal ganz genau anschauen ;-)
b) Arbeitszeiterhöhungen sind "populärer", weil man sie dem Volk leichter verkaufen kann. Der Normalbürger macht nämlich den Fehler, von seinem eigenen Verhalten auf die Makroökonomie zu schliessen (also: wenn ich zuwenig Geld habe, muss ich mehr arbeiten --> wenn wir als Nation pleite sind, muessen wir auch mehr arbeiten. Und genau da liegt der Fehler).

5) Der "globale Wettbewerb" ist keinefalls so einfach gestrickt, wie uns das Neoliberalisten glauben lassen wollen. Siehe dazu auch einschlägige Literatur z.b. von Paul Krugman (nebenbei ein Anwärter auf den Wirtschaftsnobelpreis)

Das wars erstmal... ausserdem ist das hier ja eigentlich kein Wirtschaftsforum.

Viele Grüsse,
Paul

Nachtrag

Paul, Saturday, 31.01.2004, 00:44 (vor 8042 Tagen) @ Paul

Als Antwort auf: Wirtschaft - das unbekannte Wesen.... von Paul am 30. Januar 2004 22:15:46:

Zum Thema Löhne bzw. Arbeitszeitlängerung noch eine Meinung von Jürgen Kromphardt (seine Zeichens Wirtschaftsweiser):
http://www.netzeitung.de/wirtschaft/261994.html

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