Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche

Nick, Saturday, 10.01.2004, 16:44 (vor 8062 Tagen)

Land ohne Lachen[/u]

Deutschland schrumpft - und ergraut. Die Bundesrepublik rangiert mit ihrer Geburtenrate unter 190 Staaten auf Platz 185. Vier von zehn deutschen Akademikerinnen verzichten auf Mutterglück und Mutterstress. Sind die Frauen in den Gebärstreik getreten - oder die Männer in den Zeugungsstreik?

Wann immer Angela Merkels CDU-Nachwuchstruppe während der vergangenen Jahre in den Wahlkampf zog, durfte ihr wirksamstes Werbemittel nicht fehlen: das schwarze Kondom.
Verhüterli in Tüten verteilte die Junge Union in Berlin ("Safer Politics") ebenso wie in Bremen ("Für sicheren Verkehr"). Zu Rathauswahlen in Schleswig-Holstein verschenkte sie Latex mit der Losung: "Dein erstes Mal? - Mach's kommunal!" Und in Baden-Württemberg gaben ihre Kandidaten Gummi mit dem Spruch: "Ich will rein. Du willst es doch auch."
Nun müssen sich die Jungunionler was Neues einfallen lassen.
"Früher galt es als chic, Kondome als Werbegag zu verteilen", sagt ihr Bundesvorsitzender Philipp Mißfelder, "das machen wir jetzt nicht mehr." Den CDU-Junioren hat sich mittlerweile erschlossen, dass es der Nation an Nachwuchs mangelt - und da wollen die jungen Konservativen mit ihren Präservativen, Gott verhüt's, nicht noch Beihilfe leisten.
Wie die Unionsjugend sieht sich die Republik plötzlich mit den Folgen eines Phänomens konfrontiert, das sie jahrzehntelang verdrängt hatte: Deutschlands Frauen bringen im Schnitt nur noch 1,35 Kinder zur Welt; 2,1 aber wären erforderlich, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten.
Bei gleichbleibender Lebenserwartung würde die Wohnbevölkerung, ohne Zuwanderung, alljährlich um 200 000 Menschen schrumpfen; das entspricht der Größe von Lübeck oder Kassel. Schon jetzt gibt es ganze Straßenzüge ohne Kinderlachen.
Rechte wie linke Denker warnen vor üblen Folgen für Land und Leute. Die grassierende Kinderlosigkeit führe zu einem "geistigen Verarmungsprozess", mahnte jüngst Ex-Bundespräsident Roman Herzog. Noch schärfer urteilt der Reformpädagoge Hartmut von Hentig: Ein Leben ohne Kinder bewirke "moralische Verwahrlosung".
In Euro und Cent beziffern lassen sich bereits die materiellen Folgen. Mittlerweile sind all die sozialen Sicherungssysteme in Schieflage geraten, die auf dem Prinzip des Generationenvertrags basieren, jenes nirgendwo niedergeschriebenen Pakts, der nur zwei Postulate umfasst:
Paragraf 1. Füllt in jungen Jahren die Kassen, aus denen die Renten und Pflegegelder für die Senioren fließen.
Paragraf 2. Seid fruchtbar und mehret euch, damit es in eurem Alter genügend junge Menschen gibt, die euch unterhalten können.
Wohin es führt, wenn große Teile einer Generation Paragraf 2 beharrlich missachten, dämmert vielen Deutschen, seit Regierung und Opposition erbittert um Rentenkürzungen ringen und Politiker mit immer neuen Sparideen vorpreschen, weil nicht mehr genug junges Kapital in die Kassen fließt; CDU-Mann Mißfelder schlug bereits vor, älteren Patienten keine künstlichen Hüftgelenke mehr zu bezahlen.
"Kinder kriegen die Leute sowieso" - diesen Glaubenssatz des Altkanzlers Konrad Adenauer hat die Generation der heute 30- bis 45-Jährigen gründlich widerlegt. Rund 26 Prozent der 1960 geborenen Frauen sind kinderlos, unter den Akademikerinnen sogar 42 Prozent.
Schon um das Jahr 2010 wird die Republik, bei gleichbleibender Lebenserwartung und ohne zusätzlichen Zuzug, wahrscheinlich eine halbe Million Einwohner weniger haben als heute. Bis 2050 könnte die Bevölkerungszahl von jetzt 82,5 auf 70 Millionen oder noch darunter fallen.
Der Retro-Trend wäre weniger folgenreich, stiege nicht zugleich das Durchschnittsalter - teils weil weniger Kinder geboren werden, teils weil der medizinische Fortschritt die Menschen immer länger leben lässt. Schon im Jahr 2035 werden die Deutschen das älteste Volk der Welt sein - eine graue Revolution verwandelt die Republik allmählich in einen Gerassic Park, in dem jeweils ein Berufstätiger für einen Rentner aufkommen muss.
Ähnlich dramatisch wie zurzeit hat sich das Land, abgesehen vom Zweiten Weltkrieg, zuletzt während der Pestepidemien des Mittelalters verändert. Dennoch: Bevölkerungspolitik stand in Berlin kaum je auf der Tagesordnung; schon das Wort erinnerte peinlich an Adolf Hitler und die Mutterkreuze, mit denen die Braunen die Gebärfreudigkeit fördern wollten.
Als "weiches Weiberthema" ist Familienpolitik von Männern aller Parteien lange Zeit verspottet worden. Gerhard Schröder - vier Ehen, kein leibliches Kind - flapst im Kanzleramt zwar nicht mehr wie in seinen politischen Flegeljahren, dass "Topfblumen und Kinder" nicht "in einen anständigen Haushalt" gehörten. Doch dass Familienpolitik "Gedöns" sei, rutschte ihm noch vor ein paar Jahren heraus.
Einen Anlauf der SPD, mit besseren Kinderbetreuungsangeboten und mehr Ganztagsschulen bei jungen Familien zu punkten, verpatzte Generalsekretär Olaf Scholz mit seinem Geschwätz von der "Lufthoheit über den Kinderbetten". Auf ähnliches Niveau begab sich CDU-Chefin Merkel mit Bürgerschreck-Parolen vom Sozi, der eines Tages "an Ihrer Haustür klingelt, das Kind aus dem Laufställchen reißt" und "der Mutter am besten noch ein rotes Stirnband von Ché Guevara umbindet".
Beschäftigt mit dem üblichen Alltagsgezänk, merkte kaum ein Politiker auf, als die Weltbank im Sommer verlautbarte, dass die Bundesrepublik eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt aufweist: Deutschland rangiert unter 190 Staaten sage und schreibe auf dem 185. Platz.
"Manche Nachrichten sind eigentlich ungeheuerlich, sorgen aber trotzdem nicht für Schlagzeilen", wunderte sich der "Tagesspiegel" über die Null-Reaktion: "Kein öffentlicher Aufschrei folgte, Rufe nach einem Krisengipfel blieben aus."
Dass der Kindermangel nun doch noch zum Politikum wurde, hat vor allem Edmund Stoiber bewirkt. Der CSU-Chef überraschte Freund und Feind mit der Forderung, die Rentenkassen auf zuvor kaum je debattierte Weise zu sanieren: mit Hilfe von Beitragserhöhungen für Kinderlose.
Stützen kann sich Stoiber unter anderem auf den Münchner Professor Hans-Werner Sinn. "Der Hauptgrund für die erforderlichen Rentenkürzungen liegt in der Kinderarmut", argumentiert der Chef des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. Wichtige Ursache des Kindermangels wiederum sei das Rentensystem, das eine Art "Vollversicherung gegen Kinderlosigkeit" darstelle und Eltern nicht länger zu Gunsten Kinderloser benachteiligen dürfe.
Auch Sozialministerin Ulla Schmidt will Kinderlose nun verstärkt heranziehen. Arbeitnehmer ohne Kinder sollten, forderte die Sozialdemokratin vorletzte Woche, für die Pflegeversicherung einen Zuschlag von pauschal 2,50 Euro pro Monat zahlen.
Seit Politiker und Experten mit solchen und ähnlichen Modellen schwanger gehen, entzweit eine "neue Art von Klassenkampf" ("Berliner Zeitung") die Deutschen: Kindseltern und Kinderlose streiten über Ursachen und Konsequenzen des Bevölkerungsrückgangs - häufig hochgradig emotionalisiert.
Da lästern die einen über die egoistischen Schmarotzer, denen die Kindererziehung "einfach zu anstrengend" sei, weil sie "Konsum für angenehmer halten als nervtötende Stunden mit Holzbauklötzen"; und sie mokieren sich über Kinderlose, die "die halbe Million Euro (Existenzminimum), die zum Großziehen von drei Kindern mindestens nötig wäre", einfach so "für Tauchurlaube" und ähnlichen Luxus verprassten, wie die "Zeit"-Leitartiklerin Susanne Gaschke schreibt.
Die anderen wiederum jammern darüber, dass Frauen im kinderfeindlichen Deutschland alles nur falsch machen können, wie "Amica"-Autorin Meike Winnemuth meint. Eine Frau, klagt sie, habe lediglich die Wahl, auf welche Weise sie "die Angeschmierte" sein wolle:
1. Du bekommst ein Kind und bleibst zuhause. Du wirst als tumbe Hausfrau beschimpft, die zu bequem ist zum Arbeiten.
2. Du bekommst ein Kind und arbeitest weiter. Du wirst als Rabenmutter beschimpft, die weder dem Kind noch dem Job wirklich gerecht wird.
3. Du bekommst kein Kind. Du wirst als egozentrische, unreife, gefühlskalte Sowieso-nicht-ganz-richtige-Frau beschimpft.

Dass der Konflikt ums Kinderkriegen nicht schon Jahre zuvor ausgebrochen ist, führen Fachpolitiker wie die Stuttgarter Kultus- und Jugendministerin Annette Schavan (CDU) auf eine "große Lebenslüge" der Deutschen zurück: auf die lange Zeit gehegte Annahme, Babymangel lasse sich durch verstärkte Zuwanderung aus dem Ausland kompensieren.
Dabei wissen Experten: Wenn die Überalterung lediglich mit Hilfe der Zuwanderung Jüngerer gestoppt werden soll, müsste Deutschland "bis 2050 netto 188 Millionen Einwanderer aufnehmen", wie der Bielefelder Bevölkerungsforscher Herwig Birg ausgerechnet hat. Die Zahl sei deshalb so groß, erläutert der Wissenschaftler, "weil jüngere Einwanderer den Altenquotienten nur kurzfristig verringern, aber langfristig erhöhen, wenn sie selbst zur Gruppe der 60-Jährigen und Älteren gehören".
Erreichbar wäre das irrwitzig anmutende Ziel einer Zuwanderung von 188 Millionen Menschen wohl nur mit Immigranten aus fernen Kulturkreisen - und mit entsprechend hohem Integrationsaufwand.
Denn das Gros der europäischen Staaten leidet, bei einer durchschnittlichen Geburtenrate von 1,5 Kindern pro Frau, unter ähnlicher Auszehrung wie die Bundesrepublik. Westeuropäisches Schlusslicht ist das vermeintlich kinderfreundliche Italien, wo 100 Frauen heutzutage nur noch 120 Bambini zur Welt bringen. Nach einer österreichischen Studie wird die Bevölkerungszahl von Old Europe bei anhaltendem Trend in den nächsten 100 Jahren von 376 Millionen auf 290 Millionen Menschen zurückgehen.
Weltweit herrscht die entgegengesetzte Tendenz vor. Uno-Statistiker rechnen für die kommenden drei Jahrhunderte mit einer weiteren Zunahme der Erdbevölkerung von jetzt 6,3 auf 9 Milliarden. In dieser Zeitspanne werde sich der Anteil der Europäer fast halbieren, der Anteil der Afrikaner nahezu verdoppeln.
Woher auch immer künftig Zuwanderer nach Deutschland kommen sollen - Immigranten passen sich rasch den Usancen des Ziellandes an: In Deutschland lebende Ausländerinnen bringen im Schnitt auch nur 1,4 Kinder zur Welt.
Trügerisch ist auch die Laien-Hoffnung, mit ein paar kräftigen Geldspritzen oder sonstigen Sofortmaßnahmen könne so mal eben die Gebärfreude gefördert und der Abwärtstrend gewendet werden.
In Wahrheit ist die Geburtenrate der nächsten Jahrzehnte weitgehend programmiert. Weil die Zahl der potenziellen Mütter bereits seit langem sinkt und Ungeborene nun mal keine Nachfahren in die Welt setzen können, läuft die Negativentwicklung, so Birg, ab "wie ein Uhrwerk".
Selbst wenn sich alle gebärfähigen Frauen in den nächsten 20 oder 30 Jahren entschlössen, je zwei Kinder zur Welt zu bringen, doziert der Wissenschaftler, "würden sich die Bevölkerungsschrumpfung und die demografische Alterung bis 2080 fortsetzen". Habe sich ein Prozess wie der Verlauf der Geburtenrate nämlich erst einmal "ein Vierteljahrhundert in die falsche Richtung entwickelt", dauere es "ein Dreivierteljahrhundert, ihn wieder umzulenken".
Ein Konzept gegen den Kindermangel setzt eine Analyse der Ursachen voraus - die aber sind außerordentlich vielschichtig und vielgestaltig.
Unstrittig ist, dass die Einführung der Anti-Baby-Pille in den Sechzigern und auch die Liberalisierung des Abtreibungsrechts (Motto: "Mein Bauch gehört mir") wichtige Voraussetzungen für den Geburtenschwund geschaffen haben: Erstmals war es Frauen möglich, ohne Bevormundung durch Pfarrer oder Richter die Kinderzahl selbst zu bestimmen - ein Fortschritt, den heute nur rechte Außenseiter zurückdrehen wollen.
Der so genannte Pillenknick in den bewegten Jahren nach 1968 leitete ein, was der Frankfurter Wissenschaftler Reimut Reiche die "Homosexualisierung der Sexualität" nennt: Während dank Pille nun auch die Heteros erstmals massenhaft von der "Trennung der Lust- von der Zeugungsfunktion" profitierten, entwickelten sie, so der Sexualforscher, ein ganz ähnliches Sozialverhalten wie die Schwulen.
Die traditionelle Ehe-Ethik - "bis dass der Tod euch scheidet" - verlor den "Status der Unbedingtheit"; das Modell Lebenspartnerschaft wurde zunehmend von Lebensabschnittspartnerschaften abgelöst. Wann immer die Karriere einen Ortswechsel erforderte, waren locker Verbandelte bereit, auf dem Altar der Selbstverwirklichung die "bestehende Partnerschaft notfalls zu opfern" - Phänomene, die der Sexualwissenschaftler zuvor eher in der Schwulenszene ausgemacht hatte.
Kinder großzuziehen galt fortan nur noch als eine Option unter vielen. Logisch, dass seit den Siebzigern immer mehr Heteros zur Kategorie der kinderlosen Doppelverdiener stießen, auf Soziologisch "dink" (double income, no kids) genannt. Andere zogen das Single-Dasein vor und vergnügten sich auf der Dauersuche nach "dem richtigen" mit möglichst vielen falschen Partnern.
Trotz des gesellschaftlichen Wertewandels und trotz sinkender Kinderzahlen ist der Kinderwunsch verblüffenderweise relativ konstant geblieben: Junge Deutsche erhoffen sich heute im Schnitt 2,2 Kinder, also sogar etwas mehr als nötig, um den Bevölkerungsbestand stabil zu halten.
Die "enorme Lücke" zwischen Kinderwunsch und realisierter Geburtenzahl (von 1,35 Kindern), erkannte die "Frankfurter Allgemeine", "stellt einen Skandal dar, der gleichwohl öffentlich eher beschwiegen wird".
Familienministerin Renate Schmidt - mit 60 Jahren dreifache Mutter und vierfache Großmutter - zieht aus den Statistiken den richtigen Schluss, dass es überflüssig sei, irgendjemanden zum Kinderkriegen zu beschwatzen. Der Staat müsse vielmehr die Hindernisse aus dem Weg räumen, die einer Umsetzung des durchaus vorhandenen Kinderwunsches im Wege stünden.
Leicht gesagt, schwer getan. Denn da gibt es zum Beispiel die Gruppe jener, die wollen, aber nicht können - ein, zum Teil aus Scham, häufig tabuisiertes Thema.
Bei schätzungsweise jedem sechsten Paar mit Kinderwunsch leidet zumindest einer der Partner unter Fruchtbarkeitsstörungen, in etwa der Hälfte der Fälle liegt die Ursache beim Mann.
Seit Jahrzehnten registrieren Wissenschaftler in Industriestaaten eine Abnahme der Spermienzahl und -kraft. Mittlerweile, konstatiert der Gießener Urologe Wolfgang Weidner, verfüge in Deutschland "jeder zweite Mann über eine eingeschränkte Samenqualität".
Die Reihe der ermittelten oder vermuteten Ursachen ist lang. Sie reicht von Alkoholmissbrauch und Allgemeinerkrankungen über Hodenerwärmung durch enge Plastikwindeln oder modische Unterwäsche bis hin zu Giften wie Dioxinen, Pestiziden oder künstlichen Östrogenen aus der Tiermast oder aus der Anti-Baby-Pille, die ins Grund- und Trinkwasser geraten.
Nicht nur Männer sind betroffen. "Auch die Zahl unfruchtbarer Frauen nimmt infolge der Belastung durch Industrie- und Agrarchemikalien immer mehr zu", ermittelten Forscher der Berliner Charité. Sind Frauen während der Schwangerschaft starken Belastungen durch Umweltgifte ausgesetzt, so entdeckten dänische und britische Wissenschaftler, produzieren die von ihnen zur Welt gebrachten Söhne später zu wenig Spermien - ein teuflischer Zirkelschluss.
Und so gern auch die Warnungen auf Zigarettenschachteln von manch einem verdrängt oder verulkt werden ("Tauchen in der Schwangerschaft hebt den Meeresspiegel") - unter Medizinern unumstritten ist die Berechtigung des Hinweises: "Rauchen kann die Spermatozoen schädigen und schränkt die Fruchtbarkeit ein." Bei der künstlichen Befruchtung ist die Erfolgschance von Nichtraucher-Paaren doppelt so groß wie die von Rauchern.
Daneben gibt es die Gruppe derer, die wohl können, aber nicht wollen.
Zu ihnen zählt die Hamburger Psychologin Susie Reinhardt, 41, die "seit zwölf Jahren in einer festen Partnerschaft" lebt und partout kinderlos bleiben will. "Schon als Kind habe ich nicht gern mit Puppen gespielt", sagt sie: "Ich finde Kinder interessant, wenn sie etwa sechs werden und man sich mit ihnen unterhalten kann. Zu Babys fühle ich mich einfach nicht hingezogen, ein Familiendasein reizt mich nicht."
Susie Reinhardt kennt viele Gleichgesinnte, über deren Lebensweise und Lebenshaltung sie ein Buch ("Frauenleben ohne Kinder") verfasst hat. Die Motive bewusst kinderloser Frauen, hat sie erfahren, würden von der Gesellschaft häufig nicht akzeptiert; Frauen wie sie müssten gegen das Vorurteil ankämpfen, sie wünschten sich insgeheim doch Kinder, hätten nur keinen Mann gefunden.
Die Sekretärin Tanja von Hacht, 37, ist allein erziehende Mutter eines Sechsjährigen. Weil sie Kindererziehung für "die schönste Nebensache der Welt" hält, würde die geschiedene Frau gern noch einmal schwanger werden. Doch der attraktive Single hat bislang vergebens Ausschau gehalten. "Höchstens zehn Prozent aller Männer über dreißig", glaubt die Hamburgerin, "würden sich an eine Frau binden, die schon ein Kind hat. Die meisten sind zu egoistisch."
Andere, die einen Partner haben, schieben das Kinderkriegen lange vor sich her - und kommen dann doch nicht aus den Startlöchern: Achtung, fertig, kinderlos.
Zwar gaukelt die boomende Reproduktionsmedizin den Frauen vor, sie hätten auch noch in der Mitte des fünften Lebensjahrzehnts gute Chancen, schwanger zu werden. Doch allem medizinischen Fortschritt zum Trotz sinkt die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit im Lauf der Zeit rapide ab - von 23 Prozent pro Zyklus bei 25-Jährigen auf 5 Prozent bei 40-Jährigen; die Fehlgeburtenrate schnellt ab 45 Jahren auf mehr als 50 Prozent empor.
Die hohe Kinderlosigkeit, vor allem bei Akademikerinnen, hat auch politische Ursachen. Dazu zählt der Berliner Soziologie-Professor Hans Bertram vor allem die "extreme Länge des Studiums" und den "schwierigen Einstieg in den Beruf". Bertram: "Das ist möglicherweise die Konsequenz eines nicht reformierten Bildungs- und Berufssystems."
Gerade Karrierefrauen mit Babywunsch fehlt zudem oft der zeugungswillige Partner. Vor allem Männer, die in zerrütteten Ehen groß geworden sind, schrecken Untersuchungen zufolge vor einer Elternschaft zurück, zumal mit einer selbständigen, selbstbewussten Frau - zu sehr quält sie der Gedanke, angesichts einer Scheidungswahrscheinlichkeit von weit über 30 Prozent schon bald zum Zahlvater eines Kindes degradiert zu sein, das sie gerade mal alle 14 Tage sonntags knuddeln dürfen.
Befinden sich Deutschlands Akademikerinnen im "Gebärstreik", wie der christliche "Rheinische Merkur" vermutet? Ganz im Gegenteil, kontert die linke "taz", die Männerwelt sei in den "Zeugungsstreik" getreten - vor allem, weil sie "nicht windeln" wolle. Beweis:
Immer mehr Kerle, glaubt "taz"-Autorin Ulrike Winkelmann, spielten ihren biologischen Vorteil voll aus: "Welchen Grund sollte ein Mann haben, sich jetzt die Nächte mit Babygeschrei ruinieren zu lassen, wenn er das in zehn Jahren ebenso gut noch tun kann?" Auch Männer hätten gelernt, ihre Lebenschancen cool zu kalkulieren: "Dazu gehört, dass sie sich jederzeit eine jüngere Frau suchen können, wenn die jetzige zu alt zum Kinderkriegen geworden ist oder sich zu alt dafür fühlt."
So steigt, nicht nur unter Akademikerinnen, der Anteil der Nichtgebärenden ebenso wie das Alter der Erstgebärenden. Die Zeiten, als Frauen in der DDR ihr erstes Kind im Durchschnitt mit 21 Jahren bekamen, sind passé. Je später aber das erste Kind zur Welt kommt, desto geringer ist die Chance, dass weitere folgen - was dazu beiträgt, dass in Deutschland nur noch 10 Prozent der Frauen ein drittes Kind gebären, obwohl 25 Prozent in jungen Jahren von drei Kindern träumen.
Oft auch erstirbt bald nach der Geburt des Erstlings der Wunsch nach weiterer Nachkommenschaft. Während in jener Phase Sexualität und Außenkontakte nicht selten schwinden, schaukeln sich Binnenkonflikte hoch. "Kinderschitt, Ehekitt" - das war einmal.
Familienberatern ist das Dilemma geläufig: Nachdem beide vor der Geburt berufstätig waren und sich auch die Hausarbeit partnerschaftlich geteilt haben, bleibt die junge Mutter, mangels Betreuungsalternativen, häufig allein im Haus und fühlt sich im Stich gelassen; der Vater flüchtet sich unterdessen vor dem Babygeschrei in Überstunden und genießt den innerfamiliären Machtzuwachs, den ihm die neue Rolle des Alleinernährers beschert.
Sicher ist: Der Kindermangel, geboren aus einer Vielzahl unterschiedlicher Ursachen, lässt sich allein mit Geld nicht beheben - und schon gar nicht allein mit der jahrzehntelang gängigen Methode, Kindergeld mit der Gießkanne zu verteilen.
Als Maßstab für erfolgreiche Familienpolitik galt noch jeder Bundesregierung die fast schon obligatorische Erhöhung dieser Transferzahlungen. Mehr Kindergeld als in Deutschland gibt es heute nur in Luxemburg; auch bei den Gesamtausgaben für Familien rangiert die Bundesrepublik mit jährlich 59 Milliarden Euro bei den Industriestaaten in der Spitzengruppe.
Verschwendetes Geld? Ob bei der Geburtenrate, der Bekämpfung der Familienarmut, der Bildungsbilanz oder der Frauenerwerbsquote - auf all diesen Feldern liegt die Bundesrepublik abgeschlagen auf den hinteren Rängen.
"Wir sind wirklich ziemlich am Ende der Weltskala", räumte Bundeskanzler Schröder vor SPD-nahen Managern ein. Von einem "Eliteversagen" spricht eine Führungskraft aus dem Familienministerium: "Wir haben 15 bis 20 Jahre geschlampt."
Verkannt haben die Planer beispielsweise, dass der Verzicht auf Fortpflanzung in vielen Fällen nicht einem Mangel an Wohlstand entspringt - auch das Gegenteil ist richtig. Hoch qualifizierte Besserverdiener in sicheren Positionen haben, wenn sie sich zeitweise für den Erziehungsjob entscheiden, mehr zu verlieren, als der Staat per Kindergeld je kompensieren kann. Nicht die Ausgaben, die ein Kind verursacht, sagt Regierungsberater Bert Rürup, seien in vielen Fällen das eigentliche Problem, sondern der Wegfall der Einnahmen.
Weil Deutschland in Sachen Kinderbetreuung, so Rürup, "fast so was wie ein Entwicklungsland" ist, können viele schlechter gestellte Eltern wiederum das nötige Geld für Pampers und Playmobil kaum selbst verdienen. Denn wenn sich in der Bundesrepublik Nachwuchs ankündigt, muss allzu oft ein Elternteil seine Berufspläne in den Wind schreiben.
Während kinderlose Paare zu 90 Prozent als Doppelverdiener Geld scheffeln, sind nur bei 70 Prozent der Elternpaare beide Partner berufstätig. Die Quote sinkt mit zunehmender Kinderzahl - nur noch 55 Prozent der Familien mit drei Kindern beziehen ein zweites Gehalt.
Die Einkommensschere klafft sogar noch sehr viel weiter auseinander, als diese Zahlen verraten: Die Mehrheit der deutschen Mütter kann dank unflexibler Kita-Öffnungszeiten nur Teilzeitjobs annehmen, während Kinderlose fast immer Vollzeit arbeiten. Und was die berufstätigen Mütter verdienen, geht großenteils für die Betreuung der Kleinen drauf - der Beruf wird gleichsam zum unbezahlten Hobby.
Hohe Betreuungskosten, niedrige Einkommen - der Teufelskreis hat Kinderreichtum zum größten Armutsrisiko in Deutschland werden lassen. "Es gibt viele Methoden, sich dauerhaft zu ruinieren", sagt Hellmut Puschmann, Ex-Präsident des Caritasverbandes, "eine der erfolgversprechendsten in Deutschland ist die Gründung einer mehrköpfigen Familie." Bei einem Durchschnittseinkommen von 30 000 Euro im Jahr muss eine vierköpfige Familie heute mit weniger Geld auskommen, als ihr das Steuerrecht als Existenzminimum zubilligt; daran ändert auch die jüngste Steuerreform nichts.
Fast vergessen sind die schönen Versprechungen aus dem Wahlkampf 2002. Außenminister Joschka Fischer warb für eine "Politik auf Kindernasenhöhe". SPD-Wahlstratege Franz Müntefering tönte, die Zeit sei "reif für einen neuen Gesellschaftsvertrag zu Gunsten der Familie".
Mittlerweile hat die Finanznot viele Vorhaben zunichte gemacht. Die im SPD-Wahlprogramm annoncierte Umgestaltung des Ehegatten-Splittings "zu Gunsten der Förderung von Kindern" wurde gestrichen. Das Erziehungsgeld verkam zur Sozialfürsorge; den vollen, ohnehin seit 1986 nicht mehr erhöhten Satz erhalten künftig nur noch Geringverdiener.
Selbst von den Projekten, die SPD und Grüne im Koalitionsvertrag fest vereinbart haben, ist wenig geblieben. Neben den 2000 vorhandenen wollten die Koalitionäre "10 000 zusätzliche Ganztagsschulen aufbauen". Jährlich eine Milliarde Euro wollte der Bund bereitstellen, allerdings nur für die Investitionen.
Die laufenden Kosten sollen die nicht minder Not leidenden Länder und Kommunen tragen - ein aussichtsloses Unterfangen. Bislang sind gerade mal 35 Millionen Euro aus dem Programm abgerufen.
Auch die Betreuung der Vorschul- und Kleinkinder, im Wahlkampf noch ein Topthema, ist weit nach unten gerutscht. Dabei ist die öffentliche Sorge für den Nachwuchs fast überall im Lande dürftig. Nur für 8,5 Prozent der Kleinkinder unter drei Jahren steht ein Krippenplatz bereit. Positive Ausnahmen wie die Kleinstadt Laer im Münsterland zeigen, dass auf bessere Angebote in kurzer Zeit ein beachtlicher Kindersegen folgen kann (SPIEGEL 44/2003).
Spätestens bis 2006, hatte Renate Schmidt versprochen, werde es wenigstens für jedes fünfte Kind unter drei Jahren einen Betreuungsplatz geben. Heute bekennt die Sozialdemokratin, das sei "bei allen Anstrengungen" nicht zu schaffen - die zuständigen Kommunen wollen erst Geld sehen, bevor sie neue Aufgaben schultern.
Immerhin soll ein "Kinderzuschlag" von monatlich 140 Euro für rund 150 000 Kinder von Geringverdienern gezahlt werden - Hilfe für Menschen, die lediglich sich selbst über Wasser halten können, nicht aber auch noch Nachwuchs, und die auf diese Weise aus der Sozialhilfe (künftig: Arbeitslosengeld II) herausgeholt werden sollen.
Der Union ist dank ihrer Oppositionsrolle die familienpolitische Nagelprobe erspart geblieben. Doch auch sie hat sich klammheimlich von ihren einstigen Wahlkampfschlagern verabschiedet.
Kanzlerkandidat Stoiber war mit dem Plan durchs Land gezogen, ein so genanntes Familiengeld von bis zu 600 Euro pro Kind und Monat auszuschütten. Die dafür nötigen rund 30 Milliarden Euro wollte der CSU-Zauberer aus den Erträgen des Wirtschaftswachstums finanzieren, das ihm als Morgengabe bei seinem Einzug in die Regierungszentrale vorschwebte.
Mittlerweile ist der Union diese Forderung ziemlich peinlich. Als CDU-Basisleute kürzlich in Hannover nachhakten, was denn aus dem schönen Plan geworden sei, blieb Parteichefin Merkel eine Antwort schuldig.
Völlig offen ist, ob und wann sich das Parlament daranmacht, ein altes Grundübel der Familienpolitik zu beheben, für das Rote wie Schwarze verantwortlich sind: die unfaire Verteilung der Steuer- und Soziallasten, die Kindseltern systematisch gegenüber Kinderlosen benachteiligt.
Ausgerechnet das umlagefinanzierte deutsche Rentensystem belohnt den Verzicht auf Kinder am höchsten. Denn seit je zahlen Arbeitnehmer mit Kindern die gleichen Rentenbeiträge und erwerben die gleichen Anwartschaften wie ihre kinderlosen Altersgenossen.
Weil so der Zusammenhang zwischen Altersvorsorge und Kinderaufzucht gänzlich verloren ging, habe das System "auf dramatische Weise die gesellschaftlichen Normen verändert", sagt Sozialreformer Sinn. Weil Eltern zugleich die künftigen Beitragszahler großziehen, sorgen die Sozialabgaben für eine stete Umverteilung der Einkommen von Familien zu Gunsten von Kinderlosen.
An die 100 000 Euro sei ein Kind für die Rentenversicherung der Zukunft wert, kalkuliert Sinn. Über die Anrechnung von Erziehungszeiten erhielten die Mütter (und selten die Väter) mit der Rente gerade mal elf Prozent dieser Summe zurück - und das auch nur, wenn sie 80 Jahre alt werden.
Nach Ansicht Sinns und der meisten seiner Fachkollegen geht die andauernde Debatte über die Generationengerechtigkeit folglich am Kern des Problems vorbei: An Gerechtigkeit mangele es weniger zwischen Jung und Alt als zwischen Kinderlosen und Eltern innerhalb der jeweiligen Generation, gleich welchen Alters.
Ähnlich lautete auch der Tenor eines Grundsatzurteils, mit dem die Karlsruher Verfassungsrichter schon vor zwölf Jahren der Rentenversicherung die "Benachteiligung namentlich der Familien mit mehreren Kindern" attestiert haben. Folglich forderte das höchste deutsche Gericht, damals noch unter Vorsitz des späteren Bundespräsidenten Herzog, es sei "sicherzustellen, dass sich mit jedem Reformschritt die Benachteiligung der Familie tatsächlich verringert". Doch sowohl die Regierung Kohl als auch ihre rot-grünen Erben haben dieses höchstrichterliche Votum ignoriert - nach Meinung des Ex-Verfassungsrichters Paul Kirchhof "ein Skandal des Rechtsstaates".
Konsequenterweise legten die Richter bei der nächsten Gelegenheit noch einmal nach. Als ein Vater von zehn Kindern gegen den Einheitsbeitrag in der Pflegeversicherung klagte, bescheinigte das Gericht auch diesem System die Verfassungswidrigkeit und forderte die "Entlastung der kindererziehenden Beitragszahler". Doch sowohl die Schröder-Regierung als auch die Merkel-CDU scheinen entschlossen, dieses Urteil ebenfalls weithin zu ignorieren.
Den Politiker-Boykott gegen ihre Urteile werden sich die Verfassungsrichter vermutlich nicht mehr lange gefallen lassen. Gerichtspräsident Hans-Jürgen Papier fordert ein "striktes Gegensteuern": Der Staat sei gefordert, "die Familien vor allem im Bereich des Sozial- und Steuerrechts weit stärker als bisher zu entlasten".
Insofern folgt Stoibers Vorschlag zum familienfreundlichen Umbau der Rentenversicherung lediglich den höchstrichterlichen Vorgaben. Ginge es nach der CSU, würden Arbeitnehmer einen um 50 Euro pro Kind gesenkten Beitrag zur Altersversorgung zahlen, die daraus entstehenden Fehlbeträge müssten durch höhere Zahlungen der Kinderlosen ausgeglichen werden - eine Forderung, die Merkel noch im vorigen März vehement unterstützt hatte.
Doch kaum hatte Stoiber das Konzept vorgestellt, inszenierten CDU-Politikerinnen einen Proteststurm. Stoiber "spaltet das Land", empörte sich etwa CDU-Präsidin Hildegard Müller; sein Konzept bedeute eine "Bestrafung" der Kinderlosen.
Doch diese Argumentation stellt die Wirklichkeit auf den Kopf, meinen Fachleute wie der Ökonom Sinn. Denn es seien die Eltern, die im Rentenrecht benachteiligt würden, weil sie wegen der Kinderkosten weit weniger für die private Altersvorsorge sparen könnten. Tatsächlich gehe es um den "Verzicht auf die staatliche Bestrafung des Kinderkriegens".
Auch Udo Di Fabio, der konservative Vordenker des Zweiten Senats des Verfassungsgerichts, prangert die Benachteiligung der Erziehenden an: Inzwischen seien "die wirtschaftlichen und sozialpolitischen Weichen eindeutig so gestellt, dass die Entscheidung für die große Familie wirtschaftlich weiten Einkommensgruppen verschlossen ist, wollen sie nicht in relativer Armut leben".
Nicht minder drastisch als das Sozialrecht schlägt das Steuersystem auf die Familieneinkommen durch. Zwar hat Rot-Grün - auch das auf Forderung der Karlsruher Richter - mittlerweile das volle Existenzminimum für Kinder steuerfrei gestellt. Mit der Steuerreform jedoch kassierte die Koalition einen Teil dieses Gewinns gleich wieder ein, weil die Freibeträge mit jeder Steuersenkung an Wert verlieren.
Vor allem aber verlagerten die Regierenden jeglicher Couleur in den vergangenen zehn Jahren einen immer größeren Teil der Steuerlast auf die Mehrwertsteuer, die keine Rücksicht auf die Familieneinkommen nimmt. Für die indirekten Steuern, die mittlerweile 50 Prozent des gesamten Aufkommens ausmachen, müssen Familien wegen des Konsumbedarfs ihrer Kinder unverhältnismäßig viel beitragen.
"Besonders perfide", urteilt der hessische Sozialrichter Jürgen Borchert, wirke dabei die Ökosteuer. Zum einen zahlen Familien wegen des höheren Energieverbrauchs im Haushalt viel mehr als Kinderlose. Zum anderen finanziert Rot-Grün mit der Ökosteuer eine Senkung der Rentenbeiträge, die kinderlosen Arbeitnehmern genauso zugute kommt wie Eltern. Pro Person gerechnet hat ein Single darum dank der Senkung der Rentenbeiträge im Jahr 2000 mehr als viermal so viel eingespart wie eine vierköpfige Familie.
"Familien sind nicht arm, sie werden arm gemacht", folgert Borchert.
Wie es anders geht, demonstrieren die Franzosen. Voriges Jahr verblüfften sie die europäischen Nachbarn sogar mit Nachrichten über gravierende Engpässe in Entbindungskliniken: Über 800 000 Kinder wurden geboren, im Schnitt 1,9 Kinder pro Frau - Spitze auf dem Kontinent.
Der Babyboom ist weniger ein Verdienst kinderfreundlicher Nordafrikaner mit französischem Pass als die Frucht einer Familienpolitik, die Paris konsequent fortsetzen will - auch um den Preis wachsender Verschuldung.
Eine Milliarde Euro macht die Regierung von Premierminister Jean-Pierre Raffarin von diesem Jahr an etwa für eine "Geburtsprämie" locker, 800 Euro pro Kind soll es geben. Das Geld soll bereits vor der Geburt ausgezahlt werden, um die ersten Anschaffungen zu erleichtern.
Im Zentrum der Umverteilung steht in Frankreich eine Familienkasse, die ein üppiges Arsenal an Zuschüssen bereithält: Geburtsbeihilfen, Erziehungsgeld, Wohngeld, Unterstützung zum Schuljahresbeginn sowie für Alleinerziehende. Einige Hilfen sprudeln erst ab dem zweiten Kind, das Kindergeld spielt eine Nebenrolle.
Flankiert wird das staatliche Füllhorn, das zehn Millionen Haushalte versorgt, von einer betont familienfreundlichen Steuerpolitik. Das zu versteuernde Einkommen wird nicht für den Haushalt, sondern pro Kopf berechnet: Jedes Kind verringert die Steuerschuld erheblich, Durchschnittsverdiener mit drei Kids zahlen dank Kindersplitting überhaupt keine Einkommensteuer mehr. Obendrein können sie mit einem Aufschlag bei der Rente rechnen. Diese Politik setze "klare Anreize, dass Kinder insbesondere auch in den sozial intakten Familien der Mittelschicht großgezogen werden", lobt der deutsche Ökonom Sinn den französischen Weg. Verfassungsrichter Di Fabio hat das Gleiche vor Augen: Solange unterhaltsberechtigte Kinder noch bei ihren Eltern leben, sei "deren Einkommen steuerrechtlich auf die Zahl der Köpfe zu verteilen", schlägt er vor.
Neben der materiellen Hilfe gehört die Kinderbetreuung zum Kern französischer Familienpolitik. Folge: Viele junge Mütter steigen wenige Monate nach der Geburt wieder in den Beruf ein. Das Kind kommt zu einer Tagesmutter oder in die Kinderkrippe, beides wird bezuschusst.
Neben der traditionellen Ganztagsschule gibt es die Vorschule, die "école maternelle", die nahezu jedes Kind von seinem dritten Geburtstag an besucht. Immerhin jedes zweite Kind unter drei Jahren findet einen Platz in einer Krippe.
Und der Ausbau wird weitergehen: 200 Millionen Euro würden für 20 000 neue Krippenplätze investiert, verspricht Premierminister Raffarin. Daneben gibt es einen Boom für Tagesmütter: 450 000 Frauen arbeiten als staatlich anerkannte "nounou" - ein "Zukunftssektor", schwärmt der Premier. So folgt Frankreichs Familienpolitik stets auch einem harten ökonomischen Kalkül: Statt Almosenverteilung wird Gesellschaftspolitik gemacht.
Diese Möglichkeit scheint sich, bei aller Freundschaft mit Paris, den Berliner Regenten erst allmählich zu erschließen - ebenso wie die Möglichkeit, Kommunen und Unternehmen zu mehr Kinderfreundlichkeit zu ermutigen.
Was da möglich ist, demonstriert die Stadt Nürnberg. Im Juni 2000 rief der Stadtrat ein "Bündnis für Familie" aus, um in der fränkischen Metropole ein "positives Klima für Kinder" zu schaffen. Seither treffen sich in wechselnden Konstellationen alle, die in der Spielzeugstadt mit Kindern zu tun haben: Behördenleiter und Verbandsvertreter, Unternehmer und Lehrer, Kirchenleute und, natürlich, Eltern.
Das Runder-Tisch-Prinzip zwingt die Planer zum Perspektivenwechsel - und sei es auch nur bei der Schaltung einer Ampel oder der Gestaltung einer Grünfläche. "Stadtentwicklungspolitik wird heute von wirtschaftlichen Zwängen diktiert", sagt Oberbürgermeister Ulrich Maly, "das Bündnis bringt auf eine lockere, selbstbewusste Art auch die nicht ökonomischen Interessen wieder mit ins Spiel."
Vor allem ist das Nürnberger "Bündnis für Familie" ein Ideen-Laboratorium, in dem praxistaugliche Lösungen für die großen wie kleineren Nöte des Nachwuchses entstehen. So können Eltern neuerdings mit einem "Familienpass" allerlei Rabatte einheimsen - im Hallenbad, in Restaurants und beim Einkaufen.
Bayerns Sozialministerin Christa Stewens (CSU) will das Nürnberger Modell nach der Testphase am liebsten auf den Freistaat ausdehnen. "Mit der Gratis-Semmel beim Bäcker oder dem Rabatt beim Schuhkauf können Unternehmen zeigen, dass Familien in unserer Gesellschaft willkommen sind", schwärmt die Ministerin.
Auch ihre Berliner Kollegin Renate Schmidt hat das Modell aus ihrer Heimatstadt zur Top-Priorität erklärt: "Ein sehr gutes Instrument", lobt sie die Initiative; eine neue Arbeitsstelle im Ministerium soll weitere Gründungen vorantreiben. Auf anderen Politikfeldern verspürt die Leiterin des kompetenzarmen "Ministeriums für Gesellschaft" (Schmidt) ihre Machtlosigkeit - vor allem auf dem Notstandsgebiet Nummer eins, bei den Krippenplätzen.
Weil die klammen Kommunen nicht mitziehen, setzt Schröders Frau fürs Familiäre voll auf die deutsche Wirtschaft: Von den Unternehmen erhofft sie sich verstärkt flexible Arbeitszeiten und gut organisierte Kinderbetreuung.
Auch manchem Konzernlenker dämmert mittlerweile, dass weniger Nachwuchs auf Dauer weniger Nachfrage bedeutet - und mittelfristig zu Fachkräftemangel führt. Im globalen Wettbewerb werden kinderreiche Konkurrenten den Deutschen ohnehin bald Probleme bereiten: Junge Nationen, das belegen Studien, sind innovativer, dynamischer und damit potenziell auch erfolgreicher als angehende Rentnerrepubliken wie Deutschland.
Wie sehr der Standort Deutschland auf die Ressource Baby angewiesen ist, zeigt eine Studie der Baseler Prognos AG. "Das Beschäftigtenpotenzial", heißt es da, "begrenzt die Wertschöpfung." Und: "Eine Politik, die die Rahmenbedingungen für eine höhere Geburtenrate schafft, trägt dazu bei, langfristig höhere Wachstumsraten zu generieren."
Mit ihren Appellen findet die Familienministerin bei Managern ein zunehmend positives Echo. Für eine "Allianz für die Familie" hat sie alle großen Wirtschaftsverbände sowie den DGB als Partner gewonnen, dazu die Bertelsmann-Herrin Liz Mohn und so ziemlich alle prominenten Reform-Gurus des Landes, von Peter Hartz über Bert Rürup bis zu Roland Berger.
"Die Wirtschaftsverbände haben gelernt, dass wir keine Feinde sind", frohlockt ein Ministerialer: "Wir rennen offene Türen ein."
Mit einem Bombardement von Expertengutachten versucht das Familienministerium, die Bresche noch zu verbreitern. Von der Prognos AG ließ Schmidts Ressort jüngst zehn mittelständische Unternehmen darauf abklopfen, welche Kosten eine familienorientierte Personalpolitik verursacht - Ergebnis: keine. Denn 300 000 Euro auf der Sollseite standen Einsparungen von 375 000 Euro gegenüber.
"Eine familienfreundliche Unternehmenskultur ist keine Wohltat, sondern rechnet sich auch betriebswirtschaftlich", redet der Schmidt-Verbündete und DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun den Chefs ins Gewissen. In seiner Melsunger Medizintechnik-Firma gibt es 16 verschiedene Schichtmodelle mit mehr als 100 Arbeitszeit-Varianten.
Als vorbildlich in Sachen Familienfreundlichkeit gilt die KfW-Bankengruppe in Frankfurt am Main. Schon im Foyer, gleich neben der schweren Drehtür, fällt eine elektronisch gesteuerte Schiebetür auf, die auch mit einem Kinderwagen leicht passierbar ist. Daneben steht: "Eingang Eltern/Kind".
Mit dem Kinderwagen in die Bank? Das kommt hier oft vor: Die KfW hat schon seit 30 Jahren einen betriebseigenen Kindergarten und Hort mit 45 Plätzen, bei Betriebsfesten sind Kinder ausdrücklich erwünscht. Zudem gibt es einen Familienservice samt Notkindergarten, der auch Tagesmütter und Aupairs vermittelt.
Familiengerecht ist beispielsweise die 60-Prozent-Stelle von Babette Stein, 40. Die zweifache Mutter teilt sich die Leitung der Unterabteilung "Geschäftspolitik" in der KfW-Entwicklungsbank mit einer Kollegin. Die Tandem-Lösung wurde vom Chef erdacht, nachdem ein Modellversuch in einer anderen Abteilung erfolgreich verlaufen war.
"Ich wollte immer schon beides: Familie und Beruf", sagt Teilzeit-Direktorin Stein und erinnert sich an ihre Kinderzeit: "Wenn ich gefragt wurde, ob ich lieber Schokolade oder Gummibärchen wolle, hieß die Antwort natürlich: beides!"
Die studierte Ethnologin hat eine siebenjährige Tochter und einen dreijährigen Sohn; die Frau, mit der sie sich die Stelle teilt, ist Mutter eines Kindes. Stein: "Wenn ich die Kollegin morgens anrufe und nur sage: ,Wir haben die Läuse', muss ich nichts lange erklären." Die andere versucht dann, ihre Termine mit zu übernehmen.
Trotz aller Angebote der KfW und eines Hortplatzes für die Tochter benötigt auch Stein zusätzliche private Kinderbetreuung. Sie hat ein Aupairmädchen "und ein doppeltes Netz von Babysittern". Die kommen vor allem zum Einsatz, wenn ein Kind krank ist, Schulferien sind oder die Mama auf Dienstreise muss.
Ihr Mann ist selbständig und viel unterwegs, also nicht einplanbar. So teilt die Mutter das Los vieler verheirateter Frauen, deren Männer gut verdienen: "Finanziell gesehen könnte ich genauso gut zu Hause bleiben", sagt sie, "ein Großteil meines Nettogehalts geht für Kinderbetreuung drauf."
Für den Arbeitgeber allerdings lohnt es sich, das "Humankapital", das Babette Stein und ihre Kollegin darstellen, zu nutzen. Das wurde von Mitarbeitern, die sich für die Einrichtung einer betriebseigenen Kinderkrippe engagieren, exakt errechnet und nachgewiesen.
Rentabilität - das scheint in Deutschland mittlerweile das stärkste Argument für Kinderfreundlichkeit zu sein.

So sag ich Dir: ich kann mich nicht erinnern

Sam, Saturday, 10.01.2004, 17:01 (vor 8062 Tagen) @ Nick

Als Antwort auf: SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche von Nick am 10. Januar 2004 14:44:50:

Sind die Frauen in den Gebärstreik getreten - oder die Männer in den Zeugungsstreik?

index.php?id=15534
http://f27.parsimony.net/forum66375/messages/3437.htm

Ein Leben im Schleudersitz verfassungsfeindlicher Justiz ist keine Perspektive für einen jungen Mann.

Sam

DER SPIEGEL vor gut 3 Jahren

Nick, Saturday, 10.01.2004, 18:38 (vor 8062 Tagen) @ Sam

Als Antwort auf: So sag ich Dir: ich kann mich nicht erinnern von Sam am 10. Januar 2004 15:01:05:

Der Kinder-Crash[/u]

Die Deutschen werden immer älter - und es werden immer weniger. Wissenschaftler sehen im fehlenden Nachwuchs eine der größten Gefahren der kommenden Jahrzehnte - nicht nur in Deutschland: Eine chronische, weltweite Wirtschaftskrise droht. Doch die Politik schaut lieber weg.

Als der britische Nationalökonom Thomas Robert Malthus 1798 mit seinem "Essay on the principle of population" den neuen Wissenschaftszweig der Demografie begründete, hatte er es noch mit einer schnell wachsenden Bevölkerung zu tun. Da die Menschen sich - wie er meinte, Naturgesetzen folgend - schneller vermehrten, als die Nahrungsmittel nachwüchsen, empfahl Malthus sexuelle Enthaltsamkeit, um wachsende Not zu verhindern.
200 Jahre später hat sich der Rahmen seiner Prognosen offenbar dramatisch gewandelt - zumindest in den Industrienationen. Dort vermehren sich die Menschen nicht. Es werden im Gegenteil ständig weniger: Die Zahl der Geburten liegt weit unter jenem Stand, der notwendig wäre, um die Bevölkerungsgröße zumindest stabil zu halten.
Die Menschen werden immer älter. Pro Jahrzehnt steigt die Lebenserwartung kontinuierlich um drei Jahre. Im Jahr 2040 wird der Durchschnittsdeutsche 50 Jahre alt sein - heute ist er 41.
Rentner-Republik Deutschland? Die Jungen sind jedenfalls bald in der Minderheit, und die Arbeitenden tragen eine immer größere Last. Bei weiter zunehmender Lebenserwartung muss schon vor Mitte des nächsten Jahrhunderts ein Arbeitender einen Rentner versorgen.
Der Rentenbeitrag wird dann - wenn das System nicht gründlich umgebaut wird - auf über 30 Prozent des Bruttolohns steigen, und die Ausgaben der Krankenkassen schnellen in die Höhe, da mit zunehmendem Alter auch die Krankenkosten weiter steigen.
Wenn die Lebenserwartung weiter wachse wie bisher, "wofür alles spricht", und die Geburtenhäufigkeit nicht "dramatisch auf zwei Kinder pro Frau zunimmt, wofür nichts spricht, wird das System der sozialen Sicherung zusammenbrechen, es ist dann nicht mehr reformierbar", prognostiziert der Bielefelder Bevölkerungsforscher Herwig Birg.
Peter Peterson, 73, Banker, Politiker und Buchautor ("Gray Dawn: How the Coming Age Wave Will Transform America and the World". Times Books Verlag; 280 Seiten), hat eine lange Liste der größten Gefahren zusammengetragen, die der Menschheit im nächsten Jahrhundert drohen: Killerviren und extreme Klimaveränderungen, ethnische Kriege und Nachbeben der Globalisierung. Aber das Älterwerden der Bevölkerung in den Industrienationen "wird unsere gemeinsame Zukunft weit mehr verändern als all die großen Bedrohungen".
Dass die Bevölkerung einerseits schrumpft und andererseits altert, ist gewiss. Die Folgen sind es, wenn nicht Radikales geschieht, auch:
Das gesamte System der sozialen Sicherheit implodiert, den völlig überforderten Volkswirtschaften - und damit der gesamten Weltwirtschaft - droht eine schwere Krise.
In 30 Jahren werden die Industrienationen mindestens 9 bis 16 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts zusätzlich ausgeben müssen, um die Rentenansprüche ihrer Senioren zu befriedigen. Nach Petersons Rechnung belaufen sich diese Ansprüche, die den heute Beschäftigten bereits zustehen, die aber nicht abgesichert sind, bereits auf 35 Billionen Dollar. Dieselbe Summe, schätzt er, sei noch einmal für die gesundheitliche Versorgung aufzubringen.
Wer soll das bezahlen? Eine Steuererhöhung in solchen Dimensionen ist undenkbar. Das Geld zu leihen wäre jedoch ebenso gefährlich: Die gewaltigen Kapitalbewegungen könnten die globalen Finanzmärkte destabilisieren, Wechselkurse und Zinsen in Mitleidenschaft ziehen - am Ende könnte die Baby-Baisse zu einem globalen Börsen-Crash führen.
Die Rentenfrage allein ist fast schon unlösbar, hinzu kommen Probleme, über die bislang kaum diskutiert wird: Kann eine Volkswirtschaft überhaupt funktionieren, wenn es an Nachwuchs mangelt? Wird nicht zwangsläufig die Innovationskraft und damit die Wettbewerbsfähigkeit sinken? Und wie wird eine Gesellschaft aussehen, in der die Jungen zahlen und die Alten, qua Mehrheit, bestimmen?
Natürlich kann man das Problem auch ganz anders sehen: Die Weltbevölkerung wächst weiter rapide, schon heute leben sechs Milliarden Menschen auf der Erde, Tendenz stark steigend. Global betrachtet nämlich gilt Malthus' Befürchtung noch immer. Und auch seine Warnung vor wachsender Not ist so aktuell wie damals.
Was also soll so schlimm sein, wenn die Zahl der Europäer und Japaner schrumpft?
Im Prinzip nichts - wenn es gelänge, die finanziellen Probleme der sozialen Sicherungssysteme zu lösen und genügend junge, aber auch genügend qualifizierte Leute ins Land zu holen. Dafür aber müssten heute schon die politischen Voraussetzungen geschaffen werden. Doch davon ist bis jetzt nichts zu sehen.
Mag sein, dass auch deshalb das Problem ignoriert wird, weil die Lösung politisch riskant und zudem mit Tabus behaftet ist:
* Wer das Rentensystem radikal umbaut, muss fürchten, bei der nächsten Wahl unterzugehen. Wie groß der Widerstand ist gegen jede Änderung, die in vermeintliche Besitzstände eingreift, erlebt derzeit Bundesarbeitsminister Walter Riester mit seinem eher bescheidenen Versuch, die Rente an die demografische Entwicklung anzupassen.
* Wer eine verstärkte, aber gezielte Einwanderung propagiert, wird bei vielen dumpfe Ängste vor einer Überfremdung wecken. Er muss zudem fürchten, nationalistische Tendenzen zu verstärken und womöglich die Wahlchancen rechtsradikaler Parteien zu fördern.
* Und wer gar eine aktive Bevölkerungspolitik befürwortet, wird schnell an die unseligen Versuche der Nazis erinnert, die Geburtenrate der Deutschen zu heben. Ganz abgesehen davon, dass eine solche Politik zur Zeit kaum zu finanzieren ist.
Dennoch lässt sich die Lösung nicht länger verdrängen, das Problem rückt immer näher, schleichend, aber unaufhaltsam: Keine andere Gefahr, die im nächsten Jahrhundert Deutschland und die übrigen Industrienationen bedroht, lässt sich wissenschaftlich so exakt belegen und im Voraus sezieren.
Seit den siebziger Jahren werden in Deutschland im Durchschnitt nur noch 1,4 Kinder pro Frau geboren, jede vierte Frau bleibt kinderlos - schon jetzt müssen manche Schulen um Schüler werben. Den Arbeitsmarkt wird der Kinder-Crash in wenigen Jahren erreichen, qualifizierter Nachwuchs wird knapp werden.
Nur ein wahrer und dauerhafter Kindersegen könnte den Bevölkerungsstand stabilisieren. Doch woher soll der kommen?
Die Familie mit einem oder höchstens zwei Kindern ist längst zum Normalfall geworden. Mehr wollen oder können sich die meisten Deutschen auch überhaupt nicht leisten.
Birgit und Peter Kremer aus Wesseling bei Köln haben drei Töchter, und sie hätten auch noch gern einen Sohn. Doch schon der jüngste Spross ist für die Familienfinanzen eigentlich zu viel.
Peter Kremer, 36, verdient 3200 Mark netto, mit Kindergeld kommt er auf 4000 monatlich. Seiner Frau Birgit, 34, bleiben 1200 Mark für den Haushalt. "Ende des Monats ist der Kühlschrank leer, und wir Erwachsenen stecken zurück. Hauptsache, die Kinder werden satt", sagt sie. "Wir nagen nicht am Hungertuch", erzählt ihr Mann, "aber es ist verdammt knapp."
Ohne die Hilfe der Großeltern ginge es den Kremers noch mieser. Und "ohne Kinder ginge es uns besser", meint Kremer lapidar, auch wenn er auf seine Sprösslinge nie verzichten wollte. "Wir hätten einen dicken Bausparvertrag oder vielleicht schon was Eigenes." Er könnte mit seiner Frau in Urlaub fliegen, statt im Wohnwagen am Liblarer See, 20 Autominuten von ihrer Wohnung entfernt, campieren zu müssen. Sie bräuchten einfach "nicht jede Mark zweimal rumzudrehen".
"Kinder sind ein Luxus", sagt Tom Sommerlatte, Vizepräsident der Unternehmensberatung Arthur D. Little. Der elffache Vater kann sich den Kindersegen leisten, und doch kennt er die Kosten genau: "Wenn man sich dafür entschieden hat, stehen andere Dinge nicht mehr zur Wahl" (siehe Interview Seite 46).
Eltern müssen auf vieles verzichten: auf Reisen und Autos, auf viele Freizeitaktivitäten - und möglicherweise sogar auf den Job.
Die Sekretärin Christina, 35, wurde beim Bewerbungsgespräch allen Ernstes gefragt, ob sie sterilisiert sei. "Frau mit Kind hat kaum noch Chancen auf gute Jobs", sagt sie. Außerdem will sie mit ihrem Mann Christian, 30, ein Haus bauen. "Für den Kredit brauchen wir zwei volle Gehälter. Auch deshalb ist ein Kind nicht drin."
So denken viele, und solche Einstellungen ändern sich nicht von heute auf morgen. Ohne Zuwanderung aus dem Ausland wird die deutsche Bevölkerung deshalb von jetzt gut 82 Millionen schon in 30 Jahren auf 65 Millionen abnehmen. Am Ende des nächsten Jahrhunderts würden gerade mal noch 22 Millionen Einwohner die Bundesrepublik bevölkern.
Selbst wenn wieder mehr Kinder geboren werden und im Schnitt pro Jahr 225 000 Menschen zuwandern, sinkt die Bevölkerung deutlich, in den nächsten 50 Jahren um immerhin zehn Millionen.
"Auf Jahrzehnte hinaus ist die Bevölkerungsschrumpfung nicht mehr zu stoppen, geschweige denn umzukehren", sagt Bevölkerungsforscher Birg. Die Deutschen, so Birg, hätten nur die Wahl zwischen "dramatischer Bevölkerungsschrumpfung" und "dramatisch zunehmender Einwanderung". Das eine ist ökonomisch, das andere politisch schwer zu verkraften.
Bislang stolpern die Deutschen völlig unvorbereitet in ihr demografisches Desaster - für Birg "ein Politikversagen mit unabsehbaren Folgen". Doch die Entscheidungsträger sind ratloser als je zuvor - nicht nur, was eine gezielte Immigrationspolitik angeht.
Das war nicht immer so: Könige, Kaiser und Landesfürsten, Demokratien, Diktaturen wie Monarchien haben seit der Völkerwanderung Menschen eingeladen oder angeworben, wenn es ihnen nützlich erschien. Die Einwanderer sollten die Wirtschaft stärken, wüstes Land besiedeln oder als Soldaten kämpfen (siehe Grafik Seite 44).
Auch das Deutschland des nächsten Jahrtausends wird auf Zuwanderung angewiesen sein - um das stetige Schrumpfen seiner Bevölkerung abzubremsen und wenigstens ein abgespecktes Rentensystem finanzieren zu können.
Doch Masse allein genügt nicht: Wenn die deutsche Wirtschaft im internationalen Wettbewerb nicht zurückfallen will, braucht sie hochqualifizierten Nachwuchs. Aber noch immer ist es politisch verpönt, über die Auswahl von Zuzüglern nach ökonomischen Kriterien nachzudenken.
"Die Parole, kein Einwanderungsland zu sein, verstellte lange Zeit den Blick darauf, dass Einwanderung trotzdem stattfand", sagt Rainer Münz, Professor für Bevölkerungswissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Mal kamen die Fremden als geladene Arbeiter, mal wurden sie nur geduldet oder waren gar unerwünscht.
Die Zuzügler mehrten den Wohlstand der Deutschen. Von einem "erheblichen Gewinn für die deutsche Volkswirtschaft" spricht das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung. Nicht nur die Ökonomie profitiere seit Jahrzehnten ganz offenkundig von den Neubürgern, sondern auch soziale Netze wie Arbeitslosen- und Rentenversicherung, die ohne die Hilfe fremder Arbeitskräfte längst gerissen wären.
Schon der Wiederaufbau nach 1945 wäre nicht denkbar gewesen ohne die rund zwölf Millionen Flüchtlinge und Vertriebene, vor allem aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und dem Sudetenland. Später kamen weitere drei Millionen aus der damaligen DDR in den Westen. Dennoch hungerte die Industrie bald nach mehr Arbeitskräften. "Gastarbeiter" wurden ins Land gelockt.
Anfang der siebziger Jahre kippte die Stimmung. Die Arbeitslosigkeit wuchs, Bonn erließ einen Anwerbestopp. Doch die einst gewonnenen Helfer blieben. Nun wächst in Deutschland die dritte Generation der ehemaligen "Gastarbeiter" heran.
Vielen erscheinen diese "Ausländer" längst "deutscher" als jene Menschen aus Russland, Kasachstan oder der Ukraine, die qua Herkunft ihrer Eltern und Großeltern Anrecht auf einen deutschen Pass haben. Seit 1989 zog die Bundesrepublik über zwei Millionen Aussiedler an, schon bald schlug ihnen Neid und Missgunst wegen angeblicher Bevorzugung entgegen.
Eine dramatisch ansteigende Zahl von Asylbewerbern verschärfte die Situation. 1992 stellten 440 000 Bewerber einen Antrag auf Asyl. Die Gemeinden waren dem Ansturm kaum noch gewachsen, vielerorts entlud sich gewalttätiger Hass.
Heute leben 7,4 Millionen Ausländer und rund 4 Millionen Aussiedler in Deutschland. "Die Grenze der Belastbarkeit", sagt Bundesinnenminister Otto Schily, "ist überschritten." Der SPD-Mann will kein Einwanderungsgesetz mit klaren Quoten: "Die Quote müsste dann nämlich auf null gesetzt werden."
Schily möchte jedoch über eine bessere "Steuerung" reden. Nur, wer soll künftig die Willkommenen und Unwillkommenen sortieren, wie das die USA ebenso systematisch wie erfolgreich tun (siehe Seite 38)? Auch Länder wie Kanada und Australien locken Immigranten an, die ihrer Wirtschaft nützen. Zieht Deutschland nach?
"Wir werden nicht darum herumkommen, uns der doppelten Herausforderung zu stellen, dem Zuwanderungsdruck auf der einen und dem Zuwanderungsbedarf auf der anderen Seite", sagt die frühere Ausländerbeauftragte Cornelia Schmalz-Jacobsen (FDP).
Sicher ist: Schon heute ist Deutschland eine multi-kulturelle Gesellschaft. Es ist abzusehen, wann in den Ballungszentren Ausländer die Mehrheit haben.
Nach Berechnungen des Statistischen Landesamtes von Nordrhein-Westfalen wird sich ihre Zahl in der Altersgruppe zwischen 20 und 40 in den Großstädten in nur zehn Jahren auf bis zu 50 Prozent erhöhen, in Duisburg zum Beispiel von jetzt rund 18 auf 46 Prozent im Jahre 2010, in Köln von 20 auf 43 Prozent. Die Deutschen im Sinne der alten Definition der Staatsangehörigkeit verlieren, so der Wissenschaftler Birg, ihre Bevölkerungsmehrheit im nächsten Jahrhundert an die Zugewanderten und deren Nachkommen.
Den Nachteil ungelenkter Einwanderungspolitik meinen die Bevölkerungsexperten mit dem hohen Stand der derzeitigen Arbeitslosigkeit belegen zu können. Von 1988 bis 1996 erhöhten Zugewanderte die Zahl der Job-Suchenden um 2,8 Millionen. Sie verdrängten vornehmlich Un- und Angelernte in die Arbeitslosigkeit. "Die Zuwanderung ausschließlich unqualifizierter Ausländer kann für Deutschland", so das Papier aus dem Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) "eine risikoreiche Strategie darstellen."
Ohne kräftige Reanimation von außen aber, da sind sich alle einig, geht in Deutschland im kommenden Jahrhundert nicht mehr viel. Doch woher sollen die Menschen kommen, zumal dann, wenn Qualifikation eine Rolle spielen muss?
Ähnlich tabuisiert wie eine gezielte Einwanderung ist eine aktive Bevölkerungspolitik - sie weckt Assoziationen zu Versuchen der Faschisten: 1927 führte Mussolini in Italien eine Steuer für ledige Männer ein und zahlte Prämien für Heiraten und Geburten.
Der Staat, da herrscht heute weitgehend Konsens, hat sich aus dem Schlafzimmer herauszuhalten. Als die brandenburgische Sozialministerin Regine Hildebrandt eine Prämie von 1000 Mark für jedes Neugeborene auslobte, spottete der FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff 1994: "Das kommt mir vor wie ein Sprunggeld, so etwas gibt es in der Landwirtschaft."
Die Politik der rot-grünen Bundesregierung setzt, wie ihre konservative Vorgängerin, auf staatliche Hilfen, um die finanziellen Nachteile der Familien abzumildern. Einen durchschlagenden Einfluss auf die Geburtenrate hat das bislang allerdings nicht.
Anfang dieses Jahres erhöhte die Koalition zwar das Kindergeld für den ersten und zweiten Spross um 30 auf 250 Mark. Doch bei dem Verkäufer Volkmar P., der vier Kinder zu versorgen hat, hielt sich die Euphorie in Grenzen. Fast zeitgleich bekam der Familienvater ein Schreiben des Kindergartens in Ludwigshafen-Oggersheim. Die Beiträge müssten leider angehoben werden. Noch ehe das erhöhte Kindergeld zum ersten Mal auf dem Konto auftauchte, war es schon wieder eingezogen. Erst nach Protesten wurde die Erhöhung zurückgenommen. Dafür kosteten die Bücher fürs neue Schuljahr rund 500 Mark.
So geht es dem Angestellten, der mit Hilfe etlicher Überstunden im Monat rund 3300 Mark netto kassiert, nun schon seit Jahren. Insgesamt 1150 Mark Kindergeld überweist ihm der Staat für seine zwölf-, zehn-, sechs- und vierjährigen Kinder. Doch das Geld reicht hinten und vorne nicht.
Jürgen Borchert, Richter am Hessischen Landessozialgericht, fordert mindestens 500 Mark Kindergeld, um die ökonomischen Kosten eines Kindes halbwegs abzudecken. Schließlich müssten den Familien auch die indirekten Steuern, die sie nach seiner Meinung zu viel bezahlen, zurückgegeben werden.
Kinderreiche Familien verbrauchen deutlich mehr Strom und profitieren nur unterproportional von den geringeren Sozialabgaben, die die Regierungskoalition mit Hilfe der Ökosteuer gesenkt hat. "Das neue Finanzierungsinstrument der indirekten Steuern", mahnt Borchert, "erhöht den Einkommensabstand zwischen den Kinderlosen und den Familien weiter."
Dass ein weit höheres Kindergeld nicht finanzierbar sei, will Borchert nicht gelten lassen. Schon 1961, als die Republik noch keine Nachwuchssorgen hatte, habe der Staat einen durchschnittlichen Kinderfreibetrag von 14 000 Mark spendiert (so will Borchert auf heutige Werte hochgerechnet haben). Obendrauf gab es ein Kindergeld von umgerechnet 225 Mark ab dem zweiten Kind, von 450 ab dem dritten.
800 000 Mark müssen Eltern nach dem Familienbericht der Bundesregierung aufbringen, um zwei Kinder bis zum 18. Geburtstag großzuziehen. Selbst wenn man die staatlichen Hilfen (Kinder-, Erziehungsgeld und Steuerfreibeträge) von rund 200 000 Mark abzieht, ließe sich dafür ein schönes Einfamilienhaus am Stadtrand bauen - ohne Windelgenerve, Schulärger und Babysitter-Suche.
Kinder seien mittlerweile "das Armutsrisiko Nummer eins", urteilt das Heidelberger Büro für Familienfragen. In Berlin müssen knapp zwölf Prozent aller Familien mit einem Nettoeinkommen von weniger als 1800 Mark überleben, der vom Statistischen Landesamt gezogenen Armutsgrenze.
"Historisch hat sich die Familie von einer Zugewinngemeinschaft zu einem masochistischen Verlustunternehmen gewandelt", urteilt die "Berliner Zeitung". 3,5 Prozent der Bundesbürger lebten Anfang 1998 von Sozialhilfe, ein Drittel davon waren Kinder und Jugendliche.
Wenn der Postbote mal ohne zu klingeln an ihrem Haus in Waldbröl im Bergischen Land vorbeifährt, ist Annegret Latsch immer ein bisschen froh. "Denn der bringt ohnehin nur Rechnungen", sagt die 34jährige Mutter. Sie und ihre beiden Kinder Julia, 3, und Markus, 18 Monate, müssen mit 2400 Mark im Monat netto auskommen. So viel verdient ihr Mann Martin, 27, als gelernter Bauschlosser in einem Baumarkt.
Dazukommen 500 Mark Kindergeld und 600 Mark Erziehungsgeld. Würde die Familie von der Sozialhilfe leben, ginge es ihr kaum schlechter.
Rund 2370 Mark bekäme das Quartett dann, Beihilfen für Hausrat, Kleidung oder Familienfeste noch nicht eingerechnet. Doch Latsch ist keiner, der auf Kosten anderer leben möchte. Er hofft nach wie vor auf eine besser bezahlte Stelle. Und wenn die Kinder eingeschult werden, will auch seine Frau wieder Geld verdienen.
"Unser Staat geht ungerecht mit Familien um", sagt sie. "Ich kümmere mich um die Rentenzahler von morgen. Und dafür fällt meine eigene Rente später niedriger aus, weil ich einige Jahre nicht mitarbeiten kann." Aus Angst vor einer dritten Schwangerschaft hat sie sich sterilisieren lassen.
In den meisten Familien muss die Frau neben dem Großteil der Kindererziehung noch die ökonomischen Risiken schultern. Zwar werden in der Rentenversicherung pro Kind drei Jahre als Erziehungszeit angerechnet.
Doch die Karrierechancen sind oft dahin, wenn die Rückkehr in den Beruf nach mehreren Jahren Babypause überhaupt gelingt. Die Folge: kümmerliche Renten, die im westdeutschen Schnitt bei 800 Mark liegen.
Je höher die berufliche Qualifikation einer Frau, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie kinderlos bleibt. 40 Prozent der 35- bis 39-jährigen Akademikerinnen haben keinen Nachwuchs, fast doppelt so viele wie bei den gleichaltrigen Frauen mit Hauptschulabschluss.
Karriere-Männern schadet Familie nicht, im Gegenteil: Sie gelten als sozial gefestigt, verlässlich und verantwortungsbewusst. Führungsfrauen sind zumeist kinderlos, "weil es schlicht nicht anders geht", sagt Silvia, 39, gut bezahlte Angestellte eines Versicherungskonzerns in Bayern. "Wer als Frau Kinder zu Hause hat, kann einfach nicht richtig konkurrieren mit den Männern."
Alice Vollmari ist Fachanwältin für Familienrecht und hat es als gleichberechtigte Partnerin in einer renommierten Mainzer Anwaltskanzlei zu etwas gebracht. Dort müsse jeder mit vollem Einsatz kämpfen, "sonst gibt es böses Blut".
Ein Kind hätte in ihrem Leben "große wirtschaftliche Einschnitte" bedeutet. "Mit einem Kind würde ich mir die mühsam aufgebaute Existenz teilweise wieder nehmen", sagt die 42-Jährige. "Erfolg macht süchtig."
Die Mütter in ihrem Kollegenkreis, so Vollmari, plage ständig ein schlechtes Gewissen: dass die eigene Leistungsfähigkeit zwischen Job und Familie, zwischen großem Deal und kleinem Windelgeschäft eben doch nachlässt; dass sie es rechtzeitig von der Verhandlung zum Kindergarten schaffen, der um zwölf Uhr schließt; dass sie dann doch wieder zu wenig Zeit für den Nachwuchs haben, weil schon der nächste Termin wartet.
Wie viele Frauen schloss Vollmari Kinder für sich selbst nie ganz aus. Und als sie von der Tochter einer guten Freundin gefragt wurde: "Alice, warum hast du keine Kinder und arbeitest so viel?", ging sie mit sich selbst ins Gericht.
"Mein Mann eignet sich nicht zum Hausmann, und ich will keine Kinder, die nur von Tagesmüttern und Au-pair-Mädchen aufgezogen werden. Beruflich kürzer treten kann ich auch nicht. Kurz: Es wäre eine Qual für mich und das Kind."
"In Deutschland muss man sich entscheiden: Beruf oder Kinder", glaubt die Stuttgarter Bauingenieurin Silvia Weber, 38. "Und ich bin nicht bereit, den Beruf aufzugeben."
Kinder als Last, die das Vorankommen erschwert, oder als Luxus, den man sich nicht leisten kann oder will, Kinder als Kostenfaktor: Es klingt paradox - obwohl Deutschland eines der reichsten Länder der Welt ist, werden für die Baby-Lücke vornehmlich wirtschaftliche Gründe genannt.
Und doch folgt die Entwicklung, die in allen Industriestaaten identisch verläuft, einer ökonomischen Logik: Mit wachsendem Wohlstand sind auch die Kosten, die für das Aufziehen von Kindern entstehen, gestiegen - und desto größer ist der Verzicht, den Kinder erzwingen. Gleichzeitig verlor der Nachwuchs seinen wirtschaftlichen Nutzen, den er in der Agrargesellschaft - als billige Arbeitskraft und als Altersvorsorge - hatte.
Nun ist der Wohlstand gefährdet - gerade weil ihn so viele für sich - durch den Verzicht auf Kinder - sichern wollen: Wenn die Bevölkerung schrumpft, sinken auch die Bedürfnisse und damit die Investitionen. Einkommen und Beschäftigung nehmen ab oder wachsen langsamer. Das wiederum lässt die Investitionen weiter sinken - eine Spirale nach unten kommt in Gang.
Ein wahres Schreckensszenario kann die Folge sein. Immer weniger Erwerbstätige müssten immer mehr Rentner und Kranke unterhalten. Viele flöhen in die Schattenwirtschaft. Das soziale Netz würde endgültig zerreißen.
So schlimm muss es nicht kommen, zumindest Teile der demografischen Schrumpfung könnten durch eine höhere Produktivität ausgeglichen werden. Allerdings, so Bernd Hof vom Institut der Deutschen Wirtschaft: "Schrumpfender Arbeitskräftenachwuchs und alternde Belegschaften können die Geschwindigkeit innovativer Prozesse beeinträchtigen und somit den notwendigen Produktivitätsschub gefährden."
Könnte zum Beispiel die derzeitige Umstellung der Wirtschaft auf die so genannte E-conomy, die Internet-Ökonomie, gelingen, wenn es an jungen Arbeitskräften mangelte? Und müsste nicht eine Volkswirtschaft, die über weit weniger Nachwuchskräfte verfügt als etwa ihre Konkurrenten in den aufstrebenden - und weiterhin kinderreichen - Ländern Asiens, zwangsläufig zurückfallen?
Eine völlig neue Herausforderung kommt auch auf die Personalabteilungen der Unternehmen zu. Kurz nach der Jahrtausendwende erreichen die geburtenstarken Jahrgänge ein gesetztes Alter, die über 50-Jährigen stellen dann mehr Belegschaftsmitglieder als der zur Zeit favorisierte Arbeitskräftenachwuchs um die 30.
Schon in wenigen Jahren zwingt Arbeitskräftemangel zur Remobilisierung der über 50-Jährigen - mit umwälzenden Konsequenzen für das gesamte Bildungs- und Weiterbildungssystem der Republik.
Wenn die Belegschaften älter werden, nimmt die Zahl der jungen Neuzugänge kontinuierlich ab. Dann würde "neues Wissen in Zukunft seltener von unten über neu Ausgebildete in das Beschäftigungssystem gelangen", so die Enquete-Kommission der Bundesregierung in ihrem Bericht zum "Demografischen Wandel".
Die alternden Arbeitnehmer müssten dann während ihres gesamten Berufslebens weitergebildet werden, die Ausbildung müsste sich aus den Berufsschulen in die Wirtschaft, in die Unternehmen verlagern.
Das Gegenteil ist bisher der Fall: Aus- und Weiterbildung bleibe in den meisten Unternehmen weiterhin "jugendzentriert", so die Enquete-Experten. Für die Teilnahme an betrieblicher Weiterbildung gelte das 45. Lebensjahr immer noch als "Schallmauer". Eine Umfrage bei Produktions- und Personalleitern ergab: Die meisten hielten es für unrealistisch, "dass ihre Mitarbeiter in arbeitsteiligen Produktionssystemen bis zum gesetzlichen Rentenalter tätig sind" (Enquete-Bericht).
Die Experten empfehlen ein System, in dem älter werdende Arbeitnehmer automatisch in Qualifizierungsprogramme eingebunden werden - während ihres gesamten Erwerbsleben. Tatsächlich könne nur so die Lücke zwischen dem zwangsläufig steigenden Rentenalter und der sinnvollen und produktiven Beschäftigung älterer Arbeitnehmer in den Betrieben verkleinert werden. Die Aussichten auf so viel Einsicht sind in Deutschlands Wirtschaft düster.
Weniger Arbeitskräfte und die auch noch deutlich älter - die Ökonomen sehen kaum Möglichkeiten, damit das bisherige Wachstum und die Zunahme des Wohlstands durchzuhalten. Selbst wenn pro Jahr 200 000 Arbeitskräfte nach Deutschland einwandern, bricht, so eine IW-Analyse, der derzeitige Wachstumstrend von zwei Prozent des Bruttosozialprodukts in spätestens 20 Jahren ab.
IW-Mann Bernd Hof kommt zu dem Schluss, "dass die Produktionsbedingungen am Standort Deutschland künftig weniger durch einen Sachkapital-, sondern eher durch einen Humankapitalmangel gefährdet sind".
Hof deutlicher: "Wenn wir so weitermachen wie bisher, landen wir in einer Abwärtsspirale, und Deutschland zählt anschließend in Europa zu den verlassenen Regionen."
Die Warnungen der Köpfezähler in den Universitäten und Instituten - noch werden sie souverän ignoriert. Die Politiker denken in Vier-Jahres-Etappen. In den Personalabteilungen der Unternehmen werden unverdrossen immer neue Modelle erdacht, wie die Belegschaften weiter verjüngt werden könnten. In den Amtsstuben rechnen sich die 40-Jährigen aus, wann sie vorzeitig in Pension gehen können. Und was kümmert einen 30-Jährigen, was in zwei Jahrzehnten geschehen wird?
Schon fordern seriöse Forscher wie Bradley Belt vom "Center for Strategic and International Studies" in Washington eine Serie von Gipfeltreffen, auf der sich die Regierungschefs der führenden Industriestaaten mit der globalen Bedrohung durch die Vergreisung ihrer Länder auseinander setzen sollten. In Europa ticke eine "Pensions-Zeitbombe", so die Londoner "Times", nachdem sie die Alterssicherungssysteme der EU-Partner durchleuchtet hatte.
Die Schlussfolgerung der Briten: "Seit der Industriellen Revolution waren Europas Aussichten auf Wachstum und Wohlstand nicht mehr so schlecht wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts."

In Puncto "Justiz" und "Schleudersitz" - mal etwas fundamentaler betrachtet

Nick, Saturday, 10.01.2004, 18:53 (vor 8062 Tagen) @ Sam

Als Antwort auf: So sag ich Dir: ich kann mich nicht erinnern von Sam am 10. Januar 2004 15:01:05:

SPIEGEL - ebenfalls vor gut 3 Jahren

Wer Kinder kriegt, zahlt drauf. Das verstößt gegen die Verfassung. Das Karlsruher Urteil zur Pflegeversicherung verlangt einen grundlegenden Wandel in der Familienpolitik. Erziehungsarbeit muss belohnt werden - auch damit der Bevölkerungsschwund gebremst wird.

Der Kanzler hat es natürlich längst geahnt: "Die meisten Fragen, die es heute zu lösen gilt", verkündete freundlich Gerhard Schröder, "sind auf die eine oder andere Weise mit der Familie verknüpft."
Auf welche Weise genau, das hat er seit vergangener Woche amtlich. Unter dem Aktenzeichen 1 BvR 1629/94 entschied das Bundesverfassungsgericht den Fall des zehnfachen Familienvaters Alfred Wilhelm Müller aus Trier. Nun ist bei Schröder alles Müller.
Der Kanzler hat zwar Recht: Die Familie steht - wieder - im Mittelpunkt. Aber die Folgen werden den Regierenden nicht gefallen. Denn was die acht Karlsruher Richter auf 46 Blatt präziser Urteilsbegründung zu Müllers Beschwerden über seinen Versicherungsbeitrag ausführen, ist nicht nur geeignet, die in 20 Jahren Diskussion errungene Pflegeversicherung aus den Angeln zu heben. Die Karlsruher haben zudem den deutschen Generationenvertrag gekündigt.
Über den Familien liegt kein Segen mehr. Weil es nicht mehr genug Kinder gibt, so die Begründung des Verfassungsgerichts, funktioniert das Konzept der von Generation zu Generation weitergereichten Verantwortung für die Schwachen und Alten nicht. Das aber ist das Konzept, auf dem neben der Pflegeversicherung auch die Rentenversicherung und zum großen Teil die Krankenversicherung ruht.
Wenn ein Organist namens Müller aus Trier mit seiner Frau die Verantwortung für zehn kleine Versorger der nächsten Generation auf sich nimmt, dann ist es ungerecht, dem Mann auch noch 109,65 Mark für die Pflegeversicherung aus der Tasche zu ziehen. Ungerecht ist das vor allem, weil währenddessen die Doppelverdiener ohne Kinder ihre Einkommensüberhänge verprassen. So urteilen die Richter. Und der Streitwert der Sache erhöht sich von 109,65 Mark nun schnell auf zweistellige Milliardenbeträge.
Was für Müller gilt, muss nach einem Ultimatum des Gerichts bis 2004 auch für alle anderen Eltern gelten. Egal, ob sie Pflege-, Kranken- oder Rentenversicherung bezahlen: Wer mit der Aufzucht von Kindern zur nächsten Generation beiträgt, muss von Beiträgen für die Generationenkasse zumindest teilweise befreit sein.
Das System gerät ins Wanken - ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, da sich Regierung wie Opposition auf einen fetzigen Sozial-Wahlkampf einschießen wollten.
Familiengeld, Erziehungsgehalt, Grundsicherung für Kinder - schon jetzt übertrumpfen sich Politiker aller Parteien mit immer neuen, immer teureren Vorschlägen, wie der ausgebeuteten Familie endlich mehr Gerechtigkeit widerfahren soll.
Über die Wut vernachlässigter Familien, so erfuhr CDU-Chefin Angela Merkel, kann eine ganze Regierung stürzen. 1998 habe die Union die Bundestagswahl nicht zuletzt deshalb verloren, weil sie sich "immer mehr vom konkreten Leben der Menschen entfernt hatte". Besonders spürbar sei das in einem Bereich geworden, "von dem jeder Mensch in der einen oder anderen Weise betroffen ist - in der Familienpolitik".
Nun trifft es die rot-grüne Regierung. Noch beim Familienurteil des Bundesverfassungsgerichts von 1998, das den Steuergesetzgeber zu höheren Kinderfreibeträgen verdonnerte, hatte der damalige Finanzminister Oskar Lafontaine ausgerechnet, die Operation Karlsruhe koste "mindestens 22 Milliarden Mark". Ein paar Milliarden davon haben die Rot-Grünen mittlerweile tatsächlich aufgebracht.
Und während sie noch darüber rechten und rechnen, wie viel sie gemäß dem damaligen Ultimatum bis 2002 für den Familienlastenausgleich einplanen müssen, kommt nun der zweite, bislang schwerste Schlag aus der Zitadelle des Rechts. Was das kostet, mag niemand mehr ausrechnen.
Die Ahnung: Mit Zahlen allein ist es nicht mehr getan. Diesmal lässt sich der Familiensegen nicht mit Geld gerade hängen. Das Karlsruher Urteil ist das böse Schlusswort zu den seit Jahren immer wieder vom Verfassungsgericht erhobenen Mahnungen: Die Politik hat die Familie in verfassungswidriger Weise verkommen lassen.
Nach Artikel 6 des Grundgesetzes steht die private Keimzelle der Gesellschaft unter dem Schutz des Staats. Das gilt nicht zuletzt deshalb, weil die Familien in der einen oder anderen Weise die Verantwortung für die nächste Generation in Deutschland tragen. Dass der Staat sich darum seit Jahrzehnten einen Teufel schert, bezeichnete der Ex-Verfassungsrichter Paul Kirchhof als einen "Skandal des Rechtsstaats".
Die ernsten Neuigkeiten aus Karlsruhe beantwortete Berlin mit bewährter Is-was-Dreistigkeit: Ulla Schmidt, die neue Gesundheitsministerin der SPD, verkündete nach dem Urteilsspruch allen Ernstes: "Bundesverfassungsgericht bestätigt Pflegeversicherung."
Intern erregte sich die Singlefrau mächtig über das anscheinend praxisferne Urteil des Gerichts: Sie könne überhaupt nicht einsehen, warum es Familie Müller für benachteiligt halte, schließlich seien die zehn Kinder allesamt beitragsfrei mitversichert.
Der Sozialstaat - ein Schnäppchen für Kinderreiche?
Ulla Schmidt hat das Urteil ebenso wenig kapiert wie der um seine Rentenreform besorgte Arbeitsminister Walter Riester. Der fühlte sich von der Karlsruher Entscheidung nicht mal angesprochen.
In der Rentenversicherung sei bereits "exakt umgesetzt", was Karlsruhe in den vergangenen Jahren gefordert habe. Das jüngste Urteil beziehe sich "ausschließlich auf die Pflegeversicherung", mögliche Rückwirkungen für die Rente würden "mit Gemach geprüft". Im Übrigen habe die Regierung "die demografischen Probleme bei der Rentenversicherung jetzt sehr langfristig gelöst".
Is was? Die Richter lassen keinen Zweifel daran, dass das Verdikt sich nur deshalb auf die Pflegeversicherung bezieht, weil sie gerade keinen passenden anderen Fall zur Entscheidung hatten. Doch nahezu jeder Satz des Urteils richtet sich direkt an Walter Riester.
Das Verfassungsgericht konstatiert ein demografisches Desaster, an dem alle sozialen Sicherungssysteme, nicht nur die Pflege, zu zerbrechen drohen. Der "Bestand", so heißt es in dem Urteil, sei nicht mehr gesichert. So pathetisch das klingen mag: Es geht um den Bestand des deutschen Volks.
Wer da wie Riester weiter wursteln will, verschärft die Ungerechtigkeit, die dem Orgelspieler Müller widerfuhr, um das Millionenfache. Karlsruhe erklärte den Berlinern die familienpolitische Zwickmühle: Je weniger Kinder es gibt, desto ungerechter ist das Umlagesystem der Sozialversicherungen. Und je ungerechter die wenigen, die noch Kinder aufziehen, behandelt werden - desto weniger Kinder wird es geben.
Riesters Rente ist da das beste Beispiel. Kinder zu haben ist in der Rentenversicherung ein schlechtes Geschäft.
Während der Nachwuchs in späteren Jahren die Leistungen aller, auch der kinderlosen Senioren, sichern hilft, konzentrieren sich alle Nachteile bei den Eltern: Sie zahlen für Erziehung und Unterhalt der Kleinen, hören während der ersten Lebensjahre meist ganz oder teilweise auf zu arbeiten und büßen deshalb nicht nur Lohneinkünfte, sondern auch noch einen erheblichen Teil ihrer Rentenansprüche ein.
Wie das im Alter durchschlägt, zeigen die aktuellen Einkommensstatistiken der Rentenversicherung. Für Senioren-Ehepaare gilt: Wer keine Kinder zu versorgen hatte, kommt im Durchschnitt auf Rentenansprüche von knapp 3400 Mark. Paare mit mehr als fünf Kindern müssen sich mit einem Altersgeld von rund 2300 Mark zufrieden geben, fast ein Drittel weniger.
Als Geprellte des Systems müssen sich vor allem die Mütter fühlen. Eine Frau, die drei Kinder großzieht, verhilft der gesetzlichen Altersversicherung langfristig zu zusätzlichen Beitragseinnahmen von über zwei Millionen Mark. So viel nämlich werden ihre drei Zöglinge später einmal der Alterskasse einbringen, wenn sie 40 Jahre lang arbeiten, durchschnittlich verdienen und regelmäßig ihre Beiträge abführen.
Den Müttern entlohnt der Staat den Dienst an der Zukunft seines Sozialsystems jedoch nur mit dürftigsten Almosen. Drei Kinder sind der Alterskasse derzeit ganze neun so genannte Erziehungsjahre wert, die sich im Alter zu einem Rentenanspruch von derzeit 450 Mark summieren; vorausgesetzt die Rentenkasse ist in 30 Jahren überhaupt noch zahlungsfähig.
Obendrein kommen nur solche Frauen in den Genuss dieser Kinderprämie, deren Sprösslinge jünger als zehn Jahre sind. Wurden die Kinder früher geboren, schneiden die Mütter sogar noch schlechter ab.
Is was, Riester? Annette Erös, Lehrerin für Mathe und Geschichte aus dem bayerischen Mintraching, hat in den vergangenen 20 Jahren fünf Kinder erzogen, alle vor 1992 geboren. Ihre drei Söhne sind inzwischen volljährig, die Zwillingstöchter sind gerade zehn Jahre alt.
Der jahrelange Erziehungsjob (Erös: "14 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche") wird ihr nach der herrschenden Rechtslage im Alter einen Rentenanspruch von wenigen hundert Mark im Monat eintragen, einen Betrag weit unterhalb der Armutsschwelle.
Der massive Beitrag der Frau zur Erfüllung des Generationenvertrags, die Sorge um die künftigen Beitragszahler der Alters-, Kranken- und Pflegekasse, wird von der Politik schlechter behandelt als das steuerbegünstigte Hobby der Hundezucht.
Frau Erös muss dieselben Sozialabgaben zahlen wie alle Arbeitnehmer, seit sie an einer Sonderschule wieder für zehn Stunden die Woche unterrichtet. Von ihrem Bruttogehalt von rund 3000 Mark gehen fast 650 Mark Sozialabgaben ab, davon allein 300 Mark Rentenbeitrag. "Da vergleicht man schon", sagt sie, "wie es finanziell ohne Kinder ausgesehen hätte."
Kein Wunder, dass viele Frauen aus dem Vergleich andere Schlüsse ziehen als Annette Erös. Seit 25 Jahren sind die Deutschen nicht mehr so gebärfreudig wie früher. Derzeit bringen 100 Frauen im Durchschnitt 140 Kinder zur Welt, zu wenig, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten. Noch schlechter ist die Relation nur in Italien oder Spanien.
Die Babylücke wird schon in wenigen Jahrzehnten dramatische Konsequenzen haben. Denn es wachsen immer weniger Junge nach, die den staatlichen Transfertopf mit Beiträgen füllen könnten. Außerdem kommen gerade dann die geburtenstarken Jahrgänge der fünfziger und sechziger Jahre ins Seniorenalter, brauchen mehr Pflege und Betreuung, zusätzliche Altenheimplätze und Medikamente.
Die Soziallast der künftigen Generationen wird so immer größer. Heute müssen 100 Personen im Erwerbsalter rund 22 Alte ernähren. Im Jahr 2035 werden es mehr als doppelt so viele Alte sein.
Vor welchen Alternativen die Deutschen stehen, wollen sie ihre Sozialsysteme weiter betreiben wie bisher, hat den Karlsruher Richtern der Bielefelder Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg ausgemalt. Entweder, so rechnete der Professor vor, bringen alle Frauen im gebärfähigen Alter in den nächsten Jahrzehnten im Schnitt 3,8 Kinder zur Welt. Oder es müssten in den nächsten 50 Jahren rund 188 Millionen junge Ausländer einwandern - oder das Rentenalter stiege langfristig auf 73 Jahre.
Sonderlich realistisch ist wohl keine der Alternativen. Für die Richter war damit klar: Die umlagefinanzierten Sozialsysteme können unmöglich so bleiben, wie sie heute sind. Künftig, so urteilten sie, müssten Eltern zunächst beim Beitrag für die Pflegeversicherung entlastet werden. Zudem müsse der Gesetzgeber in den nächsten drei Jahren prüfen, ob das Prinzip auch in anderen Zweigen der Sozialversicherungen umgesetzt werden muss.
Welche Versicherung die Richter da im Blick haben, ist unter Experten völlig unstrittig: Die staatliche Rentenkasse leidet unter exakt denselben Problemen wie die Pflegeversicherung, dafür ist ihr finanzielles Gewicht viel größer. Der gesetzliche Alterstopf schüttet jedes Jahr rund 370 Milliarden Mark an Leistungen aus, mehr als zehnmal so viel wie die Pflegeversicherung. "Die Verfassungshüter", ist sich der Darmstädter Sozialrichter Jürgen Borchert sicher, "haben zwar über die Pflege geurteilt, aber sie haben die Rente gemeint." Auch für die staatlichen Alterskassen gilt: Kinder zu erziehen ist eine "eigene konstitutive Leistung" wie der gezahlte Beitrag.
Diese Feststellung im reinsten Verfassungsrichterdeutsch bezeichnet tatsächlich einen Wendepunkt in der deutschen Familienpolitik. Es ist die Abwendung von einem der beiden großen Missverständnisse aus der Gründerzeit der Bundesrepublik.
Das eine Missverständnis betraf die Ansicht, Gottes Natur, Flüsse und frische Luft stünden für den Wiederaufbau im Land unbegrenzt und gratis zur Verfügung. Mit der Erfindung des Umweltschutzes klärte sich das - in der einen oder anderen Weise - auf. Das andere Missverständnis betraf die sozialen Ressourcen und wurde, wie so vieles, trefflich zusammengefasst vom großen Schröder-Vorgänger Konrad Adenauer: "Kinder kriegen die Leute sowieso."
Auf diese scheinbar gesicherte Erkenntnis wurde 1957 die Rentenversicherung als Umlagemodell neu installiert. Vaters Altersversorgung, früher mal Sache der Kinder, war aus der Familie herausgelöst und der Rentenkasse übertragen.
So kam es nicht mehr darauf an, dass Vater Kinder zeugte. Wenn er nur seine Rentenbeiträge bezahlte, war seine Rente sicher. Da es ja Kinder sowieso gab, mussten dann halt künftig die Kinder der anderen Väter Rente zahlen. Und weil das so einleuchtend war, wurde auf diesem kollektiven Generationenvertrag das gesamte Sozialsystem der Bundesrepublik gegründet.
Die Konstruktionsfehler wurden erst später deutlich. Den einen geißelte wiederholt das Verfassungsgericht: Den Müttern, die Kinder gebären und erziehen und gerade deshalb keine Rentenbeiträge einzahlen können, ist zwar die Geschäftsgrundlage des Generationenvertrags anvertraut, dafür haben sie aber zum Schluss keinen Anspruch auf eine eigene Rente. Bis heute ist dieser Missstand nur mit geringfügigen Verbesserungen abgemildert.
Den zweiten Fehler macht nun abermals das Verfassungsgericht in seiner neuen spektakulären Entscheidung zum Thema: Durch das kollektive Rentensystem wird für den Einzelnen das Kinderkriegen überflüssig - der alte Adenauer-Satz stimmt nicht. Viel bequemer ist es, so zeigen es die Dinks (Double income no kids), das Kinderkriegen den Dummen zu überlassen.
Der fatale Funktionsverlust der Familie als Erwerbs- und Versorgungsgemeinschaft wurde durch die Errungenschaften des Sozialstaats noch beschleunigt. Je umfassender kollektive Sicherungssysteme die Risiken des Lebens abdeckten, umso einfacher fiel dem Einzelnen, aus der Familie auszubrechen, ohne unterzugehen. So leidet der Sozialstaat heute unter einer Entwicklung, die er selbst in Gang gesetzt hat.
Dann eroberten die Frauen die Hochschulen und die Welt der qualifizierten Berufe. Der Ehemann als Versorger verlor an Bedeutung. Eine Familie ohne Vater - das konnte man als Glück ansehen oder als Unglück. Manche SPD-Sozialpolitiker fanden es zeitgemäß, die Lebensform allein erziehender Mütter als Ausdruck von Befreiung und Zukunftsfähigkeit zu betrachten.
Ökonomisch betrachtet ist die Familie, aus der Sicht des Einzelnen, heute nicht mehr nötig. Die Familienbande bringen nicht mehr Absicherung, sondern nichts als Probleme.
Der fromme Satz von den Kindern, die es sowieso gibt, wie Luft und Sonne und blauen Himmel, entfaltete eine soziale Zerstörungskraft. "Die Nutzen der Kindererziehung werden sozialisiert", klagt der Augsburger Wirtschaftsprofessor Heinz Lampert, "ihre Kosten dagegen privatisiert."
Der emeritierte Ökonom ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesfamilienministeriums. Er und seine Kollegen haben ausgerechnet, wie viel Familie und Staat die Erziehung von Kindern innerhalb von 18 Jahren kostet. Das Ergebnis: Fast immer liegt der Anteil, den die Familien tragen, höher als der Anteil, den die öffentliche Hand übernimmt.
Bei einem Ehepaar mit einem Kind zum Beispiel summieren sich die gesamten Aufwendungen auf rund 716 000 Mark. Davon trägt der Staat ein Drittel: direkt in Form von Kindergeld oder Erziehungsgeld und indirekt als Steuerfreibetrag oder kostenlose Mitversicherung in der Krankenkasse.
Den größten Teil jedoch, rund 470 000 Mark, muss die Familie selbst aufbringen: 153 000 Mark kostet sie Kleidung oder Ernährung der Sprösslinge, mit 316 000 Mark haben die Wissenschaftler den Zeitaufwand bewertet, den die Eltern über die Jahre hinweg in die Betreuung der Kleinen investieren: fürs Windelnwechseln, Wäschewaschen oder Essenzubereiten.
Je nach Familientyp können diese privaten Kosten Summen bedeuten, mit denen leicht ein schickes Eigenheim zu finanzieren ist: Bis zu 894 000 Mark entspricht der Erziehungsaufwand für ein Ehepaar mit drei Kindern.
Diesen Aufwand können sich die meisten Familien nur erlauben, wenn sie auf jede Mark achten - und auf allerlei Annehmlichkeiten verzichten, die für viele Kinderlose selbstverständlich sind, wie den Sardinientrip. "Es ist nicht zu begründen", kritisiert die Sachverständigenkommission des Bundesfamilienministeriums im 10. Kinder- und Jugendbericht, "dass Eltern weniger Möglichkeiten haben sollen als Menschen aus der kinderlosen Vergleichsgruppe, erholsamen Urlaub zu machen, sich Bücher zu kaufen oder ins Theater zu gehen."
Die Ungerechtigkeit, die nun das Verfassungsgericht rügt, ist schon lange aktenkundig. Eine Studie des Statistischen Landesamts in Baden-Württemberg hat 1998 nachgewiesen, dass junge Ehepaare mit Kindern "deutliche Einkommensnachteile" in Kauf nehmen müssen. Sie verfügen mit im Schnitt 3865 Mark über gut 700 Mark weniger Nettoverdienst als kinderlose Ehepaare (4580 Mark). Zwar müssen die Kinderlosen höhere Steuern zahlen, doch der Verzicht eines Elternteils auf Erwerbstätigkeit wiegt unter dem Strich schwerer.
Noch krasser wird das Einkommensgefälle zwischen Eltern und Kinderlosen, vergleicht man die Beiträge, die jedem Familienmitglied zur Verfügung stehen. Kinderlose Paare in Baden-Württemberg kommen pro Kopf auf 2545 Mark netto. Familien mit einem Kind verfügen über 37 Prozent weniger (1594 Mark), mit zwei Kindern sind es 49 Prozent (1296 Mark), mit drei Kindern sogar 57 Prozent weniger (1087 Mark).
Am härtesten trifft es allein erziehende Mütter: Ihr Pro-Kopf-Einkommen fällt mit knapp 900 Mark 64 Prozent geringer aus als das der kinderlosen Paare.
Mütter ohne dazugehörige Väter sind die Verlierer der bisherigen Familienpolitik, mit Abstand weisen allein Erziehende die höchsten Sozialhilfequoten auf. Jede vierte, die ohne Partner zwei Kinder versorgt, bezieht Hilfe zum Lebensunterhalt. Von den drei Millionen Sozialhilfeempfängern ist inzwischen jeder dritte ein Kind.
So hat sich, entgegen allen Beteuerungen der Politik, die Situation der Familien nicht verbessert, im Gegenteil: "Nie ging es Familien so schlecht wie heute", resümiert der Familien-Jurist Borchert.
Genug gejammert. Die Laune am sozialpolitischen Abgrund ist verblüffend gut.
In Wahrheit, das ergaben Umfragen, wünschen sich viel mehr Menschen Kinder, als sich trauen. Und die Sehnsucht nach der heiligen Familie ist geradezu überwältigend. Die Zahl derer, die Familie für ihr eigenes Wohlbefinden "sehr wichtig" finden, so ermittelte die Gesellschaft sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen in regelmäßigen Erhebungen, stieg in Westdeutschland sogar von 68 Prozent im Jahr 1980 auf 80 Prozent im Jahr 1998.
"Wie kaum eine andere Institution scheint die Familie geschaffen, gleichzeitig unserem biologischen Erbe, gesellschaftlichen Anforderungen wie auch tiefen existenziellen Bedürfnissen gerecht zu werden", beschreibt der Heidelberger Familienforscher Helm Stierlin die Zählebigkeit der Sozialform Familie.
Die Liebe in den Zeiten der Rentenreform: Eine SPIEGEL-Umfrage (50/1998) unter jungen Leuten brachte erstaunlich viel Familiengefühl an den Tag: Nicht nur Sex erwartet der junge Mensch vom Leben - Seitensprünge sind regelrecht tabu -, sondern Geborgenheit. 70 Prozent aller Jugendlichen sind überzeugt, dass eine Liebe ein Leben lang halten kann.
Wenn nicht alle Anzeichen trügen, gab es lange nicht mehr so viel Bereitschaft in der jüngeren Generation, das Abenteuer des Zusammenlebens zu wagen. 90 Prozent der Jugendlichen träumen davon, später zu heiraten.
Trotz Scheidungsrate, trotz aller unvollendeten Projekte des Feminismus, trotz der Einschränkung sexueller Unabhängigkeit: Der Traum vom verlässlichen Zusammenleben - als Mann und Frau, als Frau und Frau, als Mann und Mann - ist in den Köpfen der Jungen nicht ausgeträumt.
Hupend fahren die Hochzeitskonvois zum Standesamt oder zur Kirche. Weiß und teuer kleidet sich die Braut. Und wenn es zur Traumhochzeit nicht reicht - es gibt Entsprechendes im Fernsehen.
Den fühllosen Frauenflachlegern und den herumvögelnden Schlampen begegnet man eher noch in Gestalt argumentativ abgeschlagener Pappkameraden in den Kabinetten der Talkshows. Sogar Superstar Madonna, einst die weibliche Verheißung für laszive Ausschweifung, arbeitet - zumindest verbal - heute brav auf der Baustelle familiärer Beziehung: "Meine größte Herausforderung ist es, meine Zeit auszubalancieren, einerseits genug Zeit mit meiner Tochter zu verbringen, andererseits mich selbst glücklich zu machen in meiner Karriere", gestand sie dem US-Fernsehmann Larry King, sie bekenne sich zur bürgerlichen Sehnsucht nach Ehe und Familie.
Nach der gescheiterten Ehe mit dem Schauspieler Sean Penn heiratete sie prompt den nächsten Mann. Die Ehe selbst bleibe für sie ein "heiliges Ritual".
Die Politiker, diese gefühllosen Kerle, sind wenig beeindruckt. Ob Frauen und Männer zusammenfinden und vor allem, was sie anschließend machen, meint der Kanzler, darüber könne man nicht regieren: "Wenn Frauen und Männer entscheiden, keine Kinder haben zu wollen", sagt Schröder, könne man nichts machen. "Wir machen in unserer offenen Gesellschaft keine Ein-, Zwei- oder Kein-Kind-Politik."
Gerade in Deutschland ist jeder staatliche Versuch, Einfluss auf das Familienleben zu nehmen, ohnehin eine Gratwanderung. Der Plan, das eigene Volk zu mehr Fortpflanzung zu bewegen oder gar zu zwingen, ist durch die Bevölkerungspolitik der Nationalsozialisten diskreditiert. Länder mit einschlägiger Vergangenheit - Deutschland, Japan, Italien, Österreich und Spanien -, die den Mutterkult auf die Spitze getrieben haben, weisen heute weltweit die niedrigsten Geburtenraten auf.
"Der Mutterkult des Nationalsozialismus hat die bundesdeutsche Politik in Sachen Kinder in eigenartiger Sprachlosigkeit zurückgelassen", urteilt Barbara Vinken, Autorin des Buchs "Die deutsche Mutter"**.
Auch in der DDR war Familienpolitik alles andere als ideologiefrei. Hinter dem Leitbild der berufstätigen Mutter steckte konkretes Staatsinteresse. Frauen wurden in der Produktion gebraucht; gleichzeitig konnte die DDR, wegen der steten Abwanderung gen Westen, auf stabile Geburtenraten nicht verzichten. Deshalb sei wichtig, so der VI. SED-Parteitag 1963, "dass die Frau den wachsenden Anforderungen beider Lebensbereiche gemäß ihr Leben gestalten kann, dass sie nicht in dem einen Bereich gravierende Zugeständnisse zu Gunsten des anderen Bereiches für notwendig erachtet".
Anders als die Bundesrepublik stellte die DDR-Führung tatsächlich die notwendige Infrastruktur bereit, um ein Nebeneinander von Beruf und Familie zu ermöglichen. Ein dichtes Netz von Kinderkrippen und Ganztagskindergärten gab es bereits Ende der siebziger Jahre - eine Errungenschaft, die sich im Osten bis heute gehalten hat. Auch finanziell wurden Eltern kräftig unterstützt: Familienforscher schätzen den vom Staat getragenen Anteil der Kinderkosten auf 85 Prozent.
Eine echte Wahl allerdings hatten die Frauen auch im Osten nicht: Galt im Westen die berufstätige Mutter, die ihr Kind schon nach wenigen Monaten in die Krippe gab, als suspekt, standen die ostdeutschen Frauen unter starkem öffentlichem Druck, sich nicht auf ein Hausfrauendasein zurückzuziehen.
Mit der Wiedervereinigung veränderte sich das Familienverhalten der Ostdeutschen dramatisch. Angst vor der Zukunft, ökonomische Unsicherheit und die weniger familienfreundlichen Rahmenbedingungen der Bundesrepublik senkten die Geburtenrate in nur drei Jahren um mehr als die Hälfte. Wurden 1989 in der DDR und Ost-Berlin noch 198 922 Kinder geboren, waren es 1992 nur 88 320.
Im heutigen Deutschland gebe es "keinen Konsens darüber, dass Kinder begehrenswert sind", schreibt Barbara Vinken. Über Kinder rede die Allgemeinheit nur, "wenn es um den berühmten Generationenvertrag und die Rentenzahlungen geht". Nicht anders machten es die Karlsruher Richter.
Bislang war das, was bundesdeutsche Familienpolitik unter dem Etikett "Familienförderung" anbot, so meist auch nur eine Prämie für den Berufsausstieg der Frau. Langer Erziehungsurlaub, Ehegattensplitting und kostenlose Mitversicherung in der Krankenkasse belohnen den Karriereverzicht eines Partners, meist der Frau.
Wie familienfeindlich das ist, geht aus Untersuchungen hervor, die der Münchner Sozialforscher Wassilios Fthenakis angestellt hat. Fthenakis hat bei 175 Paaren die Depressivitätsverläufe des Mannes und der Frau von der Schwangerschaft bis 4 beziehungsweise 18 Monate nach der Geburt des ersten Kindes in Abhängigkeit von der Berufstätigkeit der Frauen untersucht. Ergebnis: Wenn die Frau komplett aussteigt und sich auf das Dasein der Hausfrau und Mutter konzentriert, verfallen oft beide Partner in Depressionen. Weil ein Einkommen fehlt, muss der Mann mehr arbeiten und kann womöglich nicht der Vater sein, der er gern wäre. Sie dagegen vermisst ihre Arbeit und die gesellschaftliche Anerkennung.
Das Pfeifen aufs Familienleben ist das Begleitgeräusch neoliberaler Wirtschaftspolitik. Die Erfordernisse, die Globalisierung und Mobilisierung der Weltgesellschaft an deren Mitglieder stellen, lassen sich nicht mehr mit den traditionellen Gebräuchen der Familien-Rudel vereinen.
Züchtet der erbarmungslose Weltmarkt Einzelwesen, so fragt der amerikanische Soziologe Richard Sennet, die moralisch und sozial zu luxuriöser Obdachlosigkeit verdammt sind? Und der New Yorker Philosoph Michael Walzer sieht in der westlichen Welt "eine postmoderne Gesellschaft von Fremden" heranwachsen - woraus er indirekt schließt, dass er diesen Kindern der Globalisierung, Menschen "ohne fest umrissene, exklusive Identitäten", allenfalls sehr, sehr viel Verständnis füreinander empfehlen kann.
In der mobilen Gesellschaft wird es für die Einzelnen immer schwieriger, zusammenzubleiben. Was den Trennungsgebeutelten als persönliches Versagen erscheint, erweist sich als das Versagen eines Familienmodells, das eine männliche Arbeitsmarktbiografie mit einer lebenslangen Hausfrauenexistenz zu verzahnen wusste, nicht aber zwei Arbeitsmarktbiografien.
Das Dauerkunststück, so der Soziologe Ulrich Beck, zwei Karrieren zusammenzubinden, sei "so pauschal bislang keiner Generation zuvor" zugemutet worden.
Dass es überhaupt ein Kunststück ist und keine Selbstverständlichkeit - das ist aus der Sicht des Staatsrechtlers Kirchhof eine flagrante Verletzung der Verfassung. Kirchhof, beim Verfassungsgericht einst Wortführer für eine gerechtere Familienpolitik, entnimmt dem Grundgesetz den Auftrag an die Politik, Beruf und Familie miteinander vereinbar zu machen - und zwar für Mütter wie für Väter.
Nur die Familie, nicht der Staat, so Kirchhof, garantiere die gesellschaftlichen Grundlagen von Freiheit, Moral und Wohlstand, die das Grundgesetz voraussetze. Mütter, nicht Manager und nicht Minister, seien letztlich die Garanten einer humanen Gesellschaft.
Mit großem Aufwand verabschiedete das Bundesverfassungsgericht so - meist aus Kirchhofs Feder - Konzepte zur Beseitigung der Ungerechtigkeiten für Mütter mehr noch als für Väter im Familienrecht, Steuerrecht und Sozialrecht. Der wichtigste Punkt für Kirchhof aber ist "die Chancengleichheit für Mütter im Beruf".
Die Verantwortung, die da auf die Wirtschaftsliberalen um Tony Blair und Gerhard Schröder zukommt, formulierte der britische Soziologe Anthony Giddens: "Individualismus und Entscheidungsfreiheit sollen vor den Grenzen der Familie und der nationalen Identität abrupt Halt machen, weil hier die Tradition intakt bleiben muss." Gut gesagt, aber: "Durch nichts werden Traditionen so gründlich zersetzt wie durch die permanente Revolution der Marktkräfte."
Nun hat die Revolution bald keine Kinder mehr. Und gerade die großen, globalen Unternehmen - siehste, Riester - lassen sich eine Art privater Familienpolitik einfallen, um den drohenden Nachwuchsmangel von der eigenen Firma abzuwenden.
Um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erleichtern, haben immer mehr Unternehmen eigens dafür abgestellte "Diversity-Manager" oder "Projektleiter Chancengleichheit" ins Haus geholt. "Wer seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen motivieren, halten oder neue gewinnen will, kann das Thema Familie heute nicht mehr außen vor lassen", sagt Barbara David, Projektmanagerin für Chancengleichheit bei der Commerzbank in Frankfurt. Schon aus betriebswirtschaftlichen Gründen: Eine qualifizierte Frau, die sich entscheidet, zur Familiengründung aus dem Beruf auszusteigen, kostet ein Unternehmen viel Geld. Etwa anderthalb Jahresgehälter sind im Durchschnitt erforderlich, um eine neue Fachkraft zu finden und einzuarbeiten.
Der "war for talents", wie die verschärfte Konkurrenz um qualifizierten Nachwuchs in den USA heißt, macht es immer schwieriger, geeignete Mitarbeiter zu finden. Frauen außen vor zu lassen, kann sich niemand mehr leisten. "Um unseren Bedarf decken zu können, müssen wir für alle potenziellen Bewerber ein attraktiver Arbeitgeber sein", sagt Gerhard Weiß, Beauftragter für Chancengleichheit bei der Lufthansa.
Dabei spielen die Angebote auch für Väter eine wachsende Rolle. Längst nicht jeder berufstätige Mann hat heute noch eine Frau, die den Haushalt und die Kinder versorgt. Mit steigender Erwerbstätigkeit der Frauen tragen darum verstärkt auch Männer ihre Wünsche vor. Ein Trend, den Lufthansa unterstützt: "Wir ermuntern die Männer zu bekennender Vaterschaft", sagt Weiß. "Weil wir überzeugt sind, dass in der Familie soziale Kompetenzen erworben werden können, die auch dem Unternehmen nützen. Außerdem sind glückliche Mitarbeiter meist deutlich produktiver."
Das Unternehmen bietet vielfältige Arbeitszeitmodelle an: Teilzeit, Gleitzeit, Teilzeit kombiniert mit Telearbeit, Jahresarbeitszeitkonten, Sabbaticals. Alle Angebote richten sich stets ausdrücklich an Frauen und Männer. Für den Arbeitgeber sind solche Spezialarrangements selten ein Nachteil: "Wer sich so genau überlegt, wie er arbeiten will, ist meist hoch motiviert und will auch beweisen, dass es klappt."
Um die konkreten Bedürfnisse von Eltern im Betrieb genauer zu erfassen, hat Ford an seinen Standorten Köln-Niehl und Saarlouis eine Studie in Auftrag gegeben. Erstes Ergebnis: Seit Februar gibt es im Ford-Werk Köln-Niehl eine Notfall-Kinderbetreuung. Wenn die Tagesmutter krank wird oder Schulstunden ausfallen, können Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ihre Kinder im Alter von sechs Monaten bis zwölf Jahren im "Ford Pänz" abgeben, einem Hort direkt vor den Werktoren.
Ein ähnliches Modell praktiziert die Commerzbank in Frankfurt mit ihrer Einrichtung "Kids & Co". Für das Unternehmen habe die Notfall-Kinderbetreuung gleich zwei Vorteile, sagt Barbara David: "Wir vermeiden Ausfälle - der Vater oder die Mutter hätte ohne unseren Bedarfskindergarten vermutlich zu Hause bleiben müssen. Außerdem arbeiten Eltern spürbar konzentrierter, wenn sie ihre Kinder gut betreut wissen." Die einzelnen Bankfilialen haben zudem ein Budget, aus dem sie Zuschüsse zur regulären Kinderbetreuung zahlen können.
Umdenken bedeutet auch, sich von Irrtümern zu verabschieden. Früher bot die Commerzbank ihren Mitarbeiterinnen ein viertes Jahr Erziehungsurlaub an. "Das war das falsche Signal", sagt Barbara David heute. "Wer zu lange aussteigt, hat es schwer, zurückzukommen."
Inzwischen ist die Einsicht immerhin bis zum Bundeskanzler vorgedrungen, dass "Frauen sich nicht wegen 30 Mark mehr Kindergeld für Kinder entscheiden, sondern dann, wenn die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sichergestellt ist".
Dass dies wirklich etwas bringen könnte, zeigt der Blick ins Ausland. Die höchste Geburtenrate in Europa, 1,86 Kinder pro Frau, weist das Land auf, das mit 75,3 Prozent zugleich auch die höchste Frauenerwerbsquote hat: Norwegen. Das Schlusslicht in beiden Kategorien bildet Spanien, mit nur 48 Prozent erwerbstätigen Frauen und ebendrum durchschnittlich 1,14 Geburten pro Frau.
Es gibt, so folgert die stellvertretende SPD-Vorsitzende Renate Schmidt, Leiterin des SPD-Forums Familie, "einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Geburtenrate eines Landes und der Erwerbsbeteiligung der Frauen". Harmonisierung von Familie und Arbeitswelt, so ihre Forderung, "muss deshalb Hauptziel der Familienpolitik der SPD auf allen Ebenen sein".
Dass das alles nur über eine völlige Neukonstruktion der Familienpolitik geht, ist noch immer eine Art Staatsgeheimnis. Bislang unveröffentlicht ist das Dossier einer Expertenkommission im Haus der Berliner Familienministerin Christine Bergmann. Titel: "Gerechtigkeit für Familien".
Die Politiker, so schreiben die 19 Wissenschaftler des Wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen, unter ihnen Psychologen und Volkswirtschaftler, müssen alle Anstrengungen unternehmen, um Familie und Arbeit miteinander vereinbar zu machen, "ohne die Erwerbskarriere und die Rentenbiografie nachhaltig zu beeinträchtigen".
Das gehe nur über den massiven Ausbau der Kinderbetreuung. Tageseinrichtungen, so heißt es in dem Gutachten, sollten "für alle Kinder beitragsfrei zugänglich sein".
Die Wissenschaftler fordern nichts weniger als einen "Paradigmenwechsel" in der Familienpolitik. Das Verhältnis der Leistungen, die Familien für die Gesellschaft erbringen und von ihr beziehen, müsse völlig neu geregelt werden.
So müsse das tatsächliche Existenzminimum der Kinder, genau wie das der Erwachsenen, komplett von der Steuer befreit werden. Zu diesem Zweck schlagen die Wissenschaftler "einen einheitlichen Kinderfreibetrag" vor.
Als Ausgleich für die Leistungen, die sie für die Gesellschaft erbringen, sollen die Familien mit einem zusätzlichen einheitlichen Kindergeld entschädigt werden. Genaue Angaben zur Höhe dieser Maßnahmen macht der Beirat nicht, doch weist er ausdrücklich darauf hin, "dass die bisherigen familienpolitischen Leistungen nicht ausreichend sind".
Für Kinder aus einkommensschwachen Familien schlagen die Wissenschaftler zusätzlich ein neues "Kinderfördergeld" vor. Auch in der Rentenversicherung kommen Eltern nach Ansicht der Wissenschaftler bislang viel zu kurz: "Der Beirat empfiehlt daher, die Anrechnung von Kindererziehungszeiten über die bestehende Regelung von drei Jahren pro Kind hinaus auszudehnen, insbesondere wenn mehrere Kinder erzogen werden." Das erste Kind zählt einfach, das zweite doppelt, das dritte dreifach.
Familienrechtler Kirchhof hat einen weiter gehenden Vorschlag. Ein Erziehungsgehalt, mindestens 2000 Mark pro Kind, soll Mütter oder Väter in die Lage versetzen, frei zu entscheiden, entweder eine Kinderbetreuung anzustellen und weiter dem Beruf nachzugehen oder das Geld zu behalten, um es später als Startkapital für den Wiedereinstieg zu investieren.
Wo das Geld für solche Pläne herkommen soll, ist für manche Experten schon ausgemacht: Rund 40 Milliarden Mark im Jahr bekäme der Staat flüssig, schaffte er das Ehegattensplitting ab.
Die Prämie fürs Nichtstun eines Ehepartners ohne Kinder ist allerdings - nicht zuletzt nach Kirchhofs Ansicht - verfassungsrechtlich geschützt. Gleichwohl gilt sie als ungerecht.
Paare, die verheiratet sind, werden auch, wenn sie keine Kinder haben, so milde besteuert, als hätte jeder von ihnen die Hälfte des Einkommens erzielt. Besteht also zwischen den Eheleuten ein großes Einkommensgefälle, entrichten sie weit weniger Steuern als Paare ohne Trauschein.
Der Abbau solcher Privilegien für Kinderlose wäre zugleich ein Signal: Auch die nächste Generation der Deutschen wird nicht vom Storch gebracht.
Erst wenn die Familie der Gesellschaft wieder heilig ist, das ist die Drohung des Karlsruher Urteils, lässt sich der Generationenvertrag wieder in Kraft setzen. Allerdings zu geänderten Geschäftsbedingungen.
Der Kölner Wirtschaftswissenschaftler Johann Eekhoff, Autor eines neuen Buchs über "Verlässliche Alterssicherung", hat ausgerechnet, wie das Sozialsystem wieder auf einen tragfähigen Generationenausgleich zu gründen wäre: Wer mindestens zwei Kinder großzieht, hat danach Anspruch auf die vollen gesetzlichen Pflege- oder Rentenleistungen. Wer weniger Nachkommen zur Welt bringt, dem werden die Leistungen um 25 oder 50 Prozent gekürzt, und er muss zusätzlich privat vorsorgen.
Eekhoffs Modell setzt damit um, was die Karlsruher Richter fordern. Kinderlose müssen deutlich mehr Beiträge für ihre soziale Sicherung leisten als Eltern. Eekhoffs Ökonomen-Kollege Hans-Werner Sinn, der bereits vor Jahren ein ähnliches Modell entwickelt hat, hält das für "keinesfalls ungebührlich". Wer keine Nachkommen großzieht, müsse eben "die eingesparten Gelder am Kapitalmarkt anlegen, um seine Rente auf diese Weise zu sichern".
Für das staatliche Transfersystem hätte ein solcher Umbau noch einen weiteren Vorteil: Das System wäre immun gegen Veränderungen bei der Bevölkerungsentwicklung, die staatliche Alterskasse würde immer nur genau so viele Leistungen versprechen, wie Beitragszahler nachwachsen.
Unter den Berliner Sozialpolitikern aller Parteien wurden solche Vorschläge bis vor kurzem noch als skurrile Außenseiter-Meinungen verlacht. Als etwa Unionspolitiker wie der frühere Postminister Christian Schwarz-Schilling oder der Sozialexperte Andreas Storm ähnliche Vorschläge machten, verwarf sie Norbert Blüm, damals noch Arbeitsminister, sofort als "systemuntauglich". Solche Vorschläge seien bestenfalls "der neueste Hit auf dem Jahrmarkt des Interessanten", höhnte der Rentenmann. Den FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff erinnerte die Idee einer Kinderprämie bei der Rente gar an "eine Art Sprunggeld, so etwas gibt es in der Landwirtschaft".
Seit es den Fall Müller gibt, lacht niemand mehr.

Die "Ressource" Baby

Sven, Sunday, 11.01.2004, 12:59 (vor 8062 Tagen) @ Nick

Als Antwort auf: SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche von Nick am 10. Januar 2004 14:44:50:

"Wie sehr der Standort Deutschland auf die Ressource Baby angewiesen ist, zeigt eine Studie der Baseler Prognos AG. "Das Beschäftigtenpotenzial", heißt es da, "begrenzt die Wertschöpfung." Und: "Eine Politik, die die Rahmenbedingungen für eine höhere Geburtenrate schafft, trägt dazu bei, langfristig höhere Wachstumsraten zu generieren.""

Wenn Babys in diesem Artikel wie selbstverständlich, als "Ressource" zur Steigerung der Wertschöpfung gesehen werden, scheint Kinderlosigkeit in unserer Gesellschaft die humanere Handlungsalternative zu sein.

Und wenn die Entscheidung Kind/Kinderlosigkeit am Geld liegt, WARUM hat dann Afrika die höchsten Geburtenraten ?

Gruß,
Sven

Absolut richtig, Sven! (n/t)

Andreas, Sunday, 11.01.2004, 15:52 (vor 8061 Tagen) @ Sven

Als Antwort auf: Die "Ressource" Baby von Sven am 11. Januar 2004 10:59:38:

Re: Die "Ressource" Baby

Odin, Sunday, 11.01.2004, 17:22 (vor 8061 Tagen) @ Sven

Als Antwort auf: Die "Ressource" Baby von Sven am 11. Januar 2004 10:59:38:

Und wenn die Entscheidung Kind/Kinderlosigkeit am Geld liegt, WARUM hat dann Afrika die höchsten Geburtenraten ?

Da gab es doch diesen Unternehmer in Deutschland, der für seinen Ort eine Prämie von 1000 Euro für jedes dritte oder vierte usw. neugeborene Baby in der entsprechenden Familie bezahlt hat.
Bzw. bezahlt hätte. Das Versprechen hat der Unternehmer letzte Woche zurückgezogen, weil niemand die Prämie beansprucht hat und die Geburtenrate in diesem Ort unverändert war.

Jahrelang - jahrzehntelang hat man versucht, die Geburtenrate zu beeinflussen, indem man ausschließlich den Müttern alles mögliche vorne und hinten reinschob. Das bewundernswerte an dem hier geposteten Spiegelartikel ist, daß endlich mal erwähnt wird, daß auch Männer an der Babyproduktion beteiligt sind. Es war und ist ein Irrweg, die Geburtenrate dadurch zu beeinflussen, daß man möglichst geschickte Wege findet, die Mütter finanziell zu unterstützen indem man die Männer entsprechend schröpft. Das mag in einigen Fällen gut gelungen sein, nur sind die entsprechenden Kinder auch mit dem Wissen aufgewachsen, daß man möglichst ohne Arbeit sein Leben fristen sollte und nur irgendjemanden finden muß, der für die Versorgung verantwortlich gemacht werden kann.

Richtig bewußt wird es diesen Leuten aber erst werden, wenn auch die Pille für den Mann erfunden wird. Dann kommen nicht mal mehr diese Babys zur Welt, die für den Unterhalt der Mutter gedacht sind, sondern wirklich nur noch GEMEINSAME Wunschkinder.
Müttern, die dann noch Kinder haben wollen, muß man zwangsläufig die Möglichkeit geben, diese zu bekommen, OHNE den Mann zum Zahlvater zu machen - weil sich sonst kein Mann mehr dafür hergibt.
Umgekehrt muß man auch Männern die Möglichkeit geben, ohne Mutter Vater zu werden. Vielleicht durch rechtlich abgesicherte Leihmutterschaft (dh die Mutter muß wirklich auch gezwungen werden können das Kind rauszurücken) oder durch eine künstliche Gebährmutter. Männer sind durchaus bereit, Kinder zu haben. Nur möchten sie auch sicher sein, daß diese ihnen auch erhalten bleiben und nicht entzogen werden.

Re: Die "Ressource" Baby

gaehn, Monday, 12.01.2004, 12:05 (vor 8061 Tagen) @ Odin

Als Antwort auf: Re: Die "Ressource" Baby von Odin am 11. Januar 2004 15:22:02:

Und wenn die Entscheidung Kind/Kinderlosigkeit am Geld liegt, WARUM hat dann Afrika die höchsten Geburtenraten ?

Da gab es doch diesen Unternehmer in Deutschland, der für seinen Ort eine Prämie von 1000 Euro für jedes dritte oder vierte usw. neugeborene Baby in der entsprechenden Familie bezahlt hat.
Bzw. bezahlt hätte. Das Versprechen hat der Unternehmer letzte Woche zurückgezogen, weil niemand die Prämie beansprucht hat und die Geburtenrate in diesem Ort unverändert war.
Jahrelang - jahrzehntelang hat man versucht, die Geburtenrate zu beeinflussen, indem man ausschließlich den Müttern alles mögliche vorne und hinten reinschob. Das bewundernswerte an dem hier geposteten Spiegelartikel ist, daß endlich mal erwähnt wird, daß auch Männer an der Babyproduktion beteiligt sind. Es war und ist ein Irrweg, die Geburtenrate dadurch zu beeinflussen, daß man möglichst geschickte Wege findet, die Mütter finanziell zu unterstützen indem man die Männer entsprechend schröpft. Das mag in einigen Fällen gut gelungen sein, nur sind die entsprechenden Kinder auch mit dem Wissen aufgewachsen, daß man möglichst ohne Arbeit sein Leben fristen sollte und nur irgendjemanden finden muß, der für die Versorgung verantwortlich gemacht werden kann.
Richtig bewußt wird es diesen Leuten aber erst werden, wenn auch die Pille für den Mann erfunden wird. Dann kommen nicht mal mehr diese Babys zur Welt, die für den Unterhalt der Mutter gedacht sind, sondern wirklich nur noch GEMEINSAME Wunschkinder.
Müttern, die dann noch Kinder haben wollen, muß man zwangsläufig die Möglichkeit geben, diese zu bekommen, OHNE den Mann zum Zahlvater zu machen - weil sich sonst kein Mann mehr dafür hergibt.
Umgekehrt muß man auch Männern die Möglichkeit geben, ohne Mutter Vater zu werden. Vielleicht durch rechtlich abgesicherte Leihmutterschaft (dh die Mutter muß wirklich auch gezwungen werden können das Kind rauszurücken) oder durch eine künstliche Gebährmutter. Männer sind durchaus bereit, Kinder zu haben. Nur möchten sie auch sicher sein, daß diese ihnen auch erhalten bleiben und nicht entzogen werden.

hallo odin,

wie weit sind die eigentlich mit der künstlichen gebärmutter?
gibts da genauere informationen?

bye

Re: SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche

Garfield, Monday, 12.01.2004, 13:41 (vor 8060 Tagen) @ Nick

Als Antwort auf: SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche von Nick am 10. Januar 2004 14:44:50:

Hallo allerseits!

Diesen Spiegel-Artikel finde ich schwachsinnig, weil er wieder mal an den wirklichen Problemen vorbei polemisiert.

Was würde es uns denn jetzt wohl bringen, wenn wir plötzlich allesamt massenweise Kinder zeugen würden? Zunächst einmal wären die öffentlichen Kassen durch die dafür fälligen Kindergeldzahlungen, die Zuzahlungen für Kindertagesstätten, Mindereinnahmen an Steuern usw. hoffnungslos überlastet. Man würde also nach und nach das Kindergeld senken, Kosten für Kindertagesstätten noch stärker auf die Eltern abwälzen und auch Steuervorteile für Berufstätige mit Kindern reduzieren. Dann wäre es wirklich bald so, daß Kinder arm machen.

Wenn die Kinder dann aber ins erwerbsfähige Alter kommen, würden die Arbeitslosenzahlen schnell ansteigen. Zwar hat die Erhöhung der Bevölkerungszahl einen gewissen Anstieg des Konsums und damit eine Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt zur Folge, es ist jedoch sehr naiv, zu glauben, daß dieser Anstieg des Bedarfs an Arbeitskräften proportional zur Erhöhung der Bevölkerungszahl verläuft. Da die Produktion und auch die Erbringung von immer mehr Dienstleistungen in Deutschland bereits sehr stark automatisiert ist, hätte ein Anstieg der Bevölkerungszahl nur relativ geringe Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Und wenn beispielsweise auf 1000 neue Arbeitslose 1 neuer Erwerbstätiger kommen würde, dann bringt das den öffentlichen Kassen unter'm Strich weit mehr Schaden als Nutzen. Die Situation würde sich also durch Erhöhung der Bevölkerungszahl nicht verbessern, sondern sogar noch verschlimmern.

Wieso wird trotzdem so getan, als wäre eine Zunahme der Geburtenzahlen das Allheilmittel für sämtliche Probleme in Deutschland?

Das wird ganz einfach deshalb behauptet, weil sich die diversen Probleme in Deutschland dauerhaft nur durch einen radikalen Umbau des gesamten Systems lösen lassen, den aber zumindest in Politik und Wirtschaft niemand in Angriff nehmen will. Also wartet man eben weiter tatenlos auf irgendeinen imaginären Aufschwung, der so natürlich niemals kommen wird. Und mit Maßnahmen wie Rentenkürzungen für Kinderlose glaubt man den totalen Zusammenbruch des Systems immerhin noch etwas hinauszögern zu können.

Ich selbst habe auch keine Kinder. Die Gründe dafür kann ich hier auch schreiben:

Der Hauptgrund besteht einfach darin, daß meine Partnerin aus medizinischen Gründen momentan nicht schwanger werden darf. Ändern können wir das nicht - es ist eben so. Ich gehe jetzt nicht fremd, zeuge dabei Kinder und hänge mir immense Unterhaltszahlungen an, nur weil irgendwelche Wirrköpfe behaupten, daß Kinder irgendwelche nationalen Probleme lösen würden.

Aber auch wenn es dieses Hindernis nicht gäbe, würden wir momentan keine Kinder wollen. Und zwar aus mehreren Gründen:

Vor allem gehören wir zu der Generation, die aus dem sogenannten "Generationenvertrag" nur die A-Karte ziehen wird. Jetzt dürfen wir das deutsche Sozialsystem mit unseren Steuern und Beiträgen finanzieren, was uns viel Geld kostet und uns daran hindert, privat ausreichend fürs Alter vorzusorgen. Später, wenn wir dann alt sind, wird es dieses Sozialsystem in der heutigen Form nicht mehr geben. Das heißt, wir zahlen jetzt jeden Monat zusammen eine vierstellige Euro-Summe zur Finanzierung dieses Sozialsystems, kriegen aber später kaum noch etwas heraus. Da Miete einer der wesentlichsten Kostenfaktoren ist und da auch staatlicherseits nicht viel bis gar nichts dafür getan wird, diesen und andere Faktoren, die die Lebenshaltungskosten in Deutschland hoch treiben, abzumildern, ist ein eigenes Haus die beste Altersvorsorge. Einfach weil man sich so im Alter wenigstens die Miete spart. Da ein Haus in Deutschland aber nicht billig ist, sparen wir alles Geld, das wir übrig haben, dafür.

Der zweite Grund ist folgender: Wenn ich jetzt Vater wäre, und mein Kind würde mich fragen, was ich ihm bezüglich Berufswahl rate, dann wüßte ich wirklich nicht, was ich ihm sagen sollte. Schon jetzt finden viele Jugendliche noch nicht einmal eine Lehrstelle, von Erwerbsmöglichkeiten ganz zu schweigen. Das wird sich in Zukunft noch verschlimmern.

Es gibt zwar Berechnungen, die ergeben, daß wir in einigen Jahrzehnten in Deutschland Arbeitskräfte-Mangel haben werden. Die gehen aber allesamt von falschen Grundlagen aus, nämlich davon, daß nicht weiter rationalisiert wird. Vor 10 Jahren kündigte Helmut Kohl auch noch bei jeder Gelegenheit die vielen neuen Jobs im Dienstleistungssektor an, die es angeblich bald geben würde. Mittlerweile redet niemand mehr davon - weil längst offensichtlich ist, daß es diese neuen Jobs nicht in diesem Umfang gibt und auch niemals geben wird. In Kundendienst-Telefon-Zentralen beispielsweise werden zunehmend Maschinen zur Beantwortung der Anrufe eingesetzt. Auch im Transportwesen wird in Zukunft vieles automatisiert werden. Vollautomatische unterirdische Transportsysteme werden bereits getestet. Auch vollautomatische Supermarktkassen sind längst entwickelt und werden sich in Zukunft nach und nach auch hierzulande durchsetzen. Das wird weitere Millionen Menschen in die Erwerbslosigkeit treiben.

Wer glaubt, die jetzigen Arbeitslosenzahlen sind der Gipfelpunkt, der irrt sich gewaltig. Sie sind erst der Anfang.

Auch Lohnsenkungen werden daran nicht viel ändern. Teilweise werden sie dazu führen, daß auf Rationalisierung verzichtet wird. Der Konsum wird dann jedoch durch sinkende Einkommen weiter zurück gehen. Das wird die Preise runter drücken, und irgendwann ist dann doch unweigerlich der Punkt erreicht, an dem Maschinen doch wieder billiger sind.

Zumal die Lohnkosten ja auch bei weitem nicht der einzige Grund für Rationalisierungsmaßnahmen sind. Maschinen arbeiten häufig genauer als Menschen, und sie sind unermüdlich. Es ist häufig überhaupt kein Problem, eine Maschine 24 Stunden täglich und an 7 Tagen pro Woche durchlaufen zu lassen.

Alle Äußerungen, die Lohnkürzungen oder Erhöhung der Geburten- oder Zuwandersungszahlen als Lösung irgendwelcher Probleme hinstellen, sind nur dummes Geschwätz.

Tatsächlich lassen sich die jetzigen Problem nur lösen, indem man Wege findet, mit denen die zunehmende Rationalisierung nicht mehr nur wenigen nutzt und der Mehrheit der Bevölkerung schadet.

Außerdem kann man nicht erwarten, daß sich Menschen treu und brav abrackern, ihre Sozial- und Rentenbeiträge zahlen und als Dank dafür dann im Alter, obwohl sie die meisten Beiträge zur Rentenversicherung gezahlt haben, die niedrigsten Renten bekommen. Darauf werden sehr viele Menschen entweder mit Auswanderung oder mit Schwarzarbeit reagieren. Und das verschärft die bestehenden Probleme dann noch weiter.

Wer die Geburtenraten erhöhen will, ist gut damit beraten, den Menschen endlich wieder positive Perspektiven zu geben. Solange es so weiter geht wie bisher, darf man sich aber nicht wundern, wenn so viele Deutsche pessimistisch in die Zukunft sehen und dann eben konsequenterweise auch keine Kinder mehr in die Welt setzen möchten.

Helfen würde wohl auch, wenn Unterhaltszahlungen für Kinder gerecht nach tatsächlichem Bedarf des Kindes festgelegt werden würden. Und wenn Unterhaltsansprüche für Ex-Partner nach Scheidungen abgeschafft werden würden. Solange Männer befürchten müssen, als Zahlsklaven abgezockt zu werden, wird sich ihre Neigung dazu, eine feste Bindung mit einer Frau einzugehen und mit dieser Frau auch Kinder zu zeugen, wohl nicht gerade verstärken.

Freundliche Grüße
von Garfield


Re: SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche

Odin, Monday, 12.01.2004, 19:46 (vor 8060 Tagen) @ Garfield

Als Antwort auf: Re: SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche von Garfield am 12. Januar 2004 11:41:15:

Was würde es uns denn jetzt wohl bringen, wenn wir plötzlich allesamt massenweise Kinder zeugen würden? Zunächst einmal wären die öffentlichen Kassen durch die dafür fälligen Kindergeldzahlungen, die Zuzahlungen für Kindertagesstätten, Mindereinnahmen an Steuern usw. hoffnungslos überlastet. Man würde also nach und nach das Kindergeld senken, Kosten für Kindertagesstätten noch stärker auf die Eltern abwälzen und auch Steuervorteile für Berufstätige mit Kindern reduzieren. Dann wäre es wirklich bald so, daß Kinder arm machen.

Naja, was würde wohl passieren, wenn ganz München zur selben Zeit am Stachus aufs Klo geht? Eine Riesenkatastrophe, für die es wohl noch nicht mal Pläne bei der Polizei gibt, was da zu tun ist. Die Alternative? Das Klo schleunigst schließen? Nein, Du darfst Dich verlassen, daß das nicht passiert. Genauso wenig wird es morgen 100 000 Zeugungen und neun Monate später 100 000 Geburten auf einen Schlag geben.
Man kann also ruhig für etwas Werbung machen ohne gleich "befürchten" zu müssen, daß sich ALLE daran orientieren. Kleiner und mittlere Erhöhungen kann man gut verkraften, Babys "konsumieren" ja bereits im Bauch und kurbeln so die Konjunktur an. Alles, was für sie vom Staat Ausgegeben wird, wandert sofort in den Konsum. Das ist also nichts anderes als ein Konjunkturprogramm!

Wenn die Kinder dann aber ins erwerbsfähige Alter kommen, würden die Arbeitslosenzahlen schnell ansteigen. Zwar hat die Erhöhung der Bevölkerungszahl einen gewissen Anstieg des Konsums und damit eine Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt zur Folge, es ist jedoch sehr naiv, zu glauben, daß dieser Anstieg des Bedarfs an Arbeitskräften proportional zur Erhöhung der Bevölkerungszahl verläuft.

Das würde stimmen, wenn es nur eine bestimmte feste Menge von Arbeit in Deutschland gibt, die sich auch mit mehr Kinder nicht erhöhen würde. Dies ist aber absolut falsch. Zum zweiten hast Du im Schlimmsten Fall höchstens dieselbe PROZENTZAHL an Arbeitslosen, nicht die absolute Zahl. Dh. bei 10% Arbeitslosen werden im schlimmsten Fall auch die dann kommenden Babys nur zu 10% arbeitslos sein, der Rest findet Arbeit. Da aber mit viel mehr Menschen auch mehr Konsum nötig ist, würde die ARbeitslosenzahlen sicher schon durch die vermehrten Geburten sinken.
Im übrigen, wie Du weißt, bin ich ohnehin der Überzeugung, daß die jetzigen Arbeitslosenzahlen in 5 Jahren Geschichte sind und wir wieder zur Vollbeschäftigung zurückkehren. Schon weil viele aus dem Arbeitsprozeß ausscheiden und wenige nachrücken.

Helfen würde wohl auch, wenn Unterhaltszahlungen für Kinder gerecht nach tatsächlichem Bedarf des Kindes festgelegt werden würden. Und wenn Unterhaltsansprüche für Ex-Partner nach Scheidungen abgeschafft werden würden. Solange Männer befürchten müssen, als Zahlsklaven abgezockt zu werden, wird sich ihre Neigung dazu, eine feste Bindung mit einer Frau einzugehen und mit dieser Frau auch Kinder zu zeugen, wohl nicht gerade verstärken.

Langsfristig (leider) wird es auch in den Köpfen unserer Politiker eindringen, daß zum babymachen immer zwei gehören!

Re: SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche

Garfield, Tuesday, 13.01.2004, 15:42 (vor 8059 Tagen) @ Odin

Als Antwort auf: Re: SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche von Odin am 12. Januar 2004 17:46:53:

Hallo Odin!

"Man kann also ruhig für etwas Werbung machen ohne gleich "befürchten" zu müssen, daß sich ALLE daran orientieren."

Ich hab ja auch nichts dagegen, Werbung für mehr Kinder zu machen. Daß Deutschland in Europa das Land mit der niedrigstens Geburtenrate ist, finde ich auch beunruhigend.

Kinder lösen aber keines unserer Probleme. Kinder zahlen beispielsweise nicht in die Rentenkassen ein, und wenn sie mal erwachsen sind, können sie das auch nur tun, sofern sie legale Erwerbsmöglichkeiten finden. Davon wird es aber definitiv immer weniger geben. DAS ist das große Problem. Wenn man das Problem der Arbeitslosigkeit in den Griff bekommen hat, dann muß man unbedingt eine Erhöhung der Geburtenraten in Angriff nehmen, aber ich denke, das würde dann von ganz allein eintreten.

Aber solange die Arbeitslosenzahlen weiter steigen, bringt uns eine Erhöhung der Bevölkerungszahl mehr Schaden als Nutzen.

"...Babys "konsumieren" ja bereits im Bauch und kurbeln so die Konjunktur an. Alles, was für sie vom Staat Ausgegeben wird, wandert sofort in den Konsum. Das ist also nichts anderes als ein Konjunkturprogramm!"

Solche "Konjunkturprogramme" sind für den Arsch. Es ist ja beispielsweise auch keine wirkliche Lösung, die Konjunktur durch mehr staatliche Aufträge anzukurbeln. Sowas kann man mal kurzzeitig machen, um eine kleinere Krise zu überbrücken oder ein einzelnes Unternehmen vor dem Ruin zu bewahren. Aber langfristig schadet so etwas mehr als es nützt. Weil die öffentlichen Kassen dafür mehr Geld ausgeben als sie dadurch dann wieder über Steuern und Abgaben herein bekommen.

Für solche "Konjunkturprogramme" bräuchten wir auch keine Kinder. Man könnte z.B. jeden Deutschen gesetzlich dazu zwingen, täglich eine Mindestmenge an Geld auszugeben, und zwar natürlich mehr als jetzt. Was würde das bewirken? Die Wirtschaft würde einen fetten Reibach einfahren, und der Staat würde entsprechend mehr an Steuern einnehmen. Viele Menschen wären dann aber schon Mitte des Monats pleite und müßten sich dann zwangsläufig beim Sozialamt melden. Die höheren Steuer- und Abgabeneinnahmen würden also durch höhere Sozialausgaben wieder ausgeglichen werden.

Wenn man Menschen mit Androhung von Rentenkürzungen dazu zwingt, Kinder zu bekommen, ist das im Endeffekt genau dasselbe. Die für die Kinder nötigen Ausgaben werden durch Kindergeld, diverse Steuerfreibeträge usw. teilweise ausgeglichen, und die durch den für Kinder nötigen Konsum erzielten höheren Steuereinnahmen sind so gleich wieder weg.

Zwar gibt es bei einem Anstieg des Konsums natürlich auch einen Anstieg der Zahl der Erwerbstätigen. Aber dieser Anstieg fällt eben nicht proportional zum Konsum-Anstieg aus. Das läuft stufenweise ab. Zunächst einmal wird man die vorhandenen Mitarbeiter einfach Überstunden machen lassen. An der Maschinen-Ausrüstung ändert man zunächst auch nichts. Produktionsanlagen haben üblicherweise immer Überkapazitäten, die dann nach und nach ausgelastet werden.

So wirkt sich ein leichter Konsum-Anstieg auf den Arbeitsmarkt so gut wie gar nicht aus. Es ist also schon mal schwierig, solch einen Konsum-Zuwachs durch Zuzahlungen von außen anzukurbeln. Zwar verdienen manche Erwerbstätigen dann durch Überstundenzuschläge mehr, aber so groß ist der Unterschied wegen der höheren Steuerabzüge dann doch nicht. Und wer länger arbeiten muß, hat weniger Freizeit und konsumiert deshalb dann auch nicht unbedingt mehr. Außerdem sind in unsicheren Zeiten viele Menschen auch bemüht, finanzielle Reserven anzulegen, so daß der geringe Mehr-Verdienst dann häufig gespart wird. Die Banken legen dieses gesparte Geld wiederum aber nicht unbedingt in Produktionsanlagen an.

Erst wenn der erhöhte Konsum länger anhält, wird man neues Personal einstellen. Zunächst aber nur befristet, oder man holt sich Zeitarbeiter. Wenn letzteres der Fall ist, dauert es noch länger, bis sich der Konsum-Anstieg auf den Arbeitsmarkt auswirkt. Bei Zeitarbeitsfirmen läuft es nämlich teilweise so, daß sie, wenn sie Leute nicht vermittelt bekommen, denen einen gewissen Grundlohn zahlen, und daß die Leute dann einfach zu Hause bleiben. Kommen wieder Nachfragen rein, aktiviert man das vorhandene Personal einfach. Man stellt dann also auch erstmal niemanden neu ein.

Erst wenn die erhöhte Nachfrage wirklich über einen langen Zeitraum anhält, wird zusätzliches Personal fest eingestellt. Parallel wird man aber immer versuchen, Neueinstellungen durch Rationalisierungen zu vermeiden. Vor allem, wenn man durch eine langanhaltende Erhöhung der Nachfrage ohnehin neue Maschinen anschaffen muß.

Es gibt aber noch andere Möglichkeiten, um erhöhte Nachfrage zu befriedigen: Man kann die zusätzliche Produktion einfach im Ausland erledigen lassen. Dann wirkt sich erhöhte Nachfrage auf den hiesigen Arbeitsmarkt natürlich gar nicht aus.

"D.h. bei 10% Arbeitslosen werden im schlimmsten Fall auch die dann kommenden Babys nur zu 10% arbeitslos sein, der Rest findet Arbeit."

Aber eben nur, wenn die Arbeitslosenquote bei 10 % bleibt. Durch Rationalisierungsmaßnahmen steigt sie aber nun schon seit 30 Jahren. Ich sehe keinen Grund, wieso diese Tendenz sich nicht weiter fortsetzen sollte.

Außerdem ist es ja so, daß ein Baby bei der Geburt leider kein Geld mitbekommt. Zunächst wird es von den Eltern finanziert, was ihnen aber durch die stagnierenden oder sogar sinkenden Realeinkommen bei steigenden Lebenshaltungskosten immer schwerer fällt. So werden Kinder die öffentlichen Kassen in Zukunft stärker belasten. Wenn sie dann erwachsen sind, können sie nur dann viel konsumieren, wenn sie auch Erwerbsmöglichkeiten haben. Kein Unternehmen wird nur deshalb neues Personal einstellen, weil der Chef hofft, durch die so steigende Kaufkraft mehr Absatz zu erzielen. Also bleiben die Jugendlichen dann arbeitslos. Zwar könnten sie theoretisch wie die Wilden konsumieren - wenn sie denn Arbeit und Geld hätten. Da sie das aber nicht haben, ist eben nichts mit Konsum. Und obendrein fallen sie den öffentlichen Kassen weiterhin zur Last. Die werden darauf reagieren, indem sie das soziale Netz immer weiter ausdünnen, so daß immer mehr Menschen komplett hindurch fallen werden.

Dann kommt auch noch der Faktor Kriminalität dazu. Wenn man Menschen chancenlos im Regen stehen läßt, neigen sie dazu, sich dann eben mit Gewalt zu holen, was sie anders nicht bekommen. Die Kriminalitätsrate wird also weiter ansteigen, und das wird der Wirtschaft und auch privaten Haushalten enorme Schäden bringen.

"Im übrigen, wie Du weißt, bin ich ohnehin der Überzeugung, daß die jetzigen Arbeitslosenzahlen in 5 Jahren Geschichte sind und wir wieder zur Vollbeschäftigung zurückkehren. Schon weil viele aus dem Arbeitsprozeß ausscheiden und wenige nachrücken."

Du glaubst ernsthaft, daß wir schon in 5 Jahren keine Arbeitslosen mehr haben? Deinen Optimismus hätte ich auch gern... Ich vermute, daß wir in 5 Jahren schon mindestens 5-6 Millionen Arbeitslose haben werden. Natürlich offiziell - inoffiziell werden die Zahlen wie auch heute schon deutlich höher sein.

Dann mußt du noch bedenken, daß in Zukunft immer mehr Menschen über das Renteneintrittsalter hinaus arbeiten müssen. Weil sie sonst nämlich keine Renten mehr bekommen werden, von denen sie noch leben können. Noch bekommen Rentner, die ihr Leben lang gearbeitet haben, ausreichende Renten. Das wird sich aber schon bald ändern.

Im übrigen haben wir doch gerade in Deutschland schon gesehen, wie sich ein Zuwachs der Bevölkerungszahl auf den Arbeitsmarkt auswirkt. Als 1990 der ostdeutsche Markt geöffnet wurde, hat sich das vor allem auf die westliche Wirtschaft zunächst sehr positiv ausgewirkt. Die Menschen im Osten hatten einen enormen Nachhol-Bedarf an diversen Konsumgütern, und im Westen stellten viele Unternehmen neue Mitarbeiter ein. Nur stieg dafür die Arbeitslosenzahl im Osten umso schneller an. Unter'm Strich hat der Bevölkerungszuwachs keine Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt gehabt - die Arbeitslosenzahlen sind weiter gestiegen. Auch die immensen Fördermittel, die vom Staat an die Wirtschaft geflossen sind, haben die Situation offensichtlich nicht verbessert.

Freundliche Grüße
von Garfield

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