Erstes Männerhaus in England
Geschlagene Männer erhalten
Männerhaus
Jamie Doward, Redakteur für Soziales
Sonntag, der 21. Dezember 2003
Großbritanniens erstes Haus für geschlagene
Männer geht unter Geheimhaltung zum
Jahreswechsel in Betrieb. Die Einrichtung in
Südwest-England wird Männern und deren
Kinder schützen, die körperlich und seelisch
von ihren Partnerinnen misshandelt wurden.
Ein zweites Zentrum wird im nächsten Frühjahr
in Nordwest-England öffnen und die
Organisatoren planen eventuell ein landesweites
Netzwerk einzurichten. Die Schaffung
dieser Einrichtungen wird vermutlich die Debatte
über häusliche Gewalt neu beleben,
von der Männergruppen sagen, dass sie ein
weit komplexeres Problem ist, als es oft in
den Medien dargestellt wird.
Nach dem letzten britischen Kriminalitätsbericht
von 1996 geben 4,4 Prozent der Männer
und genauso viele Frauen an, von ihrer(
m) derzeitigen oder früheren Partner(in)
Tätlichkeiten zu erleiden. Bei den Fällen, bei
denen Verletzungen auftraten, waren knapp
50 Prozent der Frauen und 31 Prozent der
Männer davon betroffen. Der Bericht weist
aus, dass 23 Prozent der Frauen und 15
Prozent der Männer im Alter zwischen 16
und 59 Jahren bereits Opfer von tätlichen
Angriffen des Partners/der Partnerin waren.
Männergruppen wenden ein, dass die Zahl
der betroffenen Männer noch höher wäre,
wenn die Betroffenen sich nicht scheuen
würden, sich als Opfer zu bekennen. Sie
sagen, dass auch mindestens einer von
sechs Fällen besonders ernster häuslicher
Gewalt ca. 18 Prozent von Frauen an
Männern begangen wird.
Nach der letzten Erhebung gab es 426
Frauenhäuser in Großbritannien. Demnach
müssten mindestens 70 Männerhäuser eingerichtet
werden. Bisher gab es aber kein
einziges, sagt David Hughes, Herausgeber
des Male View Magazine, was die Sichtweise
dieser Männerinitiative zum Ausdruck
bringt.
Hughes hofft, dass die Männerhausidee sich
weiterentwickelt. Wenn erst das erste Zentrum
eröffnet ist und sich bewährt hat, wird es
weitere Einrichtungen nach sich ziehen. Wir
streben die Finanzierung von Männerhäusern
in allen Landesteilen an, sagt Hughes.
Ian Hancock, NHS-(National Health Service)-
Direktor der Psychologischen Ambulanz
in Dumfries und Galloway und Experte für
häusliche Gewalt, sagt: Es ist für jeden eine
schwierige Situation, geschlagen zu werden,
aber bei Männern kommt als besonderes
Problem hinzu, dass sie sich selbst verwehren,
als ein Opfer einer Frau zu gelten. Die
Befürchtung, dass die erlittene Gewalt sie
abwertet, verdoppelt die Problematik bei
Männern. Es beeinträchtigt ihr Selbstwertgefühl,
sagt Hancock.
Viele Mythen ranken sich um dieses Problem,
die es aufzuhellen gilt, sagt Hancock.
Die Leute haben das Bild von muskulösen
Frauen und schmächtigen Männern, aber
Körpergröße hat nichts damit zu tun. Ein
Mann kann die doppelte Körpermasse seiner
Partnerin haben und dennoch von ihr geschlagen
werden.
Der Kriminalitätsbericht weist aus, dass eine
beträchtliche Anzahl Männer glaubt, dass
die Regierung die Gewalt gegen sie nicht
ernst genug nimmt. Männliche Opfer häuslicher
Gewalt sind von der Unterstützung der
Behörden sehr enttäuscht und dies betrifft
besonders die Polizei, heißt es. Es liegt
vielleicht daran, dass die Hilfseinrichtungen
ein besonderes Problem haben zu erkennen,
dass männliche Opfer genauso der
Unterstützung bedürfen, wie weibliche Opfer.
Steve Fitzgerald, der die Schaffung des ersten
Männerhauses im Südwesten unterstützte,
sagt: Dies ist ein wesentlicher Durchbruch.
Frauen verursachen genauso oft
häusliche Gewalt, wie Männer. Zu lange gab
es diese Geschlechterapartheid, die das
Ignorieren dieses wichtigen Problems bewirkte.
Das neue Männerhaus, das bereits von zwei
geschlagenen Männern bewohnt wird, besitzt
ein Familienschlafzimmer, einen Wohnraum,
Koch- und Waschgelegenheiten und
wird durch freiwillige Helfer unterstützt.
Aufgenommen wurde David Smith, 46, der
drei kleine Kinder hat. Ich bin von meiner
Frau emotional misshandelt worden, seit wir
vor sechs Jahren heirateten. Die Leute sehen
sie in der Öffentlichkeit und denken, sie
sei wundervoll, aber sie sehen ihre private
Seite nicht, sagt er. Ich erkannte ihren aggressiven
Charakter nicht, bis wir verheiratet
waren. Es ist schrecklich. Sie verliert oft ihre
Selbstbeherrschung und benutzt in Anwesenheit
der Kinder vulgäre Ausdrücke. Ich
bat sie, sich beraten zu lassen, aber sie wollte
nicht. Ich musste das Haus verlassen und
die Kinder mit mir nehmen. Manchmal
schlägt sie auf mich ein, obwohl ich viel stärker
als sie bin. Ich bin Handwerker, so dass
ich kein körperliches Problem habe. Wir leben
zwar zusammen, aber ich habe die
Hoffnung verloren.
Obwohl die Männerhäuser dem Schutz von
Männern dienen, heben die die Gründer die
Hilfe hervor, die sie damit den durch häusliche
Gewalt betroffenen Kindern bieten. 64
Prozent der Fälle von Kindesmisshandlung
gehen von Müttern aus, sagt Hughes.
Nicola Harwin, Leiterin der öffentlichen
Frauenhilfe, hat Einwände gegen einige der
Darstellungen zur Misshandlung von Männern
und fordert mehr Untersuchungen zu
der Art und Weise, wie die Daten erhoben
werden. Ihre Gruppe entschuldigt keine
Gewalt gegen irgendjemanden. Aber die
Mehrzahl der Forschungsergebnisse besagt
ganz klar, dass der weitaus größte Teil der
Fälle häuslicher Gewalt von Männern ausgeht,
sagt Harwin.
Eine zunehmende Aufmerksamkeit gegenüber
der Gewalt gegen Männer sollte die
Leute nicht den Blick für Tatsache verlieren
lassen, dass Frauenhäuser unterfinanziert
sind. Das Land benötigt ein Haus pro 10.000
Bürger im UK aber zur Zeit haben wir nur
die Hälfte davon, sagt sie.
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