Rezension: Y. The last man
Wie ich gerade aus "Emmas Forum" erfahre (danke an BongoFury), ist Brian Vaughans grenzgeniale US-Comicserie "Y. The last man" gerade bei dem Verlag Speed in deutscher Übersetzung an den Start gegangen. Sie wurde in den USA bereits von den verschiedensten Kritikern innerhalb und außerhalb der Comic-Szene hoch gelobt und beispielsweise von dem Fanzine "Wizard" gerade zur besten Serie 2003 gekürt. Ich lese sie seit ihrem Erscheinen im amerikanischen Original und kann sie jedem nachdrücklich empfehlen, der mit Comics generell etwas anfangen kann, egal ob Feministin oder Maskulist. 
Ausgangsbasis der Geschichte ist, dass aufgrund einer noch ungeklärten Ursache weltweit alle Säugetiere mit einem Y-Chromosom sterben, also alle Männer, aber auch etwa alle männlichen Tiere. Einzige Ausnahmen sind aus ebenfalls noch zu klärenden Gründen der junge Entfesslungskünstler Yorick und sein Äffchen Ampersand. Als Nebenfiguren der Handlung werden im ersten Heft unter anderem Yoricks Mutter (eine US-Senatorin), eine Medizinerin und eine israelische Soldatin eingeführt. Die Zeichnungen stellen angenehm klaren Mainstream-Stil dar und unterstützen so die spannende Handlung, statt von ihr abzulenken.
Wie es im ersten Heft heißt, sterben infolge der völligen "Entmannung" der Erde 48 Prozent der Weltbevölkerung, darunter 495 der 500 mächtigsten Unternehmensbosse, 95 Prozent der Piloten, Truckfahrer und Kapitäne, 92 Prozent der in Haft befindlichen Gewalttäter, 99 Prozent der Mechaniker, Elektriker und Bauarbeiter, 85 Prozent aller Regierungsmitglieder sowie 100 Prozent aller katholischen Priester, muslimischen Imame, jüdischer Rabbis sowie der Rolling Stones.
*** SPOILER ALERT: Ab hier verrate ich einige weitere Punkte der Handlung, Weiterlesen für Comic-Fans also auf eigene Verantworung. ***
Während in der ersten Ausgabe das Massensterben an den unterschiedlichsten Schauplätzen in Szene gesetzt wird, beginnt aber der zweiten Folge Yorick seinen Weg durch die USA auf der Suche nach seiner Verlobten. Wie man sich vorstellen kann, reist er durch eine komplett veränderte Welt: Nicht nur weil die komplette Stromversorgung hinüber ist, etwa 5000 Flugzeuge abgestürzt sind und unzählige Leichen entsorgt werden müssen, sondern auch weil sich die gesellschaftlichen Strukturen komplett verändert haben. So begegnet er zu Beginn der zweiten Ausgabe einem ehemaligen Model, das jetzt den Job eines Müllkutschers ausführen muss. ("Das Schlimmste ist, dass ich drei Riesen für meine Brustvergrößerung ausgegeben habe, bevor das alles passiert ist. Unsere Titten bringen uns jetzt verdammt viel, was?") Ein besonderes Problem stellen für Yorick bald die sogenannten "Amazonen" dar, die das Massensterben der Männer als einen Akt Gottes interpretieren, um fortan seinen Willen fortzuführen, indem sie die "Symbole des Patriarchats" beschmutzen, sämtliche Samenbanken niederbrennen und im unpassendsten Moment männerfeindliche Statistiken zitieren. "Was ist los mit euch?" wird Yorick sie in Ausgabe Vier fragen. "Habt ihr nicht alle Väter, Brüder und Freunde verloren?" - "Nein, wir haben Vergewaltiger, Diktatoren und Serienkiller verloren. Das Y-Chromosom ist eine Verirrung. Du bist nicht mehr als eine deformierte Frau. Ein ... Monster, vergiftet durch deine eigenen Hormone. Mutter Erde hat euch aus gutem Grund von sich getilgt."
Andere Frauen fallen die Karriereleiter schneller nach oben als gedacht: So die ehemalige Landwirtschaftsministerin Valentine, die plötzlich Präsidentin der Vereinigten Staaten ist, weil alle, die in der politischen Rangordnung über ihr standen, männlich waren. Das führt zu politischen Unruhen: Drei Viertel der im US-Kongress vertretenen Frauen gehören den Demokraten an, was angesichts der neuen Situation zu einer faktischen Abschaffung des Zwei-Parteien-Systems führt. Dagegen setzen sich die Witwen der verstorbenen Republikaner vehement zur Wehr. ("Wer zur Hölle schießt da auf uns, Mutter? Terroristinnen?" - "Schlimmer ... Republikanerinnen.") Yorick ist entgeistert darüber, dass in der veränderten Welt Frauen dieselbe Aggressivität zeigen, die zuvor allein Männern vorbehalten schien: "Ich dachte, ihr würdet alle in den Vereinten Nationen Händchen halten. Wann bitte wurden Frauen so fies und ... und machthungrig?" "Hast du nicht auch für Hilary gestimmt?" entgegnet seine Mutter trocken.
Nachdem diese Serie ein Comic und kein Sozialkunde-Kurs ist, geht es darin allerdings auch zwischenmenschlich extrem zur Sache. Ebenso verblüffende wie glaubwürdige Entwicklungen führen zu immer neuen Spannungen im Beziehungsgeflecht der Hauptfiguren, und die Cliffhanger, mit denen jede Ausgabe endet, sind regelmäßig überaus wirkungsvoll.
Kurz: "Y. The last man" ist eine hübsche Destruktion der Geschlechterrollen und der vielleicht unterhaltsamste, spannendste, klügste und witzigste Beitrag zur Genderdebatte, den ich im letzten Jahr gelesen habe.