Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

67114 Postings in 8047 Threads

[Homepage] - [Archiv 1] - [Archiv 2] - [Forum]

Re: Wer's noch nicht wusste: Diese Frau hat ein Rad ab!

Maesi, Sunday, 14.12.2003, 12:47 (vor 8089 Tagen) @ Frank

Als Antwort auf: Wer's noch nicht wusste: Diese Frau hat ein Rad ab! von Frank am 04. Dezember 2003 19:54:42:

Hallo zusammen

Interview mit Alice Schwarzer in der Zürcher "Weltwoche":
«Ich bin es leid, eine Frau zu sein»
Roger Köppel und Thorsten Stecher
Frau Schwarzer, Sie sagen: Seit 5000 Jahren herrsche die Diktatur des Patriarchats...
Richtig. Aus Ihrem Mund höre ich das besonders gerne.
Sie übertreiben doch masslos. Hannah Arendt hat sinngemäss geschrieben: Jede Macht, die sich diktatorisch nur auf die Gewehrläufe stütze, werde zusammenbrechen. Wenn die angebliche Diktatur des Patriarchats, wie Sie behaupten, noch heute besteht, dann vielleicht deshalb, weil es gar keine Diktatur ist.
Lesen Sie doch mal eine andere Emigrantin: die Historikerin Gerda Lerner. Die beweist in ihrer Forschung über den «Beginn des Patriarchats» 5000 Jahre Entrechtung und Versklavung der Frauen. Das Patriarchat ist immer noch nicht zusammengebrochen, weil es sich nicht nur auf die Gewehrläufe stützt, sondern ebenso auf die Liebe.[snip]

[...]Ich mache mich seit dreissig Jahren damit unbeliebt, dass ich nicht nur das Modell Männlichkeit in Frage stelle, sondern auch das Modell Weiblichkeit. Frauen werden, wenn sie wirklich etwas ändern wollen, immer zuerst bei sich selbst anfangen müssen. Denn es hat weder den Frauen noch den Männern gut getan, über Jahrtausende so ungleich zu sein.

Die grosse Frage ist: Waren Mann und Frau jemals gleich? Wenn ja, wann? Offenbar doch vor 5000 Jahren vor dem Beginn der 'Diktatur des Patriarchats', wie Frau Schwarzer in der Eingangsfrage bestaetigt. Jaja, dieser ominoese Umbruch vor 5000 Jahren. Zufaelligerweise(!) faellt das ungefaehr mit der Erfindung der Schrift zusammen. Bis ca. 4500 Jahre zurueck erfahren wir, gewissermassen schriftlich konserviert, etwas (wenn auch sehr bruchstueckhaft und normalerweise nur auf die Oberschicht beschraenkt) ueber persoenliche Beziehungen zwischen Menschen, ueber formelle und informelle Machtstrukturen, ueber Glaubensinhalte und -vorstellungen usw. Aus der Zeit vorher fehlen direkte Quellen. Wie das einfache Volk (immerhin die ueberwaeltigende Mehrheit) empfand, wissen wir selbst in gut erforschten Kulturen mit reichen schriftlichen Quellen nur
wenig.

Der Trick besteht jetzt darin, ein Matriarchat zu konstruieren, welches angeblich in der vorgeschichtlichen Zeit existiert haben soll. Belegbar ist das nicht, da wir keinerlei niedergeschriebene Gedanken direkt aus jener Zeit haben. So bleiben nur die Archaeologie sowie spaeter niedergeschriebene, vage Mythen aus vorgeschichtlicher Zeit bzw. deren noch vagere Auslegung. Wo es um ideelle Konstrukte, wie Herrschaftsverhaeltnisse, Religion, zwischenmenschliche Beziehungen etc. geht, ist die Aussagekraft der Archaeologie naturgemaess aeusserst beschraenkt. Die Mythen wurden im Laufe der Zeit sehr verzerrt (nicht zuletzt auch aus ideologischen Gruenden); sie sind also sehr schwer zu deuten, und es ist noch schwerer, wenn nicht unmoeglich, einen historischen Kern aus ihnen herauszuschaelen. Auf diesem aeusserst wackeligen Grund bewegen sich feministische Wissenschaftlerinnen, wenn sie Matriarchate in der Praehistorie skizzieren. Das meiste davon kann normalerweise als Fantasy bezeichnet werden; mit serioeser Geschichtswissenschaft hat es jedenfalls wenig bis nichts zu tun.

[Rest gesnippt]

Fazit:

Frau Schwarzer bewegt sich im ganzen Interview innerhalb der Grenzen des orthodoxen Feminismus. Geschichtliche Inkompetenz (z.B. wenn sie die 5000jaehrige Rechtlosigkeit und Versklavung von Frauen in der Geschichte behauptet) mischt sich mit Vorurteilen ueber Maenner, Frauen, Backlash, Pornographie, Machtverteilungen, Top-Models usw. Unangenehmen Fragen mit gesellschaftlicher Tragweite (z.B. ueber die moegliche gesellschaftliche Relevanz von biologischen Unterschieden zwischen Mann und Frau, ueber Muttermacht oder ueber die Gruende, weshalb viele Frauen in ihrer traditionellen Mutterrolle bleiben wollen) weicht sie regelmaessig auf die gesellschaftlich unerhebliche persoenliche Ebene aus.

Das ganze wird noch mit massenhaft niederschwelliger psychischer Gewalt versehen: beispielsweise wenn sie den Interviewer, Herrn Koeppel, ohne jeden Grund massregelt, er sei als Journalist verpflichtet Fakten zu nennen anstatt nur Meinungen zu vertreten und damit implizit seine journalistische Kompetenz anzweifelt; oder wenn sie auf die Frage, ob Frauen nicht 'eigenverantwortlich und freiwillig in den bestehenden Verhaeltnissen gluecklich werden' koennten sofort auf der persoenlichen Ebene wiederum Herrn Koeppel attackiert und ihn mehr als nur rhetorisch fragt, ob er von einer 'weiblichen Sklavenseele manipuliert werden' wolle.

Besonders bezeichnend ist Schwarzers fiese Methode der verbalen Gewalt als der eine Interviewer den deutschen Soziologen Rainer Paris erwaehnt und dessen folgende These in den Raum stellt: 'die permanente Ideologisierung des Geschlechterverhältnisses, die Tatsache beispielsweise, dass jedes Kompliment als plumpe Anmache interpretiert wird, habe das Grundvertrauen zwischen Mann und Frau zerstört'. Frau Schwarzer kontert folgendermassen: 'Ach wissen Sie, so ein Wissenschaftler steht ja auch nicht ausserhalb seiner Haut. Dem ist vielleicht gerade die Frau weggelaufen, schon faengt er an, von einer «Eiszeit» zu reden'. Die Reputation eines Wissenschaftlers wird unterschwellig in Frage gestellt durch die wilde Spekulation, dass vielleicht seine Frau weggelaufen sei - Kommentar ueberfluessig.

Frau Schwarzers Ausspruch 'Ich halte die Frauen weder für die besseren Menschen, noch möchte ich, dass sie bevorzugt werden' klingt zwar schoen, angesichts ihrer Gehaessigkeiten und Pauschalanklagen gegen die Maenner als Kollektiv ist er aber nicht besonders glaubhaft.

Gruss

Maesi


gesamter Thread:

 

powered by my little forum