Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Zeitungsartikel

Odin, Sunday, 14.12.2003, 02:58 (vor 8090 Tagen)

Schweriner Kurier vom 10.12.2003

Väter kämpfen für die Gleichberechtigung

Sorgerecht ist primär ein Recht des Kindes, nicht der Eltern

Kürzlich zu Ende gegangen ist die Aktionswoche "Wider Gewalt gegen Frauen
und Kinder", welche das Thema häusliche Gewalt weiter in das öffentliche
Interesse rücken sollte (wir berichteten in der vorvergangenen Woche). Dies
ist allerdings nicht in seiner vollen Tragweite gelungen, finden zum
Beispiel Vertreter des Vereins "Väteraufbruch für Kinder" (VafK).
Entgegen allgemeiner Annahme seien zum Beispiel Männer annähernd gleich oft
von häuslicher Gewalt betroffen wie das vermeintlich schwache Geschlecht. Um
ein realistisches Bild zu bekommen, müssen gerade in diesem sensiblen
Bereich über die offiziellen Statistiken hinaus die so genannten
Dunkelfelder (nicht bekannt gewordene Fälle) untersucht werden.
Aus entsprechenden Befragungsergebnissen, die bereits vor über einem
Jahrzehnt vom Bundes-Familienministerium herausgegeben wurden, geht hervor,
dass etwa ein Prozent der deutschen Frauen und etwa 0,9 Prozent der
deutschen Männer bereits Opfer schwerer häuslicher Gewalt geworden sind.
Laut Polizeistatistiken sind aber etwa 80 bis 90 Prozent der Täter männlich.
Ein Widerspruch, der sich auflösen lässt: "Ein wesentlicher Grund für das
weit gehende Unsichtbarbleiben männlicher Opfer ist deren Scham. In unserer
Gesellschaft werden Männer zu Bürgern sozialisiert, die Stärke zeigen sollen
", schreibt der VafK auf seinen Internetseiten. Der "Begriff 'Häusliche
Gewalt' entstamme der Frauenpolitik und "wurde dort seit jeher als ein
Kernelement politischer Initiativen betrachtet." Es scheine so, als würde
die Frauenpolitik ein Besitzrecht und die Definitionshoheit für den Begriff
beanspruchen.
Am meisten betroffen von Gewalt in der Familie sind allerdings unsere
Jüngsten, diejenigen, die sich am wenigsten wehren können: Kinder. Nach
Schätzungen des Bundes-Familienministeriums sind es in Deutschland jährlich
etwa 1,4 Millionen Mädchen und Jungen unter 18 Jahren, die von ihren Eltern
misshandelt werden. Auch hier liegt die Dunkelziffer vermutlich wesentlich
höher.
Immer wieder werden von Frauenrechtlerinnen härtere Strafen gegen schlagende
Väter gefordert - zu Recht. Allerdings ist ausgerechnet bei
Kindesmisshandlungen das weibliche Geschlecht überproportional vertreten:
Während bei Körperverletzungen nur zu etwa 10 bis 15 Prozent der
Tatverdächtigen Frauen sind, beträgt ihr Anteil bei Kindesmisshandlung
ungefähr vierzig Prozent (Quelle: Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes
2002). Konsequenterweise müssen also bei Prävention, Aufklärung und
Strafmaßnahmen beide Geschlechter gleichermaßen in den Fokus gerückt werden,
nicht allein der klassische betrunkene "Prügel-Papa". Und Gleichberechtigung
ist ja schließlich das große Thema, um das es vielen Frauenorganisationen
geht.
Da mutet es auf den ersten Blick schon etwas kurios an, wenn sich nun
ausgerechnet Männer, wie die Mitglieder des "Väteraufbruchs", für eben diese
Gleichberechtigung einsetzen. Aber gerade im Familienrecht scheint dies
notwendig. Der VafK bringt ein Beispiel bei: "Das Sorgerecht ist eine
klassische Herausforderung für die Gleichstellungspolitik. In
internationalen Gesetzen wie der Europäischen Menschenrechtskonvention
längst verankert, verläuft die Umsetzung in Deutschland mehr als schleppend.
Mehrfach wurde die Bundesregierung daher auch schon vom Europäischen
Gerichtshof zur Umsetzung ermahnt."
Noch immer darf bei unverheirateten Paaren die Mutter allein entscheiden, ob
der Vater gleichermaßen das Sorgerecht erhält oder nicht. Oft werde laut
VafK dabei vergessen, dass es beim Sorgerecht nicht primär um ein Recht der
Eltern geht, sondern um ein Grundrecht des Kindes, das von der
UN-Kinderrechtskonvention verbrieft ist und damit den Rang eines
Menschenrechts hat. Und dies gilt nicht nur am heutigen 10. Dezember, dem
"Tag der Menschenrechte". Stefan Krieg

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