Zeitungsartikel zum Berliner Männerhaus
BerlinerZeitung Samstag, 22. November 2003
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/magazin/295100.html
"Sie hat mich fast zu Tode gebracht"
Von der eigenen Frau fertig gemacht? In Berlin gibt es ein Haus, das
misshandelten Männern Hilfe gewährt
Von Barbara Richter
Bei einer Dienstreise nach Bayern lernte er sie kennen. Robert, 30, war
angehender Physiker, Maria, gerade 18, hatte vor, ihr Abitur zu machen. Aus
Sympathie wuchs Freundschaft, für Liebe war die Zeit zu kurz. Zurück in
Berlin keimte bei dem feinsinnigen, weltoffenen, intelligenten Mann
Sehnsucht auf. Er lud Maria über die Sommerferien zu sich ein. Sie sollte
seine Stadt kennen lernen, vielleicht hier sogar einen Studienplatz finden.
Sie kam gern und blieb länger als geplant. Das Abitur laufe ihr nicht weg,
aber vielleicht seine Liebe, scherzte sie. Kurz bevor sie wieder fuhr,
flüsterte sie ihm zu, dass sie guter Hoffnung sei. Der stets überlegt
handelnde Robert aus gutem bürgerlichen Haus staunte zwar ein wenig, zögerte
jedoch nicht, ihr daraufhin die Heirat anzutragen. Maria nickte und fuhr in
ihr bayerisches Mindelheim zurück, um ihre Familie zu informieren und die
nötigen Papiere zu besorgen. Sie kündigte ihr bisheriges Leben auf und kam
nach wenigen Monaten ohne Abitur, aber hochschwanger wieder. Die beiden
heirateten in aller Stille, und kurz darauf kam David zur Welt. Robert, der
vermeintliche Vater, erlebte tief ergriffen die Geburt mit. Dass sie sich
viel zu schnell ereignete, fiel dem naiven, tief in seine elektronischen
Programme verstrickten Mann nicht weiter auf.
Aus dem erhofften Studium für Maria wurde nichts. Denn ein gutes Jahr nach
David wurde Roberta geboren. In der besinnlichen Zeit des Stillens begann
Marias Verwandlung, so als hätte sie mit dem zweiten Kind ihr moralisches
Bleiberecht in der wohlhabenden Familie ihres Mannes ausreichend
abgesichert. Von nun an ging sie nach dem Frühstück hinüber zur Nachbarin
und kam gegen Mittag beschwipst zurück. Sie muss sich mit dem zweiten Kind
erst eingewöhnen, dachte Robert, kümmerte sich um Kinder und Haushalt und
verlegte seine Arbeitszeit in den Abend. Roberta konnte noch nicht laufen,
als die Frau etwas trotzig meinte, sie wolle nun auch endlich arbeiten
gehen. Sie suchte nicht lange, sondern nahm kurz entschlossen eine
Putzstelle an. Nicht gerade das, was Robert und ihren Schwiegereltern
vorschwebte. "Wenn es ihr Spaß macht .", verteidigte sie ihr Mann.
Maria kam später von der Arbeit als vorgesehen, und oft kam sie angetrunken.
Sie verabredete sich hier und dort, Robert war abends oft allein mit den
Kindern und verlegte seine Arbeitszeit von nun an mehr in die Morgenstunden.
Wenn die beiden nicht gewesen wären, hätte er manches infrage gestellt. Was
ihm am meisten zu schaffen machte, war Marias weit hergeholte Eifersucht,
die sich zuerst nur latent, dann aber immer rabiater zeigte, so als hätte
sie Rechtfertigungen oder Gründe für ihre eigenen Abenteuer nötig.
Sie machte ihm Vorwürfe, wenn er länger in der Firma zu arbeiten hatte,
blätterte hinter seinem Rücken in seinem Terminplaner, suchte seine Taschen
durch. Sie wurde laut und ordinär - weit unter dem Level, auf dem Robert zu
diskutieren gewohnt und bereit war. Er wehrte sich nicht dagegen, verbat
sich ihre Unterstellungen nicht, sondern stand solchen Momenten hilflos und
irritiert gegenüber. Meist zog er sich wortlos an seinen Computer zurück.
Sobald sie getrunken hatte, suchte sie Streit. Sie wurde lauter und
ordinärer, und ihre weinerlichen Gelübde zur Besserung waren Schall und
Rauch. Als die Kinder etwas größer waren und zu begreifen begannen, verließ
er mit ihnen die Wohnung, sobald Maria nach Alkohol roch.
Es war an einem Herbsttag. Er hörte das Knallen der Korridortür und gleich
darauf viel zu heftige, unsichere Laute aus der Küche. Er nahm die Kinder,
zog sie an und sagte der Frau, die sich lauernd am Türpfosten hielt, er gehe
eine Kollegin besuchen. Maria, angefacht in ihrer vernebelten Wut, geriet
außer sich. "Diese Schlampe! Mit meinen Kindern zu der! Wer weiß, wie oft du
mit der schon im Bett warst, du Schwein!" Die Kinder duckten sich. Der Mann
nahm sie an die Hand und wandte sich zur Tür. Maria verschwand in der Küche
und kam mit einem Messer in der Hand zurückgestürzt. Als sich der Mann
umwandte, stieß sie es ihm ins Gesicht.
Die Nachbarn, vom Schreien der Kinder alarmiert, stürzten hinzu. Sie sahen
den vor Schmerz geduckten, blutenden Mann, versuchten, die geifernde Frau zu
bändigen, riefen in höchster Erregung die Polizei. Sechs Streifenwagen und
eine Ambulanz rückten an. Robert wurde notversorgt und anschließend in eine
Klinik gebracht. Ein Auge war schwer verletzt. Die Frau wurde von der
Polizei befragt. Familiäre Streitigkeiten? - So etwas passiert in den besten
Familien. Das war alles. Was hätten die Beamten auch glauben sollen beim
Anblick des einszweiundneunzig Meter großen Mannes und der zierlichen,
vierzig Zentimeter kleineren Frau.
Am nächsten Tag berichtete die Lokalpresse genüsslich in Wort und Bild über
die "blutige Messerstecherei" in der Wohnung des jungen, hoffnungsvollen
Wissenschaftlers.
Robert R., der über den außergewöhnlich hohen IQ von 153 verfügt und elf
Sprachen beherrscht, rutschte plötzlich und unaufhaltsam in eine Welt, die
er nicht kannte, die er verabscheute und die ihn mit dem Stempel des
Asozialen versah. Marias Attacken häuften sich. Sie zerschmetterte einen
Keramikteller auf seinem Kopf, ging mit einem Fleischerbeil auf ihn los. Die
Polizei war oft zu Gast im Hause R. In den Vernehmungen beschuldigte Maria
ihren Mann, sie angegriffen zu haben, behauptete, er wolle die Kinder
entführen. Gefundenes Fressen für die Journaille und tödlich für Roberts
verheißungsvolle Karriere.
Sich zu wehren, diese Idee erschien ihm absurd. Sollte er, der viel Größere,
Stärkere, die kleine Frau vielleicht schlagen? Und das vor den Augen der
Kinder? Abwegig, der Gedanke! "Ich verstand das alles nicht. Wir waren
gebildete, zivilisierte Menschen, wir liebten uns. Wir mussten uns doch
verständigen können." Aber es funktionierte nicht. Und es gab niemanden, mit
dem er über seine Probleme sprechen konnte, ohne als Waschlappen oder
psychiatrischer Fall abgestempelt zu werden. Er musste sich selber helfen,
musste der Frau Einhalt gebieten. Beim nächsten Mal zeigte er sie wegen
Körperverletzung an.
"Die Beamten sahen mich merkwürdig an, erstaunt und ein bisschen belustigt.
Sie nahmen ein Protokoll auf, erkundigten sich eher pflichtgemäß, reagierten
ironisch mit vielen Ahas und Sosos. Sie machten ihren Job, aber sie glaubten
mir nicht. Der Staatsanwalt teilte mir mit, dass das Verfahren wegen
nichtöffentlichem Interesse eingestellt wird. Das passierte dreimal."
Immer wieder versuchte er, mit seiner Frau zu reden. Seine Argumente nervten
sie. Sie nahm die beiden Kinder, die inzwischen eingeschult waren, verließ
die gemeinsame Wohnung und kam mit einer Freundin in einem Neubaublock
unter. Die Nachbarn berichteten von wilden Partys, betrunkenen Männern und
weinenden Kindern.
Robert fühlte sich verantwortlich, besuchte sie, brachte zu essen mit, holte
die Kinder ab. Die kleine Tochter flüsterte ihm schluchzend zu: "Papa, du
gibst mir niemals Sabberküsse, nein?" Die Vorstellung, die sich mit dieser
flehentlichen Bitte verband, machte ihn krank. Mit seiner Frau war darüber
nicht zu reden.
Die Schule beklagte Auffälligkeiten der Kinder: Roberta komme oft ungekämmt,
schmutzig und müde zum Unterricht. David bleibe der Schule häufig fern. Das
Jugendamt schaltete sich ein. Ohne den Vater zu konsultieren wurden beide
Kinder ins Heim gebracht.
Robert wandte sich an einen Anwalt, um das Sorgerecht zu erwirken. Das
Gutachten zum Sachverhalt war niederschmetternd. Er mache einen
unentschlossenen, willenlosen Eindruck, ungeeignet zur Erziehung der Kinder.
Am Ende empfahl man ihm eine Psychotherapie.
Zwei Jahre später wurde das Ehepaar geschieden. Bis zu diesem Zeitpunkt
verfügte Maria über das Konto ihres Mannes und hob große Summen ab. Wieder
allein, war er psychisch total erschöpft, finanziell ruiniert und in seiner
Firma gerade noch geduldet. Ein körperlich und seelisch abgewrackter Mann.
Über die Telefonseelsorge gelangte Robert R. an einen Mann in ähnlicher
Lage. Der empfahl ihm den Kontakt zum Männerhaus. Horst Schmeil, Leiter des
Hauses, bot sofort Unterkunft und Hilfe an. Zum ersten Mal erfuhr Robert in
seiner verzweifelten Situation verständnisvolle und sachkundige Beratung. Er
traf auf eine Solidargemeinschaft Betroffener und war mit seinen Problemen
nicht mehr hilflos öffentlicher Ignoranz, gesellschaftlicher Herabsetzung
und behördlicher Interessenlosigkeit ausgesetzt.
Das Berliner Männerhaus, bisher einzig in seiner Art und Ausrichtung in
Deutschland, existiert seit 1995 und hat bisher etwa tausend Männer
aufgenommen oder ambulant betreut. Das Reihenhaus liegt in einer grünen
Wohnsiedlung im Stadtteil Spandau. Kinder spielen auf dem
verkehrsbefriedeten breiten Mittelweg, kleine, naturbelassene Vorgärten
vermitteln den Eindruck von Wohlgefühl und familiärer Friedfertigkeit.
Innen wirkt das Haus wie ein freundlich bewohntes Refugium, in dem niemand
so recht Zeit oder Lust zum Putzen hat. Ein kleiner Korridor führt in einen
großen Wohnraum mit weiträumiger runder Sitzecke, einem Esstisch mit Stühlen
und mehreren Schränken und Vertikos, auf denen sich lose Blätter, Zeitungen
und Aktenordner häufen. An der einen Seite schließt sich eine Küche an, die
andere mündet in einen kleinen verwilderten Garten.
Vier schlicht eingerichtete Räume im ersten und zweiten Stock nebst einem
Gemeinschaftsbad bieten insgesamt acht Personen zeitweilige Wohnmöglichkeit.
Auch einige Kinderzimmer sind vorhanden. Horst Schmeil hat sich sein Büro
mit Bett ganz oben unter dem Dach eingerichtet. Gemeinsam mit dem
"Männerbüro Berlin", einer Hilfsorganisation für Männer in
Krisensituationen, fasste er den Entschluss, sein Privathaus als Unterkunft
und zur Betreuung und Beratung für Männer zur Verfügung zu stellen, die in
ihren Ehen und Partnerschaften von physischer und psychischer Gewalt bedroht
sind.
Ein solches Hilfsangebot fehlte bisher nicht nur in Berlin, sondern in ganz
Deutschland, weil nach offizieller Lesart die Zahl männlicher Opfer
häuslicher Gewalt so gering ist, dass sie statistisch nicht ins Gewicht
fällt. Auch eine wissenschaftlich begleitete Untersuchung innerhalb der
Polizeidirektion sieben in Berlin, wonach 28 Prozent aller Tatverdächtigen
bei häuslicher Gewalt Frauen sind, änderte nichts an dieser Sicht. Alle
Bemühungen zur finanziellen Unterstützung des Männerhauses verliefen bis
heute im Sande.
Genau zu diesem Zeitpunkt trat Horst Schmeil auf den Plan, der kurz zuvor
den inzwischen bundesweit agierenden Verein "Väteraufbruch für Kinder" in
Berlin gegründet hatte. Selbst Gewaltopfer, von seiner Frau mehrfach tätlich
angegriffen, von ihr des sexuellen Missbrauchs der Tochter bezichtigt, mit
Ermittlungsverfahren und Umgangsverboten traktiert, schließlich
freigesprochen, aber finanziell ruiniert und moralisch kompromittiert,
wollte der arbeitslose Sozialpädagoge mit seinem großzügigen Angebot ein
Zeichen setzen und denen helfen, die die gleiche vernichtende Erfahrung
gemacht hatten wie er. "Wenn eine Familie auseinander bricht und wenn die
Kinder verloren gehen, bricht dem Mann das Leben weg", sagt der 51-Jährige.
Das Haus mit seinen therapeutischen und juristischen Angeboten hat sich
bewährt. Die zeitweiligen Bewohner haben sich darauf verständigt, dass sie
ihre Miete und einen Teil der Unkosten selbst tragen, sofern sie dazu in der
Lage sind.
Mittwoch halb acht Uhr abends. Der große Wohnraum füllt sich langsam. Auf
dem runden Tisch stehen Kaffeetassen. Jemand bringt frischen Kuchen mit. Die
meisten Männer kennen sich schon. Ein paar neue stehen ein wenig unschlüssig
herum, werden jedoch sogleich ins Gespräch gezogen. Berührungsangst vergeht
hier schnell. Draußen im Garten stehen noch etliche Raucher herum. Horst
Schmeil klopft an die Kaffeetasse, die Gesprächsrunde ist eröffnet.
In gewisser Weise ähneln sich hier alle ein wenig. Nicht äußerlich, nein,
eher in der hilflosen, sensiblen, ausgelieferten Art, in der sie ihr
Schicksal schildern. Peter Thiel (41), Initiator des "Männerbüros Berlin"
und psychologischer Berater hier im Männerhaus, erklärt es so: "Diese Männer
sind an Frauen geraten, für die sie die geeigneten Opfer abgeben. Viele von
ihnen sind Akademiker, sie sind gebildet, gutmütig, friedfertig,
liebesbedürftig und leidensfähig. Und überaus kinderlieb. Ihre Frauen werden
um so angriffslustiger, je weniger Gegenwehr sie erfahren. Ihr letztes,
vernichtendes Mittel ist der oft mit Gefälligkeitsgutachten betriebene
Entzug des Kindes. Ihr Vorteil besteht darin, dass sie ihre Opferrolle in
einem jahrzehntelangen Kampf öffentlich festschreiben konnten. Und Zweifel
daran gelten inzwischen als sittenwidrig."
Mit gewissen Hoffnungen sehe er einer von der Bundesregierung veranlassten
Pilotstudie entgegen, deren Untersuchungsergebnisse über Gewalt gegen Männer
Ende nächsten Jahres vorliegen sollen, sagt Peter Thiel.
Es sind nicht nur Berliner, die sich zur Mittwochsrunde einfinden. Auch
Auswärtige kommen. In ihrer Not sind sie per Internet an Peter Thiel und von
dort zum Männerhaus gelangt. "Es ist das Gefühl, unter Schicksalsgenossen zu
sein, von denen jeder dem anderen hilft. Das bringt einem nach der
jahrelangen inneren Isolation das Gefühl zurück, Mensch zu sein. Was meinen
sie, wie oft wir hier lauthals lachen, auch über uns selbst", sagt der
55-jährige Gerd H. aus dem Emsland, der von seiner Frau aus der Ehe gemobbt
wurde. Jahrelang hatte sie ihn psychisch drangsaliert und finanziell
ausgeraubt, hatte seine Zwangseinweisung in die Psychiatrie betrieben und
ihm das Umgangsrecht mit der Tochter entzogen. Ohne Arbeit und mit einem
riesigen Schuldenberg fand er für ein Jahr Zuflucht im Berliner Männerhaus.
Inzwischen fühlt sich der Wirtschaftsdezernent wieder in der Lage zu leben.
Zurzeit kämpft er um das Umgangsrecht mit seiner Tochter.
Robert R. kommt nur noch selten ins Männerhaus. Er, der das Leben schon
aufgegeben hatte, ist aus dem sozialen Sumpf, seinem beruflichen Fiasko,
endlich wieder auf der glücklichen Seite des Lebens gelandet. Allein hätte
er es nicht geschafft, gibt er zu. Er hat eine neue Frau, sie wohnen in
einem schönen Haus mit großem Garten am Rande der Stadt. Mit ihrer Hilfe ist
es ihm gelungen, Roberta aus dem Heim zu holen. Maria, total dem Alkohol
verfallen, kümmerte sich kaum noch um sie. Auch seine aufgebürdete falsche
Vaterschaft für David konnte er mit einem Test korrigieren.
Roberta ist inzwischen vierzehn. Zu Hause bei ihrem Vater ist das in sich
gekehrte, kränkelnde Mädchen aufgeblüht. Sie hat sich zu einer musisch hoch
begabten Schülerin entwickelt, die mit Leidenschaft Saxofon spielt. Von
ihrer Mutter spricht sie nicht mehr. Vor kurzem hat sie die Familienfotos
gesichtet und alle Bilder von ihr aussortiert. Mit Ausnahme eines einzigen -
auf dem hält Maria das kleine Mädchen lachend in ihren Armen.
gesamter Thread:
- Zeitungsartikel zum Berliner Männerhaus -
Odin,
22.11.2003, 17:58
- Sehr einfühlsamer Artikel, danke! :-) (n/t) - Arne Hoffmann, 23.11.2003, 11:10