Re: Die Bruderhorde am elektronischen Lagerfeuer
Als Antwort auf: Die Bruderhorde am elektronischen Lagerfeuer von Odin am 08. November 2003 16:35:21:
Hallo zusammen
[...] Die These vom Jahrhundert der Frauen" erscheint zumindest fragwürdig. Das seien "Absichtserklärungen mit schlechter Prognose", befindet der Jugendpsychologe Wolfgang Bergmann, der die Gegenposition vertritt: "Unsere Gesellschaft und Kultur befindet sich auf dem Weg in eine männlich dominierte Zukunft." Er hält die Präsenz des Weiblichen lediglich für ein Medienphänomen, für einen Tribut an die Freizeit- und Werbekultur: "Was nicht attraktives Bild ist, wird nicht recht zur Kenntnis genommen". Männer seien zwar "medial kaum zu gebrauchen", aber weiterhin für das Funktionale und Abstrakte" zuständig.
Schoen, dass es noch Leute gibt (sogar Psychologen!), die das Maerchen vom 'Defizitwesen Mann' als Humbug erkennen. Oft genug wurde unsere Intelligenz maltraetiert mit der These, dass die Zukunft den Frauen gehoere, weil sie kommunikativer und einfuehlsamer seien, besser im Improvisieren und im Knuepfen von Kontakten, und was weiss ich noch alles. Leider konnte diese These nie in praktischen Tests belegt werden; es gibt IMHO keine Studie, die belegt, dass beispielsweise weibliche Fuehrungspersonen den maennlichen ueberlegen waeren.
Bergmann zeichnet eine nahezu ungetrübte männliche Erfolgsgeschichte. "Von Plato bis Hegel, von Pythagoras bis Konrad Zuse war dies Antrieb des männlichen Geistes und der männlichen Spiritualität: Männer wollten im Weltlauf sich selber erkennen und bespiegeln, sich und ihr Geschlecht in Macht verklären, immer unzufrieden mit dem Wirklichen und auf der Suche nach dem reinen Ideal." [...]
Man mag dieser Prognose ungläubig bis skeptisch gegenüberstehen, frappierend jedenfalls ist die Differenz zur einschlägigen Managementdebatte, die Einfühlungsvermögen, Kontaktfreude und Teamfähigkeit als zentrale Elemente des gefragten Qualifikationsprofils benennt. Dass Frauen in allen diesen Punkten kompetenter sind als Männer, gehört im Zeitalter des Postfeminismus fast schon zum Allgemeingut.
Es gehoert, genau genommen, zum propagandistischen Allgemeingut. Nur weil alle dasselbe behaupten, braucht das aber noch laengst nicht zu stimmen. Es soll ja eine Zeit gegeben haben, da war es hierzulande Allgemeingut, dass die Erde flach sei; war die Erde damals tatsaechlich flach, bloss weil alle daran glaubten?
Der Erwerb solcher Tugenden ist Thema von betrieblichen Trainings und Weiterbildungsveranstaltungen. In "lntegrations-Workshops" oder "Change Management" - Seminaren werden Männer weiblich nachsozialisiert. "Die virtuelle Welt lebt von gemischter Energie", behauptet die Unternehmensberaterin Gertrud Höhler: Der verengte männliche "Tunnelblick" benötige die Ergänzung und Bereicherung um den weiten, angeblich für Frauen typischen "Panoramablick".
Jaja, die Managementseminare, Trainings und Weiterbildungsveranstaltungen. Seit diese bestehen, haben wir zweifellos einen Quantensprung in der Personalfuehrung von Managern zu verzeichnen. Bloss hat niemand etwas davon gemerkt...
Schon der Begriff 'Tunnelblick' ist verfehlt. Viel eher handelt es sich um einen 'Mikroskopblick': es wird ein thematisch kleines Gebiet betrachtet, das dafuer sehr genau; waehrend der 'Panoramablick' zwar einen Ueberblick verschafft, der aber nicht besonders detailreich ist. Durch den Begriff 'maennlicher Tunnelblick' wird suggeriert, Maenner haetten einfach einen eingeschraenkten Panoramablick; das ist jedoch grundfalcsh.
Desweiteren ist auch die simple Zuordnung 'Tunnelblick = maennlich' und 'Panoramablick = weiblich' fragwuerdig. Wenn eine Frau beispielsweise Mutter ist, dann entwickelt sie gewissermassen einen 'muetterlichen Tunnelblick', wenn sie Sozialarbeiterin ist, entwickelt sie einen 'sozialen Tunnelblick', wenn sie Feministin ist, entwickelt sie einen 'feministischen Tunnelblick' usw.; egal, wie man sich spezialisiert, einer gewissen Fachblindheit wird man nahezu immer 'zum Opfer fallen'. Dass man dann aber keinerlei Sensibilitaet gegenueber anderen Perspektiven mehr aufweist, ist eine boeswillige Unterstellung (ausser vielleicht bei den Feministinnen *fg*).
Die narzisstischen Seiten des Computerspezialisten erscheinen nach dieser Lesart defizitär. Dem Klischee zufolge ist er eben kein "Kümmerer", sondern hat sich zurückgezogen, bleibt distanziert und unverbindlich. Er folgt der schematischen Logik einer Symbolwelt, ihm fehlt die Sensibilität für Zwischentöne. Für Jobs in Vertrieb und Beratung mag dies völlig ungeeignet sein. Auf dem Kerngebiet der Technik aber, bei der Programmierung, feiert trotz aller düsteren Beschreibungen der "universale" Mann seit Jahrzehnten erstaunliche Triumphe. Seine nach vorherrschender Meinung negativen Eigenschaften bringen, neben vielen sinnlosen Dingen und selbstverliebten Spielereien, immer wieder auch Produktives, ja Umwälzendes hervor. Für manche Erfindungen ist es offenbar besser, sich auf Details zu konzentrieren und gar nicht alles zu überblicken. Statt des Panoramas genügt ein schmaler Lichtschein am Ende der Tunnelröhre.
Ein wesentlicher Punkt scheint mir noch erwaehnenswert: Maenner bzw. Jungen sind tendenziell explorativer. Sie experimentieren, sie wollen ergruenden, wie etwas funktioniert, sind bestrebt, unerforschte Gebiete zu erkunden, sind erpicht darauf, etwas zusammenzubauen oder zu modifizieren, um zu sehen, ob es im erwarteten Sinne funktioniert. Diese Gier nach Neuem (eben Neugier), die Erforschung des Unbekannten ist eine sehr maennliche Eigenschaft, die sich beispielsweise auch und gerade im Spieltrieb aeussert.
Gruss
Maesi
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- Die Bruderhorde am elektronischen Lagerfeuer -
Odin,
08.11.2003, 18:35
- Re: Die Bruderhorde am elektronischen Lagerfeuer - Manfred, 08.11.2003, 20:02
- Re: Die Bruderhorde am elektronischen Lagerfeuer - michail, 09.11.2003, 00:10
- Re: Die Bruderhorde am elektronischen Lagerfeuer - Maesi, 20.11.2003, 20:06