Die Bruderhorde am elektronischen Lagerfeuer
aus der Switschboard Nr. 160 http://www.maennerzeitung.de - Zeitschrift für Männer- und Jungenarbeit:
<h2>Die Bruderhorde am elektronischen Lagerfeuer</h2>
<h4>Die virtuelle Wett als androzentrische Spielwiese. Bleibt Programmieren Männersache? Warum der "Tunnelblick" manchmal auch ein Vorteil sein kann</h4>
THOMAS GESTERKAMP
Folgt man den gängigen Zeitgeistprognosen, steht den Männern ein düsteres Jahrhundert bevor. Ihre Zukunft als "Auslaufmodell", wie es der US-Autor Lionel Tiger formuliert, scheint besiegelt. Die einstigen Helden der Industriearbeit haben ausgedient, die Managementliteratur diskutiert die kommende "Feminisierung" der Chefetagen. Frauen, so heißt es, seien einfach geschickter beim Improvisieren, Kommunizieren und im Knüpfen von Kontakten. Doch es gibt ein weibliches Dilemma: Die technischen Grundlagen der digitalen Wirtschaft sind männlich geprägt. Im Zentrum dieser androzentrischen Spielwiese brennt eine Art elektronisches Lagerfeuer: der Computer. Er wirkt wie maßgeschneidert für die den Männern zugeschriebenen und viel gescholtenen Eigenschaften: instrumentelle Vernunft, einseitig rational ausgerichtetes Denken, Bindungslosigkeit. Im globalen Netz warten unbekannte Kontinente auf ihre Entdeckung, wiederholt sich die abenteuerliche Suche nach der "Frontier", nach einer neuen Welt. Unter dem Schlachtruf "Yahoo! ", nicht zufällig Name einer Internet-Suchmaschine, ritten die Cowboys einst durch die Goldgräberstädte des Wilden Westens.
Omnipotenzphantasien, Machbarkeitswahn und absoluter Wahrheitsanspruch prägten vormals die Entstehung der neuzeitlichen Naturwissenschaften. Auch wenn Einsteins Relativitätstheorie oder Heisenbergs Entdeckung der Unschärferelation später die Grenzen der Newtonschen Physik aufzeigten, galten technische Erfindungen stets als Königsweg zum Paradies. Männer bezogen Identität aus einem klaren Standpunkt und dessen souveräner Behauptung. Die Industrialisierung transformierte Natur und Gesellschaft" zu einer kontinuierlich ablaufenden, gleichförmigen Maschinenwelt", so der Technikkritiker Otto Ullrich. Alles wurde "berechenbar und kontrollierbar gemacht, begradigt, standardisiert, generalisiert". Ganz in dieser Tradition ist die Rechnerlogik eine dezidiert männliche Logik. Sie folgt dem Eins-Null-System, dem Ja-Nein-Schema. Eine klare Ordnung ohne Unschärfen und mit eindeutigen Lösungen: Diese Eindimensionalität prägt viele Programme, die häufig alles andere als benutzerfreundlich sind. Verliebt in ihre Möglichkeiten, haben sich die Entwickler wenig hineinversetzt in die Arbeitsabläufe derjenigen, die ihre Produkte später bedienen sollen. Die Ingenieure konzentrieren sich auf das Machbare, nicht auf das Praktische. Was ihnen selbst sonnenklar und einfach erscheint, finden die Nutzerinnen bisweilen höchst kompliziert. In den IT-Ausbildungsberufen dümpelt der Frauenanteil bei 14 Prozent. Die Versuche von Wirtschaft und Politik, mehr Mädchen für solche Jobs zu gewinnen, kommen nicht recht voran. Die Informationstechnologie sei "so tief und fest mit Männlichkeit verbunden, dass eine Auseinandersetzung mit dieser Technik für Frauen heißt, dass sie ihre weibliche Geschlechtsidentität in Frage stellen müssen", glaubt die Sozialwissenschaftlerin und Informatik-Spezialistin Gabriele Winker. Wenn Frauen surfen und chatten, nutzen sie fast immer Software, die Männer geschrieben haben. Vier zu eins lautet das Geschlechterverhältnis in den amerikanischen Hightech-Unternehmen; in Deutschland kommt auf sechs Akademiker in der IT-Branche nur eine Akademikerin. Die Computerwelt, so resümieren die Autoren Alexander Meschnig und Mathias Stuhr ihre Erfahrungen in einer Gründerfirma, sei "eine rein männliche Veranstaltung". Anders als andere Industriezweige versuche die digitale Wirtschaft "nicht einmal einen Anschein von Emanzipation zu wecken". Obwohl die absolute Zahl der dort beschäftigten Frauen recht hoch sei, erreiche ihr Anteil auf der Ebene der Firmeninhaber weniger als ein Prozent. Die Start-Ups, so das Fazit von Meschnig und Stuhr, waren und sind "Patriarchat pur, eine echte Bruderhorde".
Schon das Phänomen der "Computer-Kids" in den achtziger Jahre war männlich. Fast ausschließlich Jungen lungerten in den Kaufhäusern herum und begeisterten sich für elektronische Spiele. Später prägten sie die Start-Up-Kultur um die Jahrtausendwende, die neue männliche Erfolgsmythen entstehen ließ. Auf die "Krise der Kerle" in den alten Industrien folgten die Tellerwäscherkarrieren der "New Economy". Auch wenn viele dieser vermeintlichen Erfolgsgeschichten kurze Zeit später scheiterten: Die These vom Jahrhundert der Frauen" erscheint zumindest fragwürdig. Das seien "Absichtserklärungen mit schlechter Prognose", befindet der Jugendpsychologe Wolfgang Bergmann, der die Gegenposition vertritt: "Unsere Gesellschaft und Kultur befindet sich auf dem Weg in eine männlich dominierte Zukunft." Er hält die Präsenz des Weiblichen lediglich für ein Medienphänomen, für einen Tribut an die Freizeit- und Werbekultur: "Was nicht attraktives Bild ist, wird nicht recht zur Kenntnis genommen". Männer seien zwar "medial kaum zu gebrauchen", aber weiterhin für das Funktionale und Abstrakte" zuständig.
Bergmann zeichnet eine nahezu ungetrübte männliche Erfolgsgeschichte. "Von Plato bis Hegel, von Pythagoras bis Konrad Zuse war dies Antrieb des männlichen Geistes und der männlichen Spiritualität: Männer wollten im Weltlauf sich selber erkennen und bespiegeln, sich und ihr Geschlecht in Macht verklären, immer unzufrieden mit dem Wirklichen und auf der Suche nach dem reinen Ideal." Die Phase des Feminismus interpretiert der Psychologe als vorübergehendes Zwischenstadium, der es den Männern ermöglichte, aus einer kulturhistorischen Sackgasse herauszufinden. In der lndustriegesellschaft habe sich ein Typus von Männlichkeit entwickelt, der "nicht überlebensfähig war: Der Mann im Körperpanzer, der Mann als Arbeiter und Soldat, diszipliniert, vernünftig und geistfern" Jetzt, glaubt Bergmann, kehre "der universale Mann der Renaissance" zurück: "Wenn wir von digitaler Technologie, von Simulationen und Vermehrung der Maschineriekompetenzen bis hin zur künstlichen Intelligenz oder künstlichem Leben sprechen, dann sprechen wir von einer Männervision, einer Männerarbeit, einer Männerzukunft". Frauen bleibe nur eine Nebenrolle, wenn auch mit emanzipatorischen Anteilen: "Niemand will das Feminine wieder unterdrücken, wie es das Patriarchat aus Furcht vor sich selber tat." Doch angesichts eines wieder ungebrochen dominierenden männlichen Geistes, "der sich auf eine große, ambivalente Tradition stützt', werde das weibliche Lebensgefühl "zu einem Randphänomen".
Man mag dieser Prognose ungläubig bis skeptisch gegenüberstehen, frappierend jedenfalls ist die Differenz zur einschlägigen Managementdebatte, die Einfühlungsvermögen, Kontaktfreude und Teamfähigkeit als zentrale Elemente des gefragten Qualifikationsprofils benennt. Dass Frauen in allen diesen Punkten kompetenter sind als Männer, gehört im Zeitalter des Postfeminismus fast schon zum Allgemeingut. Der Erwerb solcher Tugenden ist Thema von betrieblichen Trainings und Weiterbildungsveranstaltungen. In "lntegrations-Workshops" oder "Change Management" - Seminaren werden Männer weiblich nachsozialisiert. "Die virtuelle Welt lebt von gemischter Energie", behauptet die Unternehmensberaterin Gertrud Höhler: Der verengte männliche "Tunnelblick" benötige die Ergänzung und Bereicherung um den weiten, angeblich für Frauen typischen "Panoramablick".
Die narzisstischen Seiten des Computerspezialisten erscheinen nach dieser Lesart defizitär. Dem Klischee zufolge ist er eben kein "Kümmerer", sondern hat sich zurückgezogen, bleibt distanziert und unverbindlich. Er folgt der schematischen Logik einer Symbolwelt, ihm fehlt die Sensibilität für Zwischentöne. Für Jobs in Vertrieb und Beratung mag dies völlig ungeeignet sein. Auf dem Kerngebiet der Technik aber, bei der Programmierung, feiert trotz aller düsteren Beschreibungen der "universale" Mann seit Jahrzehnten erstaunliche Triumphe. Seine nach vorherrschender Meinung negativen Eigenschaften bringen, neben vielen sinnlosen Dingen und selbstverliebten Spielereien, immer wieder auch Produktives, ja Umwälzendes hervor. Für manche Erfindungen ist es offenbar besser, sich auf Details zu konzentrieren und gar nicht alles zu überblicken. Statt des Panoramas genügt ein schmaler Lichtschein am Ende der Tunnelröhre.
Re: Die Bruderhorde am elektronischen Lagerfeuer
Als Antwort auf: Die Bruderhorde am elektronischen Lagerfeuer von Odin am 08. November 2003 16:35:21:
Ein ordentliches Steak, dazu ein bajuwarisch-männliches Obstwasser, hinterher zu einer dicken Zigarre diesen Text gelesen -
der Tag ist gerettet! 
Grüße,
Manfred
Re: Die Bruderhorde am elektronischen Lagerfeuer
Als Antwort auf: Die Bruderhorde am elektronischen Lagerfeuer von Odin am 08. November 2003 16:35:21:
Hallo Odin,
das ist doch eine Rezension zu Wolfgang Bergmanns: Ikarus 2000 - Warum das nächste Jahrhundert männlich wird, Kreuz Verlag.
Ein sehr unauffällig bewegendes Buch! Ohne Verzweiflung und Stichhaltig. Ein sehr männliches Buch. Interessant in diesem Buch ist auch die Erläuterung der Bezüge zwischen Frauen- und Naturbewegung einerseits und der zukunftsträchtigen Technisierung unserer Welt andrerseits!
Aufatmend und sehr empfehlenswert!
Michail
Re: Die Bruderhorde am elektronischen Lagerfeuer
Als Antwort auf: Die Bruderhorde am elektronischen Lagerfeuer von Odin am 08. November 2003 16:35:21:
Hallo zusammen
[...] Die These vom Jahrhundert der Frauen" erscheint zumindest fragwürdig. Das seien "Absichtserklärungen mit schlechter Prognose", befindet der Jugendpsychologe Wolfgang Bergmann, der die Gegenposition vertritt: "Unsere Gesellschaft und Kultur befindet sich auf dem Weg in eine männlich dominierte Zukunft." Er hält die Präsenz des Weiblichen lediglich für ein Medienphänomen, für einen Tribut an die Freizeit- und Werbekultur: "Was nicht attraktives Bild ist, wird nicht recht zur Kenntnis genommen". Männer seien zwar "medial kaum zu gebrauchen", aber weiterhin für das Funktionale und Abstrakte" zuständig.
Schoen, dass es noch Leute gibt (sogar Psychologen!), die das Maerchen vom 'Defizitwesen Mann' als Humbug erkennen. Oft genug wurde unsere Intelligenz maltraetiert mit der These, dass die Zukunft den Frauen gehoere, weil sie kommunikativer und einfuehlsamer seien, besser im Improvisieren und im Knuepfen von Kontakten, und was weiss ich noch alles. Leider konnte diese These nie in praktischen Tests belegt werden; es gibt IMHO keine Studie, die belegt, dass beispielsweise weibliche Fuehrungspersonen den maennlichen ueberlegen waeren.
Bergmann zeichnet eine nahezu ungetrübte männliche Erfolgsgeschichte. "Von Plato bis Hegel, von Pythagoras bis Konrad Zuse war dies Antrieb des männlichen Geistes und der männlichen Spiritualität: Männer wollten im Weltlauf sich selber erkennen und bespiegeln, sich und ihr Geschlecht in Macht verklären, immer unzufrieden mit dem Wirklichen und auf der Suche nach dem reinen Ideal." [...]
Man mag dieser Prognose ungläubig bis skeptisch gegenüberstehen, frappierend jedenfalls ist die Differenz zur einschlägigen Managementdebatte, die Einfühlungsvermögen, Kontaktfreude und Teamfähigkeit als zentrale Elemente des gefragten Qualifikationsprofils benennt. Dass Frauen in allen diesen Punkten kompetenter sind als Männer, gehört im Zeitalter des Postfeminismus fast schon zum Allgemeingut.
Es gehoert, genau genommen, zum propagandistischen Allgemeingut. Nur weil alle dasselbe behaupten, braucht das aber noch laengst nicht zu stimmen. Es soll ja eine Zeit gegeben haben, da war es hierzulande Allgemeingut, dass die Erde flach sei; war die Erde damals tatsaechlich flach, bloss weil alle daran glaubten?
Der Erwerb solcher Tugenden ist Thema von betrieblichen Trainings und Weiterbildungsveranstaltungen. In "lntegrations-Workshops" oder "Change Management" - Seminaren werden Männer weiblich nachsozialisiert. "Die virtuelle Welt lebt von gemischter Energie", behauptet die Unternehmensberaterin Gertrud Höhler: Der verengte männliche "Tunnelblick" benötige die Ergänzung und Bereicherung um den weiten, angeblich für Frauen typischen "Panoramablick".
Jaja, die Managementseminare, Trainings und Weiterbildungsveranstaltungen. Seit diese bestehen, haben wir zweifellos einen Quantensprung in der Personalfuehrung von Managern zu verzeichnen. Bloss hat niemand etwas davon gemerkt...
Schon der Begriff 'Tunnelblick' ist verfehlt. Viel eher handelt es sich um einen 'Mikroskopblick': es wird ein thematisch kleines Gebiet betrachtet, das dafuer sehr genau; waehrend der 'Panoramablick' zwar einen Ueberblick verschafft, der aber nicht besonders detailreich ist. Durch den Begriff 'maennlicher Tunnelblick' wird suggeriert, Maenner haetten einfach einen eingeschraenkten Panoramablick; das ist jedoch grundfalcsh.
Desweiteren ist auch die simple Zuordnung 'Tunnelblick = maennlich' und 'Panoramablick = weiblich' fragwuerdig. Wenn eine Frau beispielsweise Mutter ist, dann entwickelt sie gewissermassen einen 'muetterlichen Tunnelblick', wenn sie Sozialarbeiterin ist, entwickelt sie einen 'sozialen Tunnelblick', wenn sie Feministin ist, entwickelt sie einen 'feministischen Tunnelblick' usw.; egal, wie man sich spezialisiert, einer gewissen Fachblindheit wird man nahezu immer 'zum Opfer fallen'. Dass man dann aber keinerlei Sensibilitaet gegenueber anderen Perspektiven mehr aufweist, ist eine boeswillige Unterstellung (ausser vielleicht bei den Feministinnen *fg*).
Die narzisstischen Seiten des Computerspezialisten erscheinen nach dieser Lesart defizitär. Dem Klischee zufolge ist er eben kein "Kümmerer", sondern hat sich zurückgezogen, bleibt distanziert und unverbindlich. Er folgt der schematischen Logik einer Symbolwelt, ihm fehlt die Sensibilität für Zwischentöne. Für Jobs in Vertrieb und Beratung mag dies völlig ungeeignet sein. Auf dem Kerngebiet der Technik aber, bei der Programmierung, feiert trotz aller düsteren Beschreibungen der "universale" Mann seit Jahrzehnten erstaunliche Triumphe. Seine nach vorherrschender Meinung negativen Eigenschaften bringen, neben vielen sinnlosen Dingen und selbstverliebten Spielereien, immer wieder auch Produktives, ja Umwälzendes hervor. Für manche Erfindungen ist es offenbar besser, sich auf Details zu konzentrieren und gar nicht alles zu überblicken. Statt des Panoramas genügt ein schmaler Lichtschein am Ende der Tunnelröhre.
Ein wesentlicher Punkt scheint mir noch erwaehnenswert: Maenner bzw. Jungen sind tendenziell explorativer. Sie experimentieren, sie wollen ergruenden, wie etwas funktioniert, sind bestrebt, unerforschte Gebiete zu erkunden, sind erpicht darauf, etwas zusammenzubauen oder zu modifizieren, um zu sehen, ob es im erwarteten Sinne funktioniert. Diese Gier nach Neuem (eben Neugier), die Erforschung des Unbekannten ist eine sehr maennliche Eigenschaft, die sich beispielsweise auch und gerade im Spieltrieb aeussert.
Gruss
Maesi