Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

67114 Postings in 8047 Threads

[Homepage] - [Archiv 1] - [Archiv 2] - [Forum]

Zeitungsartikel "Lasst Papa machen!"

Frank, Saturday, 25.10.2003, 22:15 (vor 8139 Tagen)

In der heutigen Ausgabe der "Rheinischen Post" widmen sich gleich vier Beiträge dem Titelthema "Wie können wir unsere Väter unterstützen?"
Am bemerkenswertesten fand ich diesen Artikel:

---------------------------------------------------------------------------

Lasst Papa machen!

Wie können wir unsere Väter unterstützen? Indem Mütter ihnen mehr zutrauen. Denn Männer bringen alles mit, was gute Eltern ausmacht.

Von KATHRIN LENZER

DÜSSELDORF. Ja, kann er das denn, der Mann? Den Säugling richtig halten, seine Windeln richtig wechseln, Gefahren richtig einschätzen, richtig weich, richtig zärtlich, richtig fürsorglich sein? Er kann. Er kann sogar ein kleines bisschen schwanger werden.
Der Hormonspiegel werdender Väter zeigt ähnliche Ausschläge wie der ihrer schwangeren Partnerinnen. Das fanden Forscher um Anne Storey von der Memorial University in St. Johns (Neufundland) heraus. So steigen bei Frau wie Mann im Laufe der Schwangerschaft die Konzentration des Stresshormons Cortisol und der Prolaktin-Spiegel, ein Hormon, das die Milchproduktion in der Brustdrüse der Mutter ankurbelt und vermutlich die Bereitschaft zur Brutpflege erhöht. Und während bei ihr das weibliche Sexualhormon Östradiol zunimmt, geht bei ihm - ihr entsprechend - das männliche Sexualhormon Testosteron in die Höhe. Mehr als die Hälfte der Männer, die der Geburt ihres ersten Kindes entgegen sehen, weisen überdies Symptome einer Schwangerschaft auf, Müdigkeit zum Beispiel, Heißhunger, Kopfschmerzen und rasche Stimmungswechsel. Dicker werden sie auch.
Liegt das Baby erst einmal in der Wiege, stürzt die Hormonkonzentration bei Mutter und Vater gewaltig in die Tiefe. Wie Anne Storey berichtet, hatten die Männer nach der Geburt im Schnitt ein Drittel weniger Testosteron im Blut. Offenbar eine weise Einrichtung der Natur. Denn je niedriger das männliche Sexualhormon dosiert ist, desto fürsorglicher verhielten sich die Väter. Und auch das hat die Natur clever und vor allem gleichberechtigt eingerichtet: Schreit das Baby, schlägt Papas Herz schneller, steigen Hauttemperatur und Blutdruck genauso wie bei Mama. Auch darum kommen Väterforscher zu dem Schluss, dass es - vom Stillen abgesehen - keinerlei Hinweise darauf gibt, die Biologie habe Frauen dazu bestimmt, die besseren Eltern zu sein.
Dennoch beschwören wir den Mutterinstinkt, taucht der Vaterinstinkt nirgendwo und also nicht im Duden auf. Letzteres zu Recht, Ersteres zu Unrecht. „Es gibt weder einen Mutter- noch einen Vaterinstinkt. Eine solch starre Kopplung zwischen Umweltreizen und Verhalten funktioniert bei Menschen nicht. Dafür denken und reflektieren wir zu viel“, urteilt Heinz Kindler. Zusammen mit Karin Großmann und Kollegen hat der Entwicklungspsychologe an der Universität Regensburg (werdende) Eltern über zum Teil zwei Jahrzehnte begleitet. Die Untersuchungen bestärkten die Ergebnisse anderer Forscher: Männer besitzen dieselben Fähigkeiten, den Nachwuchs groß zu ziehen, wie Frauen. Von Geburt an. „Väter stellen sich nicht anders, vor allem nicht ungeschickter an, wenn sie das Neugeborene in den Armen halten“, erzählt Kindler und verweist auf die Erfahrungen seines kalifornischen Kollegen Ross Parke. Der hat Väter und ihre Säuglinge beobachtet - und gesehen: Papas küssen ihre Kleinsten genauso oft, spielen genauso lange und reden genauso viel mit ihnen, wie es Mamas tun. „Nichts deutet darauf hin, dass Väter ihren Kindern weniger Fürsorge, weniger Liebe entgegenbringen als Mütter“, erklärt Kindler. Bloß seien junge Männer weniger gut auf die Vati-Rolle vorbereitet als Mädchen auf die der Mutti - was nicht an der Biologie liegt, sondern an gesellschaftlichen Erwartungen.
„Werdende Väter setzen sich erst während der Schwangerschaft intensiv mit der eigenen Vaterrolle auseinander und suchen dann nach Vorbildern in ihrer Umgebung“, erläutert Claudia Quaiser-Pohl von der Universität Magdeburg. Die Entwicklungspsychologin und ihr Team legten kinderlosen Männern und Frauen sowie jungen Vätern und Müttern Fotos von Babys vor. Ergebnis: Mütter und Väter zeigten sich ähnlich beeindruckt von den Fotos, fühlten sich ähnlich stark angesprochen. Dagegen reagierten kinderlose Männer sehr viel teilnahmsloser auf die Fotos als kinderlose Frauen. Erstaunlich: Zeigten die Bilder lachende, fröhliche Babys, schlug die Erregungs-Kurve der kinderlosen Männer deutlich weiter aus als bei allen anderen Untersuchungsgruppen. „Dieser Effekt“, sagen die Magdeburger Forscher, „wird möglicherweise durch den Wandel der Vaterrolle, durch das zunehmende Engagement der Väter während Schwangerschaft und Geburt verständlich.“
Je mehr Frauen arbeiten gehen, desto mehr müssen Väter ran. Wenn Mütter sie ranlassen. Sprechen sie ihnen hingegen die Kompetenz ab - etwa, wenn es darum geht, mögliche Gefahren wilder Spiele richtig einzuschätzen -, ziehen sich Väter zurück. Also lasst Papa machen! Weil es die Vater-Kind-Beziehung festigt, wenn sich der Mann von Geburt an immer wieder auch alleine, also ohne Mutter, mit dem Säugling beschäftigt. Weil Väter fordernder, körperbetonter mit dem Nachwuchs toben und das dem Kind hilft, selbstständig zu werden, seine Welt zu erobern.
Lasst Papa machen! Dabei geht es weniger darum, wie viel Papa macht, als vielmehr darum, wie er es macht, wie er seinem Kind also begegnet. Vaterforscher Heinz Kindler entdeckte, dass sich Erwachsene ihren Partnern gegenüber genauso verhalten, wie sich ihre Väter ihnen gegenüber verhielten. Gab sich Papa dem Sprössling gegenüber geduldig und zugewandt, fällt es dem später sehr viel leichter, Freund oder Freundin zu vertrauen, eine erfüllte Beziehung zu führen und andere um Hilfe zu bitten. Dagegen neigen Kinder unsensibler Väter dazu, sich ihren Partnern und Mitmenschen zu verschließen. „Wir waren selbst überrascht, wie stark sich das Vaterverhalten in der Entwicklung des Nachwuchses widerspiegelt“, bekennt Kindler.
Biologisch haben Männer und Frauen die gleichen Chancen, gute Eltern zu sein. Ob auch die Bereitschaft, es zu werden, bei beiden Geschlechtern gleich groß ist - darüber zeigen sich Forscher noch uneins. Kindler sieht zwei Entwicklungslinien, die die Herren voneinander wegführen: „Einerseits wächst die Gruppe der Männer, die ihre Vaterschaft sehr ernst nehmen. Auf der anderen Seite gibt es eine sehr große Gruppe, die sich gar nicht kümmert.“ Der Experte sieht hier alle in der Pflicht: „Unsere Gesellschaft hat sehr genaue Vorstellungen davon, was eine gute Mutter ausmacht - und setzt Mütter damit auch gehörig unter Druck. Doch was einen guten, verantwortungsvollen Vater kennzeichnet, darüber spricht man kaum.“ Was sich ändern muss, verlangt Kindler.
Fangen wir damit an. Setzen wir Zeichen. Stellen wir Wickeltische in Herren-Toiletten. Und dann: Lasst Papa machen!
Er kann's.

Lesetipp Der renommierte Münchner Familienforscher Wassilios Fthenakis hat viele Bücher veröffentlicht, die Vätern (und Müttern) weiterhelfen, darunter „Engagierte Vaterschaft. Die sanfte Revolution in der Familie“ (352 S., Leske & Budrich, 18,50 Euro) und „Mutterschaft, Vaterschaft“ (208 S., Beltz, 24,90 Euro).

---------------------------------------------------------------------------


gesamter Thread:

 

powered by my little forum