Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Doing Gender

Arne Hoffmann, Saturday, 25.10.2003, 18:40 (vor 8139 Tagen)

Howdy! :-)

Der Rheinische Merkur hat im Mai diesen Jahres einen lesenswerten Artikel von Rainer Paris zur Feminismuskritik unter der Überschrift "Doing Gender" veröffentlicht. Hier ein paar Auszüge:

--- (...) Gewiß haben Frauen und Männer seit je in unterschiedlichen, durchaus konfliktreich aufeinander bezogenen Universen gelebt - daß aber die Hoffnung auf Ergänzung und Harmonie, die Vorstellung, daß sie vielleicht trotz allem zusammenkommen könnten, so radikal geschwunden scheint, ist in der Tat neueren Datums: »Auf Mann und Frau wartet heute von Anfang an der Haß. So viel Schmutz und Verschmutzung zwischen den Geschlechtern war nie.« (Peter Handke)

(...) Trotzdem müssen die Mechanismen natürlich geklärt werden. Der erste ist die schrittweise Verschleifung diametraler normativer Prinzipien und Haltungen. Der eine Grundsatz lautet: Männer und Frauen sind gleichberechtigt und sollen über gleiche Teilhabechancen verfügen; das Grundaxiom der anderen Einstellung ist: Frauen sind bessere Menschen und Lesben bessere Frauen. Wird im ersten Fall nachdrücklich eine zivilisatorische Selbstverständlichkeit eingeklagt, so handelt es sich bei der zweiten Orientierung schlicht um rassistischen Unfug. (Rassismus ist die Bindung humaner Qualifizierungen an naturale Merkmale: Wo immer menschliche Höher- oder Minderwertigkeit ideologisch an Kriterien der Hautfarbe, der ethnischen Zugehörigkeit oder des Geschlechts - ersatzweise der sexuellen Orientierung - festgemacht und damit verkoppelt wird, liegt Rassismus vor.) Werden nun die beiden Argumentationsmuster und Legitimationsfolien propagandistisch vermischt, gewinnt die Emphase des feministischen Rassismus unweigerlich die Oberhand und färbt alle Aktivitäten ein.

(...) Nach und nach schält sich auf diese Weise eine aggressive Ideologie heraus, die die Aufklärungsimpulse des Anfangs durch Agitation und Propaganda ersetzt. Die Bewegungsbewegtheit funktioniert nun als eine Methode sozialer Selbstverdummung, eine Dummheit, die freilich deshalb besonders gefährlich ist, weil sie sich selbst ja gerade nicht als Unvermögen und Mangel, sondern im Gegenteil als eine höhere und zudem durch Fühlen - Befreiung und Gemeinschaft - beglaubigte Wahrheit begreift. Fortan gilt, was Dieter Claessens das Prinzip des ideologischen Utilitarismus genannt hat. Also nicht: »Die Wahrheit ist unsere Stärke«, sondern: »Wahr ist, was der Bewegung nützt«.

(...) Richard Sennett nennt das Beispiel einer Bürgerinitiative im New Yorker Stadtteil Queens, in der sich alteingesessene, vorwiegend jüdische Einwohner eines Viertels gegen ein von der Stadtverwaltung initiiertes Ansiedlungsprojekt für schwarze Wohlfahrtsempfänger wandten.*) Als der Konflikt mit den Behörden eskalierte, lancierten sie die Vermutung einer antisemitischen Verschwörung in der Stadtverwaltung, obwohl sie, wie das Tagebuch des Konflikts belegt, dafür tatsächlich keinerlei Anhaltspunkte hatten. Nachdem sich aber diese propagandistische Strategie in unmittelbaren Konfrontationen und Mobilisierungserfolgen bewährte, versteiften sie sich immer mehr auf diese von ihnen »erfundene« Argumentation, so daß sie am Ende etwas wirklich glaubten, von dem sie zuvor nur vorgegeben hatten, es zu glauben.

Das alles gilt generell für soziale Bewegungen, insbesondere den Typus »neuer sozialer Bewegungen«, wie er in den letzten zwei, drei Jahrzehnten gang und gäbe geworden ist. Was jedoch Feminismus und Frauenbewegung von anderen Bewegungen dieser Ära unterscheidet und die skizzierte Dynamik noch einmal verschärft, ist ein Mechanismus, den ich analytisch als Externalisierungssperre bezeichnen möchte. Gemeint ist folgendes: Während man als Trotzkist, Autonomer, Friedensmensch oder Anti-AKW-Kämpfer all seine Wut und Protestenergie auf klar konturierte und zugleich weit entfernte »Zentren des Bösen« (George Bush, den militärisch-industriellen Komplex usw.) richten, den Feind also externalisieren kann und somit in seinem sonstigen Alltag im Grunde nicht weiter tangiert ist, lauert für die frauenbewegte Frau der Feind, also der männliche Unterdrücker, an allen Ecken und Enden: Zu Hause, auf der Straße, im Beruf - überall Männer! Sie sind einfach immer schon da. Und sie sind eben so da, wie sie nun mal sind: Sie reißen sexistische Witze, gehen in Kneipen oder zum Fußball und lassen den Abwasch liegen.

Nicht zufällig machte die Frauenbewegung deshalb den Slogan »Das Private ist politisch« zu ihrer Hauptparole. Mit desaströsen Folgen, wie sich zeigen sollte. Hat man sich nämlich erst einmal entsprechend gepolt, entdeckt man plötzlich überall Diskriminierungen: Höflichkeit wird Zurücksetzung und bekräftigt »traditionelle Rollenklischees« (aber auch der Verzicht darauf wird - zu Recht - als Mangel an Achtung und indirekte Brüskierung erlebt), Kontakte und Annäherungen werden zur »Anmache«, Hausarbeit ist von nun an Ausbeutung. Die Umwälzung der Wahrnehmung und Gewohnheiten ergreift den gesamten Alltag und krempelt ihn um. Daß das Private politisch sei, bedeutet vor allem: gnadenlose Politisierung der Privatheit, ideologische Rücksichtslosigkeit gegen andere, vor allem aber gegen sich selbst.

(...) Nichts erhöht das Aggressionsniveau einer Gesellschaft mehr als die Vergiftung der Geschlechterverhältnisse. Sie raubt den Menschen das emotionale Hinterland, die Hoffnung, daß es jenseits der privaten Miseren und Katastrophen vielleicht doch eine Chance von Glück geben könnte. Wenn sich bei einer relevanten Minderheit von Männern das Grundgefühl ausbreitet, daß es keine Frauen mehr gibt, zumindest keine, die es wert scheinen, begehrt zu werden, so ist dies in seinen atmosphärischen Auswirkungen und Folgen für die mentale Verfaßtheit der gesamten Gesellschaft kaum zu unterschätzen.

(...) Was die Hürden so hoch und Kontakte so schwierig macht, ist zum einen die Diskrepanz zwischen »wahnwitzigen Hoffnungen« (Kaufmann) und realen Möglichkeiten; gleichzeitig sind die vertrackten Verhältnisse jedoch auch Konsequenz einer generellen Zerstörung von erotischer Kultur und Geschlechtervertrauen. Die Vehikel dieser Zerstörung sind allgegenwärtig: »Mißbrauch«, »Gewalt gegen Frauen«, »sexuelle Belästigung«.

In einem als wissenschaftliche Hausarbeit deklarierten Text las ich einmal den Satz: »Gewalt ist ein männliches Prinzip.« Ob solchen Unsinns in der Sprechstunde zur Rede gestellt, geriet die Studentin, die ihn verfaßt hatte, völlig aus dem Häuschen: Sie konnte sich gar nicht vorstellen, wie man glauben könne, daß das nicht so sei. Auch Nachfragen zum Gewaltbegriff, zur Dynamik häuslicher Gewalt usw. fruchteten nichts. Sie wußte gar nichts, das aber mit einer Inbrunst, daß einem angst und bange werden konnte. Irgendwann zog sie beleidigt ab, vermutlich mit dem Gefühl, soeben Opfer männlicher Gewalt geworden zu sein.

Die Strickmuster der feministischen Kampagnen sind ebenso simpel wie erfolgreich: Man verschleift und entgrenzt die Begriffe (etwa des »Objekts« und des »Opfers«, vom Gewaltbegriff ganz zu schweigen), konnotiert sie immer schon sexuell und lädt sie so affektiv auf, verallgemeinert drauflos (Väter sind Täter) und beansprucht zugleich totale Definitionsmacht (Belästigung ist, was frau als Belästigung empfindet); parallel dazu usurpiert man das »objektive Interesse« der Frauen und macht sich auf diese Weise - auch gegen Verräterinnen - unangreifbar. Es ist im Grunde das stalinistische Prinzip der Installierung von Totschlagbegriffen: Ebenso wie in der DDR jede Kritik am Politbüro sofort den »Frieden« gefährdete, ist jeder Widerspruch, jedes Nichtbejubeln feministischer Propaganda automatisch »Frauenfeindschaft«.
(...) ---

Lest den kompletten Artikel unter http://www.online-merkur.de/seiten/paris.htm.

Herzlicher Gruß

Arne

Langer Rede kurzer Sinn

123, Saturday, 25.10.2003, 20:22 (vor 8139 Tagen) @ Arne Hoffmann

Als Antwort auf: Doing Gender von Arne Hoffmann am 25. Oktober 2003 15:40:42:

gelten in Deutschland die Menschenrechte, oder nicht?
das ist die alles entscheidende Frage.

ob eine Person männlich oder weiblich ist, ist
vollkommen unentscheidend, Geschlecht, Religion
Hautfarbe, Homosexualität, usw.
das sind Grundrechte, über die nicht mehr
verhandelt werden muß.

Gelten nun Menschenrechte oder gelten sie nicht?

dieser Staat ist längst nicht mehr sozial, er
ist auch nicht mehr freiheitlich, Einigkeit
und Recht und Freiheit sind ersetzt worden durch
Obrigkeitsdemokratie und Politisierung und
Ausbeutung der Arbeitsleistung

Es gelten die Menschenrechte also nicht.
Was gilt dann?
Das Recht des Stärkeren, und der Stärkere
ist der, der Gesetze zu seinen Gunsten
verabschiedet.

Gruß an alle, die die Menschenrecht, die Grundrechte
achten...

ups, Fehler

Arne Hoffmann, Sunday, 26.10.2003, 10:18 (vor 8138 Tagen) @ Arne Hoffmann

Als Antwort auf: Doing Gender von Arne Hoffmann am 25. Oktober 2003 15:40:42:

Falsche Quellenangabe: Der Beitrag erschien nicht in der Zeitung "Rheinischer Merkur", sondern der eher akademisch ausgerichteten Zeitschrift "Merkur".

Arne

Re: Doing Gender

Sam, Sunday, 21.12.2003, 13:36 (vor 8082 Tagen) @ Arne Hoffmann

Als Antwort auf: ups, Fehler von Arne Hoffmann am 26. Oktober 2003 08:18:50:

Noch ein sehenswertes Interview mit Rainer Paris:

rtsp://Kermit.sda.t-online.de/3sat/kuz/kuz_031022_paris.rm
(Artikel)

Sam

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