interessante Erörterung des Ideologie-Begriffes
Hi! Diese m.E. hochinteressante Erörterung des Ideologie-Begriffs fand ich hier: http://f27.parsimony.net/forum66375/messages/4221.htm
Das Wesentliche poste ich hier deshalb mal auszugsweise:
Zitat:
Was ist eigentlich eine Ideologie?
Eine Idelogie hat viele Merkmale. Im folgenden werde ich EIN Merkmal, welches besonders im Zusammenhang mit dem Feminismus von Bedeutung ist, näher beleuchten. Die Entdeckung dieses spezifischen Merkmals ist nicht neu, habe nicht ich geleistet. Ich will mich nicht mit fremden Federn schmücken, sondern sie ist eine Erkenntnis, die sich bei vielen Autoren findet, die ich aber kreativ auf den Feminismus anwende.
Eine jede Ideologie besitzt eine Eschatologie. (griechisch éschata= letzte Dinge, Eschatologie = Lehre von den letzten Dingen).
Dabei handelt sich um eine spezifische formale Struktur, welche die Gestalt eines dialektischen Dreischritts, der von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft fortschreitet, besitzt:
1. Vergangenheit: Zustand ursprünglichen Glücks. (These)
2. Gegenwart: Verlust des ursprünglichen Glückszustands durch einen Zustand des Leidens und Mangels. (Antithese)
3. Zukunft: Hoffnung und Verheißung auf Erlösung vom gegenwärtigen Leiden und die Wiederherstellung des ursprünglichen, verlorenen Glückszustandes auf neuer, höherer Ebene. (Synthese)
Diese Struktur ist eines der wichtigsten Merkmale jeder Ideologie.
Im folgenen liefere ich sechs beliebige Beispiele für ideologische Ausprägungen des eschatologischen Schemas, die mir spontan einfallen, die aber beliebig ergänzt werden können. Macht selbst mal den Versuch, ob Ihr noch zusätzliche Beispiele, in anderen Ideologien/Religionen findet.
a) Christentum:
1. Paradies.
2. Erbsünde, Austreibung aus dem Paradies, Leiden.
3. Erlösung durch den Tod Jesu Christi. -> Ewiges Leben
b) Islam
1. Paradies.
2. Erbsünde, Austreibung aus dem Paradies, Leiden.
3. Erlösung durch den Glauben an Allah, dessen Prophet Mohammed ist.
-> Wiederein-kehr in die All-Glückseligkeit des Paradieses, welches in allen wünschenswerten Einzelheiten genau ausgemalt wird (Garten, Wasser, Jungfrauen usw.).
c) Kommunismus
1. klassenloser Urkommunismus
2. Klassengesellschaft
3. proletarische Revolution, klassenlose Gesellschaft, ->Endkommunismus.
d) Faschismus
1. gesundrassige Urgemeinschaft
2. Verderben und Niedergang wegen Vermischung mit Juden und minderwertigen kranken Rassen
3. Vernichtung der Juden, Entmischung, Wiederherstellung der reinen Rasse und Triumph der Gemeinschaft der Herrenmenschen
e) Zionismus
1. Heimat des auserwählten Volkes im von Jahwe verheißenen Land
2. Sünde wider Gott und daraus resultierend die Diaspora als Strafe Gottes
3. Rückkehr nach Zion und Versöhnung mit Jahwe
e) Feminismus
1. glückseliges, egalitäres Ur-Matriarchat
2. Zerstörung des Ur-Matriarchats durch das hierarchische Patriarchat
3. Wiedererrichtung des egalitären Matriarchats auf höherer Ebene
Wir erkennen also frappierende Analogien, welchen allen das Formal-Schema in Gestalt des dialektischen Dreischritts, der zu Beginn dargestellt wurde, gemeinsam ist.
Es muß sich dabei um ein "archetypisches" Schema handeln
(von griechisch arche = Anfang, Ursprung, und typos = Einschlag, Prägung), ein psychologisches Ur-Schema, das angeborenerweise in unserem UNBEWUSSTEN vorhanden ist.
Warum nun muß es sich um einen "Archetyp" handeln.
Ein Archetyp liegt immer dann vor, wenn ein Schema in den unterschiedlichsten Kulturen, die eine unabhängige Entwicklung von einander nahmen, regelmäßig, also zu verschiendensten Zeiten, an unterschiedlichsten Orten, in unterschiedlichsten Ausgestaltungen immer wieder auffindbar ist.
Ideologie arbeitet (u.a.), wie gezeigt, mit dem eschatologischen Archetyp. Daraus resultiert auch der Erfolg von Ideologien.
Denn eben die archetypischen Elemente, deren sich Ideologien bedienen, bewirken die Anfälligkeit von uns Menschen für Ideologie und gerade in dieser psychologisch raffinierten Ausgestaltung liegt die Gefährlichkeit von Ideologie. Wir meinen, uns in Ideologien wiederzufinden, dort unsere Heimat finden zu können. Dieser ideologische Déjà-vue-Effekt kommt dadurch zustande, daß Ideologien Schemata verwenden, die in uns allen schon vorher, bevor wir mit der jeweiligen Ideologie in Berührung kommen, als Ur-Schemata archetypisch angelegt sind.
Ein Archetyp muß, wegen seiner Universalität, auf universalen anthropogenen Konstanten gründen, welche er seelisch widerspiegelt.
Welches ist nun (aus tiefenpsychologischer Sicht) die anthropogene universale Realität, welche durch den universalen eschatologischen Archetyp widergespiegelt wird?
Welches ist die menschliche Lebenswirklichkeit, die auf der ganzen Welt, seit Ewigkeiten und in alle Ewigkeit, in jeder Kultur, so unterschiedlich sie auch ist, gilt? Die so urtümlich ist, daß es sie vielleicht sogar schon VOR der stammesgeschichtlichen Ausprägung des homo homo sapiens gab?
Es ist der Dreischritt, der JEDEM Leben zugrunde liegt:
1. Vorgeburtliches Paradies in der Gebärmutter.
2. Eintritt ins Leben über das Geburtstrauma, die Erfahrung des Leidens.
3. Tod. Rückkehr in den Schoß der All-Mutter (Natur), Rückkehr zu Gott, Rückkehr ins Paradies, Erlösung vom Leiden des Lebens.
Bei dieser Gelegenheit fällt mir zusätzlich folgende Analogie auf: Vor dem Tod steht ja das Sterben (der Todeskampf). Dieses erscheint im ideologisch-eschatologischen Schema in regelmäßigen Varianten des berühmten letzten Gefechtes, Endkampf zwischen Gut und Böse, Armaggedon usw.<< Zitat Ende
Interessant, daß die Religionen dem Ideologiebegriff untergeordnet wurden. Sehr konsequent.
Meine Frage dazu: Kann der Mensch bzw. die menschliche Gesellschaft überhaupt ideologiefrei leben? Gibt es "gutartige" und "bösartige" Ideologien, und nach welchen Kriterien sind sie unterscheidbar?
Re: interessante Erörterung des Ideologie-Begriffes
Als Antwort auf: interessante Erörterung des Ideologie-Begriffes von Der Eman(n)ze am 23. Oktober 2003 11:55:11:
Hallo Eman(n)ze,
Kann der Mensch bzw. die menschliche Gesellschaft überhaupt ideologiefrei leben? Gibt es "gutartige" und "bösartige" Ideologien, und nach welchen Kriterien sind sie unterscheidbar?
Es geht hier um die Überwindung des Dualismus mit seinen These und Antithese-Mechanismen zugunsten eines globalen, einheitlichen Monismus. Am besten eignet sich wohl der Begriff Evolution dazu. Die Evolution stellt nichts wieder her, was einmal war, sondern schreitet einfach fort. Dementsprechend trachtet Maskulismus auch nicht, vergangene Urzustände wieder zu etablieren, sondern gegenwärtige Mißverständnisse zu beheben, die das Weiterschreiten der gesellschaftlichen Evolution blockieren. Er will der natürlichen Geschlechterpolarität, die es durchaus gibt, jeglichen ideologischen Status absprechen, und sie als selbstverständliches Moment in der Natur- und später auch Kulturgeschichte zu begreifen helfen, mit zu jedem Zeitalter verschiedenen Ausdrucksformen (siehe Mann und Frau im christlichen Mittelalter und die zwei Punkte danach).
Begriffe wie Eschatologie und eschatologisch sind meines Wissens (zumindest was die Online-Diskussion über Feminismus betrifft) erstmalig auf meinen Seiten gebraucht worden.
Es ist etwas schade, daß oftmals die sehr einfache Formel: Ein -ismus ist ein -ismus ist ein -ismus schon manche verführt hat, ihr Denken etwas weniger zu gebrauchen.
Gruß
Michail (Der Maskulist)