Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Männerquote für Lehrer?

terVara, Tuesday, 21.10.2003, 18:08 (vor 8143 Tagen)

Moin zusammen,

in der Braunschweiger Zeitung von heute ist unter o.a. Headline in der Rubrik Meinung eine Pro und Contra-Diskussion zwischen dem Niedersächsischen Kultusminister Busemann und der Leiterin des Arbeitsbereiches Frauenfragen bei der GEW Dr. Klinzing erschienen, die ich nachfolgend zitiere...

Wer die Contra-Seite ist, brauche ich sicherlich nicht näher betonen, oder... ;-)

<tt>Mehr Lehrer braucht das Land. Und wenn es nach Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann geht, sollen das vor allem Männer sein. Denn Busemann sieht zwischen schlechten Noten der Jungen und dem großen Frauenanteil bei den Lehrern. Der richtige Ansatz?</tt>

<h3>Pro (Bernd Busemann)</h3>

<tt>Seit 1985 sinkt in Niedersachsen wie auch bundesweit der Anteil der Jungen an den Abiturienten ständig, zuletzt im Jahr 2002 auf gerade noch 21 Prozent der Schulabgänger. Bei denen, die ganz ohne Abschluß die Schule verlassen, stellen die Jungen inzwischen zwei Drittel. Der Anteil von Jungen an deutschen Gymnasien ist auf weniger als 45 Prozent gesunken. Sie stellen aber 90 Prozent der Sonderschüler und zwei Drittel aller Sitzenbleiber. Das muß zum Nachdenken anregen.

Natürlich haben Lehrerinnen keine Schuld. Unsere weiblichen Lehrkräfte leisten hervorragende Arbeit. Aber wie beobachten eine wachsende Feminisierung des Schulbetriebs. Unter den Lehrkräften an unseren Schulen beträgt der Frauenanteil inzwischen etwa 70 bis 80 Prozent. Die vorliegenden Daten stützen die Annahme von Zusammenhängen zwischen dem Fehlen männlicher Rollenvorbilder und mangelnder Leistung von Jungen in der Schule. Denn parallel zum inzwischen auf weit mehr als 90 Prozent gestiegenen Anteil von weiblichen Lehrkräften in den Grundschulen wachsen auch immer mehr Kinder in unvollständiegen Familien auf, meist bei alleinerziehenden Müttern. Jungen erleben oft frühestens in der 5. Klasse einen Mann als Bezugsperson un in erzieherischer Funktion. Wenn es um männliches Verhalten geht, orientieren sie sich dann vielleicht an den Klischees, die Film und Fernsehen oder auch Computerspiele anbieten. Es ist wissenschaftlich belegt, daß Jungen eher als Mädchen zu Opfern einer grassierenden Medienverwahrlosung werden. Die Verhaltensmuster der männlichen "Helden", mit denen die Jungen sich dabei identifizieren können, sind aber kaum gesellschaftlich wünschenswert. Sie können verstärken, was noch immer gern als "jungentypisch" akzeptiert wird: Lautstärke, Körperbetonung und Aggressivität.

Das sind gesellschaftliche Entwicklungen, auf die Schule reagieren muß, wenn sie ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag erfüllen soll. Wir sollten also darüber nachdenken, wie wir es erreichen können, daß wieder mehr Männer in den Schuldienst und in den Unterricht kommen. Am Ende muß die Mischung stimmen.</tt>

<h3>Contra (Dr. Larissa Klinzing)</h3>

<tt>Ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis kann sicherlich auch mit Hilfe von Quoten erreicht werden, insbesondere überall, wo die Bewerberlage das hergibt oder die Benachteiligung eines Geschlechts angezeigt ist.

Für die individuelle Förderung von Jungen und Mädchen greift die Forderung nach einer Männerquote zu kurz und lenkt von dringend notwendigen Reformen des deutschen Schulsystems und der pädagogischen Fort- und Ausbildung ab. Kaum ein anderes Schulsystem entfaltet so eine starke selektive Wirkung wie das in Deutschland. Dabei sind die Leistungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen in der Grundschule erheblich geringer als in den Sekundarstufen. Bemerkenswert liegt der Männeranteil bei den Lehrkräften an den Hauptschulen bei 46 Prozen, an den Realschulen bei 39 Prozent und an den Gymnasien bei 52 Prozent. Offensichtlich garantieren höhere Männeranteile nicht automatisch eine besserer Förderung der Jungen, geschweige denn eine höhere Fähigkeit, mit geschlechtsspezifischen Unterschieden qualifiziert umzugehen. Diese ist nicht biologosch bedingt, sondern muß durch die verbindliche Qualifizierung erworben werden - sowohl von Männern als auch von Frauen. Der Fortbildung kommt deswegen eine besondere Bedeutung zu, weil die meisten Beschäftigten noch Jahrzehnte im Beruf tätig bleiben. Um die Situation in Kindergarten oder Grundschule zu verbessern und die Arbeit dort für Männer attraktiver zu machen, müssen diese Bereiche aufgewertet werden. Im internationalen Vergleich wird in Deutschland deutlich weniger in die Primarstufe und in die frühkindliche Erziehung investiert als in der Sekundarstufe.

Die Aufwertung der Erzieherausbildung auf Fachhochschulniveau, in der EU typisch, würde viel mehr Männer in die Erziehungsberufe bringen als eine Männerquote. Heute befinden sich in der Ausbildung der Fachkräfte für Elementar- und Primarbereich 80 bis 90 Prozent Frauen. Wenn sich außer der Quote nichts ändert, wird rein rechnerisch erst in 197 Jahren der Männeranteil in der Grundschule von heute 15 Prozent auf 20 Prozent wachsen. Damit wird kein Problem gelöst.</tt>

Soweit der Beitrag aus der BZ vom 21.10.2003...

Wenn Frau Klinzing recht hat mit der Abschlußerklärung, dann brauchen wir logischerweise auch keine Frauenquoten, die dann das gleiche in lila sind...

Gruß

tervara

Re: Männerquote für Lehrer?

Manfred, Tuesday, 21.10.2003, 23:57 (vor 8143 Tagen) @ terVara

Als Antwort auf: Männerquote für Lehrer? von terVara am 21. Oktober 2003 15:08:38:

Das erste was mir auffällt ist, daß auch ein Herr Busemann es nicht unterlassen konnte, vor seinem Statement erst mal der Weiblichkeit den Tribut des Gehirngewaschenen zu zollen:
"Natürlich haben Lehrerinnen keine Schuld. Unsere weiblichen Lehrkräfte leisten hervorragende Arbeit." Damit nur ja nichts mißverstanden wird!
Diese Floskeln einseitiger der Devotheit haben sich ja mittlerweile zum Standard in der Deutschen Sprache etabliert.

Frau Klitzing hat da freilich weniger Probleme auf das andere Geschlecht einzudreschen:
"Offensichtlich garantieren höhere Männeranteile nicht automatisch eine besserer Förderung der Jungen, geschweige denn eine höhere Fähigkeit, mit geschlechtsspezifischen Unterschieden qualifiziert umzugehen."

Sie argumentiert aber nicht nur dreist sondern auch ziemlich diffus:
1) Über die Prozentzahlen die sie nennt kann man wohl erst urteilen man zuverlässige Quellen hat, ich lese den Männeranteil jedenfalls meist deutlich geringer
2) Den Beruf des Eriehers auf FH-Niveau zu heben halte ich nicht für stichhaltig. Der Beruf des Grundschullehrers bewegt sich auf Uni-Niveau, und gerade da gibts trotzdem sehr wenige Männer soweit ich informiert bin
3) Es ist ein Irrglaube, daß man pädagogische Fertigkeiten "einfach so" studieren kann - ohne jegliche Neigung oder Begabung
4) Schließlich geht es bei der Quotenvergabe nicht nur darum das benachteiligte Geschlecht zu fördern, sondern insbesondere auch um das Wohl derjenigen die unter einer Unausgewogenheit zu leiden haben.Hier sind das unsere Kinder.

Gruß,
Manfred

Re: Männerquote für Lehrer?

Odin, Wednesday, 22.10.2003, 23:09 (vor 8142 Tagen) @ terVara

Als Antwort auf: Männerquote für Lehrer? von terVara am 21. Oktober 2003 15:08:38:

Also ich kann mit beiden Argumentationen was anfangen.
Quote mag für den Anfang ein KLEINER Versuch sein, Gerechtigkeit reinzubringen, aber langfristig geht es nur auf dem zweiten Weg!

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