Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Alter Schwede!

Simon, Thursday, 04.09.2003, 17:43 (vor 8190 Tagen)

Daß es in Schweden tatsächlich den Straftatbestand des "schweren Frauenfriedensbruchs" gibt, hätte ich mir in meinen wildesten Albträumen nicht vorzustellen vermocht. Wieder ein Land weniger, das zum Auswandern infrage kommt, Manfred. :-) Elke Wittich von der Jungle World erzählt's uns (in der Ausgabe Nr. 37 vom 3. September 03):

Friede den Frauen
Vergewaltigung in Schweden
Ob die beiden derzeit in schwedischer Untersuchungshaft sitzenden Eishockeyprofis des EHC Eisbären Berlin tatsächlich eine junge Frau vergewaltigt haben, wird sich wohl frühestens in einigen Wochen herausstellen. Immerhin hat der Fall dazu geführt, dass man sich nun auch in Deutschland mit den Besonderheiten des schwedischen Strafrechts beschäftigt.

Vor allem die Gesetzgebung zum Thema Vergewaltigung ist in weiten Teilen sehr fortschrittlich. Und sie hat Tradition. Vergewaltigung in der Ehe wurde in Schweden bereits im Jahr 1965 als Straftatbestand definiert. 1971 nahm dann eine staatliche Kommission für die Untersuchung von Sexualstraftaten ihre Arbeit auf. Sie sollte die veraltete Gesetzgebung zum Thema Sittlichkeit überprüfen. Schweden galt damals als liberaler Hort der freien Liebe. Die Kommission kam, passend zum damaligen Zeitgeist, zu dem Schluss, dass sich der Staat so wenig wie möglich in das Sexleben seiner Bürger einmischen dürfe. Dass dies auch für das Thema Vergewaltigung gelten sollte, empörte viele Frauen, denn es wurde in der Empfehlung vorgeschlagen, in »minder schweren Fällen« den Täter lediglich zu einer Geldstrafe zu verurteilen. 1977 wurde die hauptsächlich aus Männern bestehende Kommission nach zahlreichen Demonstrationen aufgelöst.

Ein diesmal mehrheitlich mit Frauen besetztes Gremium nahm ein Jahr später die Arbeit auf. Seine Anregungen sollten später in ein Gesetz- und Maßnahmenpaket einfließen, das unter dem Namen »Friede den Frauen« am 1. September 1999 in Kraft trat. Es führte unter anderem zu einem erweiterten Schutz von Verbrechensopfern. Während der Vernehmungen durch die Polizei und auch beim späteren Prozess steht ihnen seither ein kostenloser Rechtbeistand zu, der vom Staat bezahlt wird. Weitere Neuerungen waren, dass Vergewaltigung grundsätzlich als schweres Verbrechen eingestuft wird und Genitalverstümmelung ausdrücklich verboten ist.

Einer der wichtigsten Punkte war zudem die Einführung eines neuen Straftatbestandes, der »schwerer Frauenfriedensbruch« genannt wurde. Ehemänner und Lebensgefährten, die ihre Frauen regelmäßig misshandeln, können demnach einfacher zu Gefängnisstrafen verurteilt werden; zwischen sechs Monaten und sechs Jahren Knast sieht das Gesetz als Strafe vor. Zudem wurden mehr Beratungszentren für die Opfer häuslicher Gewalt geschaffen.

Eine Gesetzesänderung sorgt jedoch bis heute für heftige Diskussionen: Der Kauf sexueller Dienstleistungen wurde unter Strafe gestellt. Erwischte Freier müssen seither mit empfindlichen Geldbußen oder einem Gefängnisaufenthalt von sechs Monaten Dauer rechnen. Prostituierte bleiben dagegen straffrei. Dies sei das Ende der Prostitution, jubelten die Befürworterinnen der neuen Vorschrift und hatten damit definitiv nicht Recht. Denn tatsächlich ist es wohl ziemlich schwierig, Beweise für einen Vorgang zu finden, für den es naturgemäß keine unabhängigen Zeugen gibt. So wurden zwar beispielsweise im Jahr 1999 insgesamt 59 Freier angezeigt, aber nur in drei Fällen kam es auch tatsächlich zu einer Verurteilung. Bis heute werden nur Männer erwischt, die sich ganz besonders trottelig anstellten, wie ein Polizeichef, der von Kollegen im eigenen Auto mit einer Hure ertappt wurde.

Gleichzeitig stieg die Zahl der Vergewaltigungen in Schweden drastisch an – ob als Folge des Gesetzes, ist strittig. In diesem Sommer machten jedenfalls gleich mehrere brutale Fälle Schlagzeilen, und entsprechend empfindlich reagierte die Öffentlichkeit nun auf den Fall der Berliner Eishockeyprofis. Vergewaltigung wird nämlich nicht nur vom schwedischen Gesetzgeber definitiv als schweres Verbrechen betrachtet.

elke wittich

http://www.jungle-world.com/seiten/2003/36/1570.php

Re: Alter Schwede!

Odin, Thursday, 04.09.2003, 21:07 (vor 8189 Tagen) @ Simon

Als Antwort auf: Alter Schwede! von Simon am 04. September 2003 14:43:41:

Gleichzeitig stieg die Zahl der Vergewaltigungen in Schweden drastisch an – ob als Folge des Gesetzes, ist strittig. In diesem Sommer machten jedenfalls gleich mehrere brutale Fälle Schlagzeilen, und entsprechend empfindlich reagierte die Öffentlichkeit nun auf den Fall der Berliner Eishockeyprofis. Vergewaltigung wird nämlich nicht nur vom schwedischen Gesetzgeber definitiv als schweres Verbrechen betrachtet.

Vielleicht sollte man da mal einen Blick ins - doch nicht so ganz finstere - Mittelalter werfen. Dort ging man m.E. mit derlei Dingen noch ganz vernünftig um - auch mit Sexualität, auch wenn dies so gar nicht dem Klischee entspricht.

Augustinus (ja, ja, der Kirchenvater) sagte: "Unterdrückt die öffentlichen Dirnen, und die Gewalt der Leidenschaften wird alles über den Haufen werfen."

Aus einem Text aus dem 13. Jh:
"Die Prostitution bedeutet für die Gesellschaft das, was der Ballastraum für das Schiff auf dem Meer und was die Kloake für den Palast ist. Entferne die Kloake und der ganze Palast wird von Krankheiten befallen."

Thomas von Aquin sagte:
"Der Mensch kann nicht alle zügellosen Antriebe vermeiden, die aus der Verderbtheit und Sinnlichkeit herrühren"
"Gott läßt zu, daß der Welt Böses geschieht, aus Angst davor, daß, wenn das Böse unterdrückt würde, dies dem Guten ebenso widerfahren könnte, oder daß noch schlimmeres Übel folgen könnte."

Zu allen Zeiten wurde schon versucht, den Sexualtrieb zu unterdrücken und hat sich hinterher über die Folgen gewundert. Es ist nett, daß nun auch Frauen die Welt entdecken und ihre Erfahrungen mit der Normalität machen :-)

Aus der "Hausordnung" eines Frauenhauses (Bordell) aus dem 13. Jh. kann man entnehmen, daß Priestern und verheirateten Männern der Zutritt verboten war. Es war alleine eine Sache für die jungen und ledigen Männern - und auch für die Frauen, denn viele bürgerliche Frauen hatten dies damals als Nebenerwerb für sich entdeckt.

Re: Alter Schwede!

Lars, Thursday, 04.09.2003, 22:30 (vor 8189 Tagen) @ Simon

Als Antwort auf: Alter Schwede! von Simon am 04. September 2003 14:43:41:

Einer der wichtigsten Punkte war zudem die Einführung eines neuen Straftatbestandes, der »schwerer Frauenfriedensbruch« genannt wurde. Ehemänner und Lebensgefährten, die ihre Frauen regelmäßig misshandeln, können demnach einfacher zu Gefängnisstrafen verurteilt werden.

Ja gibt es denn in Schweden nicht den Tatbestand der Körperverletzung und den der Nötigung? Warum muß immer, wenn es Frauen betrifft, für den gleichen Vorgang ein neuer, besonderer Tatbestand definiert werden? Wählerinnen-Fang? Symbol-Politik zur Ruhigstellung der partei-internen Femi-Gruppen?

--

Bemerkenswert an dem Artikel finde ich aber folgendes: "Jungle World" ist doch soweit ich weiß eine absolute Links-Außen-Zeitschrift und bei Frauenthema demnach wohl 100%ig auf Hardcore-Feminismus geeicht. Daß da nun aber ein Artikel (noch dazu von einer RedakteurIN!) in der Frage "Hat eine Vergewaltigung stattgefunden? Ja oder nein?" der gerichtlichen Beweisaufnahme NICHT vorweggreift und in der Frage des Prostitutionsverbots nicht gleich ein Hurra! ausstößt, überrascht mich positiv.

Gibt es in Schweden eigentlich auch Protest gegen den neuen Staatsfeminismus

Lars, Friday, 05.09.2003, 00:35 (vor 8189 Tagen) @ Simon

Als Antwort auf: Alter Schwede! von Simon am 04. September 2003 14:43:41:

Es hat mich ziemlich überrascht, daß ausgerechnet die frühere Hochburg der "Freien Liebe" nun den USA Konkurrenz macht im Wettlauf um den Titel des prüdesten und feministischsten Landes. Aber wenn dem nun so ist, gibt es denn in Schweden keinen öffentlichen Protest gegen das Prostitutionsverbot. (Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Mehrheit der schwedischen Bevölkerung dieses Verbot wirklich unterstützt, und vermute mal: die Einführung dieses Gesetzes kam nur als Nebenprodukt bei irgendeinem inter-fraktionellen Kuh-Handel im Parmalent zustande, bei dem der Femi-Klüngel auf einmal das Zünglein an der Waage war.)

Meistens ist es doch so, daß dort wo eine gesellschaftliche Fehlentwicklung am weitesten vorangeschritten ist, auch die entsprechende Gegenbewegung bereits am ausgeprägtesten ist. So war doch der traditionelle feministische Muster-Staat USA auch das erste Land, in dem sich Anfang der 90er Gegenstimmen in Wissenschaft und Publizistik zu Worte meldeten.

Weiß jemand, wie es da in Schweden aussieht? (Zumal ja der Staatsfeminismus eigentlich der liberalen Tradition des Landes entgegenläuft)

Re: Alter Schwede!

Simon, Friday, 05.09.2003, 19:55 (vor 8188 Tagen) @ Lars

Als Antwort auf: Re: Alter Schwede! von Lars am 04. September 2003 19:30:26:

Bemerkenswert an dem Artikel finde ich aber folgendes: "Jungle World" ist doch soweit ich weiß eine absolute Links-Außen-Zeitschrift und bei Frauenthema demnach wohl 100%ig auf Hardcore-Feminismus geeicht. Daß da nun aber ein Artikel (noch dazu von einer RedakteurIN!) in der Frage "Hat eine Vergewaltigung stattgefunden? Ja oder nein?" der gerichtlichen Beweisaufnahme NICHT vorweggreift und in der Frage des Prostitutionsverbots nicht gleich ein Hurra! ausstößt, überrascht mich positiv.

Die Jungle World ist zwar linksradikal, hebt sich aber in so manchen Punkten vom feministischen Dogmatismus angenehm ab, was sie alles in allem lesenwert macht. Extreme Männer- und Sexualfeindlichkeit ist mir in dieser Zeitung noch nicht aufgefallen, dafür aber gelegentlich (wenn auch zaghafte) Kritik an derlei Auswüchsen in der linken Szene.

Re: Alter Schwede!

Lars, Friday, 05.09.2003, 21:51 (vor 8188 Tagen) @ Simon

Als Antwort auf: Re: Alter Schwede! von Simon am 05. September 2003 16:55:24:

Die Jungle World ist zwar linksradikal, hebt sich aber in so manchen Punkten vom feministischen Dogmatismus angenehm ab, was sie alles in allem lesenwert macht. Extreme Männer- und Sexualfeindlichkeit ist mir in dieser Zeitung noch nicht aufgefallen, dafür aber gelegentlich (wenn auch zaghafte) Kritik an derlei Auswüchsen in der linken Szene.

Da fällt mir ein, ich hab mal einen Kommentar gelesen - ich glaube, es war in der "Jungle World", der "Jungen Welt" oder der "konkret", aus der Ecke jedenfalls - da ging es einen Haufen Berliner Autome, die gerade ein Einkaufszentrum verwüstet hatten mit den (Flugblatt-)Begründungen "Konsum-Tempel" und "sexistische Unterwäsche"! Der Kommentar ging dann in die Richtung, daß diese Anti-"Dekadenz"-Polemik der Autonomen durchaus auch Anklänge an die Nazi-Ideologie hätte (quasi: die anständige deutsche Frau raucht nicht und schminkt sich nicht ect.).

Re: Alter Schwede!

Simon, Sunday, 07.09.2003, 00:13 (vor 8187 Tagen) @ Lars

Als Antwort auf: Re: Alter Schwede! von Lars am 05. September 2003 18:51:29:

Da fällt mir ein, ich hab mal einen Kommentar gelesen - ich glaube, es war in der "Jungle World", der "Jungen Welt" oder der "konkret", aus der Ecke jedenfalls - da ging es einen Haufen Berliner Autome, die gerade ein Einkaufszentrum verwüstet hatten mit den (Flugblatt-)Begründungen "Konsum-Tempel" und "sexistische Unterwäsche"! Der Kommentar ging dann in die Richtung, daß diese Anti-"Dekadenz"-Polemik der Autonomen durchaus auch Anklänge an die Nazi-Ideologie hätte (quasi: die anständige deutsche Frau raucht nicht und schminkt sich nicht ect.).

Richtig, solcherlei Kritik an "moralischem Antikapitalismus" und reaktionärer bis nazikompatibler Konsumkritik findet sich in Jungle World und Konkret häufiger. Tendenziell schließt diese Kritik den feministischen "Antisexismus" mit ein, was jedoch meist nicht explizit geäußert wird, wahrscheinlich, um Leser und Abonnenten nicht zu vergrätzen (die diesen Tickets ja meist anhängen). Auch der Artikel von Elke Wittich ist mir eigentlich viel zu zahm. Zwar wird die absurde schwedische Geschlechtergerichtsbarkeit dargestellt, dennoch bezeichnet Wittich das schwedische Sexualstrafrecht als "progressiv".

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