Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Rollengefängnis Mann

Bruno, Saturday, 09.08.2003, 00:02 (vor 8216 Tagen)

Liebe Forumsteilnehmer,

hier eine interesaante Studie über das Rollengefängnis Mann. Sind auch interessante Einblicke über das Gleichstellungsparadies Schweden.

Anbei nur ein Auszug. Der ganze Text unter http://www.kas.de/db_files/dokumente/zukunftsforum_politik/7_dokument_dok_pdf_1088_1.pdf lohnt sich aber.

Gruß

Bruno

Zukunftsforum Politik

Broschürenreihe
herausgegeben von der
Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.
Nr. 47

Peter Döge / Rainer Volz
Wollen Frauen den neuen Mann?
Traditionelle Geschlechterbilder als Blockaden von Geschlechterpolitik

Sankt Augustin, November 2002
ISBN 3-933714-56-7
Redaktionelle Betreuung: Christine Henry-Huthmacher / Birgit Lüders /
Anita Schreiner

Inhalt
Vorwort 7
Problemstellung: Wo bleibt der „neue Mann“? 8
Mann bleibt Mann? Statische Geschlechterbilder in einer sich wandelnden
Gesellschaft 11
Feen und Sturköpfe? Frauenbilder von Männern und Männerbilder
von Frauen im Alltag 20
„Eigentlich passt Erziehungszeit nicht so richtig zu einem Mann“
– Ambivalenzen eines stärkeren Engagements von Männern
im Bereich der Familien- und Betreuungsarbeit 46
Perspektiven: Jenseits vorherrschender Frauen- und Männerbilder –
Geschlechterpolitik als kritischer Geschlechterdialog 60
Literatur
67
Die Autoren 76

Vorwort

Wie zahlreiche empirische Studien der letzten Jahre zeigen (so auch die Shell-
Jugendstudie 2002) ist die Familie für junge Frauen und Männer von großer
Wichtigkeit für ihr Leben. 75 Prozent der weiblichen und 65 Prozent der
männlichen Befragten meinen, eine Familie zum „glücklich sein“ zu brauchen.
Dennoch setzen immer weniger junge Menschen ihren Kinderwunsch auch um.
In diesem Konflikt von Anspruch und Wirklichkeit spielen die unzureichenden
Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine nicht geringe Rolle.
Mit dem Projekt „Kinder in besten Händen“ hat die Konrad-Adenauer-Stiftung
konkrete Verbesserungsvorschläge für die schwierige Abstimmung von Familie
und Beruf entwickelt.
Frauen- und Familienpolitik ist eines der Hauptfelder der Arbeit der Konrad-
Adenauer-Stiftung, die sich neben der Vereinbarkeit auch mit der Verbesserung
der Anerkennung der Kindererziehung in der Rente für alle Frauen, der
Besserstellung von Familien und neuen Leitbildern befasst.
Neuere wissenschaftliche Untersuchungen stimmen darin überein, dass einseitige
Leitbilder heute nicht mehr zutreffen. Angestrebt werden Leitbilder, die sich an
Beruf und Familie orientieren. Grundlage dafür ist die Partnerschaft. Wenn sich
Lebensplanung oder Verhaltenseinstellungen eines Partners ändern, muss der
andere Teil mitziehen, sonst kann es sich nicht zum Ganzen fügen. Obwohl dies
seit einiger Zeit bekannt ist und immer mehr Männer bereit sind, sich von
traditionellen Rollenbildern zu befreien, geht es nicht wirklich voran.
Was sind die Ursachen? Mit der vorliegenden Publikation analysieren wir
mögliche Gründe. Offenbar stehen der Gleichberechtigung nicht nur strukturelle,
gesetzliche oder gar ideologische Hindernisse entgegen. Es gibt auch andere
„weiche“ Faktoren, zum Beispiel das Verharren von Frauen in alten
Rollenklischees, die das Zusammenleben maßgeblich beeinflussen.
Besonders wichtig für uns sind aber die Fragen nach den Wegen aus der
gegenwärtigen erstarrten Situation. Deshalb legen wir Lösungsansätze vor, die
Folgerungen für Familien, Erziehung und Politik enthalten. Wir hoffen, mit
diesen neuen Ansätzen wieder Schwung in die Diskussion um mehr
Gleichberechtigung, neue Chancen für junge Familien, Frauen, Männer und vor
allem auch Kinder zu bringen.
8
Problemstellung: Wo bleibt der „neue Mann“?
Ein Blick auf die bundesdeutsche Gesellschaft zeigt trotz aller Veränderung eine
gewisse Konstanz in der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung. Männer arbeiten
Vollzeit, Frauen arbeiten Teilzeit und übernehmen den Großteil der Betreuung
von Kindern. Vorherrschendes Modell ist die Zuverdienerinnen-Ehe.1 Noch
immer gehen hier zu Lande nur rund 1,5 Prozent der Väter in Erziehungszeit.
Rund ein Fünftel der bundesdeutschen Männer sind allerdings so genannte „neue
Männer“, sie sind partnerschaftlicher eingestellt, wollen ein aktiver Vater sein.2
Warum aber, so stellt sich die Frage, sind nur so wenige Männer „neue Männer“,
wie kann Geschlechterpolitik neuen Männern zu mehr Durchbruch verhelfen?
Ein Blick auf die bisherige Geschlechterpolitik zeigt, dass Männer kaum ihr
Gegenstand und ihre Bündnispartner waren. Abgesehen von einigen wenigen
Appellen an die vermeintliche Faulheit der Männer bei der Hausarbeit und
abgesehen von Maßnahmen gegen männliche Gewalttäter, waren Männer bisher
kein Ziel von entsprechenden Maßnahmen und Programmen.3 Geschlechterpolitik
war überwiegend Frauenpolitik, nur Frauen hatten demzufolge
ein Geschlecht. Männer blieben außen vor, blieben weitgehend geschlechtslos.
Dabei waren die Rollen eindeutig verteilt: Frauen wurden als die vorwärts
Treibenden, Männer in toto als die Blockierer bei der Neugestaltung der
Geschlechterverhältnisse angesehen, „neue Männer“ blieben auf diese Weise
zwischen allen Stühlen:
„... die Ratlosigkeit gutwilliger und einsichtsfähiger Männer, wenn sie in die
feministische ‚Beziehungsfalle’ geraten: Sagen sie etwas zur
Geschlechterfrage, ist es Anmaßung, sagen sie nichts, ist es Desinteresse;
bleiben sie untätig, weil die Frauen ja das bessere Recht haben, den Weg zu
bestimmen, ist das ‚typisch Mann‘ und er will nichts verändern; versuchen
sie, sich aktiv gegen den Sexismus zu engagieren, ist das ‚typisch Mann‘, er
will das Kommando übernehmen“.4
Geschlechterpolitik als Frauenpolitik verbaute sich mit dieser klaren
Rollenzuweisung die Chance, das Geschlechterverhältnis im Ganzen zu gestalten
und zu verändern. Es wurde übersehen, dass das Geschlechterverhältnis immer
aus zwei Polen besteht, Geschlechterpolitik folglich an diesen beiden Polen
ansetzen muss, ansonsten das Verhältnis in toto unverändert bleibt. Wer mehr
Frauen im Management von Unternehmen möchte, muss zugleich Männern die
Möglichkeit eröffnen, sich mehr in der Familien- und Betreuungsarbeit zu
engagieren. Ein solcher Ansatz bedeutet auch, fragwürdige Vorstellungen einer
Homogenität von Genusgruppen aufzugeben, die in der Geschlechterforschung
ohnehin seit Jahren in Frage gestellt werden.5 Auch die „Männer-Studie“ hat
gezeigt, dass Männer und Frauen keineswegs monolithische Gruppen mit jeweils
eindeutigen politischen Interessen sind.6 Die implizite und explizite
Unterstellung, alle Männer hätten Interesse an der Aufrechterhaltung der
bestehenden asymmetrischen Geschlechterverhältnisse, verschloss der bisherigen
Geschlechterpolitik insbesondere die Möglichkeit von „Emanzipationsbündnissen“
zwischen Frauen und Männern.
Hier gingen die skandinavischen Länder, allen voran Schweden, völlig andere
Wege und zogen Männer von Anbeginn mit ein.7 Aber auch dort konnten gut
ausgestattete monetäre Angebote, die während der Elternzeit den
Verdienstausfall bis zu 80 Prozent kompensieren, eine breit ausgebaute
Infrastruktur der öffentlichen Kinderbetreuung sowie spezielle auf Männer
zugeschnittene Maßnahmen wie der „Papa-Monat“ nicht verhindern, dass die
Betreuung von kleinen Kindern nach wie vor Aufgabe primär der Frauen
geblieben ist. Allerdings gehen rund 70 Prozent der Männer in den Papa-Monat,
Männer nehmen rund zehn Prozent der zwölfmonatigen Erziehungszeit in
Anspruch. Gerade diese aktiven Väter berichten von massiven Blockaden
hinsichtlich eines größeren familiären Engagements.8 Eine in Schweden zu
Beginn der 90er Jahre eingesetzte Kommission („Working group on fathers,
children and working life“) sah diese etwa in den Vorurteilen der Vorgesetzten
und KollegInnen, aber auch in einer „... hidden discrimination by mothers who
patronized them or derided their competence as fathers“.9 Deutet dies auf
ambivalente Einstellungen gegenüber „neuen Männern“ – auch bei Frauen – hin?
Fungieren diese etwa auch als Blockaden auf dem Weg zu einer
geschlechterdemokratischen Aufteilung von familialer Betreuungsarbeit und
Erwerbsarbeit: „The reason why women take most part of the parental leave has
not been studied as extensively as the reason why fathers do not take parental
leave“.10
Dieses Forschungsdefizit soll in der vorliegenden Studie aufgegriffen werden.
Vor dem Hintergrund der Erfahrungen in den skandinavischen Ländern ist
Ausgangspunkt die These, dass eine grundlegende Veränderung der
geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung durch Geschlechterpolitik nur möglich
sein wird, wenn sich Geschlechterbilder und Rollenzuschreibungen grundlegend
ändern. Im Zentrum stehen dabei insbesondere die Männerbilder, denn diesen ist
in der bisherigen Geschlechterpolitik wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden.
Dabei zeigen wir zunächst, wie das Geschlechterverhältnis im Allgemeinen
gefasst werden kann und wie sich Frauen- und Männerbilder entwickelt haben.
Wie aber sehen Männer Frauen und Frauen Männer heute? Was erwarten Frauen
von ihrem Traummann, Männer von ihrer Traumfrau? Entsprechen diese
Erwartungen den vorherrschenden Geschlechterbildern? Entspricht der von der
Geschlechterpolitik formulierten Forderung an Männer, sich mehr im Bereich der
Familien- und Betreuungsarbeit zu engagieren, auch das Alltagsverhalten von
Frauen?
Von einer Beantwortung dieser Fragen ausgehend, sollen in einem
abschließenden Kapitel familien- und geschlechterpolitische Ansätze vorgestellt
und diskutiert werden, die versuchen, das Geschlechterverhältnis in seiner
Gesamtheit zu gestalten und dabei vorherrschende Geschlechterrollen zu
verändern.

Re: Rollengefängnis Mann

Anabasis, Sunday, 10.08.2003, 14:34 (vor 8214 Tagen) @ Bruno

Als Antwort auf: Rollengefängnis Mann von Bruno am 08. August 2003 21:02:39:

Mein Kommentar zur Studie:

[link=http://f27.parsimony.net/forum66387/messages/8772.htm" target="_top]http://f27.parsimony.net/forum66387/messages/8772.htm[/link]

Gruß Anabasis

Re: Rollengefängnis Mann

Joseph S, Tuesday, 12.08.2003, 02:13 (vor 8213 Tagen) @ Anabasis

Als Antwort auf: Re: Rollengefängnis Mann von Anabasis am 10. August 2003 11:34:23:

Hallo Anabasis,

vielleicht zögern die Autoren mit derartig klaren Schlußfolgerungen, weil sie sich der Komplexität
der Wirklichkeit bewußt sind, und sie Aussagen, die in ihrer Direktheit nicht mehr richtig sind,
vermeiden wollen. Durch die Aufzählung der Beobachtungen allein wird schon vieles deutlich.

Von daher ist es nachvollziehbar, dass Männer (wie übrigens auch Frauen) die „Kosten“ einer Rollenveränderung, mehr oder weniger deutlich, im Blick haben (S.54)
=> Die Kosten für Männer sind definitiv hoch.

Nicht die Kosten der Rollenveränderung an sich sind zu hoch, sondern die mittelbaren Kosten.
Die Männer könnten an einem Rollenwechsel sogar gewinnen, wenn die Gesellschaft (incl Partnerin)
nicht gleichsam strafend auf sie reagieren würde.

Im Blick auf Haushaltstätigkeiten und Erziehungstätigkeiten haben Frauen in der Tat „Türsteher- oder Weichensteller-Funktion“, wie entsprechende Untersuchungen in den USA herausgefunden haben. Sie können Männern den Zugang zu diesen Tätigkeiten erleichtern oder erschweren. (S.55)
=> Die Frauen wissen, was sie wollen: einen reichen, mächtigen Mann, keinen Wehleider. Sie wollen keinen „interessanten, achtbaren Mann“ ohne Geld und Macht. Die ganze Studie drückt sich butterweich darum herum, dass die Rollenvorgaben, denen Männer folgen, von Frauen vorgegeben werden.

Die Rollenvorgaben werden auch von Männern durchgesetzt.

Gruß
Joseph

Re: Rollengefängnis Mann

Anabasis, Tuesday, 12.08.2003, 11:32 (vor 8212 Tagen) @ Joseph S

Als Antwort auf: Re: Rollengefängnis Mann von Joseph S am 11. August 2003 23:13:39:

Hallo Joseph,

Nicht die Kosten der Rollenveränderung an sich sind zu hoch, sondern die mittelbaren Kosten. Die Männer könnten an einem Rollenwechsel sogar gewinnen, wenn die Gesellschaft (incl. Partnerin) nicht gleichsam strafend auf sie reagieren würde.

Genau das meine ich und sagt auch, etwas verdruckster formuliert, die Studie. Weder potentielle Partnerin, noch Kollege oder Chef sind sonderlich am Rollenwechsel des Mannes interessiert.

>=> Die Frauen wissen, was sie wollen: einen reichen, mächtigen Mann, keinen Wehleider. Sie wollen keinen „interessanten, achtbaren Mann“ ohne Geld und Macht. Die ganze Studie drückt sich butterweich darum herum, dass die Rollenvorgaben, denen Männer folgen, von Frauen vorgegeben werden.
Die Rollenvorgaben werden auch von Männern durchgesetzt.

Ja! Das ist sogar das Hauptproblem.

Gruß Anabasis

Re: Rollengefängnis Mann

Garfield, Tuesday, 12.08.2003, 15:26 (vor 8212 Tagen) @ Anabasis

Als Antwort auf: Re: Rollengefängnis Mann von Anabasis am 10. August 2003 11:34:23:

Hallo Anabasis!

Das hast du gut zusammen gefaßt. Daß die Schlußfolgerungen aus diesen Fakten eher schwammig formuliert sind, wundert mich gar nicht. Obwohl sich in den letzten Jahren schon einiges gebessert hat, muß man immer noch mit Anfeindungen rechnen, wenn man die radikalfeministischen Dogmen in Frage stellt. Wenn man schon so deutliche Fakten veröffentlicht, zieht man mit entsprechend klaren Schlußfolgerungen garantiert einigen Unmut auf sich.

Aber so langsam sehe ich doch Licht am Ende des Tunnels. Steter Tropfen hölt eben irgendwann jeden Stein!

Freundliche Grüße
von Garfield

Re: Rollengefängnis Mann

Joseph S, Tuesday, 12.08.2003, 02:10 (vor 8213 Tagen) @ Bruno

Als Antwort auf: Rollengefängnis Mann von Bruno am 08. August 2003 21:02:39:

Hallo,

die zahlreichen Beispiele und Erklärungen, wie Frauen Männer in die traditionelle Männerrolle,
teilweise sogar gegen den von ihnen (den Frauen) erklärten Willen, zwingen ist sehr aufschlußreich.

Auch kann man klar entnehmen, welche Gruppe tatsächlich diskriminiert wird, auch wenn er dieses
Wort nicht verwendet. Einer Gruppe schlechtere Eigenschaften zuzuschreiben, als man an ihr beobachtet,
ist ein deutliches Merkmal von Diskriminierung.

Eine Erklärung aber finde ich ziemlich wenig schlüssig. Auf Seite 28 beschreibt er Wehleidigkeit
als die Eigenschaft, die Männern am meisten zugeschrieben wird. Aber er kommt zu dem Schluß, daß
das traditionelle Geschlechterbild weiterhin vorherrscht. Das paßt zwar zu den übrigen Haupteigenschaften,
aber Wehleidigkeit lediglich als Schattenseite typischer Männlichkeit (Seite 32) zu bezeichnen
überzeugt mich nicht. Männer weinen nicht! Auch die Erklärung, daß die Frauen damit beschreiben,
daß sie gemerkt haben, daß Männer doch nicht so unempfindlich sind, wie sie sein sollen, überzeugt
nicht ganz, weil die Wehleidigkeit weniger beobachtet als zugeordnet wurde. Vielleicht hat der
Feminismus doch Veränderung am Bild der Männer bewirkt.

Gruß
Joseph

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