Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Massaker von Srebrenica - alles Männer?

Maesi, Wednesday, 06.08.2003, 21:22 (vor 8218 Tagen) @ Andreas

Als Antwort auf: Massaker von Srebrenica - alles Männer? von Andreas am 11. Juli 2003 17:47:01:

Hallo Andreas

Ich habe heute in den Nachrichten bereits mehrfach gelesen und gehört, daß
in Srebrenica eine Gedenkfeier stattfindet - wegen der Massaker aus dem Jahre 1995. Interessant sind vor allem die Forumlierungen, die zu diesem Thema verwendet wurden. Die Formulierungen sind allesamt neutral. Umgebracht wurden demnach "Moslems", "Menschen", in anderen Zeitungsberichten "Zivilisten". Dann nach langem Suchen habe ich folgenden Abschnitt gefunden:
Einheiten der Serben waren im Juli 1995 in die UN-Schutzzone Srebrenica eingedrungen. Sie ermordeten bis zu 8000 Jungen und Männer moslemischen Glaubens; tausende Menschen wurden vertrieben. Das Massaker gilt als die schwerste Gräueltat seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa.
(http://www.heute.t-online.de/ZDFheute/artikel/25/0,1367,POL-0-181881,00.html)
Es ist erstaunlich, wie viele Mühen sich die Medien (bis auf einige Ausnahmen) doch machen, um möglichst den Eindruck zu vermeiden, daß auch Männer Opfer von Kriegen und Massakern sein können. Wenn bei diesen Massakern hauptsächlich Frauen umgebracht worden wären, dann wäre das in allen großen Zeitungen auf Seite 1 explizit erwähnt worden. Diesen heute-online Artikel sollte man wirklich einmal an die Leute von Amnesty International schicken, die sonst nur Frauen als Opfer von Menschenrechtsverletzungen akzeptieren.

Die Marginalisierung des Mannes als Opfer ist tief in unserer Kultur verwurzelt. Wie oft hoeren und lesen wir den folgenden Standardsatz:

'Unter den Opfern waren auch Frauen und Kinder'

Das liesse sich allerdings auch anders praesentieren, naemlich:

'80% (oder 90% oder noch mehr) der Opfer waren Maenner und Jungen'

Im Falle des Massakers von Srebrenica (laut UNO-Angaben etwa 7000 Ermordete, ca. 5000 wurden bisher aus Massengraebern in der weiteren Umgebung von Srebrenica exhumiert) waren sogar 100% der Opfer Maenner und Jungen.

Frage: Was haben die Wehrpflicht, das Massaker von Srebrenica und Kindersoldaten gemein?

Richtige Antwort: Alle drei resultieren aus dem gaengigen Verstaendnis des 'typisch' maennlichen Rollenmodells.

- Die Wehrpflicht gilt nur fuer Maenner, weil militaerische Verteidigung (aber auch der Angriff) seit vielen Generationen Maennersache ist.

- In Srebrenica wurden deshalb nur Maenner fuer den Massenmord selektiert, weil sie aus serbischer Sicht potentielle Soldaten darstellten, obwohl alle Zivilisten waren.

- maennliche Kindersoldaten sind die logische Konsequenz davon, dass das Kriegshandwerk als Maennersache gilt; die Wehrpflicht wird gewissermassen einfach auf juengere Jahrgaenge ausgedehnt.

Maenner wurden seit Tausenden von Jahren darauf abgerichtet, notfalls ihr Leben fuer ihr Land, ihre Kultur oder einfach ihre Angehoerigen hinzugeben. Auch heute noch geschieht dies in Form der Wehrpflicht. Hierzulande und heute haben wir einfach Dusel, dass kein Krieg tobt, sonst waeren auch bei uns die Maenner dran, wie das vor 60 Jahren der Fall war. Der zwangsverpflichtete Iraker hatte vor ein paar Monaten nicht so viel Glueck; genausowenig der Vietnamese, der vor 20 oder 25 Jahren eingezogen und nach Kambodscha in die Hoelle des Guerillakriegs gegen die Roten Khmer geschickt wurde (hab selber mal einen gekannt). Auch der maennliche Amerikaner musste in den 50er, 60er Jahren damit rechnen nach Korea oder Vietnam geschickt zu werden. Der prominenteste Kriegsdienstverweigerer wegen seiner Einberufung nach Vietnam war bekanntlich der letzte Praesident der USA: Bill Clinton. Infolge seiner gesellschaftlichen Stellung und eines gewissen Einflusses konnte er sich erfolgreich vor seiner Einberufung 'druecken'. Andere konnten das nicht; und als sie zurueckkamen, wurden sie obendrein noch als Moerder beschimpft...

Moeglicherweise haben die Gender Studies sich mit der Problematik des maennlichen Rollenmodells befasst; aber in der Oeffentlichkeit wird diese nicht diskutiert. Lieber laesst man sich ausfuehrlich ueber die zahlreichen direkten und indirekten, tatsaechlichen und eingebildeten Diskriminierungen der Frauen aufgrund des weiblichen Rollenmodells aus. Deshalb entgeht wohl auch den meisten Menschen der Zusammenhang zwischen maennlichem Rollenverstaendnis und solcher weiter oben beschriebenen praktischen Auswirkungen.

Die Opfer von Srebrenica, die Kindersoldaten im Iran, im Kongo oder anderswo sind lediglich Beispiele dafuer, dass der maennliche Mensch Hauptopfer in allen Kriegen ist und er als Soldat oftmals bis zu seinem Tod ausgebeutet und instrumentalisiert wird; die Parole 'Soldaten sind Moerder' zeigt somit nur die eine Seite der Medaille auf, die andere Seite lautet: 'Soldaten sind Opfer, Opfer einer strukturellen Gewalt der Gesellschaft gegen Maenner'.

In Srebrenica waren nicht nur die Opfer Maenner sondern auch deren Moerder, ja sogar die niederlaendischen UNO-Soldaten, die dem Massaker hilflos (?) zusehen mussten, waren Maenner. Das Bild zur Gedenkfeier in tagesschau.de zeigt trauernde Frauen, natuerlich sind auch sie Opfer des Massakers von Srebrenica, denn sie haben maennliche Verwandte verloren. Die Gefahr besteht jedoch darin, dass nur noch diese Frauen als Opfer des Massakers gesehen werden. So geraten die maennlichen Hauptopfer angesichts der weinenden Frauen schnell in den Hintergrund, und die Maer von der Frau als wichtigstes und hauptsaechliches Opfer des Krieges, das nicht nur von Feministinnen so gern kolportiert wird, verstaerkt sich ein weiteres Mal...

Gruss

Maesi


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