Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Deutsches Sommer-Feuilleton

Nick, Saturday, 02.08.2003, 02:24 (vor 8223 Tagen)

Männerdämmerung
Von Frank Schirrmacher

01. Juli 2003 In den Kampffliegern der amerikanischen Luftwaffe spricht eine Computerstimme. Sie warnt, sie befiehlt, sie analysiert, sie transkribiert. Die Stimme ist weiblich. Die Frequenz genau berechnet. Menschen im Streß, das haben psychiatrische Untersuchungen erwiesen, reagieren von einem gewissen Grad an am verläßlichsten auf die Stimme von Frauen. Womöglich ist es die Stimme der Mutter, die zu ihnen spricht, oder der Geliebten oder die der Ehefrau. Die Vorsitzende der schwedischen Linkspartei, Gudrun Schyman, veröffentlichte ihre Memoiren vor einigen Jahren unter dem Titel "Gudrun Schyman, Mensch, Frau, Mama, Geliebte, Parteichefin". Die Leute, so soll sie gesagt haben, wissen, daß ich das alles bin und daß ich weiß, wo es langgeht. Es scheint, wir sind an einem Punkt der gesellschaftlichen Evolution angekommen, wo die Gesellschaft sich dieser Stimme bedient, um sich zu orientieren. Oder besser: die Orientierung nicht zu verlieren.

Sonntagabend sagte Friedrich Merz in der Sendung "Sabine Christiansen", der zweihundertfünfzigsten Folge der Reihe: "Wir sollten Ihnen erst mal gratulieren zu dieser Sendung. Sie haben damit ja großen Erfolg in Deutschland. Diese Sendung bestimmt die politische Agenda in Deutschland mittlerweile mehr als der deutsche Bundestag. Das betrübt mich, aber ist ein großer Erfolg."

Streichen wir, was an diesem Satz pure Liebedienerei eines Politikers ist, der im Kampf gegen eine dominante Vorsitzende jeden Verbündeten nimmt. Es bleibt: bedingungslose Unterwerfung eines Mannes unter eine Frau. Als Morgengabe liefert der Gratulant nicht nur die eigene Person, sondern gleich eine ganze Institution, das Verfassungsorgan des Bundestages, dem Salon der Frau Christiansen.

Die mächtigste Frau
Die Hausherrin hatte am selben Jubeltag in einem Interview des Berliner "Tagesspiegels" ihre Machtlosigkeit, Bescheidenheit und Gemeinnützigkeit annonciert. Daß "Sabine Christiansen" eine Marke geworden ist, findet sie fast unangenehm. Die zwei Körper der Königin sprechen zwei ganz verschiedene Idiome: die bescheidene private Christiansen und die öffentliche, auf deren Homepage zum Beispiel folgende Beschreibung hervorgehoben wird: "Die mächtigste Frau im deutschen Fernsehen".

Vermutlich ist sie es. Vermutlich hat Friedrich Merz ganz recht, vorauseilend zu kapitulieren, wie weiland die Fürsten vor Katharina der Großen kapitulierten. Die Frau, deren ersten Auftritt in den "Tagesthemen" man laut "Tagesspiegel" einst die "Sendung mit der Maus" nannte, ist ein Symbol für eine tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung. Nicht viele Männer haben bislang begriffen, was da vor sich geht, wenngleich sich die Notrufe entgeisterter Manager, fassungsloser Patriarchen und ängstlicher Staatsmänner häufen.

Frauen als Gastgeber
Das politische Leben der Bundesrepublik Deutschland wird zwar noch immer vorwiegend von Männern kommentiert, aber von Frauen kommuniziert. In dem Maße, in dem politische Meinungsbildung diskursiv geworden ist, haben die Fernsehsender Frauen zu "Gastgebern" des politischen Prozesses gemacht. Sabine Christiansen, Sandra Maischberger, Maybrit Illner, Anne Will und Marietta Slomka sind ohne Zweifel die einflußreichsten politischen Vermittlungsinstanzen des Fernsehens. Man muß nicht Feminist sein, um in dieser noch vor Jahren unglaubwürdig erscheinenden Erfolgsgeschichte eine bewußte Entscheidung der Gesellschaft zu sehen. Sie ist offensichtlich im Begriff, die Macht neu zu verteilen, weil sich nicht nur die Diskurse, sondern auch die Anforderungen an die Vermittler verändern. Diese Operation ist sehr viel umfassender als bislang bekannt. Die entscheidenden Produktionsmittel zur Massen- und Bewußtseinsbildung in Deutschland liegen mittlerweile in der Hand von Frauen. In komplizierten, zuweilen von höfischen Intrigen begleiteten Strategien haben Frauen mehr oder minder deutlich die Zuständigkeit für gewaltige Komplexe der Bewußtseinsindustrie übernommen.

Der größte Fernsehbetreiber Europas, der größte Magazinverlag, der größte Buchverlag der Welt, einer der fünf größten Musikkonzerne der Welt, kurzum: der Bertelsmann-Konzern untersteht längst dem Willen einer Frau, Liz Mohns, die die vergangenen Monate seid Thomas Middelhoffs Entlassung dazu nutzte, ihre Macht im Konzern auszubauen. Der größte Zeitungsverlag Europas gehört Friede Springer, die mit äußerster Konsequenz und Entschiedenheit über Jahre hinweg ihre Macht konsolidiert hat. In einer der Zentralen der bundesdeutschen Bewußtseinsindustrie, dem Frankfurter Suhrkamp-Verlag, scheint des Verlegers Witwe, Ulla Berkéwicz, die Macht zu übernehmen und damit zuständig zu werden für das Erbe dessen, was jeden Intellektuellen in diesem Lande definiert: Adorno und Brecht, Habermas und Enzensberger, Bloch und Benjamin.
Kein Buch, das in Deutschland wirklichen Erfolg haben wird, kommt künftig an den Empfehlungen einer Frau vorbei: Elke Heidenreich, die mit ihren ersten Sendungen das Männerquartett um Marcel Reich-Ranicki weit überbot. Insgesamt sind damit fast achtzig Prozent der Bewußtseinsindustrie in weiblicher Hand. Eine Telefonistin, ein Kindermädchen, eine Schauspielerin und Schriftstellerin und eine Stewardeß definieren das Land. Was einer heute denkt, läuft vorher über die Fließbänder dieser Frauen. Und es war mehr als eine Pointe, als Sandra Maischberger Liz Mohn mit dem Satz "Guten Tag, Chefin!" begrüßte.

Ein Kreis mächtiger Frauen um Friede Springer und Ann-Katrin Bauknecht hat sich unterdessen zusammengetan, um privat Angela Merkel zu stützen, die sich ihrerseits bis weit in manche Landesverbände in der Personalpolitik der CDU durchzusetzen beginnt.

Sensationelle Akkumulation von Macht
Eine solche Akkumulation weiblicher Macht ist noch nicht dagewesen in der Geschichte des Landes, das einst als "vaterlose Gesellschaft" begann. Sie ist auch ziemlich sensationell. Wir wissen aus der Zeit der letzten Jahrhundertwende, wie Frauen als Hüterin eines Erbes zu ungewöhnlichem Einfluß über die Köpfe der Menschen gelangen können: Cosima Wagner gehört in diese Linie und Elisabeth Förster-Nietzsche. Doch jetzt scheinen wir damit zu tun zu haben, daß sich der Cosima-Effekt - die schwarzgekleidete, unnahbare, in ewige Händel verstrickte Witwe - umzukehren beginnt. Die Patriarchen verdämmern, und die Nachfrage nach ihnen sinkt. Frauen übernehmen die Vermittlung und sogar die Macht in einer zerfallenden Gesellschaft.

"Kleine zivilisierte Völker", so hat Arnold Gehlen einst vorhergesagt, "oder solche, denen alle Knochen zerschlagen sind, streben der Deckung zu, sie neigen zu Versicherungen, Krankenscheinen, zu sexuellen Libertinismen und moralischen Vorträgen an die Außenwelt. Aber gerade diese Atmosphäre kommt den innersten Bedürfnisses des Weibes entgegen". Gemeint war: je zivilisierter eine Gesellschaft, je komplexer und subtiler die Notwendigkeit, unlösbare Konflikte ohne Aggression zu lösen, desto stärker setze eine solche Gesellschaft auf die Frauen als Vermittler; ja sie delegiert ihnen sogar die wirtschaftliche Macht. Es mag sein, daß wir uns heute einem solchen Zustand nähern. Dann aber, so Gehlen, verändert sich die Sozietät ein weiteres Mal: "Dann betreten Klytemnästra und Judith die Szene, Antigone und Gallia Placidia, Katharina und Charlotte Corday und zeigen den Männern, wie man sich aussetzt und einsetzt." Da braucht man dann auch die Komplimente des Herrn Merz nicht mehr.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.07.2003, Nr. 149 / Seite 33

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Big Sister
Die Literatur ist weiblicher geworden. Hat ihr das genützt oder geschadet?
von Hans-Christoph Buch
Dass Elke Heidenreich die Nachfolge von Marcel Reich-Ranicki antritt, markiert den Übergang vom Patriarchat (das der Kritiker mehr als jeder andere in seiner Person verkörpert) zum Matriarchat: Eine Entwicklung, die in der deutschen Gesellschaft schon seit Längerem zu beobachten ist. Man denke nur an die Medienmacht der TV-Moderatorinnen oder an die Rolle von Frauen wie Petra Kelly und Dorothee Sölle in der Friedensbewegung. Feminismus und Pazifismus sind zwei Seiten derselben Medaille und haben die Eigen- und Fremdwahrnehmung der Deutschen in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend geprägt.
Die Verdrängung des auf Härte und Aggressivität beruhenden männlichen Über-Ichs durch weibliche Werte wie Konsens und Kompromiss ist auch im Kulturbetrieb zu beobachten. Das von Judith Hermann personifizierte "Fräulein-Wunder" der deutschen Literatur ist hierfür nur ein Symptom.
Vor Kurzem leitete ich eine Werkstatt für kreatives Schreiben an der Tübinger Universität. Neun der elf Teilnehmer waren Frauen, ein Zahlenverhältnis, das ähnlich in germanistischen Seminaren wiederkehrt, auch wenn unter denen, die ihr Studium mit der Promotion abschließen, der Anteil der Männer höher liegen soll. Nicht nur Germanistik- und Komparatistik-Studenten, auch die Produzenten und Konsumenten der Belletristik sind heute vorwiegend weiblichen Geschlechts - ganz zu schweigen von Lektoren und Literaturagenten.
Dieses Phänomen ist nicht allein auf den deutschen Sprachraum beschränkt. Vor zehn Jahren entkorkte mein französischer Verleger eine Flasche Champagner, um einen Erfolg zu feiern, dessen Bedeutung ich damals nicht verstand: "Figaro-Femme", die Frauenbeilage der Tageszeitung "Le Figaro", hatte ein langes Interview mit Fotos von mir veröffentlicht, und dies, erklärte mir Monsieur Fasquelle, habe größeren Einfluss auf den Verkauf meiner Bücher als eine positive Kritik in "Libération" oder "Le Monde", weil Romane in Frankreich überwiegend von Frauen gelesen würden.
Damit waren keine so genannten Frauenromane gemeint, sondern ernsthafte Literatur, denn zusammen mit den Dienstmädchen sind auch die Gartenlauben-Romane ausgestorben. Aber selbst in Frauenzeitschriften wie "Brigitte" wird heute Belletristik rezensiert, und die Redaktion vergibt einen von Bodo Kirchhoff - einem Mann - gestifteten Preis für die beste Kurzgeschichte, dessen GewinnerInnen (hier stimmt die hässliche Endung!) in den Medien wohlwollende Beachtung finden. Dagegen ist nichts einzuwenden. Die Frage ist nur, ob und wie die weibliche Hegemonie sich im Endprodukt, dem literarischen Text, niederschlägt.
Statt einer Antwort eine Anekdote. Im vergangenen Winter diskutierte ich mit der Vizepräsidentin des Bundestages über mein neues Buch, eine Sammlung von Kriegsreportagen, die unter dem Titel "Blut im Schuh" in der Anderen Bibliothek bei Eichborn erschienen ist. Antje Vollmer ist eine kluge Frau; sie ist mit dem Herausgeber der Anderen Bibliothek, Hans Magnus Enzensberger, befreundet, und vielleicht geht ihr deshalb der Ruf voraus, mehr von Literatur zu verstehen als andere Politiker. Trotzdem kam sie zu spät und hatte mein Buch gar nicht oder nur in Auszügen gelesen. Mehr als dieser entschuldbare Umstand überraschte mich ihre Unkenntnis (die bis zu körperlich spürbarer Abneigung ging) gegenüber der von Männern bestimmten Welt, die ich in meinen Reportagen schilderte. Psychologisch verständlich, vielleicht sogar ehrenwert - aber eine Vorkämpferin der Friedensbewegung vom Range Antje Vollmers sollte doch neugierig sein auf das, was sie so heftig ablehnt und mit allen Mitteln zu verhindern sucht.
Statt dessen herrschte Ratlosigkeit, die unser Gespräch wie Mehltau überzog: Politischer Streit ist nur möglich, wenn es einen gemeinsamen Bezugsrahmen gibt.
Nicht nur männlich besetzte Themen wie Krieg und Gewalt fallen unter das weibliche Artikulationsverbot, auch formale Experimente und schwer verständliche Texte haben keine Chance gegen eine von Frauen produzierte Wohlfühl-Literatur, die nett und flüssig geschrieben, aber an Harmlosigkeit kaum zu überbieten ist.
Wellness heißt das Modewort dafür. Diese Art von Literatur spielt in einem luftleeren Raum, einer klassenlosen Gesellschaft, deren Protagonisten - junge Frauen aus der Mittelklasse zumeist - keinen Gedanken darauf verschwenden, dass die geschilderten Konflikte (in der Regel Beziehungsprobleme) eine überindividuelle, gesellschaftliche Dimension aufweisen. Die historische Erdung des Textes fehlt, und die einzige Neuerung besteht darin, dass das erotische Begehren sich nicht nur auf das fremde, sondern auch aufs eigene Geschlecht richten kann. Aber auch das ist nicht wirklich neu, denn lesbisch oder schwul zu sein, ist derzeit "in".
Viktor Schklowski schrieb, dass die Kunst die Aufgabe habe, die Wahrnehmung zu erschweren und ihre Dauer zu verlängern, um ein Sehen zu ermöglichen, das mehr als bloßes Wiedererkennen ist. Dieser Satz, der von Kafka und Brecht bis zu Joyce und Proust der gesamten Moderne zugrunde lag, gilt heute nicht mehr. An seine Stelle ist ein windschlüpfriges Erzählen getreten, das sein selbstgesetztes Ziel auf schnellstem Weg erreicht, ohne dass unter dem Strich ein inkommensurabler Rest verbliebe: also jenes Rätsel, das bedeutende Kunst und Literatur von trivialer Unterhaltung unterscheidet.
Es gibt einen nahe liegenden Einwand gegen meine Argumentation: Die Klage über den Niedergang der Kultur ist genauso alt ist wie diese selbst - und gegenwärtig wird sie eher durch einen literarischen Paradigmenwechsel bedingt als durch die Machtübernahme des Matriarchats. Die Kunstmittel der klassischen Moderne (Auflösung der Erzählperspektive, Montage von Realitätspartikeln und Verfremdung des Blicks) lösen keinerlei Erkenntnisschübe mehr aus. Sie haben die ihnen einst innewohnende Provokation längst eingebüßt und sind in die Werbe- und Fernsehästhetik abgewandert, wo der surrealistische "Choc" zur gängigen Münze geworden ist; die formalen Neuerungen der Avantgarde sind längst Bestandteil industriell produzierter Videoclips. Trotzdem ist die Frage berechtigt, ob den Klassikern der Moderne Schriftstellerinnen zur Seite gestellt werden können, deren Werke an Tiefgang und Komplexität dem "Ulysses" von Joyce oder der "Recherche" von Proust ebenbürtig sind - und falls dem nicht so ist - ob der Hinweis auf die jahrhundertelange Diskriminierung von Frauen zur Erklärung dieser Tatsache genügt. 1986, beim Kongress des Internationalen PEN in New York, hat Norman Mailer diese Frage verneint und wurde deshalb von seinen weiblichen und männlichen Kollegen als Sexist an den Pranger gestellt. Kein Zweifel: Mailer, der nach eigenem Bekunden lieber Boxer als Schriftsteller geworden wäre, ist ein notorischer Macho und agent provocateur, aber er gehört zum Urgestein der amerikanischen Literatur, und sein Verstoß gegen die political correctness war genau kalkuliert, obwohl es diesen Begriff damals noch nicht gab. Er schätze die Bücher von Susan Sontag und Nadine Gordimer, die neben ihm auf dem Podium saßen, sagte Mailer damals sinngemäß - aber die Spitzenleistungen der Literatur aller Zeiten und Völker seien von Männern geschaffen worden: Homer, Dante, Shakespeare.. . . der Rest seiner Rede ging in Pfiffen und Buhrufen unter.
Der von Männern dominierte Kanon der Literatur wird heute nicht allein von Frauen in Frage gestellt, und es herrscht Einigkeit darüber, dass er wie andere kulturelle Übereinkünfte revidiert werden muss. Gegen eine Ausweitung des Kanons durch Einbeziehung ethnischer Minderheiten und mündlich überlieferter Literatur ist nichts einzuwenden. Aber es ist verlogen, wenn in den Lehrplänen der in den USA florierenden "Cultural Studies" Pidgin-English gleichberechtigt neben Altgriechisch oder Hebräisch steht und afro-amerikanischen Frisuren derselbe künstlerische Rang zuerkannt wird wie der Bibel oder den Epen Homers.
Jeder Kanon, wie auch immer er geartet sei, beruht auf einer vertikalen Hierarchie, einem Wertesystem, um das niemand sich herumdrücken kann, indem er (oder sie) heterogene Kulturphänomene horizontal aneinanderreiht. Aber das ist ein weites Feld, wie Effi Briests Vater zu sagen pflegt - einem von einem weißen Mann verfassten Meisterwerk der europäischen Literatur.
(Artikel erschienen in der WELT am 12. Jul 2003)

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Huch, sie schreibt!
Warum beleidigte Männer Angst nicht nur vor starken Frauen haben
Sabine Christiansen setzte sich in ihrer Talkshow mit Hillary Clinton und Angela Merkel in eine traute Runde - und das deutsche Feuilleton entdeckte die Macht der Frauen. Zuletzt sorgte sich der Schriftsteller Hans Christoph Buch in der Literarischen WELT (12. Juli) um die Folgen eines Härte und Aggressivität verdrängenden Matriarchats insbesondere für die Literatur: "Auch formale Experimente und schwer verständliche Texte haben keine Chance gegen eine von Frauen produzierte Wohlfühlliteratur". Die Publizistin Cora Stephan antwortet.
Beim Anblick von Sabine Christiansen an "Männerdämmerung" denken - das hat was. Zugegeben: Auf die Idee wäre unsereins nicht gekommen. Da muss schon ein Mann her und ein deutsches Intelligenzfeuilleton, um Sensationelles zu verkünden: Die Frauenbewegung hat gesiegt im politischen Leben Deutschlands. Die Männer dürfen zwar noch den Kommentar aufsagen, die Kommunikationsinstanzen, die Vermittlerinnen aber sind heute Frauen. Allein optisch ist da was dran, zumindest, wenn man fern und dabei zusieht, wie Sabine Christiansen jüngst eine womöglich künftige US-Präsidentin und eine vielleicht künftige Bundeskanzlerin empfing. Beide gaben sittsam Auskunft. Das ist schön, wäre aber nichts ohne die Frauenpower, die seltener öffentlich wird, ohne die mächtigsten Frauen der Republik, die mal als Kindermädchen, Telefonistin oder Schauspielerin anfingen und schließlich als jüngere Frau an seiner Seite beziehungsweise als Witwe des Patriarchen das Erbe der Aufbaugeneration angetreten haben. Sie heißen Friede Springer, Liz Mohn und Ulla Berkewicz und verfügen zusammen über ein Kommunikationsimperium, das über politische und geistige Orientierung gebietet oder es doch zumindest könnte. Der Schmerzensschrei von Seiten der Männer ist überraschend müde, selbst der in jenem normalerweise vom Bubengeist bestimmten Frankfurter Feuilleton, das sich noch jüngst im Geist der Zeit vertan hat, als es ausgerechnet Alice Schwarzer den denkenden Frauen Deutschlands als Repräsentantin andiente. Nun, vielleicht beklagt man sich als Journalist besser nicht über die "sensationelle" weibliche Akkumulation der Macht, wenn man die eine oder andere Großverlegerin noch brauchen könnte. Und die neue Großkritikerin Elke Heidenreich macht Quote und Umsatz, das leuchtet jedem Mann ein. Doch die Gegenseite geht mit der Sensation ähnlich vorsichtig um: Weibliches Triumphgeheul vernimmt man nicht. Weil wahre Macht still voranschreitet und die Damen sich längst, nach Art der Männer, in einer Seilschaft über die künftig zu kommunizierende Linie verständigt haben? Oder weil alle anderen Frauen der Republik längst nicht mehr von Frauenpower träumen? Denn Frauen an der Macht gelten nicht nur männlichen Chauvis als untrügliches Zeichen einer zerfallenden Gesellschaft - oder mindestens als Erscheinungsform der "männlichen Melancholie" (Ursula März). Auch unsereins weiß eben, wie oft sie Ausputzerinnen der Geschichte waren, die Frauen, deren Stunde schlägt, wenn die Männer nicht mehr können. Sie räumen die Trümmer weg, ordnen die Bilanzen und die Verhältnisse, machen alles schön übersichtlich, bis das männliche Genie wieder Kraft hat, sich in die Bresche zu werfen und zu erschaffen, wo Frau bloß verwaltet hat. Wenn Frauen aufsteigen, beginnt der Niedergang des Gemeinwesens. Tatsächlich passen die Physiognomie und das Auftreten der öffentlichen mächtigen Frauen zu dieser gründlich chauvinistischen These. Sie haben keine Ähnlichkeit mit den Furcht erregenden Matronen Golda Meir, Maggie Thatcher oder Madeleine Albright, in deren Augen die Lust an der Macht funkelte und das Vermögen, auch böse zu sein, wenn's nötig ist. Also: Männer wie du und ich, alt, hässlich und unsexy. Hillary Rodham Clinton, Angela Merkel, Sabine Christiansen und all die anderen sehen dagegen patent aus, tüchtig, korrekt und brav, kurz, sie geben sich Mühe, den Männern die Furcht vor Frauen zu nehmen, die nicht nur gut aussehen, sondern auch noch Verstand besitzen. Sie sind, so spitzt es Ursula März zu, die Chefsekretärinnen, die in dessen Abwesenheit den Job vom Boss gleich mit erledigen. Diese Frauenmacht entsteht aus der Ohnmacht der Männer; sie ist kein Symbol des Aufbruchs, sondern des gesellschaftlichen Stillstands, in dem man, wenn es gut geht, Atem schöpft. Diese These ist gemein. Aber nicht nur. Noch heute verlieren Berufe, in denen die Frauen zu dominieren beginnen, an Marktwert. Was Frauen haben, wollen Männer nicht mehr, und auch die weniger braven Töchter streben nicht nur dahin, wo Mutti schon sitzt. Wenn Frauen die Agenda bestimmen, suchen sich Männer den nächsten Kriegsschauplatz. So jedenfalls scheint Hans Christoph Buch zu empfinden, der Einzige, der sich wirklich zu fürchten scheint vor der neuen Frauenpower, mit der er Wirklichkeitsferne und Subjektivität, Gefühligkeit und Desinteresse verbindet. Halten wir ihm zugute, dass er zu Recht die Wahrnehmungsfaulheit in diesem Lande beklagt, in dem gern ausgeblendet wird, was nicht in den politisch korrekt abgesteckten Rahmen passt. Das gilt insbesondere für Krieg und Gewalt, Themen, die noch immer unbeliebt sind, friedensbewegt, wie man hier zu Lande nun mal ist - ich kann über die vollautomatische Abwehr ungeliebter, gleichwohl existierender Wirklichkeit ebenfalls mein Liedchen singen. Dass hier ein "weibliches Artikulationsverbot" vorliege, kann ich indes nicht bestätigen - mich verblüfft vielmehr die opportunistische Allianz zwischen einer wirklichkeitsscheuen "Generation Golf", männlich, und dem, was diese Männer Frauen an flauschig-weichem Feminismus unterstellen. Es ist seltsamerweise auch das, was Buch den Frauen unterstellt, wenn es um ihre Rolle als Kommunikationsagentinnen geht, also: als Verlegerinnen, als Kritikerinnen, als Autorinnen. Sie pflegen ihre Wahrnehmungsschwäche, wollen es nicht schwer haben, arbeiten sich nicht ab an guter Literatur, sondern sie lesen und sie schreiben harmlose Wohlfühlliteratur, behauptet er. Namen werden nicht genannt, muss man ja auch nicht, es handelt sich gewiss um die üblichen Verdächtigen, über deren Handwerk man streiten, über deren Erfolg man indes nicht rechten kann. Denn unter Marktgesichtspunkten ist an der These von der Feminisierung, vulgo: Hausfrauisierung, der Literatur ja etwas dran. Frauen bestimmen den Buchmarkt auch als Käuferinnen, und so mag sich manch Dichter davor fürchten, dass künftig nur noch Kuschelliteratur reüssiert - von Frauen für Frauen geschrieben, von Frauen verlegt, von der neuen Literaturpäpstin Elke Heidenreich angepriesen - und sich jetzt schon nach den Zeiten sehnen, in denen im "Literarischen Quartett" auch mal ordentlich geschweinigelt wurde. Ja, unter Marktgesichtspunkten liegt Paranoia nah: Es sind nun mal Frauen, die Bücher kaufen. Männer ziehen erwiesenermaßen kultiviertere Lektüre vor wie Computerzeitschriften und Tittenmagazine. Ach je. Kennen wir die Debatte nicht zur Genüge, ganz ohne die neue sensationelle Frauenmacht? Es ist der übliche Aufschrei der Künstler, Literaten und Architekten, die sich, wenn man sie nicht liebt, hinter ihr Kunstwollen zurückziehen, durch das sie sich legitimiert glauben. Ist es nicht des Künstlers primäre Aufgabe, mit dem Gewohnten zu brechen, die verkrusteten Strukturen aufzusprengen, herauszufordern, sperrig zu sein, Mühe zu machen? Spätestens seit den sechziger Jahren? Wer den unermüdlichen Volkspädagogen das Spiel verdirbt, sind die Käufer leichtgängiger Ware, die Konsumenten in eskapistischer Absicht, die Unterhaltung und Entspannung erwarten, wo doch die ernste Arbeit am Text gefordert ist. Die Frauen eben. Und triumphierend wedelt Buch mit dem letzten, dem schlagenden Argument: Kein Werk moderner Schriftstellerinnen reicht an den "Ulysses" von James Joyce oder an die Proustsche "Recherche" heran. Natürlich nicht. Übrigens hört man auch auf männlicher Seite nichts von einem neuen Shakespeare. Dante. Homer. Man verzeihe der denkenden Leserin die Befürchtung, es hier mit einer höchstpersönlichen Männerdämmerung zu tun zu haben, die sich zur These aufschwingt. Denn wir wissen doch alle: Wenn ein Dichter sein Publikum nicht findet, muss das nicht am Publikum liegen. Schade ist nur, dass die These von der trashigen Verweiblichung der Literatur das eigentlich interessante Thema verfehlt: Wie es hier zu Lande eigentlich um die Literatur bestellt ist, wenn Autoren in den Feuilletons schon dafür gelobt werden, dass sie die indirekte Rede beherrschen. Oder wenn Judith Herrmanns Befindlichkeitsprosa und Inka Pareis nicht ganz ungeschickte Fingerübungen bereits als literarische Ereignisse gelten. Mal ganz zu schweigen von Medienhypes wie dem "Fräuleinwunder", das sich dem verständlichen Wunsch älterer Männer verdankte, auch einmal etwas anderes als ihresgleichen abgebildet zu sehen - das Auge liest mit! - und dessen Protagonistinnen unter Mitnahme hoher Vorschüsse längst in der Versenkung verschwunden oder einfach Schriftstellerinnen geworden sind. Vielleicht ist ja alles ganz anders - vielleicht leidet die Literatur in Deutschland nicht an ihrer Feminisierung. Vielleicht leiden wir höchstens alle gemeinsam am weiten leeren Feld zwischen Kuschelbuch und Weltliteratur, das Verleger und Käufer deshalb mit Importware füllen, die hat, was man hier vermisst. Welthaltigkeit, nennen das einige. Geschichte. Erfahrungsbreite. Spannung. Und nicht zuletzt Unterhaltungswert. Unterhaltungsliteratur aus Deutschland, die an das heranreichte, was uns im angelsächsischen oder auch nordischen Sprachraum begegnet, ist hier zu Lande noch immer Mangelware, obzwar das Umfeld überaus günstig ist. Verlage dürsten nach Autoren und Autorinnen, die ihnen ersparen, Furcht erregend hohe Lizenzgebühren für amerikanische Importe zu zahlen. Dass ihr Werben so oft verhallt, liegt vielleicht gar nicht so sehr am Können oder Nichtkönnen bundesdeutscher Autoren, sondern am Minderwertigkeitskomplex, mit dem sie sich plagen und der sie daran hindert, ihren niederen Trieben nachzugeben und zu erzählen, statt bedeutungsschwanger zu raunen. Was hätte aus einem Krimi des für dieses Genre durchaus begabten Bodo Kirchhoff werden können, wenn er die Gattung ernst genommen hätte statt die ironische Distanz schon im Titel - "Schundroman", na klar - zu annoncieren! Der missgünstige Spruch "Cash dank Trash", also Erfolg gleich Bedienen des untersten Massengeschmacks, gibt eine gehörige Publikumsverachtung preis und ist doch meistens nur Behelf, wenn das eigene Genie verkannt bleibt. Denn es gibt durchaus ein Bündnis zwischen Publikum und "guter" Unterhaltungsliteratur, wie sich im Falle einer Joanne K. Rowling erweist, die selbst im deutschen Feuilleton Gnade findet. Eine Kinderbuchautorin! Und was zeichnet sie aus? Nicht nur Idee und Inspiration, sondern solides Handwerk. Eine geschickte Dramaturgie. Lebendige Charaktere. Witz. Ingredienzien, die keine Weltliteratur ausmachen, aber im Kuschelbuch nicht zu finden sind. Solange die Schriftsteller hier zu Lande ihr Publikum belehren wollen, statt es zu verführen, hat das heitere Frauenbuch zum Mitlächeln leichtes Spiel, weil man dort wenigstens nicht behelligt wird von den ungeschickten Annäherungsversuchen der vom Bubenfeuilleton favorisierten jungen Streber. Für uns andere Leserinnen gibt es ja noch die dicken Schinken aus dem Ausland. Ist ja im Grunde auch nicht weiter schlimm.
Cora Stephan, Publizistin in Frankfurt am Main, veröffentlichte zuletzt "Das Handwerk des Krieges". Unter dem Pseudonym Anne Chaplet legt sie mit "Schneesterben" im Spätsommer ihren fünften Krimi, pardon: Roman, vor.
(Artikel erschienen in der WELT am 19. Jul 2003)
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Kennwort Y
Von Frank Schirrmacher

21. Juli 2003 In der Zeitung "Die Welt" klagt ein Mann. Es ist der Schriftsteller Hans Christoph Buch. Er beklagt dort das neue Matriarchat in der Kultur (das hier unlängst nur diagnostiziert, aber nicht betrauert wurde). Man muß Buchs Artikel gar nicht klug oder auch nur gut finden; es genügt festzuhalten, daß und wie er geschrieben wurde. Und zwar: ganz defensiv, ziemlich beleidigt, sehr resigniert.

Geschrieben aber von einem Kenner. Denn Hans-Christoph Buch ist die Verkörperung des deutschen Literaturbetriebs der letzten vierzig Jahre, er hat an all seinen Fronten gekämpft, alle großen Schlachten geschlagen. Und nun sagt der Mann des Wortes: "Nicht nur männlich besetzte Themen wie Krieg und Gewalt fallen unter das weibliche Artikulationsverbot, auch formale Experimente und schwer verständliche Texte haben keine Chance gegen eine von Frauen produzierte Wohlfühl-Literatur, die nett und flüssig geschrieben, aber an Harmlosigkeit kaum zu überbieten ist. Wellness heißt das Modewort dafür." Und: "Die Verdrängung des auf Härte und Aggressivität beruhenden männlichen Über-Ichs durch weibliche Werte wie Konsens und Kompromiß ist auch im Kulturbetrieb zu beobachten. Das von Judith Hermann personifizierte Fräulein-Wunder der deutschen Literatur ist hierfür nur ein Symptom."

Biologische Aufgabe
Buchs kleiner, verzweifelter Essay ist für uns nur von dialektischem Interesse. Denn ein so wackerer Mann wie Buch, der, Jahrgang 1944, noch heute als vielversprechende Nachwuchshoffnung der deutschen Literatur gelten darf, zeigt uns, was mit den Männern in unserer Kultur los sein könnte. Das Thema flammt nicht zufällig in den Metropolen auf, wie ein Blick in deren Zeitungen lehrt; das Y-Chromosom wird zur Metapher: So hat ein Leitartikel der "New York Times" ("The Shrinking Y") vor wenigen Tagen mindestens acht kontroverse Titel zu den genetischen und soziobiologischen Veränderungen der Männer in den westlichen Gesellschaften gezählt. "Männer", sagt der Genetiker Steve Jones in seinem jetzt auch in Deutschland erscheinenden Bestseller "Y", haben nur eine einzige biologische Aufgabe: Frauen zusammenzubringen.

Die Männer scheinen zunehmend einem sonderbaren Wachstumsstopp zu unterliegen, einer Inhibition, die bei stagnierender Entwicklung den Typus des ewig pubertären Jugendlichen noch mit sechzig Jahren erzeugt. Reden wir nur von den erfolgreichsten Fällen im Kulturbetrieb: Der greise Wolfgang Wagner holt den fast fünfundvierzigjährigen Christoph Schlingensief als seinen jungen Mann nach Bayreuth, und verspricht sich Remmidemmi. Was Wagner Schlingensief, ist den Massen Daniel Küblböck. Florian Illies, der Autor der sensationell erfolgreichen "Generation Golf", läßt sich aus wohlerwogenen Gründen mit Playmobil-Spielzeug fotografieren; der fast ebenso erfolgreiche Schriftsteller und SZ-Autor Axel Hacke spricht in seinen Texten mit seinem Kühlschrank und verschickt Karten, auf denen er mit Puppen spielt. Die Liste ließe sich bis hin zum Guidomobil und den Schuhsohlen des Guido Westerwelle verlängern.

Männliches Über-Ich
Was Buch fast bedauernd die "Verdrängung des auf Härte und Aggressivität beruhenden männlichen Über-Ichs" nennt, ist ein Prozeß, der sich in der Pop-Kultur längst vollzogen hat - Michael Jacksons "Neverland" gehört hierher und Dieter Bohlens "Nichts als die Wahrheit" - und jetzt die letzten Bastionen der traditionellen Hoch- und Medienkultur erreicht. Worin sich die Gesellschaft erkennt, dem verschafft sie Erfolg. So besehen ist es von höchstem soziologischen Interesse, daß es ein Kinderbuch ist, in dem ein heranwachsender Junge die Hauptfigur bildet, das sich in nur fünf Jahren annähernd zweihundert Millionen Mal verkauft hat und seine Autorin zur erfolgreichsten Schriftstellerin aller Zeiten gemacht hat. "Harry Potter" befindet sich in Deutschland schätzungsweise fünfzehn Millionen Mal in Umlauf; vermutlich wird das Buch mittlerweile häufiger von Erwachsenen als von Kindern gelesen und bildet jedenfalls den modernen Identifikationsmythos für ganze Generationen. "Harry Potter ist kein Peter Pan", sagt die Urmutter des Erfolgs, "er ist jetzt voll in der Pubertät. Ich glaube einfach, daß das eine sehr verwirrende Zeit ist. Ja, er ist sehr verwirrt, in einer für Jungen ganz typischen Weise."

Wer sich die Verkaufszahlen dieses jüngsten Werks anschaut (zwei Millionen Exemplare an einem Tag), muß sich fragen, ob Harry Potter, ein Dorian Gray des Alters, nicht deshalb wächst, damit seine Leser nicht wachsen müssen. Er muß sich fragen, ob zwischen Playmobil und Hogwart, nicht eine evolutionäre Strategie entsteht, die jenes atavistische männliche Über-Ich dadurch unterläuft, daß man nicht mehr erwachsen wird: der pubertierende Jugendliche als Romanheld, als Opernregisseur, als Künstler - das ist der genaue Ausdruck dieses Bedürfnisses. Die Massenkultur des Pop hat das seit Jahren gleichsam stellvertretend vorgelebt; die Häuser der männlichen (!) Stars sehen aus wie große Spielplätze für kleine Jungs. Jetzt tauchen plötzlich Spielkameraden aus den klassischen Bereichen der Gesellschaft auf: aus der Kultur, der Politik und auch schon der Wirtschaft.

Weitere zehn Jahre Pubertät
Anne Nacey Maggioncalda hat in einer Studie, die vor einigen Monaten im "Scientific American" erschien, den sogenannten Peter-Pan-Effekt bei Orang-Utans untersucht. In Orang-Utan-Populationen, vor allen Dingen in Zoos, wurde festgestellt, daß heranwachsende Männchen oft jahrelang, manchmal ein ganzes zusätzliches Jahrzehnt in der Pubertät verharren und sich nicht weiterentwickeln. Diese Orang-Utans haben nicht nur eine andere Mentalität; sie haben auch einen anderen Körperbau und zeigen mitunter fast bulimistische Syndrome. Das Faszinierende ist, daß der Wachstumsstopp der Orang-Utans offenbar soziale Ursachen hat: andere dominante, voll erwachsene Männchen verursachen die ewige Pubertät. Entfernt man die dominanten Männchen aus dem Käfig oder dem Streifgebiet des Orang-Utans, verwandelt sich Peter Pan: Es wird fülliger, athletischer, mächtiger, streitlustiger. Maggioncalda ist der Nachweis dieser biochemischen Veränderung gelungen.

Warum verharren die Männchen im Stadium der Jugendlichen? "Ein solches Tier", schreibt die Forscherin, "wirkt auf einen erwachsenen Mann offensichtlich nicht bedrohlich, sondern kindlich harmlos. Wie die Hormonwerte andeuten, erspart sich der Jugendliche mit seiner Strategie eine Menge Ärger".

Es sind nicht die Patriarchen, gegen die sich die jungen Männer unter den Menschen behaupten müssen. Es ist die Gesellschaft, die im Begriff ist, sich von ihren patriarchalischen Vorstellungen zu lösen, und jene "Verwirrung von Jungen" schafft, die auch Frau Rowling spürte. Die evolutionäre Strategie lautet: nicht erwachsen zu werden. Die Betreuung der Gesellschaft, die die Ausbildungszeit bis zum dreißigsten Lebensjahr streckt, ist längst die eines Zoos. Im Käfig liest man Harry Potter. Der wird erwachsen, während man selbst jung bleibt. Oder auch nicht. "Woher wollen Sie wissen", fragte die erfolgreichste Schriftstellerin aller Zeiten, "daß Harry dann noch am Leben ist?"

(Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.07.2003, Nr. 166 / Seite 31)

Re: Deutsches Sommer-Feuilleton

Jeremin, Sunday, 03.08.2003, 00:06 (vor 8222 Tagen) @ Nick

Als Antwort auf: Deutsches Sommer-Feuilleton von Nick am 01. August 2003 23:24:48:

Ein toller Text. Frauen werden also immer überlegener. Warum auch nicht, die Entwicklung probiert halt alles mal aus. Aber eines ist sicher. Die scheinbare Überlegenheit des Weiblichen kommt nur in einer Gesellschaft zum tragen, in der es einigermaßen fair zugeht. Das heißt, solange die Resourcen halbwegs gleich verteilt werden können, was wiederum voraussetzt, dass genügend Resourcen da sind. So bald es knapp wird und die Leute sich wegen elementarster Bedürfnisse an die Kehle gehen, sieht es wieder anders aus. Und solange ein Mann einen Nahkampf gegen zehn Frauen locker gewinnt, mache ich mir langfristig keine Sorgen um den Bestand des Männergeschlechts. So arschkriecherisch sich auch viele jetzt gebärden mögen.

JM

Re: Deutsches Sommer-Feuilleton

Jolanda, Monday, 04.08.2003, 22:33 (vor 8220 Tagen) @ Jeremin

Als Antwort auf: Re: Deutsches Sommer-Feuilleton von Jeremin am 02. August 2003 21:06:40:

Ein toller Text. Frauen werden also immer überlegener. Warum auch nicht, die Entwicklung probiert halt alles mal aus. Aber eines ist sicher. Die scheinbare Überlegenheit des Weiblichen kommt nur in einer Gesellschaft zum tragen, in der es einigermaßen fair zugeht. Das heißt, solange die Resourcen halbwegs gleich verteilt werden können, was wiederum voraussetzt, dass genügend Resourcen da sind. So bald es knapp wird und die Leute sich wegen elementarster Bedürfnisse an die Kehle gehen, sieht es wieder anders aus. Und solange ein Mann einen Nahkampf gegen zehn Frauen locker gewinnt, mache ich mir langfristig keine Sorgen um den Bestand des Männergeschlechts. So arschkriecherisch sich auch viele jetzt gebärden mögen.

---Dein Wort in Gottes Ohr, ich hoffe es sehr, dass du Recht hast!

Es grüsst dich
Jolanda

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