Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Gewerkschaften - Feminismus - Arbeitnehmerinnen-Interessen

Lars, Tuesday, 29.07.2003, 15:24 (vor 8226 Tagen) @ Andreas

Als Antwort auf: bemerkenswerte Antwort vom DGB zum Thema "Gleichstellung" von Andreas am 28. Juli 2003 15:35:26:

Als jemand, der relativ gewerkschafts-freundlich eingestellt ist, hab ich mal versucht, die Motivation hinter dem Aktionsprogramm zu verstehen:

Ich denke, wenn der DGB ruft: "Frauen rein in Männerberufe und Führungspositionen!", dann geht es ihm dabei in erster Linie um "Frauen rein in den DGB!" Denn die "klassischen", überwiegend von Männern ausgeübten DBG-Berufe (Bergarbeiter, Metallfacharbeiter) sterben lang- wenn nicht gar mittelfristig aus, und die modernen, postindustriellen Arbeitnehmer-Tätigkeiten werden zu einem immer größeren Teil auch von Frauen ausgeübt. Der DGB muß also verstärkt in diesen Bereichen und damit auch verstärkt unter Arbeitnehmerinnen Einfluß gewinnen. Da Frauen aber traditionell schwerer in die Gewerkschaften reinzukriegen sind, schien hier eine eine betont "frauenfreundliche" PR angesagt.

Soweit erstmal war dieses Aktionsprogramm durchaus im Sinne der überwiegend männlichen DGB-Führungskreise, die es ja abgesegnet haben müssen. Die konkrete, praktische Ausgestaltung überließen die Herren dann natürlich dem verbands-internen Frauenklüngel: "Ist doch irgendwie deren Steckenpferd, sollen die sich da mal austoben."

In einem "Frauen- und Gleichstellungsreferat" geht es dann aber freilich etwas ideologischer zu. Dort, weit ab der Niederungen handfester Interessen-Vertretung und Tagespolitik, geht es nicht so sehr um die Masse der tatsächlichen Arbeitnehmerinnen (und die durchschnittlichen weiblichen DGB-Mitglieder) mit ihren selbstgewählten Berufen, sondern um die "eigentlich" wünschenswerten Powerfrau-Arbeitnehmerinnen, die natürlich alle in Männerbrerufe und Führunspositionen streben.

Und am Ende sieht es dann so aus:

- Die überstundengeplagte Krankenschwester will sich im nächsten DGB-Büro mal zum Thema Überstunden-Abbau informieren. Als allererstes kriegt sie jedoch stolz eine Broschüre präsentiert, in der angeprangert wird, das so wenig Frauen Informatikerinnen und Finanzcontrollerinnen werden. Sie runzelt die Stirn: "Hmmm, mag sein ... aber was hat das mit mir zu tun?"

- Der ständig übernächtigte und unfallgefährdete LKW-Fernfahrer schneit irgendwann doch mal beim DGB rein, um zu sehen was die Gewerkschaften in puncto Arbeitsschutzbestimmungen für LKW-Fernfahrer unternehmen könnte und ob es vielleicht doch was bringen würde, da einzutreten. Während er auf einen Ansprechspartner wartet, fällt sein Blick auf ein Plakat: "Mehr Frauen in Männerberufe!" Er grinst ungläubig: "Ich hab noch nie eine Frau gesehen, die Fernfahrerin werden wollte."

Fazit:

- Der DGB agitiert mit solchen Aktionsprogrammen an seiner tatsächlichen Klientel vorbei.

- Und in den Berufen der Zukunft wird es von ganz allein einen höheren Frauenanteil geben.

- Die Frauen, die dabei tatsächlich in Führungspositionen streben, werden logischer Weise mit Gewerkschaften wenig am Hut haben.

- Ich glaube nicht, daß wegen solcher Aktionen mehr Arbeitnehmerinnen in die Gewerkschaften gehen.


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