Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Fundstücke aus Illustrierten (2)

Frank, Sunday, 27.07.2003, 20:01 (vor 8228 Tagen)

Gefunden im Gong, Heft 28, Seite 10:

Die Freiheit, die ich meine
Jahrhundertelang mussten Frauen ihre Lust verstecken. Das ist heute anders. Der inszenierte Tabubruch wurde von Stars wie Madonna vorgelebt - und von jüngeren Frauen fleißig kopiert. Auf die neue sexuelle Freiheit der Frau reagiert jetzt auch das Fernsehen

Der Sommer bringt es an den Tag: Der Rocksaum rutscht höher, der Ausschnitt wird tiefer. Schon bei den Allerjüngsten endet das 'T-Shirt knapp unter dem Busen, und in den Stadtparks fallen die Hüllen auch schon mal ganz. Erotik liegt in der Luft. Auch im Fernsehen wird es im Sommer ziemlich heiß. Das ZDF stellt seine neue Filmreihe unter das Label „Sommernachtsphantasien 2003" ,Premiere verspricht einen „Sexy Sommer"; so viel Offenherzigkeit im Hauptprogramm war nie.
Besonders weibliche Zuschauer schalten bei den prickelnden Liebesfilmen ein. Nachdem Frauen ihrer Lust jahrhundertelang die Zügel anlegen mussten, um nicht als unmoralisch und sexbesessen zu gelten, gibt es heute ein neues Selbstverständnis in Sachen weibliche Sexualität. Filmautorin Sylvia Nagel entdeckte in ihrer jüngst auf Arte gezeigten Reportage „Die neue Lust der Frauen" - und stellte Künstlerinnen vor, die diese Lust in ihren Werken dokumentieren. So wie die israelische Schriftstellerin Zeruya a Shalev - in ihrem Roman „Liebesleben" schildert sie die Geschichte einer wilden Obsession und durchbricht Tabus.
Starke Frauen stehen auch im Mittelpunkt der ZDF-Filmreihe, die neue Produktionen mit Kino-Klassikern mixt. „Nachdem in früheren Erotikfilmen Frauen fast nur als Objekt männlicher Begierde gezeigt wurden", sagt ZDF-Redakteur Manfred Etten, „sind sie heute zu handelnden Subjekten geworden." So mischt in dem Film "Jade" (14.7.) Linda Fiorentino als Luxus-Callgirl die High Society von San Francisco auf; in „Striptease" (11. 8.) geht Demi Moore in einer traditionell von Macho-Männern beherrschten Welt ihren Weg; und Madonna lässt in „Body of Evidence" im September laut Etten, „die Männer wie Marionetten an ihren Fäden zappeln".
Mit Madonna ging im Übrigen auch alles los. Hemmungslos präsentierte sie auf der Bühne ihre Weiblichkeit und gab das Leitmotto aus: „Safe Sex". Die deutsche Luder-Liga zog nach. So tönte n-tv-Moderatorin Ariane Sommer: „Guter Sex ist, wenn es keine Tabus gibt!" Model Giulia Siegel stellte klar: „Mein Sexspielzeug ist mein Mann." Und das „blonde Gift" Barbara Schöneberger gesteht: „Sex ohne Tabus ist mein Laster."
„Frauen sind triebhaft. Sie sind sogar sehr triebhaft", sagt die Oldenburger Psychologin und Autorin Gisela Runte in der Zeitschrift „Psychologie heute'". Sie suchte treue Frauen für ihr neues Buch „Wie Frauen fremdgehen" und war überrascht von der riesigen Resonanz. „Es geht den Frauen darum, zur eigenen Sexualität zu finden", sagt sie. „Und Gefühle zu empfinden, die lange brachlagen."
„Warum den Orgasmus dem Zufall überlassen?", fragt provozierend Erotikautor Susan Heat („Wild und weiblich") und fordert: „Nehmen Sie die Zügel in die Hand und geben Sie die Richtung an!" Susan Heat veranstaltet Workshops und „Erotische Zirkel", in denen Frauen nicht nur über ihre erotischen Fantasien sprechen können, sondern auch lernen, diese zu Papier zu bringen. Und sie gibt VHS-Kurse zum Thema Orgasmusfähigkeit. „Frauen sollen lernen, sich zu iher sexuellen Lust zu bekennen und ihre inneren Barrieren überwinden", meint Heat. Ihre Kurse sind übrigens bestens besucht. Besonders im Sommer. Juliane Nitzke

Woher wissen diese Klugscheisserinnen eigentlich immer, dass die Lust der Frauen jahrhundertelang unterdrückt worden ist? Wenn ich diesen Schwachsinn lese, kriege ich jedesmal die Krise.
Das schlimmste aber ist, dass diese vermeintliche Unterdrückung der weiblichen Lust - wie uns suggeriert wird, bis zum heutigen Tag - als Rechtfertigung dafür dient, "Tabus zu durchbrechen" und "Gefühle zu empfinden, die lange brachlagen". Was das heißt, verrät uns der Artikel auch: „die Männer wie Marionetten an ihren Fäden zappeln" lassen; „Mein Sexspielzeug ist mein Mann"; „Nehmen Sie die Zügel in die Hand und geben Sie die Richtung an!" (Tun Frauen das nicht sowieso immer?)
Und wenn sie dann Bücher schreiben mit dem Titel „Wie Frauen fremdgehen", dann deutet schon der Titel darauf hin, dass es sich hierbei eher um einen Ratgeber handelt. Wenn Frauen fremdgehen, ist das offenbar legitim, denn es geht ja schließlich darum, "zur eigenen Sexualität zu finden". Wie dagegen Fremdgehen von Männern beurteilt wird, darüber kann man sich anhand des Beispiels Oliver Kahn in den einschlägigen Blättchen jede Woche selber ein Bild machen.
Welch elende Doppelmoral! Welch Gipfel der Verlogenheit!

Beschweren kann man sich hier: kontakt@gongverlag.de

Re: Fundstücke aus Illustrierten (2)

Garfield, Monday, 28.07.2003, 13:56 (vor 8227 Tagen) @ Frank

Als Antwort auf: Fundstücke aus Illustrierten (2) von Frank am 27. Juli 2003 17:01:03:

Hallo Frank!

Daß Frauen ihre Sexualität jahrtausendelang unterdrücken mußten, ist auch wieder so ein modernes feministisches Märchen. Tatsächlich galten Frauen in früheren Zeiten grundsätzlich als das lustbetontere Geschlecht. Daher ja auch die Geschichte von Eva, die Adam zur Sünde verführt (und nicht etwa umgekehrt).

Im Mittelalter gab es ein Lied, in dem geschildert wurde, wie ein fahrender Ritter am Straßenrand eine Frau trifft. Sie verführt ihn, und sie haben 5mal (!) nacheinander Sex. Als sie noch ein sechstes Mal möchte, versagt auch die offenbar durchaus gute Potenz dieses Ritters, er muß also passen und zieht unter dem Spott der Frau weiter.

Irgendwo im mittelalterlichen Griechenland hat mal ein Graf eine Stadt erobert. Da die Bewohner der Stadt ihm dabei heftigen Widerstand geleistet hatten, befahl er aus Rache dafür, alle männlichen Einwohner zu kastrieren. Daraufhin wurde eine Delegation von Frauen aus dieser Stadt bei ihm vorstellig. Sie sagten, er könne ihren Männern ja Ohren oder Nasen abschneiden lassen, ihre Hoden jedoch dürfe er nicht entfernen lassen, denn die würden ihren Frauen gehören und wären zum Vergnügen der Frauen und für den Kindersegen da.

Unter dem Einfluß der katholischen Kirche ging es dann bald wesentlich prüder zu, aber das betraf Männer und Frauen gleichermaßen. Ehebruch war auch für Männer strafbar. Es gab Fälle, in denen man auch den Geliebten einer Ehebrecherin gefaßt hatte. Die Strafe konnte dann z.B. so aussehen, daß die beiden nackt aufeinander gebunden, so in ein Erdloch auf Dornengestrüpp gelegt, anschließend mit einem Pfahl durchbohrt und dann noch lebend verscharrt wurden. Es waren halt harte Sitten damals, aber das betraf eben auch Männer.

Im 19. Jahrhundert gab es nicht mehr so drakonische Strafen für Ehebrecher(innen), aber insbesondere in den höheren Kreisen konnte man sich durch eine Scheidung gesellschaftlich und damit oft auch finanziell komplett ruinieren. Deshalb ließ man sich zwar nur sehr selten scheiden, ging aber trotzdem fleißig fremd. Auch da gab es keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Oft wußten die Ehepartner davon und akzeptierten es oder hatten selbst auch ein Verhältnis. Man muß dabei auch bedenken, daß gerade in den höheren Kreisen damals nur selten aus Liebe geheiratet wurde. Da ging es bei einer Hochzeit meist mehr darum, den Reichtum der Familie zu vermehren oder ein Bündnis mit einem anderen Land zu festigen. Auch das betraf Männer und Frauen gleichermaßen. Auch Männer wurden also in der Regel von ihren Eltern verheiratet oder heirateten selbst aus rein rationalen Gesichtspunkten heraus.

So war es dann auch kein Wunder, daß hinter den Kulissen fleißig fremdgegangen wurde. Nelson hatte ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau, deren Mann davon wußte und es akzeptierte. Als Bismarck in seinen jungen Jahren mal eine Zeitlang weit entfernt von seiner Frau eingesetzt war, legte er sich ebenfalls eine Geliebte zu. Deren Mann wußte ebenfalls davon, akzeptierte es aber. Bismarcks Frau sagte dazu, daß sie möchte, daß er glücklich ist und daß es sie deshalb nicht stört, wenn er ein Verhältnis hat. Von einer englischen Prinzessin wird berichtet, daß sie zuweilen mit einer Dienerin am Fenster beobachtete, wie ihr Mann sich von seiner Geliebten verabschiedete, und daß sie sich dann mit der Dienerin über die Figur dieser Geliebten lustig machte. Die Mutter von Churchill hatte sehr viele Liebhaber. Zeitgenossen schätzten ihre Zahl auf etwa 200. Churchills Vater prügelte schon mal einen dieser Liebhaber aus dem Haus, aber ihm blieb nichts anderes übrig, als es zu akzeptieren. Er selbst war auch kein Muster an Keuschheit und hatte sich bei einer Prostituierten eine Krankheit weggeholt, die schließlich zur Impotenz führte...

Fremdgehen war also schon damals trotz aller gesellschaftlichen Einschränkungen durchaus übliche Praxis, und zwar für Männer und Frauen gleichermaßen. Man redete nur nicht öffentlich darüber.

Das einzige, was sich in den letzten Jahrzehnten geändert hat, ist, daß Fremdgehen bei Frauen zunehmend akzeptiert wird, während ein fremdgehender Mann natürlich weiterhin ein mieses Schwein ist. Auch wenn der eine oder andere Kumpel ihn dann vielleicht für einen ganz tollen Typen hält: Die Mehrheit der Männer und Frauen sieht das anders.

Bei Prominenten zeigt sich das auch deutlich, wie du ja schon festgestellt hast. Ich habe noch nie erlebt, daß prominente Männer wie Boris Becker, die beim Seitensprung erwischt wurden, von den Medien ein Podium bekommen hätten, um ihre Beweggründe dafür darzustellen. Da wurden immer nur Reue und Entschuldigungen akzeptiert und gesendet.

Bei weiblichen Promis, die fremdgegangen sind, sah das etwas anders aus. Die ernteten zwar durchaus auch Kritik, aber sie bekamen immer Podien, um sich zu rechtfertigen und ihr öffentliches Image wieder möglichst gerade zu rücken. Vor kurzem wurde gerade wieder überall berichtet, daß Gina Wild alias Michaela Schaffrath, regelmäßig einen Swingerclub besucht. Dabei wurde immer gleich betont, daß ihr Mann nichts dagegen hat, und in einem Interview konnte sie das zusammen mit ihrem Mann auch klarstellen.

Wenn ein männlicher Promi in einem Swingerclub erwischt worden wäre, dann wäre das sehr viel negativer dargestellt worden. Etwa so wie im Fall Friedmann. Selbst wenn seine Frau dann gesagt hätte, daß es für sie okay ist, wäre das für die Medien noch lange nicht okay gewesen. Die Frau wäre dann als leidende, schwache Person dargestellt worden und der Mann als übles Schwein.

Auch bei ganz normalen Menschen läuft das sehr ähnlich ab. Als allgemein auffiel, daß die Freundin meines Cousins sich etwas zu sehr für andere Männer interessiert, wurde das zwar nicht gerade positiv beurteilt, es kamen aber auch sofort Bemerkungen dazu, daß mein Cousin ja ziemlich viel schlafen würde, so daß da im Bett wohl nicht viel passiert...

Das ist ganz typisch. Da greifen wieder die Klischees vom Mann als ewigem Täter und der Frau als ewigem Opfer. Wenn ein Mann fremdgeht, dann tut er das natürlich, weil er eben ein Mann ist und deshalb von Natur aus gemein, niederträchtig und natürlich auch untreu. Wieso also über andere Beweggründe nachdenken? Daß die werte Ehefrau im Bett vielleicht schon seit 10 Jahren keinen Finger mehr gerührt hat, spielt dann keine Rolle.

Eine Frau dagegen ist ja von Natur aus liebevoll und fürsorglich, also muß sie doch für einen Seitensprung einen Grund gehabt haben. Dann muß ihr Mann sie also ganz furchtbar vernachlässigt haben, ist also quasi selbst dran schuld.

In Frauenzeitschriften wird schon lange darüber diskutiert, wieviele Männer eine Frau wohl gleichzeitig bräuchte, um wirklich glücklich zu sein. Wenn ein Mann dagegen öffentlich bekennt, daß ihm eine Frau nicht reicht, dann ist er gleich ein übler Macho.

Freundliche Grüße
von Garfield


Und in der "Für Sie"

Lars, Tuesday, 29.07.2003, 16:39 (vor 8226 Tagen) @ Frank

Als Antwort auf: Fundstücke aus Illustrierten (2) von Frank am 27. Juli 2003 17:01:03:

Nach Deinem Posting hab ich mal am Kiosk nachgeschaut und bin sofort fündig geworden:

Thema in der aktuellen "Für Sie": "Der heimliche Liebhaber. 5 Gründe dafür, 5 dagegen." Ich hab mal kurz die Gründe dagegen nachgeschlagen:

- Er bedeutet "Mehrarbeit", d. h. kostet Zeit
- Er könnte die Familie gefährden
- Er erfordert Koordinierung = Streß
- (noch irgendwas banal-praktisches)
- UND: Er könnte das Gewissen belasten also "psychisch belasten"; Wohlbemerkt die Frau! Ob es - wenn´s rauskommt - den Mann psychisch belasten könnte - scheint schnurz-piep-egal zu sein.

Andere Gründe dagegen fielen der "Für Sie" nicht ein. Am Ende sollte jede Leserin für sich entscheiden. (Man sollte sich hierbei vergegenwärtigen, daß die "Für Sie" eher zu den braven und biederen Frauenzeitschriften zählt, dann kriegt man vielleicht einen ersten Eindruck davon, wie es im Kopf der "Amica"- oder "Allegra"-Leserinnen aussieht.)

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[Anmerkung: Ich wäre der letzte, der strenge Monogamie predigen würden; nur WENN, dann müssen sexuelle Seitensprünge für BEIDE Seiten erlaubt sein (und sollte auch nicht heimlich stattfinden), und ich frage mich wie die durchschnittliche Frauen reagieren würde, wenn sie in der Wohnung des Partners eine Männerzeitschrift mit einem entsprechenden Ratgeber zum Thema Fremdgehen findet ...]
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Wieder die alte Frage, was man diesbezüglich machen sollte. Ich glaube LesER-Briefe sind bei einer Frauenzeitschrift völlig sinnlos, die müssen ja an ihre Zielgruppe denken. Sinnvoller scheint mir:

- Weibl. Bekannte, die Illustrierte mit solchen Titelstories rumliegen haben, einfach mal mit dieser Doppelmoral konfrontieren.

- Gute Freundinnen bitten, daß SIE mal einen entsprechenden Leserin-Brief schreiben. Und zwar nicht nur an die sich selbt und ihr Geschreibsel wohl ganz "hip" findenden Redakteurinnen, sondern an den VERLAG

Re: Und in der "Für Sie"

Ferdi, Tuesday, 29.07.2003, 17:46 (vor 8226 Tagen) @ Lars

Als Antwort auf: Und in der "Für Sie" von Lars am 29. Juli 2003 13:39:30:

Hallo Lars!

Anmerkung: Ich wäre der letzte, der strenge Monogamie predigen würden; nur WENN, dann müssen sexuelle Seitensprünge für BEIDE Seiten erlaubt sein (und sollte auch nicht heimlich stattfinden)

Dem stimme ich zu, fuege jedoch sofort hinzu, dass nicht nur das, sondern alles, was das Leben so zu bieten hat, Unangenehmes wie auch Angenehmes, fuer beide Geschlechter zu gelten hat. Dann waere sofort die Schaerfe aus der Konfrontation der Geschlechter raus.

Gruss,
Ferdi

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