Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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OT: Arche Noah

Odin, Wednesday, 16.07.2003, 23:25 (vor 8239 Tagen)

Arche Noah im 20. Jahrhundert, oder: Es lebe die Verwaltung

Nach vielen Jahren sah Gott wieder einmal auf die Erde. Die Menschen waren
verdorben und gewalttätig und er beschloss, sie zu vertilgen, genau so,
wie er es vor langer langer Zeit schon einmal getan hatte.

Er sprach zu Noah: "Noah, bau mir noch einmal eine Arche aus Zedernholz,
so wie damals: 300 Ellen lang, 50 Ellen breit und 30 Ellen hoch. Ich will
eine zweite Sintflut über die Erde bringen. Die Menschen haben nichts
dazu gelernt. Du aber gehe mit deiner Frau, deinen Söhnen und deren
Frauen in die Arche und nimm von allen Tieren zwei mit, je ein Männchen
und ein Weibchen. In sechs Monaten werde ich den großen Regen schicken."

Noah stöhnte auf; musste das denn schon wieder sein? Wieder 40 Tage Regen
und 150 unbequeme Tage auf dem Wasser mit all den lästigen Tieren an Bord
und ohne Fernsehen! Aber Noah war gehorsam und versprach, alles genau so
zu tun, wie Gott ihm aufgetragen hatte.

Nach sechs Monaten zogen dunkle Wolken auf und es begann zu regnen. Noah
saß in seinem Vorgarten und weinte, denn da war keine Arche.

"Noah", rief der Herr, "Noah, wo ist die Arche?"

Noah blickte zum Himmel und sprach: "Herr, sei mir gnädig!"

Gott fragte abermals: "Wo ist die Arche, Noah?

Da trocknete Noah seine Tränen und sprach: "Herr, was hast du mir
angetan?

Als Erstes beantragte ich beim Landkreis eine Baugenehmigung. Die dachten
zuerst, ich wollte einen extravaganten Schafstall bauen. Die kamen mit der
ausgefallenen Bauform nicht zurecht, denn an einen Schiffbau wollten sie
nicht glauben.

Auch deine Maßangaben stifteten Verwirrung, weil niemand mehr weiß, wie
lang eine Elle ist. Also musste mein Architekt einen neuen Plan entwerfen.
Die Baugenehmigung wurde mir zunächst abgelehnt, weil eine Werft in einem
Wohngebiet planungsrechtlich unzulässig sei. Nachdem ich dann endlich ein
passendes Gewerbegrundstück gefunden hatte, gab es nur noch Probleme.

Im Moment geht es z.B. um die Frage, ob die Arche feuerhemmende Türen,
eine Sprinkleranlage und einen Löschwassertank benötige. Auf einen
Hinweis, ich hätte im Ernstfall rundherum genug Löschwasser, glaubten
die Beamten, ich wollte mich über sie lustig machen.

Als ich ihnen erklärte, das Wasser käme noch in großen Mengen, und zwar
viel mehr als ich zum Löschen benötigte, brachte mir das den Besuch
eines Arztes vom Landeskrankenhaus ein. Er wollte von mir wissen, was ein
Schiffbau auf dem Trockenen, fernab von jedem Gewässer, solle.

Die Bezirksregierung teilte mir daraufhin telefonisch mit, ich könnte ja
gern ein Schiff bauen, müsste aber selbst zusehen, wie es zum nächsten
größeren Fluss käme. Mit dem Bau eines Sperrwerks könnte ich nicht
rechnen, nachdem der Ministerpräsident zurückgetreten sei.

Dann rief mich noch ein anderer Beamter dieser Behörde an, der mir
erklärte, sie seien inzwischen ein kundenorientiertes
Dienstleistungsunternehmen und darum wolle er mich darauf hinweisen, dass
ich bei der EU in Brüssel eine Werftbeihilfe beantragen könne;
allerdings müsste der Antrag achtfach in den drei Amtssprachen
eingereicht werden.

Inzwischen ist beim Verwaltungsgericht ein vorläufiges
Rechtsschutzverfahren meines Nachbarn anhängig, der einen Großhandel
für Tierfutter betreibt. Der hält das Vorhaben für einen großen
Werbegag - mein Schiffbau sei nur darauf angelegt, ihm Kunden abspenstig
zu machen. Ich habe ihm schon zwei Mal erklärt, dass ich gar nichts
verkaufen wolle. Er hört mir gar nicht zu und das Verwaltungsgericht hat
offenbar auch viel Zeit.

Die Suche nach dem Zedernholz habe ich eingestellt. Libanesische Zedern
dürfen nicht mehr eingeführt werden. Als ich deshalb hier im Wald
Bauholz beschaffen wollte, wurde mir das Fällen von Bäumen - unter
Hinweis auf das Landeswaldgesetz verweigert. Dies schädige den
Naturhaushalt und das Klima. Außerdem sollte ich erst eine
Ersatzaufforstung nachweisen. Mein Einwand, in Kürze werde es gar keine
Natur mehr geben und das Pflanzen von Bäumen an anderer Stelle sei
deshalb völlig sinnlos, brachte mir den zweiten Besuch des Arztes vom
Landeskrankenhaus ein.

Die angeheuerten Zimmerleute versprachen mir schließlich, für das
notwendige Holz selbst zu sorgen. Sie wählten jedoch erst einmal einen
Betriebsrat. Der wollte mit mir zunächst einen Tarifvertrag für den
Holzschiffbau
auf dem flachen Lande ohne Wasserkontakt aushandeln.
Weil wir uns aber nicht einig wurden, kam es zu einer Urabstimmung und zum
Streik.
Herr, weißt du eigentlich, was Handwerker heute verlangen?
Wie soll ich denn das bezahlen?

Weil die Zeit drängte, fing ich schon einmal an, Tiere einzusammeln. Am
Anfang ging das noch ganz gut, vor allem die beiden Ameisen sind noch
immer wohlauf. Aber seit ich zwei Tiger und zwei Schafe von der
Notwendigkeit ihres gemeinsamen und friedlichen Aufenthaltes bei mir
überzeugt hatte, meldete sich der örtliche Tierschutzverein und rügte
die artwidrige Haltung.

Und mein Nachbar klagt auch schon wieder, weil er auch die Eröffnung
eines Zoos für geschäftsschädigend hält.

Herr, ist dir eigentlich klar, dass ich auch nach der Europäischen
Tierschutztransportverordnung eine Genehmigung brauche? Ich bin schon auf
Seite 22 des Formulars und grüble im Moment darüber, was ich als
Transportziel angeben soll.

Und wusstest du, dass z. B Geweih tragende Tiere während der Brunftzeit
überhaupt nicht transportiert werden dürfen? Und die Hirsche sind
ständig am Schnackseln, wie Fürstin Gloria sagen würde und auch der
gemeine Elch und Ochse denken an nichts anderes, besonders die
südlicheren!

Herr, wusstest du das? Übrigens, wo hast du eigentlich die Callipepia
caliconica - du weißt schon, die Schopfwachteln und den Lethamus Discolor
versteckt?

Den Schwalbensittich habe ich bisher auch nicht finden können.

Dir ist natürlich auch bewusst, dass ich die 43 Vorschriften der
Binnenmarkt-Tierschutzverordnung bei dem Transport der Kaninchen strikt
beachten muss. Meine Rechtsanwälte prüfen gerade, ob diese Vorschriften
auch für Hasen gelten.

Übrigens: wenn du es einrichten könntest, die Arche als fremdflaggiges
Schiff zu deklarieren, das sich nur im Bereich des deutschen Küstenmeeres
aufhält, bekäme ich die Genehmigung viel einfacher. Du könntest dich
doch auch einmal für mich bemühen. Ein Umweltschützer von Greenpeace
erklärte mir, dass ich Gülle, Jauche, Exkremente und Stallmist nicht im
Wasser entsorgen darf. Wie stellst du dir das eigentlich vor? Damals ging
es doch auch!

Vor zwei Wochen hat sich das Oberkommando der Marine bei mir gemeldet und
von mir eine Karte der künftig überfluteten Gebiete erbeten. Ich habe
ihnen einen blau angemalten Globus geschickt.

Und vor zehn Tagen erschien die Steuerfahndung; die haben den Verdacht,
ich bereite meine Steuerflucht vor.

Ich komme so nicht weiter Herr, ich bin verzweifelt! Soll ich nicht doch
lieber meinen Rechtsanwalt mit auf die Arche nehmen?"

Noah fing wieder an zu weinen. Da hörte der Regen auf, der Himmel klarte
auf und die Sonne schien wieder. Und es zeigte sich ein wunderschöner
Regenbogen.

Noah blickte auf und lächelte. "Herr, du wirst die Erde doch nicht
zerstören?"

Da sprach der Herr:

"Darum sorge ich mich nicht mehr, das schafft schon eure Verwaltung !"

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