Ostsee-Zeitung: Gewalt von Frauen häufig ein Tabu
Gewalt von Frauen häufig ein Tabu
Pilotstudie: Immer öfter werden Männer von ihren Partnerinnen geschlagen.
Ruhig spricht er. Offenen Blickes, mit wohldurchdachten und prägnanten Worten. Auf dem Schoß sitzt Tochter Lena (2), die fröhlich kräht. Doch was ihr Papa, Felix M. (Namen geändert), erzählt, stimmt alles andere als froh. Immer wieder wurde er von seiner Frau Susanne tätlich angegriffen. Einmal im Monat, manchmal öfter.
Gewalt in der Familie häufig trifft es die körperlich schwächeren Frauen. Das Gewaltschutzgesetz der Bundesregierung hat dem Rechnung getragen. Der Aggressor muss die Wohnung verlassen, das schreibt die Novellierung von 2002 vor. Doch was, wenn der Aggressor die Ehefrau, die Partnerin, ist?
Die Häme der eingeschalteten Polizei sei ihnen sicher, erzählen Betroffene. Hilfe erfahren sie selten. Denn mehr noch als für Frauen gilt für geschlagene Männer: Sie schweigen aus Scham.
Felix M. ist da eine Ausnahme. Der 26-Jährige kann die Ursachen seiner familiären Not benennen, empfindet so beteuert er auch keine Scham. Ehefrau Susanne (20) wuchs mit Gewalt auf. Verlor mit sechs Jahren ihre alkoholabhängige, gewalttätige Mutter, kam in eine Pflegefamilie, wurde auch dort körperlich gezüchtigt. Den Verlust der Mutter hat sie bis heute nicht überwunden.
Ihre Frustrationen lebt sie schlagend aus. Ziel ist der Ehemann. Felix M. hat eigentlich alles, wovon andere nur träumen: Er ist gutaussehend, verständnisvoll, mit dem besten Lehrabschluss im Kammerbezirk und einer steilen beruflichen Karriere vor sich. Und doch: Wenn seine Frau ausrastet, stellt er sich ihr nicht entgegen. Da landet schon einmal ein Fotoalbum auf seinem Kopf oder sie traktiert ihn mit Gegenständen, bis Blut fließt.
Sehr gefasst schildert Felix M. die Schrecken seiner jungen Ehe. Weiß nichts zu erwidern, wenn seine Frau zornbebend droht, ihn zu verlassen. Hält sie schon einmal fest, wenn sie rasend wird vor Wut. Und weiß doch mit Sicherheit: Nie würde er zurückschlagen. Denn schließlich liebt er sie ja. Was der junge Familienvater nicht weiß, ist, wie er mit seiner familiären Misere umgehen soll.
Wie Felix M. gibt es mehr Männer, als man gemeinhin denkt. Männer, die sich von ihrer Partnerin schlagen lassen, die ihr keine Grenzen setzen. Erst langsam beginnt die Diskussion über das Thema. In einer Pilotstudie hat das Bundesfamilienministerium jetzt erste Untersuchungen in Auftrag gegeben. Bis Frühjahr nächsten Jahres sollen erste Schätzungen über die Zahl und Schwere der Gewaltdelikte gegen Männer vorliegen.
Es war im bayerischen Tutzing, wo man vor einem Jahr das erste Mal öffentlich auf das Thema aufmerksam machte. Betroffene Männer sprachen über ihre oft über viele Jahre verdrängte Not. Männer jeden Alters, jeden Bildungsgrades, jeder Herkunft. Große, schwere und kleine, schmächtige. Wohlsituiert wirkende ebenso wie etwas leger gekleidete. Dynamische und eher zurückhaltende. Männer mit Rauschebart und Männer mit modischem Kurzhaarschnitt. Kurz: der Mann von der Straße. Auf den ersten Blick wahrlich nicht als Gewaltopfer zu erkennen.
Charakteristisch für sie ist: Es gibt kein Charakteristikum. Gemeinsam ist ihnen allenfalls eine Biografie des Leidens. Oft als Kind geschlagen oder sexuell missbraucht, sind sie auch später Opfer. Opfer der Partnerin, Opfer anderer Familienmitglieder.
Da ist der 43-jährige Klaus, schmächtig von Statur. Fast stimmlos erzählt er von den Gewalterfahrungen, die sich durch sein ganzes Leben ziehen. Als das dritte Kind einer alleinerziehenden Mutter erstmals mit seinem neuen Stiefvater in Kontakt kommt, hagelt es bereits Schläge, weil der zehnjährige Klaus das Bierglas umgeworfen hatte. Klaus' erste Frau griff ihn ebenfalls im Streit über Jahre hinweg körperlich an. Sich zu wehren hat Klaus nicht gelernt. Erst mit seiner neuen Freundin Angelika gelingt es ihm, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen.
Das neue Forschungsgebiet Gewalt gegen Männer" muss sehr differenziert untersucht werden. Darauf verweist der Sozialwissenschaftler Hans-Joachim Lenz, einer der Projektpartner der Pilotstudie. Die Familie, weiß der Männerforscher, ist keine heile Insel. Sie ist ein Produkt der sie umgebenden Welt und mit der Brutalisierung des Alltags geht eine Brutalisierung in der Familie einher. Wer den Druck der Außenwelt spürt, gibt ihn nicht selten in der Familie weiter.
Gewalt gegen Frauen war bis in die 70er-Jahre hinein tabuisiert. Mittlerweile ist das Thema im Gespräch. Frauenhäuser sind in den 80er- und 90er-Jahren eingerichtet worden, das neue Gewaltschutzgesetz tut ein übriges.
Männer hingegen sind bislang mit ihren Problemen alleingelassen. Es wird Zeit, Licht in das Dunkel zu bringen. Da ist sich die wissenschaftliche Fachwelt einig. Doch bis das Umdenken einsetzt, werden noch viele Jahre vergehen.
DANIELA EGETEMAYER
Kontakt: Hans-Joachim Lenz, Tel. 0174/6605 450, email: hj-lenz@t-online.de, www.gewalt-gegen-maenner.de
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