neue Rezension zu "Von der Mutter missbraucht"
Howdy 
Die folgende Rezension zu A.M. Homes Buch "Von der Mutter missbraucht" erscheint in der Juni-Ausgabe (Nr. 158) von "Switchboard. Zeitschrift für Männer und Jungenarbeit", Seite 32. Der Verfasser ist Alexander Bentheim; er hat sie zur Veröffentlichung hier im Forum freigegeben.
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Alexander M. Homes
Von der Mutter missbraucht
Herdecke: Scheffler 2002. ISBN 3-89704-270-3. 650 Seiten. 19,80 Euro
Kindesmissbrauch ist männlich so wollen es die Medien. Forschung und Fachöffentlichkeit sind schon einen Schritt weiter: Dass auch Frauen und Mütter (ihre) Kinder sexuell missbrauchen, ist kein Geheimnis mehr und wird auch nicht in Frage gestellt. Einzig um Zahlen und Belege wird noch gestritten, weil das empirische Material bislang nicht ausreicht, Erhebungsmethoden angezweifelt werden oder die Diskussion um Wahrnehmungen und Hilfeansätze eine so grundsätzliche Offenheit braucht, dass dies nicht weniger als einen, für manche schmerzhaften Paradigmenwechsel in der Gewaltdebatte bedeutet.
Wie schmerzhaft, dem setzt sich aus, wer A.M. Homes´ akribisch recherchiertes, 650 Seiten starkes Buch liest, davon allein 180 Seiten für Quer- und Quellenverweise. Dabei hat wie so oft eine persönliche Betroffenheit die Arbeit initiiert; eine persönliche Betroffenheit und Vehemenz, die schon seinerzeit für Frauen und der daraus resultierenden Bewegung ein wichtiges Befreiungssignal war. Denn mit solch einem Engagement und Erkenntnisinteresse werden sonst kaum Publikationen vorbereitet, für die es viel Kraft bedarf. Und A.M. Homes bearbeitet hier auch ein Lebensthema, bereits 1981 veröffentlichte er seine 14-jährige Heimbiografie unter dem Titel "Prügel vom lieben Gott" (päd.extra buchverlag, ISBN 3887040082); nur waren es damals Ordensschwestern, die ihm die Hölle auf Erden bescherten. Nicht der liebe Gott.
Nach über 20 Jahren und einer nach wie vor anhaltenden Debatte um Missbrauch und Prävention ist für den Autor die Zeit reif, Übergriffe von Frauen in einem wie hier geschehen - solchen Umfang zu benennen und aufzuzeigen, in welcher Weise auch sie missbräuchliche Handlungen begehen. Dabei beläßt es Homes nicht beim simplen Aufzählen zahlreicher Beispiele, er wendet sich auch gegen die Art und Weise einer "feministisch" geführten Debatte, den "weiblichen Anteil an sexueller Gewalt, gerichtet gegen Kinder, fast ausnahmslos (zu) leugnen". Sein Buch versteht er als Beitrag dazu, dass "angesichts solcher Fakten die Geschichte des sexuellen Kindesmissbrauchs wohl umgeschrieben, wenn nicht gar neu geschrieben werden (muss)".
Was bis zu diesem Aufsehen erregenden Fazit passiert, ist eine Auseinandersetzung mit "Fakten, dass eben nicht nur Väter, sondern auch Mütter ihre Kinder sexuell missbrauchen; dass Mütter vorwiegend ihre Söhne missbrauchen und dies offenbar vorwiegend `zärtlich´ tun; dass sie ihre Töchter missbrauchen, sie dabei aber häufig quälen; dass allein erziehende Mütter unter den weiblichen Missbrauchern überproportional vertreten sind (...); dass viele männliche Sexualstraftäter erst zu solchen wurden, weil sie in der Kindheit von der eigenen Mutter missbraucht worden sind; dass die Missbrauchsraten für weibliche Täter in internationalen Studien mit bis zu 80 Prozent und in nationalen (deutschen) Studien mit bis zu 40 Prozent angegeben werden (...)". Und zahlreiche Thesen mehr, allesamt offenbar gut belegt.
Sicher ist, dass dieses Buch unangenehm ist und provozieren wird. Dass es nicht nur neutral und sachlich geschrieben wurde, sondern auch parteilich und emotional, ist nachvollziehbar vor dem Hintergrund der wohl vor allem persönlichen Erfahrungen des Autors. Mann müsse mehr provozieren, um mit Tabu-Themen überhaupt wahrgenommen zu werden, ist in letzter Zeit häufiger zu hören. Und diesem Tenor schließt sich Homes an. Das anzunehmen fällt (mir) allerdings noch immer schwer, weil die wortgewaltige Provokation von jeher eine männliche Domäne war. Schicksal, wenn auch Wahrheiten darunter sind, während nun die Spreu vom Weizen getrennt werden will? Das Abschlußgespräch zur Tagung "Männliche Opfererfahrungen" der Evangelischen Akademie Tutzing im März 2002 brachte es auf den Punkt, als titelnd gefragt wurde: "Wieviel Verletzbarkeit von Männern verträgt die Gesellschaft?". In Fortführung dessen wäre anzuschließen: Wieviel von diesem Buch verträgt die Öffentlichkeit? Selbst unabhängig von einzelnen, möglicherweise strittigen Passagen? Wenn A.M. Homes mit seiner Veröffentlichung erreicht, das Thema "Mißbrauch durch Mütter" in der Gewaltdebatte angemessen zu platzieren, und wenn es der (Fach)Öffentlichkeit zugleich gelingt, auf dumpfe Rechnungen und Gegenrechnungen zu verzichten, wären wir alle ein bißchen erwachsener geworden.