Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

67114 Postings in 8047 Threads

[Homepage] - [Archiv 1] - [Archiv 2] - [Forum]

Leserbrief an die Stuttgarter Zeitung

Andreas, Tuesday, 10.06.2003, 17:08 (vor 8275 Tagen)

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für Ihren Beitrag zum Mädchenkulturfestival „mädiale2003“ in der heutigen Ausgabe Ihrer Zeitung. Interessant ist allerdings, daß in diesem Artikel mit keinem einzigen Satz die Frage angeschnitten wurde, aus welchen Gründen es eigentlich keine vergleichbare Veranstaltung für Jungen und junge Männer gibt?
Es ist offengestanden besorgniserregend geworden, mit welcher Selbstverständlichkeit Jungen mittlerweile von solchen Aktionen ausgeschlossen werden.

Es ist bereits seit einigen Jahren zu beobachten, daß vor allem in den Aktivitäten der Jugendverbände und auch der für Jugend zuständigen staatlichen Behörden Jungen immer weniger Berücksichtigung finden. Da gibt es Angebote für Mädchenzimmer, Mädchenwerkstätte, Mädchentage usw. Ein gutes Beispiel ist auch der sogenannte „Girls Day“. Eine Veranstaltung, die den Mädchen vor allem Berufsfelder näherbringen will, in denen Frauen unterrepräsentiert sind. Ein „Boys Day“ hingegen ist weit und breit nicht in Sicht – obwohl es sicherlich äußerst sinnvoll wäre, den Jungen einmal die Möglichkeit einzuräumen, Berufe kennenzulernen, die soziale Kompetenz erfordern (Altenpflege, Arzthelfer, Erzieher,...) und in denen Männer ebenfalls massiv unterrepräsentiert sind. So verpasst man die Gelegenheit, Jungen neue Möglichkeiten aufzuzeigen.
Die Ignoranz unserer Gesellschaft gegenüber jungenspezifischen Themen hat wirklich bemerkenswerte Ausmaße angenommen.
Das Motto der Stadt Stuttgart bezüglich der „mädiale2003“ ist: „Stuttgart freut sich auf euch Mädchen und junge Frauen“. Hinsichtlich der Jungen und jungen Männer scheint dieses Motto offensichtlich nicht zu gelten. Auf die freut sich wohl niemand, schließlich kann ich keine bundesweite Veranstaltung erkennen, die sich ausschließlich mit jungenspezifischen Themen auseinandersetzt, wie dies bei der "mädiale2003" hinsichtlich der Mädchen der Fall ist.

Wohin die Reise geht, kann man auch an einem anderen Artikel der heutigen Ausgabe Ihrer Zeitung sehen: „Neues Hilfsprojekt für Mädchen in Not“. Unbeantwortet bleibt die Frage, warum es keine Hilfsprojekte für Jungen in Not gibt. Und dies, obwohl Jungen ebenso oft Opfer von Gewalt und Notsituationen werden, wie dies bei Mädchen der Fall ist.

Es fließen jährlich Millionenbeträge in die Förderung von Mädchen und in Mädchenhilfsprojekte, die Jungen hingegen scheinen in unserer Gesellschaft nicht mehr existent zu sein.
Es ist wirklich sehr schade, daß es unsere Gesellschaft mittlerweile verlernt hat, auch den Jungen etwas Aufmerksamkeit und Gehör für ihre Probleme und Sorgen zu schenken. Aber was soll man auch von einem Staat verlangen, in dem Personen wie die ehemalige Frauenministerin Christine Bergmann und die frühere Wissenschaftssenatorin Krista Sager in einer NDR-Talkshow pseudowissenschaftliche Parolen skandieren, die uns weismachen wollen, Jungen seien schlechter in der Schule als Mädchen, da ihr Corpus Callosum weniger ausgeprägt sei?

In unserer Gesellschaft dreht sich mittlerweile alles nur noch um Mädchen. Was wundern wir uns dann noch in den Zeitungen und den psychologischen Magazinen über das mangelnde Selbstbewußtsein von Jungen? In unserem Land werden die schulischen Leistungen der Jungen immer schlechter, machen immer weniger Jungen Abitur und immer weniger junge Männer studieren. Immer mehr Jungen leiden an Verhaltensstörungen. Wie unsere Gesellschaft darauf reagiert, kann man an dem Motto der „mädiale2003“ ablesen: "Just for Girls!" Exklusivclub Deutschland – nur für Mädchen!
Warum dann noch Aufmerksamkeit für die Probleme von Jungen? Die kleine Jacqueline aus Nürnberg hat den Grund dafür in Ihrem Beitrag auf den Punkt gebracht: „Jungs stören von Natur aus. Da hat Gott einen schweren Fehler gemacht.“ Eine Gesellschaft, in der schon unter Kindern solche Ansichten herrschen, ist längerfristig zum Scheitern verurteilt.
Sehr weit werden wir damit ohne Zweifel nicht kommen.

Sehr gut!

Garp, Tuesday, 10.06.2003, 21:12 (vor 8275 Tagen) @ Andreas

Als Antwort auf: Leserbrief an die Stuttgarter Zeitung von Andreas am 10. Juni 2003 14:08:26:

Ich werde auch noch einen Leserbrief verfassen.
Die Arroganz mancher Journalistinnen ist wirklich unglaublich.
Besonders schockierend wie perfekt inzwischen selbst 13jährige feministisches Vokabular beherrschen.

Übrigens als kleine Ergänzung:

Jungen werden nicht genauso oft Opfer von Gewalt als Mädchen sondern deutlich häufiger.

„Nach Untersuchungen des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen sind unter den Opfern von Gewalt fast viermal mehr Jungen als Mädchen" (GEO 03/2003 Jungs)

Viele Grüße

Garp


Re: Leserbrief an die Stuttgarter Zeitung

Martin, Wednesday, 11.06.2003, 01:55 (vor 8275 Tagen) @ Andreas

Als Antwort auf: Leserbrief an die Stuttgarter Zeitung von Andreas am 10. Juni 2003 14:08:26:

... die uns weismachen wollen, Jungen seien schlechter in der Schule als Mädchen, da ihr Corpus Callosum weniger ausgeprägt sei?

Rassismus pur! Äquivalent mit den "wissenschaftlichen" Beweisen vor 150 Jahren, dass Neger dümmer sind als Weiße, oder die vor 60 Jahren, dass Juden biologisch anders sind als "arische" Deutsche.

... Jungs stören von Natur aus. Da hat Gott einen schweren Fehler gemacht

Das ist das Ergebnis guter Konditionierung einer Marionette, die daher plappert, ohne zu wissen, was sie sagt. Die "Aussage" ist gleichbedeutend mit dem Spruch, Männer seien ein "Fehlgriff der Natur" mit all den Pseudo-Beweisen als Rattenschwanz, was man sich ja auch mit schöner Regelmäßigkeit bieten lassen muss, und durchaus ernster gemeint als diese Ausdünstung eines unreifen Menschen. Als ob der Mann im Laufe der Menschwerdung als Nebenprodukt entstanden ist, nachdem sich Menschenaffen, Vor- und Frühmenschen seit Jahrmillionen asexuell vermehrt hätten! Anstatt die biologisch gesicherte Erkenntnis anzuerkennen, dass Zweigeschlechtlichkeit wegen der vielfältigen Möglichkeiten, Gene neu zu gruppieren, eine "geniale" Entwicklung der Natur ist, von der heute fast alle Tierarten und viele Pflanzenarten profitieren. Und die "Erfindung" des "Mannes" (des männlichen Geschlechtes) ist schließlich nichts anderes als die "Erfindung" der Zweigeschlechtlichkeit!

Da ist es auch ein schwacher Trost, dass ich dieses Käsblatt aus eben diesen Gründen schon vor Jahr und Tag abbestellt habe.
Vielleicht schreibe ich denen auch noch mal einen Leserbrief, zumal der kommentarlose Abdruck dieser Pamphlete meiner Meinung nach sogar gegen den Pressekodex, wenn nicht sogar gegen das Presserecht (Sorgfaltspflicht etc.) verstößt!

Martin

Ich hab's getan!

Martin, Wednesday, 11.06.2003, 02:59 (vor 8274 Tagen) @ Andreas

Als Antwort auf: Leserbrief an die Stuttgarter Zeitung von Andreas am 10. Juni 2003 14:08:26:

Ich hab' auch mal wieder einen Leserbrief geschrieben!

"Liebe Redaktion!

Ein elfjähriges (!) Kind schwärmt: "Jungs stören von Natur aus. Da hat Gott einen schweren Fehler gemacht." Beeindruckend! Nachdem heute Männerfeindlichkeit nicht nur in Fernsehspielen und Krimis, sondern längst auch in Dokumentationen bis hin zum Tierfilm obligatorisch ist, dürfen wir nun fasziniert miterleben, wie prächtig der Nachwuchs konditioniert ist und die hirnlosen Sprüche nachplappert. Diese "Weisheit" ist ein Äquivalent der im Schutz der Männerhass-Bewegung immer öfter zu hörenden These, dass der Mann nur ein Betriebsunfall der Natur sei, unvollkommen, mit verkrüppeltem Y-Chromosom. Was soll man da noch Gedanken an störendes biologisches Grundlagenwissen verschwenden! Nämlich, dass die Zweigeschlechtlichkeit mit Genaustausch eine revolutionäre Neuerung der Natur war, die heute fast alle Tier- und Pflanzenarten aufweisen und die Grundlage zum höheren Leben überhaupt darstellt. Aber nein: Da haben sich Reptilien, Spitzhörnchen, Halbaffen, Menschenaffen, Vor- und Frühmenschen jahrmillionen lang friedlich asexuell vermehrt, bis dann während der Menschwerdung dieser ärgerliche Zwischenfall passierte, und dieser bitterböse Mann da war!"

Re: Leserbrief an die Stuttgarter Zeitung

Maesi, Monday, 23.06.2003, 22:23 (vor 8262 Tagen) @ Andreas

Als Antwort auf: Leserbrief an die Stuttgarter Zeitung von Andreas am 10. Juni 2003 14:08:26:

Hallo Andreas

Interessant ist allerdings, daß in diesem Artikel mit keinem einzigen Satz die Frage angeschnitten wurde, aus welchen Gründen es eigentlich keine vergleichbare Veranstaltung für Jungen und junge Männer gibt?
Es ist offengestanden besorgniserregend geworden, mit welcher Selbstverständlichkeit Jungen mittlerweile von solchen Aktionen ausgeschlossen werden. [...]

Zustimmung. Bei diesen Ausgrenzungen von Jungs und Maennern handelt es sich laengst nicht mehr um einige wenige Einzelfaelle, sondern man kann inzwischen von einer eigentlichen Flut von Aktionen, Foerder- und Hilfsprogrammen auschliesslich zugunsten von Maedchen und Frauen sprechen; parallel dazu werden Jungs und Maenner systematisch daemonisiert, pathologisiert und benachteiligt. Diese Tendenzen stehen in direktem Widerspruch zu einer offenen, gleichberechtigten Gesellschaft, in der alle Individuen vor dem Gesetze gleich sind; sie foerdern vielmehr Ungleichheit und Sexismus und bereiten damit den Naehrboden vor, auf dem Geschlechterapartheid gedeihen kann.

Es fließen jährlich Millionenbeträge in die Förderung von Mädchen und in Mädchenhilfsprojekte, die Jungen hingegen scheinen in unserer Gesellschaft nicht mehr existent zu sein.

Grundsaetzlich frage ich mich bei jeder Foerderung: Ist sie notwendig? Ist sie effektiv und effizient? Bei den meisten staatlich finanzierten Maedchen- und Frauenbevorzugungsaktionen, koennen diese Fragen getrost verneint oder zumindest als nicht beantwortbar angesehen werden. Von daher sollte man den meisten Foerderkampagnen von staatlicher Seite her die Unterstuetzung einstellen.

Es ist wirklich sehr schade, daß es unsere Gesellschaft mittlerweile verlernt hat, auch den Jungen etwas Aufmerksamkeit und Gehör für ihre Probleme und Sorgen zu schenken. Aber was soll man auch von einem Staat verlangen, in dem Personen wie die ehemalige Frauenministerin Christine Bergmann und die frühere Wissenschaftssenatorin Krista Sager in einer NDR-Talkshow pseudowissenschaftliche Parolen skandieren, die uns weismachen wollen, Jungen seien schlechter in der Schule als Mädchen, da ihr Corpus Callosum weniger ausgeprägt sei?

Du hast Recht. Es ist was faul im vorherrschenden Staatsfeminismus, und das schon seit Jahren. Die systematische Benachteiligung und Herabsetzung von Jungen mit einer Bevorzugung und Idealisierung von Maedchen in Gesellschaft und Schulen fuehrt letzten Endes zu genau den festgestellten Ergebnissen in den schulischen Leistungen. Wer vor dieser Kausalitaet die Augen verschliesst, den kann man nur noch als borniert bezeichnen.

Warum dann noch Aufmerksamkeit für die Probleme von Jungen? Die kleine Jacqueline aus Nürnberg hat den Grund dafür in Ihrem Beitrag auf den Punkt gebracht: „Jungs stören von Natur aus. Da hat Gott einen schweren Fehler gemacht.“ Eine Gesellschaft, in der schon unter Kindern solche Ansichten herrschen, ist längerfristig zum Scheitern verurteilt.

Ob Jacqueline als Erwachsene auch noch so von Jungs spricht, bleibt abzuwarten. Sie ist jedoch mit solchen platten Pauschalaussagen ein guter Indikator dafuer, wie die Gesellschaft ueber die maennlichen Kinder denkt; denn diese Aussage hat Jacqueline kaum selber erfunden, sie plappert vielmehr nach, was 'feminisierte' Erwachsene immer wieder sagen. Dass sie es in aller Oeffentlichkeit machen darf, ohne dass die Aeusserung kritisiert oder wenigstens kommentiert wird, ist ein weiterer Hinweis auf die latent vorhandene Jungenfeindlichkeit.

Sehr weit werden wir damit ohne Zweifel nicht kommen.

Wahrscheinlich nicht. Allerdings weit genug, um aeusserst schwere Schaeden in unserer Gesellschaft anzurichten.

Gruss

Maesi

powered by my little forum