Brief an den deutschen Presserat wegen Spiegel-Artikel
Da der Spiegel auf meine Briefe nicht geantwortet hat, habe ich mich nun entschlossen, eine Beschwerde beim Deutschen Presserat einzureichen. Der Brief geht am Montag raus.
Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit möchte ich mich über die Berichterstattung in der Online-Ausgabe des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" in drei Fällen beschweren. Als Verstoß gegen den Pressekodex Ziffer 12 (Diskriminierung) und Ziffer 1 (Menschenwürde) empfinde ich folgende Formulierungen in den Artikeln:
130 Passagiere aus Flugzeug gefallen vom 9.5.2003 (Spiegel-Online):
»Es ist der Albtraum jedes Fluggastes. Bis zu 130 Menschen sind bei einem Flug in der Demokratischen Republik Kongo aus einer Iljuschin 76 gestürzt. Die Heckrampe der Transportmaschine war offenbar wegen eines technischen Defekts plötzlich aufgeklappt. Unter den Opfern sind offenbar auch viele Frauen und Kinder.«
60 Tote nach Bootskollision mit Frachter vom 5.4.2003 (Spiegel-Online):
»Bis Samstag wurden nach Angaben eines Behördensprechers mindestens 60 Leichen geborgen. Unter den Todesopfern waren zahlreiche Frauen und Kinder.«
US-Soldaten erschossen 10 Zivilisten vom 30.3.2003 (Spiegel-Online):
»US-Soldaten sollen nach einem Bericht eines Reporters der "Sunday Times" bei Nassirija mindestens zwölf irakische Zivilisten erschossen haben, darunter Frauen und Kinder.«
Begründung:
Obwohl ich mir durchaus der Tragik dieser Katastrophen bewußt bin, frage ich mich doch, warum in diesen Berichten Frauen und Kinder immer explizit als Opfer benannt werden, Männer hingegen nur in der neutralen Form »Zivilisten«, »Opfer« oder »Todesopfer« vorkommen. Ich gehe davon aus, daß die Spiegel-Online-Redaktion diese Formulierungen nur mehr oder weniger unbewußt verwendet, trotzdem fühle ich mich als Mann dadurch in meiner Menschenwürde beeinträchtigt. Hinter dieser Formulierung verbirgt sich ein Weltbild, welches das Leben von Männern als weniger wertvoll und geringer erscheinen läßt als das Leben einer Frau oder eines Kindes.
In dem von mir zitierten ersten Artikel wird vor allem durch das Wort »offenbar« beim Leser unbewußt der Eindruck erweckt, diese Katastrophe sei weniger schlimm und tragisch gewesen, wenn nur Männer dabei ums Leben gekommen wären. Ich empfinde diese Formulierung als eine Diskrimierung von Männern, insbesondere da Männer auf diese Weise gewissermaßen zu Menschen zweiter Klasse herabgewürdigt werden, deren Tod weniger wichtig als der einer Frau ist und daher auch nicht explizit erwähnt werden muß.
Diese drei von mir zitierten Artikel sind nur eine kleine Auswahl. Ich möchte an dieser Stelle auch erwähnen, daß nicht nur «Der Spiegel« von dieser diskriminierenden Formulierung Gebrauch macht. Sie ist in der Medienlandschaft vor allem im Zusammenhang mit Katastrophen oder Kriegsberichterstattungen allgemein üblich. Sie können sich die Wirkung dieser Formulierung vielleicht ein wenig anschaulicher vor Augen halten, wenn sie »Frauen« durch «Männer« ersetzen und den entsprechenden Abschnitt aus dem obigen ersten Artikel neu lesen:
»Es ist der Albtraum jedes Fluggastes. Bis zu 130 Menschen sind bei einem Flug in der Demokratischen Republik Kongo aus einer Iljuschin 76 gestürzt. Die Heckrampe der Transportmaschine war offenbar wegen eines technischen Defekts plötzlich aufgeklappt.
Unter den Opfern sind offenbar auch viele Männer und Kinder.«
Sie können sich sicherlich vorstellen, wie groß der Aufschrei in unserer Gesellschaft wäre, wenn eine solche Formulierung in einer deutschen Zeitung zu lesen wäre. Es wäre durchaus sinnvoll, wenn die Medien in dieser Hinsicht ein wenig mehr Sensibilität an den Tag legen würden.
Mit freundlichen Grüßen
Re: Brief an den deutschen Presserat wegen Spiegel-Artikel
Als Antwort auf: Brief an den deutschen Presserat wegen Spiegel-Artikel von Andreas am 24. Mai 2003 13:00:26:
Hallo Andreas,
da vermittelst Du ja einen passenden Denkanstoß.
Danke
Michail
auch in der gedruckten Ausgabe
Als Antwort auf: Brief an den deutschen Presserat wegen Spiegel-Artikel von Andreas am 24. Mai 2003 13:00:26:
Hallo Andreas,
klasse Brief. Hinzuzufügen wäre, dass der Spiegel den beliebten "Frauen und Kinder"-Textbaustein auch in seiner Druckausgabe gerne verwendet. Siehe dazu Heft 21/2003, Seite 3, "Hausmitteilungen": "Die Opfer sind vermutlich vor allem Schiiten, die der gestürzte Diktator Saddam Hussein nach einem Aufstand 1991 ermorden ließ - darunter auch viele Frauen und Kinder."
Gruß
Frank
Re: auch in der gedruckten Ausgabe
Als Antwort auf: auch in der gedruckten Ausgabe von Frank am 25. Mai 2003 10:12:09:
Hi Frank,
Sehr gut. Den von Dir zitierten Abschnitt kann ich noch in meinen Brief einfuegen. Danke. Leider muss man der Beschwerde eine Kopie des Artikel beilegen. Aber ich werde den Abschnitt als Beispiel angeben, dass auch die Druckausgabe auf dem gleichen Pferd reitet.
schoenen Gruss
Andreas
klasse Brief. Hinzuzufügen wäre, dass der Spiegel den beliebten "Frauen und Kinder"-Textbaustein auch in seiner Druckausgabe gerne verwendet. Siehe dazu Heft 21/2003, Seite 3, "Hausmitteilungen": "Die Opfer sind vermutlich vor allem Schiiten, die der gestürzte Diktator Saddam Hussein nach einem Aufstand 1991 ermorden ließ - darunter auch viele Frauen und Kinder."
Gruß
Frank